RWE: Den Bürger mimen

Heute geht es um Bürgerenergie. In Deutschland waren Ende 2012 insgesamt 47 Prozent der installierten Ökostromleistung in Deutschland nach der Eigentümerstruktur Bürger-Energieanlagen – installiert von Privatleuten oder Genossenschaften. Das geht zumindest aus einer Studie hervor, die auf der Internetseite
die-buergerenergiewende.de zu finden ist:

buerger

Der Untersuchung zufolge waren Ende 2012 regenerative Kraftwerke mit 73.000 Megawatt Nennleistung in Deutschland installiert. 34.000 Megawatt davon entfallen auf Privatleute und Genossenschaften, 30.000 Megawatt auf institutionelle oder strategische Investoren – etwa Banken-Fonds oder Aktiengesellschaften. 9.000 Megawatt entfallen auf die großen Stromkonzerne, das betrifft vor allem Wasserkraftanlagen und die Offshore-Windkraft.

Man kann also mit Fug und Recht behaupten: Menschen wie du und ich sind die Träger der Energiewende. Und es werden immer mehr. Unser Leser Michael T. zum Beispiel. Der hat im Internet unter dem Stichwort „Energiewende in Köln“ gesucht. Und ist dabei gleich auf die Seite diebuergerenergie.de gestoßen. Allerdings sieht die plötzlich ganz anders aus:

bürger

www.diebuergerenergie.de – geschrieben wie die Website oben, nur ohne Bindestrich und ohne „-wende“ am Ende. „Gestalten Sie als Teil unserer Genossenschaft die Energiewende in Ihrer Region und in ganz Deutschland“, heißt es auf der Seite. „Bereits ab 50 € sind Sie dabei“, ist zu lesen. Und: „Mit der Überzeugungskraft einer wachsenden Gemeinschaft wollen wir den Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreiben.“

Das klingt gut, dachte Michael T. – vielleicht ein bisschen zu gut. Das Misstrauen unseres Lesers ist berechtigt. Im Impressum steht:

Inhaltliche und redaktionelle Unterstützung:
RWE Effizienz GmbH
Flamingoweg 1
44139 Dortmund

Anders als bei die-buergerenergiewende.de stehen hinter diebuergerenergie.de also gar nicht die Bürger, sondern der fossile Großkonzern RWE, der „die Energiewende in Ihrer Region und in ganz Deutschland“ nicht vorantreibt, sondern sabotiert, wo er nur kann.

Ein Vorstand der RWE-Genossenschaft ist Andreas Waning (36). Der Diplom-Kaufmann arbeitet bei RWE und sagt, die Energiewende sei ein Thema, bei dem es „auf Vertrauen ankommt“. Und dann:Vertrauen bieten wir durch die langjährige Energiekompetenz der RWE.“

Deshalb: Bloß nicht investieren in diebuergerenergie.de! Schließlich besteht die „langjährige Energiekompetenz der RWE“ im Schädigen der Erdatmosphäre. Und im Vertrauen: Wer aus diesem erwiesenen Irrtum nicht sofort aussteigt, sondern weiterhin sein Kapital schlägt – dem sollte man besser nicht vertrauen!

Vielen Dank an Michael T. aus Köln für den Hinweis.


 

Tagesspiegel: Ein wenig schwanger

Das Fliegen ist bekanntlich die klimaschädlichste Art des Reisens: Zum einen ist es gegenüber den meisten anderen Verkehrsträgern relativ energieaufwendig, sodass der Treibhausgas-Ausstoß ohnehin sehr hoch ist. Zum anderen entstehen zusätzlich Kondensstreifen und Stickoxide durch die Kerosin-Verbrennung in den Flugzeugtriebwerken – was die Treibhauswirksamkeit vervierfacht.

Insofern interessiert sich auch die Redaktion des Klima-Lügendetektors für den Pilotenstreik und die veröffentlichte Meinung dazu. Im Berliner Tagesspiegel ist auf der Kommentarseite zu lesen:

tagesspiegel
Der Kommentator führt aus, dass die Piloten „sehr komfortabel vergütet“ werden, dass sie an „Besitzständen“ festhalten wollen und „ihrem Arbeitgeber massiv“ schaden. Fazit: „Insofern ist der Kurs der Piloten wenig nachhaltig“. Und das wurde dann schlagzeilengebend.

„Wenig nachhaltig“ ist in etwa dasselbe wie „ein bisschen schwanger“: großer Unfug. Entweder ist etwas nachhaltig oder es ist nicht nachhaltig. “Wenig schwanger“ würde der Kollege vom Tagesspiegel bestimmt nicht schreiben!

Das Wort „nachhaltig“ ist zerfleddert wie kaum ein anderes in unserer Sprache: Die Deutsche Bank will nachhaltig Wert schaffen: für unsere Kunden und Mitarbeiter, unsere Aktionäre“ – und spekulierte deshalb mit Lebensmitteln und finanziert die Atmosphärenschädigung durch Kohlekraft. Vattenfall behauptet, sich laufend und intensiv darum zu bemühen, „unsere Aktivitäten gesellschaftlich nachhaltig zu gestalten“ – und will noch mehr Menschen vertreiben, um ihre Heimat wegzubaggern. Daimler erhielt für Deutschlands nachhaltigstes Produkt 2010 den Nachhaltigkeitspreisund baut weiter die schlimmsten Klimasünder. Der FC Bayern ist selbstverständlich „nachhaltig rentabel“. Und das Wikiwörterbuch Wiktionary hat sogar eine Steigerung zu bieten: nachhaltig, nachhaltiger, am nachhaltigsten. Schwanger, schwangerer, am schwangersten …

Für das ständige Missbrauchen des Begriffs nachhaltig ist die Verkürzung der Wortbedeutung verantwortlich. Nachhaltig bedeutet eben nicht „anhaltend, lange nachwirkend, dauernd“, wie uns Wörterbücher glauben machen wollen. Nachhaltig geht auf ein Handlungsprinzip aus der Forstwirtschaft zurück, das die natürliche Regenerationsfähigkeit eines Waldes ins Zentrum rückt: Abgeholzt werden darf nie mehr als nachwachsen kann. Im 18. Jahrhundert im sächsischen Freiberg entwickelt, entdeckte dieses Prinzip die Brundtland-Kommission der UNO in den 1980er Jahren wieder: Eine nachhaltige Entwicklung sei eine, „Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“, heißt es im Bericht „Our Common Future“.

Nachhaltig im Zusammenhang mit Flugzeugen und dem Kurs der Piloten wäre also allenfalls, wenn die für immer am Boden blieben. Oder wenigstens innerdeutsche Flüge unterbleiben würden. Und die atmosphärenschädigenden Emissionen aus der Luftfahrt endlich einmal sinken würden, statt immer nur zu steigen. Statt „Wenig nachhaltig“ könnte der Tagesspiegel dann titeln: „Richtig schwanger“.

Das wäre dann immerhin sprachlich korrekt.


PS: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors wird seit Sommer 2011 von seiner Leserschaft finanziert. Noch aber fehlt Geld, um die Recherche auch 2014 unabhängig zu leisten. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


 

Stahl: Wenn Kosten zerschellen

Jetzt haben die Lobbyisten der Stahlwirtschaft das Straßenplakat entdeckt. Zum Beispiel in Berlin: Dort hängt beispielsweise auf manchen S-Bahnhöfen folgender Slogan:

stahlDer Lobbyverband Wirtschaftsvereinigung Stahl hatte im Herbst 2011 die Berliner PR-Agentur Scholz & Friends ausgewählt, um Panikmache Werbung für die Branche zu betreiben. Im Branchendienst PR Report hieß es, die Kampagne laufe unter der Überschrift „Zukunft beginnt mit Stahl“ und solle Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft die Wichtigkeit des Werkstoffes klar machen. Neben einer Veranstaltungsreihe gibt es Info-Briefe für Politiker in Berlin und Brüssel sowie die Schriftenreihe „Faszination Stahl“, die beispielsweise dem Kundenmagazin der Deutschen Bahn beiliegt.

Nun also auch Straßenplakate, im 128 mal 268,5 Zentimeter großen Format: Tatsächlich ist die EEG-Umlage wegen der Energiewende in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Aber die Stahlbranche hat (wie auch andere Industriezweige) längst Wege gefunden, die Umlage zu umgehen. Zum Beispiel einfach ein Kraftwerk mieten, damit den Status „Eigenstromerzeuger“ sichern und – schwupps – über das „Eigenstrom-Privileg“ von der EEG-Zahlung befreit werden. Schätzungen zufolge vermeidet die deutsche Industrie durch dieses Schlupfloch Kosten in Höhe von 1,8 Milliarden Euro – jährlich.

Ohnehin sind „energieintensive“ Unternehmen (vulgo: Großverbraucher) im Erneuerbare-Energien-Gesetz bevorteilt: Sie zahlen nur eine minimale EEG-Umlage von 0,05 Cent pro Kilowattstunde – alle anderen zahlen derzeit 6,24 Cent, also rund das Hundertzwanzigfache! Und weil immer mehr Unternehmen die üppigen Rabatte bei der Ökostrom-Umlage bekommen, ist das Solidarprinzip bei der Finanzierung der Energiewende längst ausgehebelt. Nicht mehr alle beteiligen sich, sondern einige immer mehr.

So ähnlich ist das Bild auch beim CO2-Emissionshandel. Laut einer Studie der britischen Umweltorganisation Sandbag nämlich verdient die Stahlbranche am Emissionshandel sogar! Unter den Hauptprofiteuren sind laut der Untersuchung die Stahlkonzerne ThyssenKrupp und Salzgitter AG – allein ThyssenKrupp besitzt demnach überschüssige CO2-Zertifikate im Wert von rund 250 Millionen Euro, die Deutschlands größter Stahlkonzern auf dem Markt verkaufen kann. Auch andere Studien waren zu ähnlichen Ergebnissen gekommen: Laut Berechnungen des Öko-Instituts von Ende 2010 bringen diverse Sonderregelungen im Emissionshandel der Industrie in den ersten beiden Handelsperioden rund 39 Milliarden Euro Extra-Erlöse.

Die hohen Energiekosten „setzen nicht nur die Stahlindustrie aufs Spiel“?

Aber nein, liebe Leserinnen und Leser, schauen Sie bitte noch einmal genau hin: Mächtig und fest stehen die Kegel aus Stahl an Ort und Stelle (vermutlich sogar Massiv-Stahl). Die Bowlingkugel – auch Strikeball genannt – besteht aus Kunststoff. Trifft der auf Massivstahl, prallt die Kugel genauso ab wie das Argument der Stahlwirtschaft im Angesicht der Wahrheit: Tatsächlich nämlich ist der Strompreis für die Industrie seit 2009 gesunken.

PS: Mit welchen Tricks die Stahllobby arbeitet, verdeutlichen die Geschäftszahlen der Dillinger Hütte. In ihrer Pressemitteilung heißt es am Mittwoch ganz am Anfang:

dillingerDie Unternehmensvereinigung Stahl titelt über die Geschäftszahlen einen Tag später:

stahlj


 

RWE: Die Sache mit den Zahlen

In der Werbung gibt es manchmal Anzeigen, die so treffsicher sind, dass es sich nur um Satire handeln kann. Zum Beispiel heute in der Süddeutschen Zeitung auf Seite 19, in der Aachener Zeitung, den Aachener Nachrichten oder im Wirtschaftsteil der Rheinischen Post:

RWE

Zur Kampagne gibt es auch eine Web-Seite, die dann erklärt: „Als Gestalter der Energiezukunft geht der Stromversorger vorweg – sowohl im Service als auch bei Innovationen und nachhaltiger Stromerzeugung …“ RWE gehöre „zu den Besten der Energiebranche“.

Richtigerweise aber müsste es an dieser Stelle heißen: „RWE ist der schlechteste Konzern der Energiebranche.“ Denn soeben hat der Essener Konzern seine Geschäftszahlen für das Wirtschaftsjahr 2013 vorgestellt – und es gibt keinen anderen Energiekonzern in Deutschland, der im vergangenen Geschäftsjahr so schlecht gewirtschaftet hat. Erstmals in seiner Firmengeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg hat RWE kein Geld verdient – sondern einen gewaltigen Schuldenberg aufgetürmt: 2,8 Milliarden Euro. „Nach Feiern ist uns schon lang nicht mehr zumute“, sagte RWE-Chef Peter Terium am Dienstagmorgen. Aber da waren die Anzeigen für den Donnerstag offenbar schon bei den Zeitungen gekauft.

Versuchen wir also den Werbetext einen Moment lang ernst zu nehmen:

rwe2Erste Zahl: RWE hatte im vergangenen Sommer ein Schiedsgerichtsverfahren gegen Gazprom gewonnen. Der russische Staatsmonopolist musste dem deutschen Konzern – O-Ton RWE – „eine hohe Kompensationszahlung“ leisten, dem Vernehmen nach über eine Milliarde Euro. RWE stand also vor einem prächtigen Geschäftsjahr.

Die zweite Zahl: Seit Anfang 2013 läuft die dritte Periode des europäischen Emissionshandels. Erstmals müssen Stromkonzerne wie RWE für die Emissionen, die sie verursachen, auch tatsächlich zahlen: Zuvor bekamen sie die Zertifikate vom Staat einfach geschenkt.

RWE hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass dieses staatliche Schenken irgendwann einmal endet – und investierte seit 2006 europaweit 12 Milliarden Euro in fossile Kraftwerke, etwa in das Braunkohlekraftwerk Neurath. Und für fossile Kraftwerke benötigte der Konzern nun erstmals auch fossile Zertifikate. Obwohl der Handelspreis das ganze Jahr im Keller war, musste RWE dafür 1,2 Milliarden Euro berappen. Eine komplett verfehlte Geschäftspolitik.

Leiden müssen darunter die RWEler. Die dritte Zahl: Bis Ende 2016 will der Konzern jede zehnte Stelle streichen; insgesamt geht es um rund 6.700 Jobs, 4.700 davon in Deutschland.

Leiden müssen aber auch – nächste Zahl – die Kommunen im Ruhrgebiet. Insgesamt sind 25 Prozent der RWE-Aktien in kommunalem Besitz, und viele Städte rechnen für ihren kommunalen Haushalt fest mit der RWE-Dividende. In den Jahren 2006 bis 2010 gab es 3,50 Euro je Aktie, dann waren es 2011 und 2012 nur noch 2 Euro, jetzt soll es nur noch 1 Euro sein – ein „Fluch für Essen, Dortmund, Mühlheim und Co“.

„Wir sind spät in die erneuerbaren Energien eingestiegen – vielleicht zu spät“, räumte Konzernchef Peter Terium am Dienstag ein. Tatächlich wollen wir an dieser Stelle auch noch die entscheidenden Zahlen präsentieren: 17 Prozent des von RWE produzierten Stroms kommen aus Atomkraftwerken, 79 Prozent aus fossilen Kraftwerken. Aus erneuerbaren Quellen stammen gerade einmal 4 Prozent. Zum Vergleich: Im bundesdeutschen Strommix waren 2013 durchschnittlich 23 Prozent erneuerbar.

Aber natürlich stimmt der Werbetext von RWE auch irgendwie: In Niederaußem betreibt RWE die größte Treibhausgas-Schmiede in Deutschland. Hier werden jährlich 26.300.000 Tonnen Kohlendioxid-Äquivalent verursacht – so viel stößt Ghana insgesamt aus. Und dort leben mehr als 25 Millionen Menschen.

Stimmt also: RWE ist – irgendwie - die NUMMER 1!

Danke für den Tipp an Dirk J. aus Düsseldorf und Darius Karl D. aus Aachen


 

FAZ: EEG-Bashing auf dürftiger Datenbasis

Einerseits wollen wir hier kein neues Bildblog werden, also nicht ständig darauf schauen, was Journalistenkollegen so treiben. Andererseits gibt es dann Texte wie jenen von Andreas Mihm diese Woche in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, den wir nicht unbemerkt lassen können. Dies war die Aufmachung:

Ausriss mit Überschrift: " Ökostrom Regierungsberater wollen EEG abschaffen  25.02.2014  ·  Das wird Angela Merkel nicht gerne hören: Wissenschaftler raten, die Förderung von Ökostrom abzuschaffen. Sie helfe weder dem Klima, noch bringe sie technische Innovationen. Von Andreas Mihm "

Den Inhalt haben Sie sicherlich mitbekommen: Die bislang eher wenig bekannte „Expertenkommission Forschung und Innovation“ (EFI) hat in ihrem neuen Gutachten das Erneuerbare-Energien-Gesetz scharf kritisiert. Es sei sowohl klima- als auch technologiepolitisch sinnlos und gehöre deshalb abgeschafft. Starker Tobak, der es denn auch in so ziemlich jedes Medium schaffte und Meinungsredakteure (etwa Christoph von Marschall im Tagesspiegel) zu Hochform auflaufen ließ.

Doch die Faktengrundlage dieses EEG-Bashings war extrem dünn, und das konnte man schon beim Lesen des FAZ-Textes ahnen. Im Detail haben es die Kollegen von der Süddeutschen Zeitung („Vernichtung auf zwei Seiten“) und dem österreichischen Ökoenergie-Blog („Der ultimative Leitfaden für organisierte Desinformation bei der Energiewende“) ausgeleuchtet. Wir empfehlen beide Texte zur Lektüre und sparen uns alle weiteren Worte.

Nee, Moment, ein paar doch noch: Selbst Die Welt attestiert der „Expertenkommission“ eine „dürftige Datenbasis“. Da sind wir mit dem Springer-Blatt ausnahmsweise mal ganz einer Meinung!


 

Spiegel Online: Schuld ist immer der Ökostrom!?

Oh Mann, das bekannte Ökostrom-Bashing bei Spiegel und Spiegel Online wird inzwischen offenbar zum Reflex. Wie wir darauf kommen? Heute nachmittag veröffentlichte das Web-Magazin einen Text seines Wirtschaftsredakteurs Florian Diekmann mit dieser Überschrift:

Ausriss mit Überschrift: " Kostenexplosion bei Strom, Öl, Gas: Energiearmut in Deutschland nimmt drastisch zu"

In dem Artikel ging es um die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der bündnisgrünen Bundestagsfraktion zum Thema „Energiearmut“. Demnach hat die Zahl der Bundesbürger, die mindestens ein Zehntel ihres Nettoeinkommens für ihre Energierechnungen ausgeben müssen, von 5,5 Millionen im Jahr 2008 auf 6,9 Millionen im Jahr 2011 deutlich zugenommen. In der Tat sind – jeder weiß es – die Energiekosten für Privathaushalte in den vergangenen Jahren teils drastisch gestiegen – jedenfalls stärker als die allermeisten Einkommen. Eine konkrete Zahl nennt der Spiegel-Online-Text: Um 43 Prozent wuchsen demnach zwischen 2002 und 2013 die Ausgaben für Heizung und Warmwasser. So weit, so schlimm.

Das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energie (IWR), ein branchennahes Institut aus Münster, hat vor ein paar Wochen die Preisentwicklung der einzelnen Energieträger in den vergangenen 15 Jahren zusammengetragen. Demnach betrug der Anstieg zwischen 1998 und 2012 bei

  • Heizöl: 300 Prozent
  • Dieselkraftstoff: 150 Prozent
  • Erdgas: 100 Prozent
  • Benzin: knapp 100 Prozent
  • Strom: 66 Prozent

Das viel diskutierte Preisplus bei Strom mag für etliche Haushalte schmerzlich sein, kommentierte IWR-Direktor Norbert Allnoch. „Für viele Verbraucher sind die steigenden Preise für die Heizenergie und das Benzin für die tägliche Fahrt zur Arbeit aber ein viel größeres Problem.“ Dem können wir uns nur anschließen. Und könnten eine lange Abhandlung folgen lassen darüber, was man am besten gegen die Preisexplosion bei fossilen Energien tun sollte. Zügig auf Erneuerbare umsteigen? Energieeffizienz konsequent fördern? All so was?! Die Linkspartei fordert übrigens Sozialtarife für besonders Bedürftige.

Aber um diese Debatte geht es uns grad nicht, sondern um Spiegel Online. Erinnern wir uns an die Titelzeile: Von „Strom, Öl, Gas“ war da die Rede. Und jetzt raten Sie mal, womit die Redaktion ihren Text illustriert hat!? Mit einem Heizöl-Lkw? Einer Benzin-Zapfsäule? Einer Flamme auf dem Gasherd? Einem Heizungsthermostat? Alle diese Motive wären sachgerechter gewesen als das tatsächlich gewählte Foto – das dann auch gleich auf der Startseite prangen durfte, wohl, weil es so schön den üblichen Ressentiments entspricht. Es zeigt Hochspannungsleitungen – und ein Windrad:

Ausriss mit einem Foto, das ein Windrad und Hochspannungsleitungen zeigt

Dabei ist ausgerechnet Windstrom, könnte man argumentieren, in den vergangenen Jahren nicht teurer, sondern deutlich billiger geworden – sind doch (wie auch bei der Photovoltaik) die Einspeisetarife im Erneuerbare-Energien-Gesetz stetig gefallen …

Oh Mann!

P.S. vom 26. 02. 2014: Heute berichtet auch die Frankfurter Rundschau über die Anfrage der Grünen-Fraktion. Und schauen Sie mal, welches Foto dort gewählt wurde:

Ausriss mit Überschrift "In der Armutsfalle" und Foto einer Gasherd-Flamme

Das transportiert – unterschwellig – schon eine etwas andere Botschaft, oder?


 

Badenova: Glatt verflogen

Das Klimaproblem kann bekanntlich nur gelöst werden, wenn die Menschheit ihren Treibhausgasausstoß drastisch senkt. Deshalb ist es wichtig, dass möglichst viele Menschen auf Ökostrom umschalten. Zum Beispiel auf Ökostrom des Freiburger Anbieters Badenova, dem größten Energiekonzern im Regierungsbezirk Freiburg: „Klimaschutz kann so einfach sein. Zum Beispiel mit 100 % Ökostrom aus erneuerbaren Energien“, werben die Südwestdeutschen.

Und weil Klimaschutz so einfach ist, haben sich die Marketingleute von Badenova einiges einfallen lassen, um möglichst viele Menschen für das Ökostrom-Angebot zu begeistern. Wer jetzt wechselt, bekommt folgende Mitgift:

badenova

Wie bitte? Wer einen Neukunden den Badenovern ins Geschäftsnetz einbringt, bekommt einen Flug geschenkt? Europaweit?

Genau! Offenbar beschlich die Marketingleute ein Hauch von Zweifel, weshalb sie sich für „CO2-neutrale“ Flüge als Wechselbonus entschieden. Wegen Klimaschutz und so.

Die Badische Zeitung hat das zu weiteren sehr innovativen Marketing-Ideen veranlasst: „Teppiche aus Kinderarbeit könnten durch eine Spende an den Kinderschutzbund kompensiert werden. Der Bioladen schenkt guten Kunden eine Flasche Unkraut-Ex für den heimischen Garten und kompensiert den Schaden am Grundwasser durch den Kauf eines Kanisters destillierten Wassers.“ Oder wie wäre es mit „Erste Hilfe“-Paketen, die der Pistolen-Hersteller Walther seinen Kunden mitliefert – für den Fall der Fälle?

PS: Den Verantwortlichen bei Badenova ist heute nun ein Licht aufgegangen. „Aufgrund der aktuellen öffentlichen Resonanz“, so wurde am Donnerstag vermeldet, sei die Kunden-Werbe-Aktion „mit sofortiger Wirkung beendet“.

Danke an Bernward J. aus Freiburg für den Hinweis!


 

Ifo-Institut: Die Sinn-Wende ins Nichts

Wäre es politisch nicht so widersinnig, könnte man annehmen, Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo-Instituts, hat jetzt bei seinem energiepolitischen Bruder im Geiste, Oskar Lafontaine, abgeschrieben: Während der Ex-Chef der Linken die wechselnden Kräfte von Wind und Sonne benutzt, um das Leben seines rheinischen Braunkohlestroms bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag zu verlängern, setzt der marktgläubige Sinn noch eins drauf:

Deutschland befinde sich „auf dem großen Irrweg“, kanzelt Sinn in einem Interview mit dem Manager-Magazin die erneuerbare Energiewende ab und preist die abgehalfterte Atomkraft.

Die wesentlichen Thesen des Interviews hatte Sinn bereits Tage zuvor auf einem Symposium der Handelskammer für München und Oberbayern verkündet. Dieser Text wurde alsbald auf einschlägigen neoliberal eingestellten Portalen wie „Politically Incorrect“ verbreitet. Sinn soll auch an einem Buch mit dem Titel Energiewende ins Nichts arbeiten, das demnächst erscheinen soll.

Neu ist das alles nicht. Die Süddeutsche Zeitung hatte schon im Sommer 2010 getitelt:

In den dreieinhalb Jahren seitdem hat aber auch Sinn ein bisschen dazugelernt. Die platte Rhetorik von 2010 – Atomstrom sei eine „grüne“ Technologie, weil kein CO2 entstehe – bekommt man nicht mehr serviert. Dafür wird nun tiefer in die energiepolitische Kiste gegriffen.

Wer sich auskennt, bemerkt die Parallele zwischen Lafontaine und Sinn sofort. Beide wollen im Kern schöne neue Grundlastkraftwerke bauen, die für Sinn den „höherwertigen“ Strom erzeugen. Denn Wind- und Sonnenstrom sind nach seiner Lesart „minderwertig“, weil sie „zufällig“ kämen. Genauso gut könnte man selbstverständlich Atomstrom als „minderwertig“ betrachten, weil der zwischen den Spitzenzeiten nicht abgeregelt werden kann und nachts überhaupt nicht gebraucht wird.

Sinns andere Pro-Atom-“Argumente“, die ihm sein Thinktank aufgeschrieben hat, sind längst widerlegt. So geißelt er mit der Behauptung, weltweit seien 64 neue Atomkraftwerke im Bau und knapp 500 in der Planung, den deutschen Verzicht auf die „Zukunfts“-Technologie.

Tatsächlich aber ist der Anteil von Atomstrom am gesamten Aufkommen seit Jahren rückläufig und seit 2010 auch die absolute Menge an Atomstrom, wie der im Juli 2013 vorgestellte World Nuclear Industry Status Report 2013 nüchtern feststellt: „Der Anteil der Kernkraft an der weltweiten Stromerzeugung sank stetig von einem historischen Höchststand von 17 Prozent im Jahr 1993 auf etwa zehn Prozent im Jahr 2012.“

Weltweit sind 190 Atomkraftwerke und damit rund 45 Prozent älter als 30 Jahre. Sie müssen in absehbarer Zeit abgeschaltet werden. Mit dem Ersatz kommt die Atomindustrie nicht hinterher, denn die Neubaupläne beschränken sich meist auf die Angabe „im Bau“. Aber real passiert relativ wenig, wie der Report klarstellt: “Im Jahr 2012 wurden nur drei Reaktoren in Betrieb genommen, aber sechs geschlossen, und in der ersten Hälfte des Jahres 2013 ging nur einer ans Netz, während vier Stilllegungsbeschlüsse gefasst wurden – alle in den USA.“

In einem Punkt kann Sinn im Manager-Magazin allerdings seinen Glauben an die Marktökonomie nicht verhehlen:

Lassen wir den markt entscheiden. Wir sind doch nicht in einer Zentralplanungswelt, wo Politiker über Technik entscheiden, das muss der Markt machen. Wir müssen nur darauf achten, dass die externen Schäden in der Kostenrechnung der Unternehmen richtig abgebildet werden, was für Atomkraftwerke heißt, dass sie eine Haftpflichtversicherung brauchen

Leider, Herr Sinn, hat man die Atomkraft nicht den reinen Marktkräften überlassen. Dann hätte sich, wie man aus der Frühgeschichte des AKW-Baus inzwischen weiß, niemals ein Unternehmen auf diese nicht versicherbare Energiequelle eingelassen. Von 1950 bis 2008 summierte sich in der Bundesrepublik die staatliche Förderung der Atomkraft auf fast 165 Milliarden Euro, wie eine Greenpeace-Statistik zeigt:

Tabelle: Staatliche Förderung der Atomkraft in Deutschland

Bei einer ausreichenden Haftpflicht wäre Atomstrom sofort unwirtschaftlich. Dann würde die Kilowattstunde aus dem AKW um 1,79 Euro (!) kosten – und wäre damit deutlich teurer als Strom aus anderen Energiequellen.

Eine besondere zahlentechnische Kostbarkeit von Sinn im Manager-Magazin, an der sich zweifellos einige Experten müde gerechnet haben, ist diese:

Um vier Siebtel des Wind- und Sonnenstroms des Jahres 2011 für sich genommen zu verstetigen, wären mindestens 400 Pumpspeicherkraftwerke durchschnittlicher Größe erforderlich, wir haben aber nur 35 in Deutschland. Diese würden fast 100 Milliarden Euro kosten.

100 Milliarden würden natürlich nicht die 35 bestehenden Pumpspeicherwerke kosten, sondern die 365, die nach Sinnscher Lesart noch nötig wären. Das aber ist eine Milchmädchenrechnung. Denn es ist klar, dass es in Deutschland schlicht an den natürlichen Voraussetzungen fehlt, um hunderte neue Pumpspeicherwerke zu bauen. Die Kosten sind also rein fiktiv. Sinn ficht das nicht an – Hauptsache, eine beeindruckende Zahl kommt heraus. Und vor allem sei es, schlussfolgert er messerscharf, billiger, ein paar AKW zu bauen als die ganzen Pumpspeicherwerke (und Windkraftanlagen). So einfach ist das!

Vor nicht einmal zwei Jahren war Sinns Welt übrigens noch deutlich zukunftsfroher gestrickt. Auf die leicht tendenziöse Frage, auf welche Technologien man sich angesichts des CO2-Problems, der Versorgungssicherheit und der Energiekosten konzentrieren solle, antwortete er in einem Interview mit der Zeitschrift Energiewirtschaftliche Tagesfragen:

Auf den Atomstrom, und man sollte die Kernfusion vorantreiben. Da sehe ich die größten Gewinnmöglichkeiten. Zwar ist der Weg lang und steinig, aber am Ende winkt die endgültige Überwindung des Energieproblems.

Mit Atomstrom und demnächst mit der Kernfusion, glaubt Sinn, lässt sich das Energieproblem „endgültig“ überwinden.

Und die Erde ist eine Scheibe!

PS: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors wird seit Sommer 2011 von seiner Leserschaft finanziert. Noch aber fehlt Geld, um die Recherche auch 2014 unabhängig zu leisten. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


 

Bild: Keine fünf Wahrheiten über Energiekosten

Man sollte grundsätzlich misstrauisch sein, wenn die Bild „Wahrheiten“ ankündigt.

Mit exakt diesen Worten begann vor fünfeinhalb Jahren ein Klima-Lügendetektor. Sie werden es nicht glauben, heute passt genau derselbe Einstieg genauso. Denn heute heißt es auf Seite 1 der Bild:

Ausriss mit Zitat: "Strom wird noch teurer! Bild-APO-Anfrage enthüllt 5 bittere Wahrheiten über die Energiekosten"

Im Juli 2008 verbreitete das Springer-Blatt Pro-Atom-Propaganda als „Wahrheit“, fünfeinhalb Jahre später kommt mit der gleichen Masche (und zum wiederholten Male) eine Breitseite gegen die erneuerbaren Energien. Fünf „Wahrheiten über die Energiekosten“ kündigt Bild in schreienden Lettern an. „Es ist bitter“, beginnt der Artikel auf Seite 1. Aber was dann auf Seite 2 folgt, ist alles andere als wahr und deshalb wirklich bitter.

Grundlage des Textes von Fritz Esser und Dirk Hoeren sind offenbar Daten aus dem neuerdings SPD-geführten Bundeswirtschaftsministerium. Die zeigen angeblich, dass „bei der Energiewende … in Wirklichkeit alles noch viel schlimmer“ ist. Doch bei genauer Betrachtung sind die präsentierten Zahlen ein kruder Mix zur tendenziösen Stimmungsmache.

Die angebliche „Wahrheit“ Nr. 2 zum Beispiel ist:

Ausriss mit Zitat: "An der Strombörse ist der Strompreis wegen des Überangebots an Öko-Energie in den letzten zwei Jahren von 5,11 Cent/kWh auf 3,8 Cent gesunken – minus 25,6 %! Trotzdem zahlen die Verbraucher mehr, weil die Umlagen für Ökostrom rasant steigen, von 2010 bis 2012 im Schnitt von 6,01 auf 10,09 Euro/Monat je Haushalt (plus 67,9 Prozent!)."

Gucken wir uns das mal ganz genau an. Der erste Satz ist wahr. In der Tat ist der Strompreis dank der Energiewende deutlich gesunken. Der erste Halbsatz des zweiten Satzes stimmt auch: „Trotzdem zahlen die Verbraucher mehr“ – so ist es. Aber dann folgt der rhetorische Trick, wenn es heißt: „… weil die Umlagen für Ökostrom rasant steigen“.

Der Fakt an sich ist korrekt, doch das „weil“ ist falsch, zumindest solange es nicht durch ein „auch“ ergänzt wird. In Wahrheit müsste der Satz lauten: „Trotzdem zahlen Verbraucher mehr, auch weil die Umlagen für Ökostrom rasant gestiegen sind.“ Der Anstieg der Ökostrom-Umlage ist nämlich nicht der alleinige Grund für den Anstieg der Verbraucherpreise. Ebenso verantwortlich ist der Fakt, dass viele Stromversorger die gesunkenen Börsenpreise nicht an die Verbraucher weitergeben. Doch davon findet sich kein Wort in Bild, vielleicht weil es ablenken würde vom Bashing der Energiewende und den Blick richten würde auf das Profitstreben der Stromkonzerne.

Dasselbe Muster bei „Wahrheit“ Nr. 4:

Ausriss mit Zitat: "Solaranlagen auf Dächern von Privathäusern haben im vergangenen Jahr nur an 3540 Stunden Strom geliefert. 240 Stunden weniger als im Vorjahr. Die Zahlungen an die Betreiber der Solaranlagen stiegen aber von 2010 bis 2013 von 4,3 auf 7,7 Milliarden Euro (plus 79,1 Prozent!), weil immer mehr Hausbesitzer ihre Dächer mit Solaranlagen zupflastern."

Wieder werden hier Zahlen kombiniert, die direkt nichts miteinander zu tun haben – aber eine Suggestivkraft entfalten. Sätze 1 und 2 sagen etwas über die Betriebsstunden von Solaranlagen auf Privatdächern (wir haben die Zahl nicht überprüft, sondern nehmen zugunsten von Bild mal an, dass sie korrekt sind). Die Zahlen in Satz 3 sind mit den vorherigen durch das Wort „aber“ verknüpft. Nur hat der Anstieg der Ausgaben für Solarstrom nichts damit zu tun, dass die Zahl der Betriebsstunden gesunken ist. Die Hauptursache ist, dass zwischen 2010 und 2013 viele neue Anlagen installiert wurden (was die Bild im Nachsatz dann ja auch auflöst). Wie gesagt, die Zahlen in diesem Absatz mögen korrekt sein. Und man kann sich ja auch gern über die Betriebsstundenzahl von Solaranlagen mokieren – nur haben die nichts mit dem Anstieg der Vergütungszahlungen zu tun.

Hier soll offensichtlich einfach nur miese Stimmung erzeugt werden, wie auch die Wortwahl zeigt („Dächer mit Solaranlagen zupflastern“). Zur ganzen Wahrheit über Solarstrom hätte zumindest auch gehört, dass heute installierte Solaranlagen so billig Strom erzeugen wie nie zuvor. Oder dass Photovoltaik durch seine Erzeugungsspitze in der verbrauchsstarken Mittagszeit kräftig zum Sinken der Börsenstrompreise beigetragen hat. Aber auch hierzu kein Wort in Bild.

Zum Schluss noch kurz zur fünften „Wahrheit“:

Ausriss mit Zitat: "An manchen Tagen produzieren Wind- und Solaranlagen zu viel Strom, der gar nicht genutzt und deshalb nutzlos weggeworfen (abgeregelt) wird."

Für diesen Strom, so geht das Argument weiter, müssten die Verbraucher trotzdem zahlen, zwischen 2010 und 2012 „allein 76,5 Millionen Euro“. Ob diese Zahl stimmt, ist belanglos – der demagogische Kniff ist ein anderer. Dass bereits heute in größerem Umfang Wind- und Solaranlagen abgeregelt werden müssen, hat weniger damit zu tun, dass ihr Strom „gar nicht genutzt“ werden könnte. In Wahrheit könnte er sehr wohl genutzt werden – er müsste nur irgendwie zum Verbraucher transportiert werden, was aber nicht geht, weil es entweder zu wenige Stromleitungen gibt oder diese allzu oft durch Strom aus nur schwer regelbaren Braunkohle- oder Atomkraftwerken verstopft sind. Das häufige Abregeln sagt also wenig über Wind- und Solaranlagen aus, dafür umso mehr über das Stromnetz und über konventionelle Großkraftwerke.

Tolle „Wahrheiten“, die Bild heute liefert, oder?

Vielen Dank an Matthias R. aus Dresden und an Heike P. aus Bregenz
für die Hinweise


 

Naturfreund: Die Probleme mit dem Winter

Die Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes hatten schon in ihrer Halbzeitbilanz ein vernichtendes Urteil gefällt: Dieser Winter sei bislang „viel zu warm“. Aber nun ist er ja doch noch gekommen, der Winter! Ganz so, wie es sich ein Naturfreund vorstellt:

naturfreundDie Naturfreunde sind ein Umwelt- und Touristikverein, dessen Wurzeln im sozialdemokratischen Teil Wiens Ende des 19. Jahrhunderts zu finden sind. Den Lehrer Georg Schmiedl trieb damals die Idee um, dass Arbeiter auch mal raus müssten. Aufs Land. In die Natur. „Raus ins Grüne“ war anno 1890 fast unmöglich: Die Fahrt mit dem Kutschwagen bis an die Stadtgrenze kostete einen Batzen Geld und dauerte so lange, dass das Grün nur mit Übernachtung zu erreichen war. Schmiedls Idee: Häuser in der Natur bauen, damit die Proletarier an einem Tag in die Berge, die Auen reisen, dort bleiben und am nächsten Tag wieder zurückfahren konnten. Ohne viel dafür zu bezahlen. Mitglieder der Naturfreunde arbeiteten beim Aufbau der Naturfreunde-Häuser mit – und wohnten dann dort als Vereinsmitglieder sehr billig.

Ein brilliante Idee, die sich schnell verbreitete: Bevor die Naturfreunde im Einflussbereich von Deutschlands Nazis verboten wurden, zählten sie 1933 rund 200.000 Mitglieder in 22 Ländern. Heutzutage gibt der Dachverband Naturfreunde Internationale (NFI) die Mitgliederzahl mit 500.000 in 48 Ländern an, darunter fast 100.000 in Deutschland. Ein großer Verein also, und große Vereine haben Mitgliederzeitschriften. In der Schweiz beispielsweise den „Naturfreund“, ein ziemlich professionelles Magazin. In der Winterausgabe 2013/14 wird unter der Überschrift „Winter, Weite, eisige Kälte“ beispielsweise über eine Zugfahrt von Moskau nach Peking berichtet. Es geht um die „Vorzüge von Neuschnee: Theoretisch und praktisch“. Und ganz am Schluss um „Strom im Winter“:

naturfreund2 „Strom im Winter“ ist aber kein Text zum Thema, sondern eine Anzeige des Schweizer Energiekonzerns Alpiq. „Wenn die Nächte länger werden und die Temperaturen sinken, dann steigt der Stromverbrauch“, liest der Naturfreund im Anzeigentext. „Weil das Wasser spärlicher fließt und das Sonnenlicht abnimmt, geht auch die Stromproduktion zurück.“

Und weiter:

winterEcht jetzt? Ihr von Alpiq müsst eure ganze Kraftwerksstruktur ändern, nur weil ein paar Flocken Schnee …?

In der Anzeige heißt es: „Es zeigt sich: Die Stromversorgung ist nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch des Könnens.“

Damit winter2Donnerwetter! Im Schweizer Winter sind die Kohle- und Atomkraftwerke umweltverträglich! Kein Treibhausgas, kein Atommüll, kein Quecksilber, keine Strahlengefahr. Einfach weil es schneit und von den Bergen weht?

Immer wieder hatten Aktivisten gegen Alpiqs Geschäftspolitik demonstriert. Unter dem Slogan „Weder Atomkraft noch fossile Brennstoffe – 100 % erneuerbare Energien“ störte Greenpeace 2012 etwa die Generalversammlung des Konzerns. Zwei Drittel des von Alpiq produzierten Stroms stammten aus AKWs und fossilen Kraftwerken, so der Greenpeace-Vorwurf. „Alpiq muss endlich ihre Geschäfte mit dreckigen Energieträgern aufgeben und die Schweiz ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen versorgen“, forderte Greenpeace-Sprecher Florian Kasser.

Um noch einmal die Meteorologen zu zitieren: Der Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre setzt sich immer schneller fort. „Jedes Jahr wird es schwieriger, das Problem in den Griff zu bekommen“, erklärte Michel Jarraud, Generalsekretär der Welt-Meteorologie-Organisation, im November. Gletscherschmelze und weniger Schneetage sind nur eine Folge, aber jene, die die Schweiz wohl am stärksten treffen wird. Und natürlich jeden Naturfreund.

PS: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors wird seit Sommer 2011 von seiner Leserschaft finanziert. Noch aber fehlt Geld, um die Recherche auch 2014 unabhängig zu leisten. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER