Die grüne BahnCard: Millimeterstein fürs Klima

Auf unserem Schwesterportal klimaretter.info läuft gerade eine kleine Leserdebatte: Wie ist die Berichterstattung zur „grünen BahnCard“ zu bewerten? War die Redaktion unkritisch? Vielleicht gar, weil die Bahn – im Rahmen einer riesigen Werbekampagne – auch auf klimaretter.info für das neue Angebot wirbt?

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Es geht um den Knirps am rechten Bildrand, der – in einem lieblichen Fernsehspot – ganz begeistert ist, weil sein Papa jetzt echt was für die Umwelt tut.

Hilft er den Bäumen?

Rettet er Eisbären?

Macht er die Luft sauber?

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Nein, vieeel einfacher: Papa fährt mit der neuen BahnCard. Die Botschaft dahinter: Weil die Bahn jetzt so viel Ökostrom einkaufe, wie BahnCard-Kunden im Fernverkehr rechnerisch verfahren, werde ab 1. April die BahnCard grün. „Jetzt kann jeder etwas für die nächste Generation tun“, lautet das Motto der von der Edel-Agentur Ogilvy verantworteten Kampagne.

Natürlich hat die Sache ein paar Haken. Die ganze Aktion gilt sowieso nur für den Personenfernverkehr – Regional- und S-Bahnen fahren weiterhin vor allem mit Kohle- und Atomstrom (Güterzüge sowieso). Ein kleiner Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt nutzten 2011 in Deutschland insgesamt 2,4 Milliarden Fahrgäste den Schienen-Nahverkehr, im Fernverkehr gab es lediglich 120 Millionen Bahnkunden – also ein Zwanzigstel. Die fahren in den ICE-, IC und EC-Zügen zwar längere Strecken, und die Deutsche Bahn ist auch längst nicht mehr der einzige Nahverkehrsanbieter – andererseits fährt nur ein Teil der Fernverkehrskunden mit BahnCard und damit künftig „grün“. Unterm Strich ist die Reichweite der Stromrevolution bei der Bahn also ziemlich begrenzt. Das Unternehmen jedoch klotzt mit großen Worten, nach eigenen Angaben hat sie mit der Aktionbahn_oekobahncard3Keine Frage, Bahnfahren mit Ökostrom ist was Feines. Und dass die Deutsche Bahn stärker auf erneuerbare Energien setzt, finden wir selbstverständlich prima. Doch der konkrete Nutzen fürs Klima und die Energiewende hängt bekanntlich davon ab, woher genau der Ökostrom kommt. Die unschöne Anwort: Zum großen Teil von Eon und RWE – beziehungsweise aus deren Wasserkraftwerken, zum Beispiel an Rhein, Mosel und Ruhr, die teilweise seit vielen Jahrzehnten Elektrizität erzeugen. Durch den Schritt wird nun zwar der Fahrstrom der Bahn etwas grüner – der Strommix im allgemeinen Netz aber, das alle anderen Kunden versorgt, wird im selben Maße schlechter. Klimaeffekt: Null. Zudem stecken die Kohle- und Atomkonzerne RWE und Eon noch immer ein Gutteil ihrer Investitionen in klima- und umweltschädliche Anlagen, RWE beispielsweise plant weitere Braunkohle-Blöcke, und im Bunde mit Eon kämpft die Bahn mit harten Bandagen für das hoch umstrittene Steinkohle-Kraftwerk im nordrhein-westfälischen Datteln.

Ein kleiner Teil des grünen BahnCard-Stroms kommt immerhin von 48 Windrädern in Brandenburg und Niedersachsen, die die Bahn unter Vertrag genommen hat. Deren Strom wird nun nicht mehr über das Erneuerbare-Energien-Gesetz vergütet, sondern direkt von der Bahn. Für diese Windräder fällt also künftig keine EEG-Umlage mehr an. Würde die Bahn dies in größerem Maßstab machen, könnte der Strompreis sinken – denn würde die Bahn 480 oder gar 4.800 Windräder buchen, müssten die einfachen Stromkunden deren Betrieb nicht mehr über die Umlage finanzieren. So käme die Energiewende auch ohne jene „Strompreisbremse“ in Gang, mit der Schwarz-Gelb angeblich die Umlage für den Ökostrom stabil halten will. Die Bahn hätte irgendwann genügend Strom, um auch noch den Nahverkehr und den Güterverkehr grün zu machen. Das wäre dann wahrhaftig ein „Meilenstein“ und eine große Tat für die nächste Generation. Bei einem Jahresgewinn von aktuell 2,7 Milliarden Euro könnte das Unternehmen schon eine Menge bewegen … – Okay, okay, wir hören auf zu träumen.

Zurück zum konkreten Nutzen der „grünen BahnCard“ fürs Klima. Also zu dem, was der Papa aus dem Werbespot und die anderen rund fünf Millionen BahnCard-Kunden wirklich bewirken: der Effekt geht erstmal gegen Null. Denn sowohl die Wasserkraftwerke als auch die Windräder liefen ja schon, bevor die Bahn den Strom abnahm. Am Gesamtstrommix (siehe oben) und damit an den gesamten Treibhausgas-Emissionen ändert die „grüne BahnCard“ deshalb erstmal nichts. Der – wie es in der Fachsprache heißt – „zusätzliche Umweltnutzen“ von Ökostromangeboten hängt daran, ob durch ein Produkt wirklich neue Erzeugungsanlagen entstehen. Das wissen natürlich auch die Ökostrom-Experten bei der Bahn, weshalb sie in das werbewirksame Projekt – damit es kein Schmu ist – noch einen „Neuanlagenbonus“ eingebaut haben:

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Ein paar Cent pro Fahrkarte fließen in einen Fonds, aus dem „innovative Projekte zum Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland“ unterstützt werden sollen. Sonderlich viel hat der anscheinend noch nicht bewirkt, denn die Bahn nennt auf ihrer Website ein einziges gefördertes Projekt: 500.000 Euro flossen demnach in das Enertrag-Hybridkraftwerk im uckermärkischen Prenzlau, das Windkraftspitzen puffern und so das Stromnetz stabilisieren kann. Das Werbebudget zur „grünen BahnCard“ beträgt ein Vielfaches.

Also, liebe Bahn, ein „Meilenstein“ sieht anders aus – das Ganze wirkt eher wie millimeterhafter Fortschritt.