Deutsche Post: Ein Trick namens RECS

Die Zeiten, in denen die Deutsche Post noch die Deusche Post war, sind längst vorbei. Heute heißt die Deutsche Post DHL und ist nicht mehr einfach nur der Arbeitgeber für die Postboten, sondern – Eigenwerbung – „der weltweit führende Post- und Logistikkonzern“.

Auch die Zeiten des klimafreundlichen Briefes sind längst vorbei: Statt mit dem Dienstfahrrad kommt Christel heute mit dem Dienstauto, statt der Sortierwaggons der Deutschen Bahn sind heute Lkw und energiehungrige Sortierautomaten im Einsatz. Aber natürlich hat sich das Problem der Erderwärmung auch bis zum weltweit führenden Post- und Logistikkonzern Deutsche Post DHL herumgesprochen. Deshalb schreibt der Vorstandsvorsitzende Frank Appel in seinem Blog:

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Es geht um das Förderprojekt „CO2-freie Zustellung“: Gefördert vom Bundesumweltministerium, hat die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen mit weiteren Partnern ein Elektrofahrzeug entwickelt, das die Post klimafreundlich machen soll – den StreetScooter. Die Post hat nun 79 solcher Elektroautos bestellt, um „bis Jahresende“ am Unternehmenssitz Bonn und in dessen Umgebung die Brief- und Paketzustellung erstmals elektromobil auszuprobieren. In der Pressemitteilung der Post heißt es: „Anschließend sieht das Pilotprojekt vor, bis 2016 die Zahl auf 141 Elektrofahrzeuge zu erhöhen, die dann pro Jahr über 500 Tonnen CO2 einsparen werden.“

Toll! Jetzt geht es also endlich los mit dem Klimaschutz im Verkehrssektor? Scheinbar, zumindest wenn man der AutoBild und Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) Glauben schenken will:

Früher Kutsche, heute Bus: ADAC-Postbus ab November 2013 – Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) sagte, er erhoffe sich von dem Projekt "einen Startschuss für eine breite Innovationswelle in der Logistik insgesamt". Es sei auch ein Signal an die Automobilindustrie. "Auch im Verkehr brauchen wir die Energiewende." Es sei Ziel der Bundesregierung, bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen zu bringen. Dieses Ziel gilt aber als ambitioniert. Bisher gibt es nur ein paar Tausend E-Autos auf den Straßen. Die Elektroautos sind vergleichsweise teuer, dies liegt vor allem an der teuren Batterie. – CO2-freier DHL-Transporter StreetScooter: Los geht's im Sommer 2013. Bis 2016 soll die Testflotte 150 Elektroautos umfassen.

„Ich freue mich, dass Bonn hier eine Vorreiterrolle einnimmt“, sagt Jürgen Nimptsch, Oberbürgermeister der Stadt Bonn. Und der Oberbürgermeister zeichnet im Werbefilm der Deutschen Post (am Ende der Pressemeldung) schon mal die globale Dimension auf: „Wenn man das alles mal zusammenrechnet – CO2-freie Zustellung aller Briefe und Pakete durch die Deutsche Post, deutschlandweit oder möglicherweise sogar weltweit –, das wäre ein ganz erklecklicher Beitrag zum Klimawandel.“

Ups, da ist offenbar ein Fehler passiert! Meinte der Herr Oberbürgermeister vielleicht einen ganz erklecklichen Beitrag GEGEN den Klimawandel?

Beitrag ZUM Klimawandel oder GEGEN den Klimawandel – entscheidend für die Antwort ist natürlich die Frage: Woher kommt eigentlich der Strom, den die Post-Flotte tankt? Bekanntlich ist der Nutzen fürs Klima davon abhängig, ob der getankte Strom auch tatsächlich in Grünstromkraftwerken – möglichst neu gebauten – produziert wird. „Wir beziehen unseren Ökostrom von den Stadtwerken Bonn“, erklärt eine Post-Sprecherin. Allerdings gebe es für die 79 Elektrofahrzeuge noch keine konkrete Zahlen – „wie viel Strom die Fahrzeuge benötigen, ist zum Teil auch Inhalt des Pilotprojektes“, so die Sprecherin.

Nicht sehr aufschlussreich, aber vielleicht können die Stadtwerke Bonn – immerhin eines der grünsten kommunalen Elektrizitätsunternehmen in Deutschland – über den Liefervertrag mehr Auskunft geben. Veronika John, Sprecherin der Stadtwerke, bedauert: „Wir geben über Kundenverträge keine Auskunft.“ Das verwirrt jetzt ein bisschen. Schließlich ist in der Unternehmensphilosophie der Spruch von Walter Fisch „Tue Gutes und rede darüber!“ so etwas wie eine Binsenweisheit. Natürlich kennt auch Veronika John den Spruch, weshalb sie dann doch wenigstens ein bisschen mehr sagt: „Die Post bezieht auch schon für ihre Konzernzentrale Strom von uns.“ Einen ähnlichen Vertrag habe auch das UN-Klimasekretariat, das bekanntlich ebenfalls in Bonn sitzt. Und dann sagt die Stadtwerke-Sprecherin: „Es handelt sich um sogenannte RECS-Zertifikate.“

RECS ist die Abkürzung für das Renewable Energy Certificate System, das in Deutschland unter anderem von den Kohlekonzernen Eon, RWE und Vattenfall mitbegründet wurde. Kritiker bezeichnen die Organisation als Greenwashing-Zentrale: Für jede in Skandinavien oder den Alpenländern gewonnene Kilowattstunde Strom bekommt der dortige Kraftwerksbetreiber ein Zertifikat, das er weiterverkaufen kann. Zahlen die Stadtwerke Bonn dafür etwa 0,05 Cent pro Kilowattsunde, dürfen sie die gleiche Strommenge aus Atom- oder Kohlekraftwerken der Deutschen Post DHL als Ökostrom verkaufen.

„So wird aus konventionellem Strom Ökostrom“, beschreibt Thorsten Kasper, Energieexperte beim Verbraucher­zentrale Bundes­verband (VZBV), den Mechanismus: „Der Nutzen für die Umwelt ist gleich Null. In Skandinavien wird so viel Strom aus Wasserkraft gewonnen, dass mit den dazugehörigen Zertifikaten die gesamte bundesdeutsche Produktion von Atom- und Kohlestrom für Haushaltskunden zu Ökostrom umetikettiert werden könnte. Dieses System schafft aber keinen Anreiz für den Bau neuer umweltfreundlicher Anlagen. Unterm Strich wird weiterhin so viel konventioneller Strom produziert wie bisher.“

Wie schrieb doch gleich Post-Vorstandschef Fank Appel in seinem Blog:

Mehr Klimaschutz erfordert, ausgetretene Pfade zu verlassen und neuen Ideen Raum zu geben. Einzelne Unternehmen können dazu viel beitragen – und tun es auch.

Die Deutsche Post trägt leider dazu noch nichts bei. Insofern hatte Bonns Oberbürgermeister Recht mit seiner Aussage. Als erklecklichen Beitrag GEGEN den Klimawandel darf das Post-Engagement jedenfalls nicht gewertet werden!


 

Philipp Rösler: Des-Informationsoffensive

Das Bundeswirtschaftsministerium ist in der „Informationsoffensive“. Mit folgender Darstellung:

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„Damit nicht Sie zum Strom kommen müssen, sondern der Strom zu Ihnen“, begründet das FDP-geführte Ministerium im Kleingedruckten seinen Appell an die Steuerzahler.

Im dazugehörigen Kino-Spot sieht man dann auch, was bei einem „Nein zum Netzausbau“ passieren wird: Die Leute greifen sich ihr liebstes elektrisches Gerät und pilgern zu den Strommasten, um endlich einmal E-Gitarre spielen oder die Wäsche waschen zu können. Oder um einfach mal das Licht der Lieblings-Stehlampe zu genießen.

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Vielleicht fragen Sie sich: Häh? Was soll denn dieser Unsinn? Panikmache mit „Zurück ins Mittelalter“?

Also bitte, liebe Leser! Nicht so despektierlich! Immerhin handelt es sich um eine Informationsoffensive von den Experten des Bundeswirtschaftsministers Philipp Rösler (FDP). Und natürlich haben die sich etwas gedacht bei der Offensive. Schließlich hatte die FDP beschlossen, die Atomkraftwerke länger am Netz zu lassen – äähh: bis 2022 aus der Atomenergie auszusteigen. Weshalb Röslers Experten in ihrer Informationsoffensive nun auch folgerichtig ausführen: Um die erforderliche Strommenge ohne Atomkraftwerke zu produzieren, „setzen wir auf den Ausbau erneuerbarer Energien wie Wind, Wasser und Sonne“.

Echt jetzt? In der Informationsoffensive heißt es weiter:

Damit unsere Stromversorgung sichergestellt bleibt, sind also auch Investitionen in hochmoderne Kohle- und Gaskraftwerke notwendig. Ein leistungsfähiges Netz ist außerdem die Voraussetzung dafür, dass in Zukunft neue dezentrale Erzeugungsanlagen ihren Strom einspeisen können.

Also, nun wird man langsam ungeduldig! Neue Kohlekraftwerke sind notwendig und der Ausbau der Netze, damit dann auch „neue dezentrale Kraftwerke ihren Strom einspeisen können“? Wo ist denn da die Logik? Vielleicht so: Neue Kohlekraftwerke produzieren noch mehr Kohlestrom, der dann das Netz verstopft, das dann natürlich erst ausgebaut werden muss, bevor neue dezentrale Kraftwerke ihren Strom einspeisen können?

„Die Diskussionen der vergangenen Wochen stimmen mich zuversichtlich, dass die Verantwortlichen auf allen Ebenen in unserem Lande den Netzausbau inzwischen als nationale Aufgabe begreifen und gemeinsam voranbringen wollen“, erklärte der Chef des Hauses, Philipp Rösler, Ende April. Gerade hatte der Bundestag das „Bundesbedarfsplangesetz“ für den Netzausbau beschlossen – ein Gesetz, das die Einspruchsmöglichkeiten Betroffener bei den Planungs- und Genehmigungsverfahren deutlich beschränkt. „Rechtsstreitigkeiten hinsichtlich der im Bundesbedarfsplan genannten Vorhaben werden erst- und letztinstanzlich dem Bundesverwaltungsgericht zugewiesen“, heißt es aus dem Ministerium. Wenn jetzt auch noch der Bundesrat im Juni zustimmt – dann war Röslers Informationsoffensive ein voller Erfolg.

Oder vielleicht doch nicht? „Der angestrebte Netzausbau ist überdimensioniert“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Lorenz Jarass. Der beschlossene Stromnetzausbau sei vielmehr ein „Verstoß gegen die Energiewende“, weil er diese unnötig verteuere: Statt die geplanten neuen Leitungen (5.700 Kilometer) für bis zu 20 Milliarden Euro zu bauen, sollte das Netz nicht aus-, sondern bedarfsgerecht umgebaut werden: Für ungefähr zehn Milliarden Euro – das wäre um die Hälfte billiger!

Aber davon wollen Rösler und Co nichts wissen: Die Politik plant ein Netz aufzubauen, das auch die seltenen Starkwindeinspeisungen etwa im deutschen Norden gesichert abtransportieren kann – und „zusätzlich und parallel dazu auch noch Strom von einer Vielzahl von Kohlekraftwerken“, so Jarass. „Das widerspricht der Idee der Energiewende“, sagt der Ökonomieprofessor. „Wenn ich mehr Strom aus umweltfreundlichen erneuerbaren Energien habe, dann kann ich doch die umweltbelastenden Kohlekraftwerke herunterfahren. Aber das geschieht nicht. Die Kohlekraftwerksbetreiber haben einen Rechtsanspruch darauf, auch bei Starkwind einspeisen zu können.“

Rechtsanspruch? Starkwindeinspeisungen? 20 Milliarden Euro, die dann ja doch wieder nur auf die kleinen Leute umgelegt werden, weil die großen von der FDP wieder großzügig mit „Ausnahmen“ ausgestattet werden? Darüber erfährt man nichts in Röslers Info-Offensive zum Netzausbau. Man erfährt nichts über das Förderprogramm des Bundesumweltministeriums für Batteriesysteme zur Solarstromspeicherung, das in diesem Monat angelaufen ist. Nichts über neue Ideen wie das „Zuhause-Kraftwerk“, die – konsequent umgesetzt – einen Netzausbau zumindest teilweise obsolet machen würden.

Aber das darf Sie jetzt nicht verwundern: Bundeswirtschaftsminister Rösler WILL den Netzausbau. Er WILL den großen Übertragungsnetzbetreibern ein hübsches Investitionsprogramm zuschanzen, das dann die Steuerzahler finanzieren. Und damit sein WILLE geschehe, beauftragte er die Kölner Agentur ergo, ihm eine DES-Informationsoffensive zu organisieren. Finanziert mit Steuermitteln, versteht sich.

Gern blenden wir uns in diese Kampagne noch einmal ein. Tenor: Bekommt Rösler seinen Netzausbau nicht, dann bleibt uns nur noch der beschwerliche Gang zu den Strommasten vor der Stadt:

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Tierwelt live & Hapag Lloyd: Für dumm verkaufen

„Kreuzfahrt. Norwegen, Island & Spitzbergen“. „Donauballade“. „Mit Udo Jürgens auf hoher See“. In der Mai-Ausgabe der ADAC-Zeitschrift Motorwelt werden gleich auf zwölf Seiten Kreuzfahrten auf Süß- und Salzwasser angepriesen. Im April-Heft waren es sogar 14 Seiten: Gemäß der Anzeigenpreisliste blätterte jede der Reedereien pro Seite 116.800 Euro hin – netto wohlgemerkt, die Mehrwertsteuer kommt da noch obendrauf.

Das Geschäft an Deck scheint sich mächtig zu lohnen. Nicht nur in der Motorwelt kreuzfahrtet es derzeit, was das Zeug hält: Sogar in der eigentlich fast anzeigenfreien taz, die tageszeitung wird neuerdings für Ostsee-Kreuzfahrten geworben. Und in der Zeitschrift Tierwelt live fand unser Leser Samuel L. aus Berlin folgende Anzeige:

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Toll, nicht? Neuerdings kann der Mensch dank „Hapag-Lloyd Kreuzfahrten“ nun auch die letzten weißen Flecken auf der touristischen Weltkarte bereisen. Pinguine, Seeleopard, Weddelrobbe und dazu noch ein Hauch von Roald Amundsen: eine ganz persönliche Expedition in die Antarktis eben.

Und neuerdings kann der Mensch auch die Zeitschrift Tierwelt live, in der diese Anzeige abgedruckt wurde, kaufen: Das 100-seitige Heft erscheint ab sofort regelmäßig alle drei Monate zum Preis von 4,50 Euro. Die Druckauflage beträgt 120.000 Exemplare, „Macher“ sind die Macher der erfolgreichen NDR-Reihe „Expeditionen ins Tierreich“. Der Entwicklungschefredakteur Andreas Möller erklärte: „Tierwelt live weckt Verständnis und Begeisterung für die reiche Natur unserer Heimat und die Wunder der fernen Tierwelt. Das Heft macht Lust, in die Natur zu gehen.“

Liebe Kollegen von der Tierwelt live: Wir möchten euch ja gerne sehr viel Glück für das neue Magazin wünschen. Aber da bleibt doch glatt ein Kloß im Halse stecken. Kreuzfahrtschiffe von Hapag-Lloyd und Co. verbrennen Schweröle – ohne jeglichen Rußfilter. Nach Angaben des Naturschutzbundes stoßen die 15 größten Seeschiffe der Welt pro Jahr mehr Schwefeloxide aus als 760 Millionen Autos. Jedes Jahr würden 33-mal mehr Personen an Schiffsabgasen sterben, als es Tote beim Unfall der Titanic vor 100 Jahren gab: Das sind jährlich 50.000 Menschen.

Aber das ist nur das kleinere Übel: Die Schifffahrt ist der einzige Bereich des menschlichen Lebens, in dem Klimaschutz noch ein Fremdwort ist. Nach einer Studie des UN-Umweltprogramms UNEP tragen Rußpartikel aus Schiffsmotoren und anderen Dieslern maßgeblich zur Klimaerwärmung bei. Die schwarzen Rußpartikel werden bis an die Pole geweht und lagern sich dort auf dem Eis ab. Die dunkleren Eisflächen schmelzen durch die Sonneneinstrahlung dann deutlich schneller – vor allem in der Arktis. Der Anstieg der globalen Temperaturen könnte bis 2050 um ein halbes Grad reduziert werden, wenn kurzlebige klimarelevante Emissionen von Dieselruß effektiv bekämpft würden, so die UNEP-Studie.

Die Kreuzfahrtbranche verzeichnet seit Jahren ein enormes Wachstum, zuletzt im zweistelligen Prozentbereich. Weltweit haben 2010 fast 19 Millionen Menschen eine Hochseekreuzfahrt gebucht, 1,2 Millionen kamen aus Deutschland. In der Saison 1990/91 schipperten 1.055 Touristen in die Antarktis, in der Saison 2010/11 waren es bereits 34.000 Touristen, nach den US-Amerikanern machten die Deutschen die zweitgrößte Besuchergruppe aus. Wie heißt es doch gleich in der Anzeige in der Tierwelt live:

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Müsste es nicht richtigerweise in der Tierwelt live heißen: Nichts bringt die reiche Natur unserer Heimat und die Wunder der fernen Tierwelt so sehr unter Klimastress wie die ganz persönliche Expedition an Bord von Hapag Lloyd und Co.?

Hier also unsere Segenswünsche: Möge Tierwelt live Verständnis und Begeisterung für den Kampf gegen die Bedrohung der „reichen Natur unserer Heimat und der fernen Tierwelt“ wecken. Und uns nicht für dumm verkaufen. Auch nicht durch dumme Anzeigen.

PS: Am 10. Mai bekommt der Wahnsinn einen neuen Namen – MS Europa 2. Dann wird das neue Flaggschiff von Hapag Lloyd in Hamburg getauft. Die Frauenzeitschrift Brigitte hat das Schiff schon mal vorab besucht und vermeldet, dass die männlichen der künftig 516 Passagiere „ihre Krawatten zu Hause lassen“ dürfen. Dresscode sei: Smart casual, also ein „legereres Business Outfit“. Halleluja!

Danke an Samuel L. aus Berlin.


 

Boris Palmer: Ein Hund, der bellt

Greenpeace hatte Mitte April ein „Schwarzbuch Kohle“ vorgelegt: Steckbriefartig werden darin Politiker vorgestellt, die die Verfilzung von Politik und Kohlewirtschaft personifizieren. Es gebe reihenweise „Überzeugungstäter“, „Seitenwechsler“ und „Doppelspieler“ in den deutschen Parlamenten, schreibt Greenpeace: Politiker, die vorher in der Kohleindustrie gearbeitet haben und nun in Parlamenten sitzen. Kohlemanager, die vorher Parlamentarier, Staatssekretäre oder Minister waren und nun über beste Verbindungen in die politischen Verwaltungen verfügen. Oder jene politischen Mandatsträger, die sich gleich direkt von der Kohleindustrie bezahlen lassen.

Michael Vassiliadis von der SPD ist so einer. Einerseits ist er Vorsitzender der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Andererseits ist er stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Steag, was Steinkohlen-Elektrizität AG bedeutet. Die Steag betreibt 13 Großkraftwerke, darunter acht Steinkohlekraftwerke in Deutschland. Greenpeace führt den Gewerkschaftsboss als „Überzeugungstäter“, der neue Kohlekraftwerke fordert. Gleichzeitig beklagt Vassiliades die „fast religiöse“ Fixierung auf regenerative Energien: Als Mitglied der „Ethikkommission für sichere Energieversorgung“ bestimmt er Deutschlands Energieversorgung der Zukunft mit.

Nun hat Michael Vassiliadis auf das „Schwarzbuch Kohle“ reagiert. Und zwar ziemlich heftig: Der Gewerkschaftsboss spricht von „persönlichen Vorwürfen, verunglimpfenden Unterstellungen und Zerrbildern“. In einem offenen Brief an Greenpeace schrieb er:

Den von Greenpeace gewählten Stil der persönlichen Diffamierung kennen wir sonst nur aus dem rechtsextremen Lager, dies ist mit den Ansprüchen an demokratisch orientierte Organisationen nicht vereinbar.

Ein anderer, der sich im Schwarzbuch wiederfindet und dem das nicht gefällt, ist Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer von den Bündnisgrünen. Greenpeace wirft dem „grünen Hoffnungsträger“ (Financial Times Deutschland) vor, die eigenen Werte verraten zu haben: Als Oberbürgermeister kaufte Palmer sich in das Kohlekraftwerksprojekt Brunsbüttel ein. Jährlicher Ausstoß von Treibhausgasen: 10,2 Millionen Tonnen im Jahr, mehr als Simbabwe mit seinen 13 Millionen Einwohnern zu verantworten hat. Zehn Prozent des Tübinger Stroms sollen ab 2014 aus dem Kohlekraftwerk Brunsbüttel kommen. Nicht gerade die feine bündnisgrüne Art.

Alles falsch, wettert Palmer, und schießt noch ein bisschen galliger zurück als der Kohle-Gewerkschafter. Die taz verbreitet Palmers Kritik an Greenpeace:Darstellung als „Verbrecher nicht angemessen“ – Palmer sieht sich zu Unrecht kritisiert. Die Beteiligung an dem Neubau habe der Gemeinderat unter seiner Vorgängerin beschlossen, er sei mit seinem Rat aus dem Projekt ausgestiegen. „Es ist legitim, dass Umweltverbände Aufmerksamkeit herstellen“, sagte Palmer. Aber die Darstellung der Politiker als „Verbrecher ist nicht angemessen“.

Ups! Da ist dem grünen Realo offenbar ein bisschen was durchgerutscht! Schauen wir schnell noch einmal in die Geschichtsbücher.

Der Gemeinderat der Stadt Tübingen hatte am 22. Juni 2008 den Weg für die Kohlekraftwerksbeteiligung frei gemacht. Boris Palmer aber ist seit Januar 2007 Tübinger Oberbürgermeister. Wie das Schwäbische Tagblatt berichtete, war die Entscheidung des Gemeinderates seinerzeit mit 33 von 43 Stimmen recht deutlich: Boris Palmer und seine gesamte Fraktion stimmten für den 3,2 Milliarden Euro teuren Klimakiller in Brunsbüttel. Das Rathaus zitierte in einer Pressemeldung seinen Oberbürgermeister damals so: „Leider zwingen die falschen politischen Rahmenbedingungen mich dazu, für das Wohl der Stadtwerke ökologische Bedenken zurückzustellen.“ Die Frage des Kraftwerksbaus sei „die bislang schwierigste meines politischen Lebens“ gewesen, so Palmer.

Und nun will es Palmer gar nicht gewesen sein? Der Linke Anton Brenner, wie Palmer Mitglied im Aufsichtsrat der Stadtwerke und im Tübinger Gemeindeparlament, beschrieb die entscheidende Sitzung so: „Inhaltlich lief die Gemeinderatssitzung für Boris Palmer nicht optimal. Der Gutachter Joachim Nitsch lieferte eher Munition für die Gegner des Kohleprojekts.“ Glaubt man Brenner, hätte Palmer also im Sommer 2008 genügend Argumente gehabt, das Projekt aufzugeben.

Aber das wollte er aus Überzeugung nicht. Und so begann für Palmer ein Spießrutenlauf gegen die eigene Klientel. Grüne wie Linke bezeichnen in Tübingen den OB als „Kohlebaron“ und machen gegen ihn Wahlkampf. Petra Selg, die güne Landeschefin in Baden-Württemberg, bescheinigte Palmer einen „Rückfall in eine Dinosauriertechnologie“. Und eröffnete damit ein Sperrfeuer aus den eigenen Reihen: Ist Palmer etwa Teil des Problems? Eiligst beschloss ein Landesparteitag, dass Palmers Pläne zum größten Steinkohlekraftwerk Deutschlands als Klimakiller abgelehnt werden müssten. Und dann ging schließlich auch noch die Umweltbewegung auf Palmer los: 2010 besetzten die Klimapiraten den Tübinger Rathausvorplatz. Die Gesichtsmaske ganz links: Palmer.

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Zu dieser Zeit zeichnete sich allerdings bereits ab, dass es nichts wird mit dem Kohlekraftwerk. Ursprünglich wollten sich ungefähr 80 Stadtwerke mit Geld und einer Abnahme-Garantie für den Kohlestrom an der Doppelblock-Anlage mit 1.800 Megawatt Leistung beteiligen. Nun aber brach die Investitionsfreude ein. Zuerst sagten die Stadtwerke Konstanz ab, dann stiegen die Stadtwerke von Wedel und Quickborn aus, gefolgt von den Schweizer Energieunternehmen Groupe E und Romande Energie. Es folgten die Stadtwerke Rotenburg, die Elekra Birseck Münchenstein, die Stadtwerke Schleswig, Winsen und Buchholz, die Stadtwerke Ebersbach, die Stadtwerke Sigmaringen, Bietigheim-Bissingen und Pfullendorf …

Nur Boris Palmer stand beharrlich zu seinem Kohle-Projekt.

Wie zitierte die taz gleich noch mal den Tübinger OB? Er, Boris Palmer, sei doch aus dem Projekt ausgestiegen!? Stimmt: als ziemlich letzter der Beteiligten, als es nicht einmal mehr ein Baugrundstück für das Kraftwerk gab. “Mein Eindruck ist, dass das Projekt kaum mehr Freunde hat“, sagte Palmer im Juli vergangenen Jahres zur Begründung.

„Rechtsextremes Lager“. „Politiker als Verbrecher“. Unser Eindruck heute: Wer so laut bellt wie Palmer und Vassiliadis, der verrät, dass er getroffen wurde.

PS: Seit zwei Jahren ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch 2013 unabhängig zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER

 

Anmerkung der Redaktion: Boris Palmer hat diesen Text auf Facebook kommentiert. Der Vollständigkeit halber wollen wir den Kommentar an dieser Stelle der geneigten Leserschaft zur Kenntnis gereichen. Mit dem Verweis, dass der „Totalverlust des bereits eingezahlten Kapitals“ durch den Nichtbau des Kraftwerkes später dann tatsächlich eingetreten ist.

„Kohle-Baron.

Lüge? Im Internet ist schnell recherchiert. Die Belege klingen auch gut. Aber wie war es wirklich ?

Die Beteiligung von 0,4% (!) an einem Kohlekraftwerk hatte der Gemeinderat vor meiner Zeit als OB beschlossen. Ich hatte nur über den Ausstieg unter Totalverlust des bereits eingezahlten Kapitals abzustimmen. Damals argumentierte ich: Einsteigen würde ich heute nicht. Aber aussteigen und städtisches Geld dafür abschreiben, damit meine Umweltweste weiß bleibt, das kann ich nicht vertreten.

Das Kraftwerk wurde nie gebaut, die Vorwürfe sind geblieben. Ich finde nicht, dass sich Umweltbewegung mit solchen Kampagnen einen Gefällen tut. Man kann nicht Unternehmen vorwerfen, dass sie Gewinne machen wollen. Man kann sehr wohl dafür sorgen, dass Kohlekraftwerke keine Gewinne machen. Im Moment ist es umgekehrt, Braunkohle wird so viel verstromt wie selten zuvor.“


 

Ruhrkohle und die SPD: Glück auf!

Sie ist die älteste Partei Deutschlands und feiert sich dieser Tage selbst: Mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) durch Ferdinand Lassalle begann vor 150 Jahren die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Bevor nun die Gedenkfeiern an die Gründungsversammlung am 23. Mai 1863 im Leipziger Pantheon erinnern, gibt es allerlei Gedrucktes mit Anekdoten, Jahreszahlen, Gratulanten.

Zum Beispiel ist in einer Sonderausgabe der Parteizeitschrift Vorwärts, die sich einer auch schon 137-jährigen Geschichte rühmen kann, folgendes zu finden:

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Die RAG hieß früher Ruhrkohle AG. Und früher war da auch noch drin, was draußen dran stand: Kohle. Steinkohle. Ruhrkohle. Das sind quasi sozialdemokratische Synonyme: Die Kumpels wählten links, worunter sie in Westdeutschland selbst unter Kanzler Gerhard Schröder noch die SPD verstanden. Und die SPD machte zwischen Rur und Ruhr Politik für die Kohlekumpels und die Kohle. Regenerative Energien? Erderwärmung? Klimaschutz? So e Fleutekies!

Tatsächlich gibt es im Revier eine Verflechtung zwischen SPD und Kohlewirtschaft, die ihresgleichen sucht. „Clement, Hombach, Duin und Kraft: Greenpeace wirft Poltikern und Ex-Politikern Lobbyarbeit für die Kohleindustrie vor“, hieß es Mitte April beim Westdeutschen Rundfunk. Die Umweltschützer hatten gerade ein „Schwarzbuch Kohle“ vorgestellt und darin die Verfilzung von Politik und Kohlewirtschaft aufgedeckt. Es gebe reihenweise „Seitenwechsler“ und „Doppelspieler“ bei der SPD: Sozis, die vorher in der Kohleindustrie gearbeitet haben und nun in Parlamenten sitzen. Kohlemanager, die vorher SPD-Parlamentarier oder -Minister waren und nun über beste Verbindungen in die politischen Verwaltungen verfügen. Oder jene Sozialdemokraten, die ein politisches Amt bekleiden und sich gleichzeitig von der Kohleindustrie bezahlen lassen.

Zum Beispiel bei der RAG in Herne: Werner Müller, der Aufsichtsratsvorsitzende der RAG, war früher einmal Bundeswirtschaftsminister für die SPD (und geriet mit einer sogenannten „Ministererlaubnis“ für Ruhrgas und Eon in die Schlagzeilen). Edgar Moron, der für die SPD erst Vize- und dann Präsident des nordrhein-westfälischen Landtages war, wurde von der RAG genauso bezahlt wie der amtierende Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) oder die frühere Finanzministerin Annette Fugmann-Heesing (SPD).

Das sind jetzt nur Beispiele für die Verflechtung zwischen Ruhrkohle AG RAG und Politik. Die gibt es aber natürlich auch bei den anderen Kohlekonzernen im Kohleland Nordrhein-Westfalen: Eon, RWE, Deutsche Steinkohle AG STEAG – und so ähnlich auch in Brandenburg. Sind solche personellen Verbindungen vielleicht der Grund, so die Greenpeace-Frage, dass die Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen (und auch in Brandenburg) immer noch fest zur (Braun-)Kohle stehen?

Aber wir wollen nicht abschweifen: Schließlich geht es hier um einen wirklich beachtlichen Geburtstag. Und um die Gratulanten. „Die RAG trägt mit ihrem Steinkohlenbergbau zur Energieversorgungssicherheit in Deutschland bei“, heißt es im RAG-“Glück auf“ an die SPD. Was natürlich ein bisschen kindisch ist: Im Dezember war im Zuge des deutschen Steinkohle-Ausstiegs die Zeche in Kamp-Lintfort dichtgemacht worden, jetzt gibt es gerade mal noch drei Kohlezechen in der Bundesrepublik – 1954 waren es noch 183, 1990 immerhin noch 29. Das bisschen Kohle, das die RAG heute noch fördert, ist also für die „Energieversorgungssicherheit in Deutschland“ eher unerheblich.

Nicht einmal die – Achtung: Selbstbezichtigung – „Kohle-Tante“ Hannelore Kraft hatte bei der Zechenschließung im Dezember vor flächendeckenden Stromausfällen und Versorgungs-Unsicherheit gewarnt. Vielmehr verlegte sich die SPD-Ministerpräsidentin voller Pathos auf das Gestern: „Ohne Bergleute hätte es kein Wirtschaftswunder gegeben.“

Pardon, wir sind schon wieder vom Thema abgekommen! Denn eigentlich geht’s doch um die Glückwünsche. Diese hier:

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Wie jetzt? Die Ruhrkohle AG setzt sich für erneuerbare Energien ein? Dürfen die das? Mit diesem Namen? Und was genau steckt hinter den Worten? Dazu RAG-Vorstandschef Bernd Tönjes vor einem Jahr im Interview mit den Westfälischen Nachrichten: „Auf unseren hundert Meter hohen Halden haben wir küstenähnliche Windverhältnisse. Das belegen Gutachten. Das werden wir konsequent für die Windkraft nutzen. Man kann dort auch Pumpspeicherkraftwerke bauen. Derzeit läuft eine Machbarkeitsstudie für die Halde Sundern im östlichen Ruhrgebiet. Wenn die positiv ausfällt, werden wir relativ schnell ein Pilot-Pumpspeicherkraftwerk errichten. Das ist noch relativ klein: 20 Megawatt. Mit solchen Pumpspeicherkraftwerken kann man Sonnen- und Windenergie speichern, indem man Wasser hinaufpumpt, das man später über eine Turbine ablässt.“

Merken Sie was? Erstens sind die Ökoprojekte, auf die der Kohlekonzern angeblich so dolle „setzt“, bisher bloße Planung. Die letzte Tönjes-Wortmeldung diesen März jedenfalls sprach immer noch im Futur:

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Und zweitens gibt die RAG selbst zu, dass die Vorhaben „relativ klein“ sind: Es geht um fünf oder sechs Solarparks mit einer Leistung von zusammengenommen höchstens 180 Megawatt (Insgesamt waren in Deutschland zu Jahresbeginn Photovoltaik-Anlagen mit 32.460 Megawatt Leistung am Netz).

Bisher also hat die RAG in Sachen erneuerbare Energien nichts zu bieten außer netten Plänen und schönen Worten. Die Sozialdemokraten werden sich trotzdem sehr über die Glückwunschannonce ihrer alten Kohlekumpels gefreut haben. Laut Anzeigenpreisliste bringt eine halbseitige Annonce im Vorwärts die hübsche Summe von 10.500 Euro plus Mehrwertsteuer in die Kasse – und gilt nicht als Parteispende. Glück auf!

P.S.: Ach so, natürlich gratulieren wir der SPD zum Geburtstag und wünschen ihr künftig noch mehr Mut zum Fortschritt!


 

Eon: Die Windkraft-Hochstapler (Teil 2)

Wir hatten ja schon ein bisschen Mitleid mit Eon, weil der Konzern anscheinend niemanden mehr fand, der für ihn Werbung machen wollte. Jedenfalls waren die Protagonisten der aktuellen Imagekampagne – Frau Kuhn, Frau Weiß und Herr Wagner – offenbar allesamt Phantasiefiguren. Nun aber gibt es immerhin eine ehemalige Spitzensportlerin, die dem Atom- und Kohleriesen ihr Gesicht verkauft: die frühere Biathletin Magdalena Neuner.

Nachdem der Ex-Biathlon-Star bereits für die Telefonfirma Telegate posierte und sich für den Unterwäschehersteller Mey auszog, sorgt sich Neuner nun also um unser aller Stromkosten. „Wenn Strom immer grüner wird“, lassen die Eon-Werber sie fragen, „kann sich das dann noch jeder leisten?“ Die Antwort des Unternehmens lautet:

Hallo Frau Neuner, wir arbeiten daran, dass Erneuerbare Energie bezahlbar bleibt. Unsere Energie soll sauberer und immer besser werden. Ein Beispiel: Bereits seit 2001 bauen wir Hochsee-Windparks. Durch unsere Erfahrung können wir Prozesse und Verfahren beim Bau und Betrieb immer weiter verbessern. Damit senken wir die Kosten schon jetzt nachhaltig. Unser Ziel: die Baukosten halbieren.

Hm, wir haben uns ein bisschen darüber gewundert. Denn zu Jahresbeginn hatte Eon-Chef Johannes Teyssen – unter anderem in der Rheinischen Post – noch darüber geklagt, dass Ökostrom viel zu billig und viel zu viel sei und den Markt für Eons fossile Kraftwerke kaputtmache. Aber vielleicht haben wir ihn da auch missverstanden…

Wir wollen mal der Werbung glauben. Die präsentiert uns Eon als verantwortungsvolles Unternehmen, das sich um die Strompreise hier in Deutschland echt ganz doll kümmert. Womit wird diese Aussage belegt? Damit, dass Eon „bereits seit 2001 … Hochsee-Windparks“ baue, was zu einem reichen Erfahrungsschatz und damit zu Kostensenkungen führe. Okay, klingt nicht übel. Aber machen wir mal einen schnellen Realitätscheck.

Auf seiner Website bezeichnet sich das Unternehmen als „weltweit drittgrößten Offshore-Windkraftbetreiber“. So weit, so gut. Was da nicht steht: Die Onshore-Windkraft, also Windräder an Land, die derzeit in Deutschland den Löwenanteil der erneuerbaren Energien in Netz bringen, hat Eon komplett verschlafen (und, wie manche sagen würden, lange Zeit bis aufs Messer bekämpft).

Egal, bleiben wir bei den „Hochsee-Windparks“. Scrollt man ein bisschen auf der Eon-Website herunter oder blättert durch das 66-seitige Offshore-Wind-Factbook, dann wird schnell klar, dass bisher kaum eine der duften Offshore-Windanlagen von Eon in deutschen Gewässern steht. Rödsand II ist ein dänischer Windpark, Robin Rigg und Scroby Sands britische. Das einzige deutsche und bereits realisierte Projekt heißt Alpha Ventus – aber das ist ein kleines Pilotvorhaben mit gerade zwölf Windrädern, an dem Eon einen Anteil von lediglich 26 Prozent hält. Für die deutsche Stromversorgung ist also Eon-Windkraft bislang praktisch bedeutungslos. (Klar, daneben treibt der Konzern größere Offshore-Projekte wie Amrumbank West voran – aber nachdem man im Kampf gegen die Energiewende gescheitert ist, bleibt Eon auch kaum etwas anderes übrig.)

Aber zurück zum Kernargument der Annonce, dem „Hochsee-Windpark“ von 2001. Damit kann Eon nur das britische Projekt Blyth meinen. Ohne die Bedeutung des damaligen Forschungsprojekts kleinzureden, wollen wir ein paar Sachen anmerken: Unter „Hoher See“ versteht man eigentlich Gewässer, die mehr als 200 Seemeilen oder 370 Kilometer von der Küste entfernt sind – der „Windpark“ Blyth aber steht lediglich einen Kilometer vor der nordenglischen Küste (Wikipedia spricht sogar nur von 800 Metern). Und was heißt überhaupt „Windpark“? Bei Blyth handelt es sich um ganze zwei (!) Windräder. Übrigens waren an dem Projekt damals neben Eon noch Shell und zwei andere Firmen beteiligt. Und 2001 war für ein Offshore-Pilotprojekt wirklich nicht besonders früh. Der erste Meeres-Windpark der Welt, Vindeby in Dänemark, war bereits zehn Jahre zuvor fertig.

Sorry, Eon. Sorry, Frau Neuner: Für unsere Nase riecht die Annonce doch arg nach Hochstapelei.


 

Vattenfall: Gar nicht schön problemlos

Neues von der aktuellen Vattenfall-Kampagne in Berlin, derzeit ist die halbe Stadt zugepflastert mit diesem Plakatmotiv:

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Hintergrund der Werbeoffensive ist ganz offensichtlich, dass Vattenfall um die Konzession zum Betrieb des städtischen Stromnetzes bangt. Im kommenden Jahr wird neu entschieden, und ein Berliner Bündnis hat das Volksbegehren „Neue Energie für Berlin“ gestartet, um ein kommunales Stadtwerk in Berlin aufzubauen und das städtische Verteilnetz selbst zu betreiben. Da bleibt Vattenfall natürlich nicht still, wie wir bereits vor fünf Wochen berichteten. Auch das neue Motiv zeigt ein Kind (in der Werbung immer eine sichere Bank), garniert mit Gute-Laune-Worten wie „schön“ und „problemlos“.

Dummerweise hat der schwedische Staatskonzern da einige der eigenen Baustellen vergessen – nicht immer nämlich fließt bei Vattenfall alles problemlos. 2007 zum Beispiel kam es zuerst im Atomkraftwerk Brunsbüttel zum Zwischenfall und kurz danach im Vattenfall-Reaktor Krümmel – bis heute sind die Zusammenhänge nicht endgültig geklärt. Dafür aber die Folgen: Stromausfall in Hamburg, 770 Ampeln blieben dunkel,  Fern- und Nahverkehrszüge waren betroffen, genauso wie automatische Türen, „sensible Geräte“ oder Computer, die abstürzten. Das Hamburger Abendblatt zitierte damals einen Vattenfall-Sprecher: „Über das Europäische Verbundnetz können solche Ereignisse ausgeglichen werden. Das ist zum Glück kein großes Problem.“ Aber das hat die Menschen, die in Zügen oder Läden feststeckten, natürlich erst recht verunsichert: Was, bitte schön, ist für Vattenfall dann ein großes Problem?

Inzwischen gibts ja den Atomausstieg, und Vattenfall hat ein Verfahren zum Rückbau seines Reaktors in Brunsbüttel eingeleitet. Eigenartigerweise bedeutet das aber immer noch nicht, dass die abgeschaltete Atomanlage problemfrei auf ihren Rückbau wartet: Den jüngsten Störfall gab es Anfang des Jahres.

Okay, wir können uns bereits den Anruf der Vattenfall-Pressestelle ausmalen – das seien doch Fälle, die weit zurück oder weit weg liegen. Aber was war das neulich, also im Februar, in Berlin-Charlottenburg? Rund 1.500 Haushalte waren da drei Stunden lang ohne Strom… 

Hoppla.

Aber natürlich verlässt sich Vattenfall beim Ringen ums Netz nicht allein auf Kinder und seine prall gefüllte Werbekasse. Unter der Überschrift „Wie in Berlin um das Stromnetz gekämpft wird“ berichtet die Berliner Morgenpost:

Um Einfluss zu nehmen, hatte Vattenfall sogar den früheren Stadtentwicklungssenator und SPD-Landeschef Peter Strieder als Lobbyisten verpflichtet.

Laut Morgenpost strebt Vattenfall mit dem Senat eine Art Deal an, um sich die Konzession noch vor dem geplanten Volksbegehren zu sichern. Bislang habe aber keiner der Versuche Erfolg gehabt, weshalb man nun einen Mann mit besten Verbindungen einschaltet – eben den nach einem Skandal zurückgetretenen Peter Strieder (SPD), der heute sein Geld beim PR-Riesen Ketchum Pleon verdient. Schade, dass man den Herrn nicht auf Vattenfall-Plakaten zu sehen bekommt.

Vielen Dank an Claudia L. aus Berlin für den Hinweis!

P.S.: Just gestern hat das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie eine Kurzstudie veröffentlicht, die die Tricks Strategien der Stromkonzerne im Kampf um die Netze beleuchtet – eine sehr lesenswerte Lektüre!


 

Die grüne BahnCard: Millimeterstein fürs Klima

Auf unserem Schwesterportal klimaretter.info läuft gerade eine kleine Leserdebatte: Wie ist die Berichterstattung zur „grünen BahnCard“ zu bewerten? War die Redaktion unkritisch? Vielleicht gar, weil die Bahn – im Rahmen einer riesigen Werbekampagne – auch auf klimaretter.info für das neue Angebot wirbt?

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Es geht um den Knirps am rechten Bildrand, der – in einem lieblichen Fernsehspot – ganz begeistert ist, weil sein Papa jetzt echt was für die Umwelt tut.

Hilft er den Bäumen?

Rettet er Eisbären?

Macht er die Luft sauber?

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Nein, vieeel einfacher: Papa fährt mit der neuen BahnCard. Die Botschaft dahinter: Weil die Bahn jetzt so viel Ökostrom einkaufe, wie BahnCard-Kunden im Fernverkehr rechnerisch verfahren, werde ab 1. April die BahnCard grün. „Jetzt kann jeder etwas für die nächste Generation tun“, lautet das Motto der von der Edel-Agentur Ogilvy verantworteten Kampagne.

Natürlich hat die Sache ein paar Haken. Die ganze Aktion gilt sowieso nur für den Personenfernverkehr – Regional- und S-Bahnen fahren weiterhin vor allem mit Kohle- und Atomstrom (Güterzüge sowieso). Ein kleiner Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt nutzten 2011 in Deutschland insgesamt 2,4 Milliarden Fahrgäste den Schienen-Nahverkehr, im Fernverkehr gab es lediglich 120 Millionen Bahnkunden – also ein Zwanzigstel. Die fahren in den ICE-, IC und EC-Zügen zwar längere Strecken, und die Deutsche Bahn ist auch längst nicht mehr der einzige Nahverkehrsanbieter – andererseits fährt nur ein Teil der Fernverkehrskunden mit BahnCard und damit künftig „grün“. Unterm Strich ist die Reichweite der Stromrevolution bei der Bahn also ziemlich begrenzt. Das Unternehmen jedoch klotzt mit großen Worten, nach eigenen Angaben hat sie mit der Aktionbahn_oekobahncard3Keine Frage, Bahnfahren mit Ökostrom ist was Feines. Und dass die Deutsche Bahn stärker auf erneuerbare Energien setzt, finden wir selbstverständlich prima. Doch der konkrete Nutzen fürs Klima und die Energiewende hängt bekanntlich davon ab, woher genau der Ökostrom kommt. Die unschöne Anwort: Zum großen Teil von Eon und RWE – beziehungsweise aus deren Wasserkraftwerken, zum Beispiel an Rhein, Mosel und Ruhr, die teilweise seit vielen Jahrzehnten Elektrizität erzeugen. Durch den Schritt wird nun zwar der Fahrstrom der Bahn etwas grüner – der Strommix im allgemeinen Netz aber, das alle anderen Kunden versorgt, wird im selben Maße schlechter. Klimaeffekt: Null. Zudem stecken die Kohle- und Atomkonzerne RWE und Eon noch immer ein Gutteil ihrer Investitionen in klima- und umweltschädliche Anlagen, RWE beispielsweise plant weitere Braunkohle-Blöcke, und im Bunde mit Eon kämpft die Bahn mit harten Bandagen für das hoch umstrittene Steinkohle-Kraftwerk im nordrhein-westfälischen Datteln.

Ein kleiner Teil des grünen BahnCard-Stroms kommt immerhin von 48 Windrädern in Brandenburg und Niedersachsen, die die Bahn unter Vertrag genommen hat. Deren Strom wird nun nicht mehr über das Erneuerbare-Energien-Gesetz vergütet, sondern direkt von der Bahn. Für diese Windräder fällt also künftig keine EEG-Umlage mehr an. Würde die Bahn dies in größerem Maßstab machen, könnte der Strompreis sinken – denn würde die Bahn 480 oder gar 4.800 Windräder buchen, müssten die einfachen Stromkunden deren Betrieb nicht mehr über die Umlage finanzieren. So käme die Energiewende auch ohne jene „Strompreisbremse“ in Gang, mit der Schwarz-Gelb angeblich die Umlage für den Ökostrom stabil halten will. Die Bahn hätte irgendwann genügend Strom, um auch noch den Nahverkehr und den Güterverkehr grün zu machen. Das wäre dann wahrhaftig ein „Meilenstein“ und eine große Tat für die nächste Generation. Bei einem Jahresgewinn von aktuell 2,7 Milliarden Euro könnte das Unternehmen schon eine Menge bewegen … – Okay, okay, wir hören auf zu träumen.

Zurück zum konkreten Nutzen der „grünen BahnCard“ fürs Klima. Also zu dem, was der Papa aus dem Werbespot und die anderen rund fünf Millionen BahnCard-Kunden wirklich bewirken: der Effekt geht erstmal gegen Null. Denn sowohl die Wasserkraftwerke als auch die Windräder liefen ja schon, bevor die Bahn den Strom abnahm. Am Gesamtstrommix (siehe oben) und damit an den gesamten Treibhausgas-Emissionen ändert die „grüne BahnCard“ deshalb erstmal nichts. Der – wie es in der Fachsprache heißt – „zusätzliche Umweltnutzen“ von Ökostromangeboten hängt daran, ob durch ein Produkt wirklich neue Erzeugungsanlagen entstehen. Das wissen natürlich auch die Ökostrom-Experten bei der Bahn, weshalb sie in das werbewirksame Projekt – damit es kein Schmu ist – noch einen „Neuanlagenbonus“ eingebaut haben:

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Ein paar Cent pro Fahrkarte fließen in einen Fonds, aus dem „innovative Projekte zum Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland“ unterstützt werden sollen. Sonderlich viel hat der anscheinend noch nicht bewirkt, denn die Bahn nennt auf ihrer Website ein einziges gefördertes Projekt: 500.000 Euro flossen demnach in das Enertrag-Hybridkraftwerk im uckermärkischen Prenzlau, das Windkraftspitzen puffern und so das Stromnetz stabilisieren kann. Das Werbebudget zur „grünen BahnCard“ beträgt ein Vielfaches.

Also, liebe Bahn, ein „Meilenstein“ sieht anders aus – das Ganze wirkt eher wie millimeterhafter Fortschritt.


 

Frühling und Klimawandel: Keine Glaubensfragen

Nun ist es amtlich, der Glaube an den doch wirklich bald beginnenden Frühling ist eine „Religion“! Das Bundesverwaltungsgericht hat heute „eindeutige Parallelen zu dem Glauben an die irrationalen Heilsversprechen anderer Religionsgemeinschaften“ festgestellt und den Frühlingsglauben unter den Schutz des Grundgesetzes gestellt, berichtet das Online-Portal Der Postillon:

frühling

Es zitiert einen Sprecher des Bundesverwaltungsgerichtes mit den Worten: „Obwohl sie jeden Tag eines besseren belehrt werden, behaupten Anhänger des Frühlingskults mit verträumtem Blick, dass schon bald überall Blumen blühen werden und die Menschen ohne dicke Kleidung auf die Straße gehen können. Ähnlich wie andere Buchreligionen berufen sie sich dabei auf alte Überlieferungen aus längst vergangenen Tagen.“

Um das zu Anfang dieses Textes klarzustellen: Natürlich achten auch wir die Glaubensfreiheit!

Der Postillon ist ein empfehlenswertes Satire-Magazin, das sich die US-Zeitschrift The Onion zum Vorbild genommen hat. Weitere Schlagzeilen des Postillons: „Hohe Benzinpreise hindern Millionen daran, ihre Schwiegereltern über Ostern zu besuchen“. Oder: „BER, Stuttgart 21 und Elbphilharmonie werden zu einem riesigen ‚Bad Bau‘ zusammengelegt“. Die typische Postillon-Story hat also einen sehr realen Hintergrund, im aktuellen Fall eine Frühlingssehnsucht, die wohl auch zum Osterfest nicht erfüllt werden wird. Der März 2013 war – wie der DWD bilanziert – deutschlandweit rund 3,4 Grad kälter als das langjährige Mittel der Jahre 1961 bis 1990. Aber, so die Experten vom Deutschen Wetterdienst: „Dass wir jetzt im März eine Frostperiode haben, gehört zu den Schwankungen in der Witterung“, betont der Meteorologe Andreas Friedrich. „Klimaerwärmung und Schnee im März schließen sich nicht aus.“

Doch zugegeben, bei den gegenwärtigen Temperaturen kann einem schon mal das Hirn einfrieren. Reihum haben sich Kollegen in der vergangenen Woche mit dem Wetter beschäftigt. So dichtete Bild-Cheflyriker Franz-Josef Wagner über „heimtückische Flocken“ und „Blut im Schnee“. Und der schon öfter durch klimaskeptische Artikel aufgefallene Welt-Kollege Ulli Kulke lieferte einen sehr langen Artikel mit dieser Überschrift ab:

kulke_winter2013

Er rührt darin die Frühlingssehnsucht zusammen mit den typischen Thesen von Leuten, die den Klimawandel für eine Erfindung der Wissenschaftsmafia halten: Eine Schwächephase der Sonne sorge für eine Pause der angeblichen Erderwärmung, jedenfalls sei das Treibhausgas Kohlendioxid völlig überschätzt. Zwei russische Wissenschaftler werde mit dieser Aussage zitiert („russische Wissenschaftler“ sind unter Klimaforschern inzwischen ein running gag, auch der Focus präsentierte vor drei Jahren einen solchen) – der Haken: die beiden waren zuvor durch keinerlei Klimaforschung auffällig geworden, einer arbeitet für Gazprom, und der Aufsatz, auf den sich Kulke bezieht, erschien nicht in irgendeinem angesehenen Forschungsjournal, sondern im vergangenen September im fossilen Branchenblatt Oil & Gas Eurasia. Die einzige seriöse Studie aus dem Fachmagain PNAS, die Kulke zitiert, handelt zwar tatsächlich von natürlichen Klimaschwankungen und deren Abgrenzung zum menschengemachten Erwärmungstrend, konstatiert aber unter anderem: „Der Beitrag der Sonne ist, wie wir fanden, minimal für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und liegt bei weniger als zehn Prozent für die erste Hälfte.“ Irgendwie unwahrscheinlich, dass eine Schwächephase der Sonne trotzdem einen durchschlagenden Effekt auf den Klimawandel haben soll!? Aber, wie gesagt, wir respektieren die Glaubensfreiheit.

Völlig unter den Tisch fällt bei Wagner, Kulke und Co. natürlich auch, dass wir zwar in Deutschland grad arg frieren, bei einer großräumigen Betrachtung aber (auf die es in Klimafragen bekanntlich ankommt) der März alles andere als ungewöhnlich ist. Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf hat auf seinem Blog Klimalounge dankenswerterweise diese eindrückliche Grafik der Temperaturverteilung auf der Nordhalbkugel veröffentlicht:

rahmstorf_winter2013

Während es in Nordrussland – wozu in diesen Tagen gefühlt auch Berlin gehört – tatsächlich außergewöhnlich kalt ist, liegen die Temperaturen anderswo deutlich über dem Durchschnitt. Unterm Strich sei der März in der Nordhemisphäre sogar „ein wenig wärmer als der März letzten Jahres“. Kollegen von Rahmstorf hatten schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass Klimawandel sehr wohl zu Winterkälte in Deutschland passt: Je geringer die arktische Meereis-Bedeckung, desto wahrscheinlicher frostige Wetter in Europa.

Okay, okay, das alles hilft wenig gegen den Winterfrust. Deshalb danken wir am Schluss noch zwölf Abgeordneten von SPD und Bündnisgrünen im Landtag von Wiesbaden. Sie haben in Antrag 19/7173 die Landesregierung aufgefordert, „endlich ihre Untätigkeit aufzugeben und alles Erforderliche zu unternehmen, um für Frühling in Hessen zu sorgen“. Schauen wir mal, was Schwarz-Gelb in Hessen hinbekommt …


 

Flughafen München: Blaues Feigenblatt

Es gibt PR-Meldungen, die könnten wir uns nicht besser ausdenken. Zum Beispiel diese:

Verbesserte Umweltbilanz: Flughafen München setzt auf Zubringer-Busse mit dem Blauen Engel von MAN  Umweltbewussteres Fliegen beginnt am Boden. Dafür setzt der Flughafen München ab sofort 27 Busse mit dem Blauen Engel von MAN Truck & Bus ein. Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium Ursula Heinen-Esser übergab die Blauer Engel-Urkunde an MAN und begrüßte den nun umweltfreundlicheren Fuhrpark des Flughafens München: "Was Flughafen und MAN im Personennahverkehr vorbildlich angehen, würde ich gerne überall sehen, wo Busse rollen. Beide Partner setzen auf die strengen Kriterien des unabhängigen Blauen Engel und zeigen dies mit dem Umweltzeichen auf den Fahrzeugen deutlich. Die Fahrgäste werden das anerkennen."   Die eingesetzten Busse erfüllen die anspruchsvollen Kriterien des Blauen Engel für lärmarme und schadstoffarme Omnibusse und bieten höchste Umweltverträglichkeit für den Personennahverkehr. Busse mit dem Blauen Engel erfüllen die EEV Abgasnorm (Enviromental Enhanced Vehicel) und belasten die Luft nur mit einem Bruchteil an Luftschadstoffen wie Kohlenmonoxid und Stickstoffoxid im Vergleich zu heute üblichen Fahrzeugen. Sehr lärmarm sind sie auch: Ihr Geräuschgrenzwert darf 77 dB(A) nicht überschreiten. Ebenso gelten für die Lackierung strenge Umweltregeln: Sie muss zum Beispiel frei von Blei-, Chrom- und Cadmiumverbindungen sein.

Großartig, oder? Da kauft ein Flughafen gut zwei Dutzend neue Fahrzeuge für seine Busflotte, die die Passagiere vom Terminal zum Flugzeug bringt. Und das wird dann als großer Fortschritt für die Umwelt vermarktet: Nicht nur das Umweltbundesamt gibt eine Pressemitteilung heraus, sondern auch MAN und natürlich der Flughafen selbst, der aus dem Anlass gleich noch einen Videopodcast produziert, in dem eine lächelnde junge Frau vier Minuten lang die neuen Busse anpreist.

muc_videopodcast

Der Münchner Flughafen verursacht pro Jahr die riesige Menge von 7,5 Millionen Tonnen Kohlendioxideinberechnet sind dabei die Emissionen durch den Airport-Betrieb sowie durch jene Flugzeuge, die auf dem zweitgrößten Luftdrehkreuz Deutschlands ankommen und abfliegen. Zum Vergleich: Diese Menge entspricht einem Zehntel der gesamten Treibhausgasemissionen des Freistaats Bayern (und verschlimmernd hinzu kommt eigentlich noch, dass CO2 aus Flugzeugen etwa dreimal so große Klimaschäden anrichtet wie bodennah ausgestoßenes Kohlendioxid). Fliegen ist, das sieht man hier mal wieder deutlich, die klimaschädlichste Art der Fortbewegung überhaupt.

Die Zahl 7,5 Millionen mag der Airport-Betreiber übrigens gar nicht, er betont lieber die direkten Emissionen des Flughafens, also das, was etwa beim Beheizen der Terminals oder deren Stromversorgung anfällt, was bei der Anreise der Passagiere verursacht wird oder durch startende und landende Flugzeuge in den Minuten direkt nach dem Start oder vor der Landung. Diese Emissionen betrugen im Jahr 2011 lediglich knapp 150.000 Tonnen, was doch schon viel freundlicher klingt. Doch selbst an diesem eng definierten CO2-Ausstoß des Flughafens ist der Anteil der Busse winzig. Im Umweltbericht der Flughafengesellschaft findet sich diese Grafik:

MUC_direkteemissionen_pfeil

Lediglich zwei Prozent der direkten CO2-Emissionen des Flughafens also (siehe Pfeil) gehen auf die eigenen Fahrzeuge zurück, und davon sind die Vorfeldbusse nur ein kleiner Teil. (Die Abkürzung „LTO-Zyklus“ in der Grafik steht übrigens für „Landing and Take off“, also Landung und Start – gemessen werden dabei die Emissionen von/bis zur Höhe von 3.000 Fuß bzw. 914 Metern.)

Zwei Prozent von 150.000 Tonnen sind 3.000 Tonnen – misst man diese 3.000 Tonnen an den 7,5 Millionen Tonnen Gesamtemissionen, die dem Flughafen München zugerechnet werden können, kommt man auf 0,04 Prozent. Um ein Bruchstück dieser 0,04 Prozent geht es in der wortreichen PR-Jubelmeldung. Und bei diesem – Entschuldigung – Furz hat der Flughafen München etwas verbessert, nämlich Schadstoffausstoß und Lärmemission gemindert. Der Effekt fürs Klima? Praktisch Null. Wahrscheinlich ist er sogar negativ. Denn die Passagiere am Flughafen München sehen künftig auf dem Weg zum Flugzeug noch mal den bekannten Blauen Engel; ihr schlechtes Klimagewissen – falls sie denn eines haben – wird dadurch gemildert. Da fliegt man doch gleich nochmal so gern!

Und die Staatssekretärin des Bundesumweltministeriums adelt das Ganze auch noch durch eine Laudatio …

Liebe Jury des Blauen Engels, liebe Frau Heinen-Esser, wir hätten da noch ein paar weitere Auszeichnungsideen: Verleihen Sie doch das Umweltzeichen an jedes Braunkohlekraftwerk, das in seiner Kantine Bioessen serviert! Oder an alle Holzkonzerne, die den Regenwald mit lärmarmen Kettensägen niedermähen! Das gäbe jeweils wieder eine prima Pressemitteilung mit der Überschrift „Verbesserte Umweltbilanz“.