Klima-Aktionsprogramm: Es grüßt das Murmeltier

In der Staatssekretärs-Runde wird am heutigen Montag in der Bundeshauptstadt das lang angekündigte Klima-Aktionsprogramm verhandelt, mit dem die Bundesregierung doch noch ihr Klimaziel schaffen will: minus 40 Prozent bis 2020 im Vergleich zu 1990. Danach soll das Klima-Aktionsprogramm der Öffentlichkeit vorgestellt werden, ehe es am 3. Dezember vom Kabinett beschlossen werden soll. Wir haben uns das politische Instrument des „Klima-Aktionsprogramms“ einmal angeschaut und seine Wirkung überprüft. Um es vorweg zu nehmen: Es droht ein Fiasko!

Das erste Klima-Aktionsprogramm wurde fast auf den Tag genau vor 19 Jahren angekündigt. Die Nachrichtenagenturen belieferten damals die Redaktionen noch über Telex. AP tickerte am 26. November 1996:

Bundesregierung

Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) erklärte damals: An dem Ziel, den Ausstoß bis zum Jahr 2005 um 25 Prozent zu senken, werde festgehalten. Deswegen ja auch das Klima-Aktionsprogramm.

Und? Hat es was gebracht? Nach den offiziellen Zahlen des Umweltbundesamtes war die Bundesrepublik 2005 für 995 Millionen Tonnen Treibhausgas verantwortlich. Das war nicht ein Viertel weniger, wie von der Aktionsprogramm-Ministerin versprochen. Sondern lediglich 20 Prozent weniger. Aktions- und Programm-Ziel klar verfehlt.

Das zweite Klima-Aktionsprogramm der Bundesregierung wurde im Sommer 2007 notwendig. Der „Zwischenstaatliche Ausschuss über Klimaveränderung“, besser bekannt unter dem Kürzel IPCC, hatte seinen Vierten Sachstandsbericht herausgebracht, mit dem Ergebnis, dass trotz des Kyoto-Protokolls die Treibhausgas-Emissionen immer weiter anstiegen. Auch in Deutschland waren sie wieder gestiegen: Von besagten 995 Millionen Tonnen im Jahr 2005 auf 1.003 Millionen Tonnen im Jahr 2006. Die Regierung von Angela Merkel beschloss deshalb auf einer Klausur im brandenburgischen Städtchen Meseberg ein „Integriertes Klima- und Energie-Paket“. Am 23. August meldete die Nachrichtenagentur AP um 21.31 Uhr – diesmal via Datenleitung:

meseb

Tatsächlich sank der bundesdeutsche Treibhausgas-Ausstoß zunächst. 2009 war endlich das versprochene Viertel erreicht: Der Ausstoß lag um 27 Prozent unter dem im Kyoto-Basisjahr 1990.

Seitdem aber sind die Emissionen von Jahr zu Jahr wieder gestiegen. 2013 war die Bundesrepublik nach UBA-Angaben für 951 Millionen Tonnen Treibhausgase verantwortlich – nicht einmal mehr 24 Prozent unter dem 1990er Niveau. War also nix mit der integrierten Lösung durch das Klima- und Energie-Paket.

Also arbeitet die Bundesregierung wieder an einem Klima-Aktionsprogramm, um das selbst gesteckte Ziel doch noch zu erreichen. Notwendig wäre dafür, dass Deutschland ab sofort jährlich 27 Millionen Tonnen Treibhausgase einspart – so viel, wie ganz Kroatien zu verantworten hat.

Dem Vernehmen nach sollen die Kohlekonzerne verpflichtet werden, 22 Millionen Tonnen Treibhausgase einzusparen. Auch die steuerliche Absetzung der Gebäudesanierung – ein Dauerbrenner zwischen Union und SPD – soll jetzt diesmal wirklich ganz echt kommen. Aber die Umweltverbände, die sich in die Pläne der Regierung vertieft haben, fordern bereits Nachbesserungen.

Scheint so, als ob Aktionsprogramme immer dazu führen, dass die Ziele dann garantiert verfehlt werden.


 

Spiegel Online & Kritik: Schimpfe statt Antworten

Seit dem Wochenende ist der Spiegel-Online-Kollege Axel Bojanowski offenbar wieder da aus dem Urlaub, jedenfalls hat er sich auf seinem Twitter-Account mit drei Nachrichten zu Vulkanen, Erdbeben und Außerirdischen zurückgemeldet:

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Prima, dachten wir, dann können wir das Gespräch von letzter Woche wieder aufnehmen. Denn Bojanowskis Text, in dem er dem Weltklimarat IPCC „Verzerrung“ und „Unterschlagung“ vorgeworfen hatte, war ja nun wirklich nicht „fehlerfrei“ – genau das aber hatte er neulich vollmundig behauptet:

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Wir wollen Ihnen die Antworten Entgegnungen von Axel Bojanowski nicht vorenthalten. Darin teilte er gleich wieder mächtig aus („Claqeure“, „Schmähschrift“, „Lobbyisten“, „töricht“, „infam“, „peinlich“) – und nicht nur gegen uns, sondern nebenbei auch gegen Hermann Ott vom Wuppertal-Institut und den taz-Kollegen Malte Kreutzfeldt, die ebenfalls nach Antworten auf unsere detaillierten Fehlerhinweise zu fragen gewagt hatten.

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Am Ende lässt Bojanowski also sogar den juristischen Hammer gucken …

Seufz. Mal ganz abgesehen davon, ob er mit seinen überaus selbstsicheren Abblockereien richtig liegt oder wir mit unserer Kritik (wovon wir weiter überzeugt sind und worin uns diverse Wissenschaftler/innen in den vergangenen Tagen bestärkten) – der Tonfall ist in jedem Falle ungewöhnlich für einen seriösen Journalisten. Der Kollege ist sehr hart im Austeilen gegen den IPCC, aber höchst schwach im Einstecken. Und noch immer hat Axel Bojanowski zu keinem einzigen unserer Punkte eine inhaltliche Antwort gegeben – jedenfalls haben wir keine erkennen können, weder zu seiner Auswahl der IPCC-Zitate noch zur Übersetzung von „have been attributed yet“ usw. usf.

Schade. Ist das die Fehlerkultur von Spiegel Online?

Aber damit lassen wir es nun bewenden, weitere Kommunikationsversuche werden wohl auch nicht mehr bringen …

Nachtrag, 20:35 Uhr: Wir müssen uns korrigieren – allerdings nur in einem Punkt. Nach Erscheinen dieses Textes meldete sich Herr Bojanowski nochmal auf Twitter zu Wort und wollte – nun ganz schnell – über die Kritik sprechen. Und zwar öffentlich. Das finden wir natürlich prima. Mal schauen, ob es wirklich dazu kommt. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors wird seit 2011 von seiner Leserschaft finanziert. Noch aber fehlt Geld, um zeitaufwendige Recherchen wie diese auch 2015 unabhängig zu leisten. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


 

Spiegel Online, IPCC & Kritik: Noch ein Update

Grad haben wir gesehen, dass Spiegel-Online-Kollege Axel Bojanowski sich doch nochmal aus seinem Urlaub gemeldet hat. Und zwar mit diesem Tweet:

spon_ipcc_bojatweet21Junge, Junge, der Kollege ist selbstbewusst!

Wir wollen hier nicht nochmal den (ewig langen) Blogpost von gestern wiederholen. Aber, hüstel, wenn sein Text so fehlerfrei ist wie die Korrekturanmerkung unter seinem Text

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Doch die Sache ist zu ernst für kleine Späße. Deshalb wiederholen (und erweitern) wir hier doch zumindest nochmal einen Punkt aus unserer Detailkritik von gestern (zu keinem unserer Kritikpunkte haben sich, soweit wir es überblicken, Axel Bojanowski oder seine Redaktion inhaltlich geäußert). Keine Angst, dieser Text ist kürzer und auch für Laien verständlich ;)

Also, an einer Stelle des Spiegel-Online-Artikels, ziemlich am Ende, heißt es:

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Wir hatten vermutet, dass dies die Übersetzung einer gekürzten Aussage von Seite 14 des Syntheseberichts ist, Bojanowski bestätigt es durch die nachträglich eingefügte Seitenzahl. Das Original lautet so (klicken Sie auf den Ausriss, um ihn zu vergrößern):

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Wir hatten gestern schon geschrieben, dass Bojanowskis Übersetzung schlicht falsch ist. Und als Ursache vermutet, dass der Kollege den Unterschied zwischen den Verben „attribute“ und „contribute“ nicht ganz verstanden hat (beziehungsweise deren Verwendung durch den IPCC), also zwischen „kann darauf zurückgeführt werden“ und „trägt dazu bei“. Zweifellos korrekt wäre die von Bojanowski verwendete Phrase „hat eine Rolle gespielt“, wenn im Original „contribute“ gestanden hätte. Stand da aber nicht.

(Die Feinheiten von „Attribution“, also der Zuschreibung von Wirkungen des Klimawandels, sind natürlich diffizil – wie sollte es bei Wissenschaft anders sein. Die Arbeitsgruppe 2 des IPCC hat zum Thema „Attribution“ ein ganzes Kapitel geschrieben, 59 eng bedruckte Seiten ist es lang, hier als PDF zum Herunterladen. Denn streng genommen ist es natürlich so, dass keine einzige Veränderung der Welt zu hundert Prozent auf den Klimawandel zurückgeführt werden kann – er findet ja nicht im luftleeren Raum statt und die Welt ist komplex. Der IPCC unterscheidet zwischen „major role“ und „minor role“, und formal korrekte Attributions-Studien sind eine Wissenschaft für sich. Wir empfehlen Axel Bojanowski dieses Kapitel 18 als Urlaubslektüre.)

Aber noch etwas ganz anderes ist verkehrt an dieser Textstelle, wirklich falsch. Selbst wenn wir die Ungenauigkeit bei der Übersetzung von „attribute“ und „contribute“ beiseite lassen und uns hier auf die Rolle-gespielt-haben-Formulierung von Bojanowski einlassen, dann bleibt doch dieser Punkt:

Was der IPCC im Synthesebericht wirklich sagt, ist: „Nur beim Aussterben weniger Arten konnte bislang nachgewiesen werden, dass der Klimawandel eine Rolle gespielt hat.“

Der Satz in seinem Artikel lässt offen, ob es bei anderen ausgestorbenen Arten überhaupt untersucht wurde. Ob bei ihnen andere Gründe als der Klimawandel wichtiger waren für das Aussterben. Oder ob es bisher aus irgendwelchen Gründen nicht hinreichend zweifelsfrei gelang, die große oder kleine Rolle des Klimawandels wissenschaftlich exakt nachzuweisen. Oder, oder, oder.

Bojanowski aber übersetzt, der IPCC halte es nur bei wenigen ausgestorbenen Arten für möglich („könnte“), dass der Klimawandel eine Rolle gespielt hat. Und das ist, lieber Kollege Bojanowski, jedenfalls alles andere als fehlerfrei. Man könnte es auch eine Verzerrung nennen. Sieht so Wissenschaftsjournalismus à la Spiegel Online aus?

P.S.: Wie die Geschichte weiter- und ausgeht, lesen Sie hier.


 

Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update

Hoppla, das ging aber schnell: Nachdem gestern unser Text erschienen war, hat Axel Bojanowski seinen Artikel auf Spiegel Online nachgebessert ergänzt. Er nennt darin nun Seitenzahlen, um seine Vorwürfe gegen den IPCC überprüfbar zu machen (zumindest für Leute, die sich wirklich der Mühe unterziehen, in die englischsprachigen Fachkapitel des Fünften Sachstandsberichts einzutauchen). Wir hatten ja in unserem Text und zuvor schon per Tweet genau darum gebeten – aber natürlich waren nicht wir der Grund für die Ergänzung (die Bojanowski nicht „Nachbesserung“ genannt wissen will). Sondern „Forscher“, wie Axel Bojanowski auf Nachfrage twitterte:

spon_ipcc_bojatweet2Hier übrigens der ganz neu in den Artikel eingefügte Absatz:

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Hm, die nun plötztlich erwähnte Zusammenfassung des Synthesereports („Summary for Policymakers“) kam in der ersten Fassung seines Artikels gar nicht vor. Vielleicht hat der Kollege gemerkt, dass seine Kritik den eigentlichen Synthesebericht doch nicht so richtig trifft? Wir wundern uns auch ein bisschen, dass er diese Textänderung seinen Lesern gegenüber nicht transparent macht. In der kleingedruckten Anmerkung unter seinem Artikel ist komischerweise nur von den Seitenzahlen die Rede…

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Aber okay, einer der vier Punkte aus unserer Analyse von gestern – fehlende Quellenangaben – hat sich damit erledigt. Auf die drei anderen Kritikpunkte jedoch hat Axel Bojanowski noch gar nicht geantwortet, jedenfalls nicht inhaltlich. Auch nicht auf Nachfrage des taz-Redakteurs Malte Kreutzfeldt:

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Spätabends twitterte Bojanowski dann, dass er in Urlaub sei.

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Na, dann wünschen wir doch einen schönen Urlaub! Danach ist Axel Bojanowski sicherlich prima erholt und kann dann mit frischem Elan unsere inhaltlichen Kritikpunkte beantworten.


Nachtrag, 14:15 Uhr:
Huch, Axel Bojanowski hat sich aus dem Urlaub gemeldet – ein weiteres Update lesen sie hier.

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Spiegel Online: Verzerrung und Unterschlagung

Als am vergangenen Sonntag der Weltklimarat IPCC in Kopenhagen den Schlussband seines Fünften Sachstandsberichts, den sogenannten Synthesereport, zur Klimaforschung vorstellte, war das natürlich ein Top-Thema für die Weltmedien. Die New York Times titelte:

nyt_ipccBei der BBC lautete die Schlagzeile:

Die Wirtschaftsnachrichtenagentur Reuters, die über den Verdacht eines „Klima-Alarmismus“ erhaben ist, formulierte ihre Überschrift so:

spon_ipcc_reuters„Krasse Klimawarnung“, „Abschied von den Fossilen“, „Klimaschutz bezahlbar“, so der Tenor. Spiegel Online jedoch – seinem eigenen Anspruch zufolge immerhin „die führende Nachrichten-Site im deutschsprachigen Internet: schnell, aktuell, präzise und hintergründig“ – machte das Thema ganz anders auf:

spon_ipcc_sponOha, da hatte Spiegel-Online-Redakteur Axel Bojanowski eine weltexklusive Story ausgegraben! So was müssen wir uns genauer anschauen. Erst recht, wo dieser Text – soweit wir gesehen haben – der einzige überhaupt auf Spiegel Online zum gesamten Synthesebericht war. Wenn ein seriöser Wissenschaftsredakteur und eine ernstzunehmende Redaktion so etwas tun, müssen sie ordentlich was in der Hand haben. Oder?

Achtung, liebe Leserschaft: Der folgende Text wird lang und detailreich und taucht in englischsprachige IPCC-Texte ein, aber das geht leider nicht anders. Wir bitten schon jetzt um Nachsicht und Geduld. Sie können natürlich auch gleich ganz nach unten zum Fazit springen …

Am Beginn und gaaaanz am Ende des Artikels berichtet Spiegel Online immerhin über ein paar Kernergebnisse des Reports, zitiert IPCC-Chef Rajendra Pachauri und Umweltministerin Barbara Hendricks. Aber das bildet nur den Rahmen für – wie die Überschrift ja ankündigt – eine brisante Enthüllung:

spon_ipcc_zitat1Ui, „Verzerrung“ und „Unterschlagung“ – massive Vorwürfe sind das, erst recht wenn es um ein Gremium geht wie den IPCC, der ja laut seiner Statuten strengster Wissenschaftlichkeit verpflichtet ist. Womit belegt Axel Bojanowski seinen ehrenrührigen Vorwurf? Der Ausriss oben deutet es bereits an, der Kollege zieht dazu IPCC-Aussagen über einen kleinen Teilaspekt des Klimawandels heran, nämlich dessen mögliche Folgen für das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten.

Die Struktur seines Textes wirkt ganz eindrucksvoll. Viermal referiert Bojanowski eine Aussage aus dem Synthesereport – und stellt ihr jeweils Aussagen der IPCC-Langberichte gegenüber. Leider bestehen die Gegenüberstellungen aus indirekten Zitaten, und es werden auch keine Angaben gemacht, wo genau in dem insgesamt rund 5.000-seitigen IPCC-Bericht sich das jeweilige Zitat findet. Deshalb konnten wir an manchen Stellen nur mutmaßen, auf welche IPCC-Textstelle sich der Artikel bezieht, manches haben wir überhaupt nicht gefunden, sorry.

Nun aber Vorhang auf für Axel Bojanowskis Vorwurf Nummer 1:

spon_ipcc_zitat2Die Aussage zum Synthesebericht stammt offenbar aus Abschnitt 2.3 oder 3.2 (in diesem PDF auf Seite 25, Mitte bzw. Seite 34, Mitte). Jedenfalls finden sich an diesen Stellen Aussagen zum Thema Artensterben und Vier-Grad-Erwärmung (was, wohlgemerkt, bereits das Doppelte dessen wäre, was wissenschaftlich und politisch zum Limit des gerade noch Erträglichen erklärt wurde).

Dagegen setzt Spiegel Online eine Passage, mit der wohl ein Teil von Kapitel 4.3.2.5.6 der IPCC-Arbeitsgruppe II referiert wird (in diesem PDF zu finden auf Seite 300, rechts unten). Dieses Unterkapitel behandelt sehr detailliert den Forschungsfortschritt in Sachen Artensterben seit dem letzten Sachstandsbericht (AR4). Das Unterkapitel ist – wie auch der Gesamtbericht – wirklich lesenswert, denn Ton und Ausführlichkeit geben einen Eindruck davon, wie viel Mühe sich die IPCC-Autoren mit ihrer Arbeit machen (aber klar, wer liest schon eng bedruckte Seiten eines englischen Fachtexts?). In der Mitte dieses Unterkapitels findet sich tatsächlich die Aussage, die Axel Bojanowski wiedergibt – allerdings hat er diesen Halbsatz weggelassen:spon_ipcc_ar5zitat1Hier wird also noch erwähnt, dass wegen der Unsicherheiten von Computermodellen zur künftigen Artenentwicklung (und nicht wegen der Unsicherheit von Klimamodellen, wie Bojanowski schreibt) die Risiken des Artensterbens sowohl unter- als auch überschätzt worden sein könnten. Die Fachleute weisen also selbst darauf hin, dass die Unwägbarkeiten auch zu einer Verharmlosung der Gefahr führen könnten. Dies hätte man als Spiegel-Online-Leser schon auch gern erfahren.

Zudem werden in diesem Unterkapitel – vor und nach dem von Bojanowski ausgewählten Zitat – sehr sorgsam Details und Bewertungen der Modellrechnungen erörtert. In den zwei Absätzen just vor der Stelle, aus der Spiegel Online sein Zitat herausgepickt entnommen hat, heißt es beispielsweise:

spon_ipcc_ar5zitat2Und:

spon_ipcc_ar5zitat3Im Klartext: Der Langbericht betont, dass man wegen der substanziellen Unsicherheiten der Modelle seriöserweise keine exakten Zahlen für das Aussterberisiko angeben könne – jedoch bestehe über die grundsätzliche Erkenntnis große Sicherheit: Dass das Aussterberisiko zum Ende des 21. Jahrhundert steigt und der Klimawandel zu diesem Ansteigen beiträgt. Und nichts anderes sagt der Synthesereport. Wir können da echt keine Verzerrung oder Unterschlagung erkennen. Spiegel Online versucht hier also eine Aussage im Synthesereport zum grundsätzlichen Aussterberisiko durch eine Passage aus dem Langreport zu widerlegen, die etwas zum genaueren Beziffern des Risikos sagt. Ei, ei.

Weiter im Bojanowski-Text, hier sein Vorwurf Nummer 2:

spon_ipcc_ar5zitat4Die Aussage zum Synthesebericht stammt wohl aus Abschnitt 1.3.2 oder 2.3.1 (in diesem PDF auf Seite 14, Mitte bzw. 25, unten). Dagegen setzt Axel Bojanowski eine Passage, deren Basis im Langbericht wir trotz ausgiebigen Suchens nicht finden konnten. Sie stehe im Teilband 1, schreibt Bojanowski. Dieselbe Allgemeinantwort twitterte Kollege Bojanowski auf eine Frage von uns. Die genaue Fundstelle nannte er leider nicht.

spon_ipcc_bojatweetDieses Zitat konnten wir deshalb leider nicht nachprüfen, wir haben es im dicken Berichtsband der IPCC-Arbeitsgruppe 1 schlicht nicht gefunden. Was wir stattdessen im Band 2 gefunden haben, ist diese klare Aussage im dortigen Fachkapitel 4.2.3 über „paläo-ökologische Indizien“ zu Entwicklungen von Ökosystemen (in diesem PDF zu finden auf Seite 280, linke Spalte):spon_ipcc_ar5zitat5spon_ipcc_ar5zitat6Hier zählt also ein Fachkapitel des IPCC-Reports reihenweise Beispiele aus der Erdgeschichte auf für massenhaftes Artensterben infolge klimatischer Veränderungen.

Wie gesagt, wir haben keine Ahnung, auf welches Fachkapitel Axel Bojanowski sich in seiner Aussage stützt. Aber vielleicht lässt sich sein Vorwurf auch ganz einfach auflösen: Sind Ihnen die unterschiedlichen Zeitskalen in der Gegenüberstellung von Spiegel Online aufgefallen? Da wird eine Aussage des Synthesereports zu „Klimawandel-Ereignissen während der vergangenen Millionen Jahre“ kontrastiert mit einem (von uns nicht nachvollziehbaren) Zitat zu „Daten der vergangenen Jahrhunderttausenden“. Womöglich gab es während dieser kürzeren Zeitspanne tatsächlich keine „größeren klimabedingten Artensterben“, wie Bojanowski schreibt. Jedenfalls widerlegt eine Feststellung zu Jahrhunderttausenden doch nicht die Aussage des Syntheseberichts für Jahrmillionen!? Komisch, mit Zeitskalen sollte sich der studierte Geologe Axel Bojanowski eigentlich auskennen …

Auch von diesem zweiten vermeintlichen Nachweis von IPCC-Alarmismus bleibt in unseren Augen bei genauer Betrachtung nicht viel übrig. Ist der nächste Vorwurf substanzieller, also die Nummer 3?

spon_ipcc_ar5zitat7Keine Ahnung, wie es Ihnen geht – wir jedenfalls können bei diesem „Vorwurf“ bereits ohne Kontrollblick in die Originalquellen kaum etwas von der behaupteten Widersprüchlichkeit erkennen. Spiegel Online zitiert hier ziemlich allgemeine Aussagen aus dem Synthesereport, nämlich grundsätzliche Feststellungen dazu, welche Klimaphänomene genau es sind, die ein Aussterben von Arten auslösen können; weiterhin wird sehr vorsichtig davon gesprochen, dass „manche Arten“ in der Arktis und in Korallenriffen schon bei einer Erwärmung um zwei Grad gefährdet sind. Aus den Fachkapiteln referiert Bojanowski wohl wieder die von uns oben bereits angeführten IPCC-Aussagen, dass Detailvorhersagen zum Risiko des Artensterbens für schwierig gehalten werden. Sorry, wo genau soll der Synthesebericht hier etwas „unterschlagen“ und „verzerrt“ wiedergegeben haben?

Ganz im Gegenteil scheint eher Spiegel Online etwas zu unterschlagen. Das Eingangszitat aus dem Synthesebericht geht nämlich noch weiter. Der vollständige Satz sagt (nachzulesen in diesem PDF auf Seite 26 oben), dass Artensterben angetrieben würden von den genannten Klimaphänomenen (Erwärmung, schrumpfende Flüsse et cetera) und dem Zusammenwirken dieser Phänomene mit anderen menschlichen Einflüssen, beispielsweise Überfischung, Umweltverschmutzung und so weiter. Der IPCC stellt also schon in seinem Synthesebericht klar heraus, dass das zunehmende Risiko des Artensterbens nicht allein auf den Klimawandel zurückgeht. Und das soll alarmistisch sein? Eher wirkt die Spiegel-Wiedergabe des Synthesereports durch die Verkürzung des Zitats alarmistisch.

Schließlich der Vorwurf Nummer 4, der letzte von Spiegel Online:

spon_ipcc_zitat8Auch hier fragen wir uns bereits beim Lesen und ohne Blick in die IPCC-Texte, wo die skandalösen Widersprüche sein sollen. Der Synthesereport wird hier mit der Aussage zitiert, dass der Klimawandel beim Aussterben „nur weniger“ Arten „eine Rolle“ gespielt haben „könnte“ – wohlgemerkt, Konjunktiv! Und der folgende Satz sagt doch eigentlich dasselbe!? Nur halt in einer Umkehrung: Es bestehe „geringes Vertrauen“ in die Aussage, „dass“ bereits „einige Arten“ dem Klimawandel zum Opfer gefallen sein könnten. Also: Das Statement „vielleicht nur bei wenigen“ ist doch dasselbe wie „Zweifel daran, dass bei einigen“, oder? Wo ist hier die Unstimmigkeit? Kann uns das bitte jemand erklären? Wer hat im Logikseminar an der Uni nicht aufgepasst, wir oder die Kollegen von Spiegel Online?

Rhetorisch vielleicht hübsch, aber logisch ebenfalls schwach ist auch der nächste Satz: Hier wird – in triumphierendem Ton – das Wiederauftauchen einer Schneckenart vermeldet. Aber was wäre überhaupt eine Aussage, die durch ein Wiederauftauchen falsifiziert würde? Hat der IPCC je behauptet, diese Schnecke sei ausgestorben? Und dass der Klimawandel die (einzige) Ursache dafür sei? Wir haben keinen Beleg dafür gefunden. Falls es einen gibt, mailen Sie uns bitte: hinweise@klima-luegendetektor.de. Schließlich der letzte Satz dieser Passage über andere Gründe des Artensterbens – die tauchen, wie wir bereits oben unter Punkt 3 geschrieben haben, sehr wohl im Synthesebericht auf (siehe nochmal dieses PDF, Seite 26 oben). Nur ist dies halt beim Zitieren durch Spiegel Online rausgefallen.

Aber es kommt noch toller.

Schaut man zu diesem Vorwurf schließlich doch in die IPCC-Originaltexte, dann bekommt man den Eindruck, dass Axel Bojanowski gar nicht verstanden hat, worüber er die ganze Zeit schreibt. Nämlich dass es (nicht nur beim Artensterben) einen wesentlichen Unterschied gibt zwischen der wissenschaftlichen Aussage „der Klimawandel könnte eine Rolle gespielt haben“ und der Zuschreibung „durch den Klimawandel“. Beziehungsweise zwischen den englischen Verben „contribute“ und „attribute“. Im ersten Fall geht es darum, ob der Klimawandel zum Artensterben beiträgt, also eine Ursache“ dafür ist – im zweiten jedoch darum, ob das Artensterben auf den Klimawandel zurückgeführt werden kann, ob er also die Ursache“ ist. Der IPCC – es sind ja schließlich Wissenschaftler – ist hier wirklich präzise, wie man sehr schön an diesem Beispielsatz aus der „Executive Summary“ zum Kapitel 4 der IPCC-Arbeitsgruppe 2 sehen kann (in diesem PDF zu finden auf Seite 275, unteres Drittel):

„While there is medium confidence that recent warming contributed to the extinction of some species of Central American amphibians, there is generally very low confidence that observed species extinctions can be attributed to recent climate change.“

Zu Deutsch: „Während mittlere Sicherheit darin besteht, dass die aktuelle Erwärmung zum Aussterben einiger Arten zentralamerikanischer Amphibien beigetragen hat, gibt es generell eine sehr geringe Sicherheit, dass die beobachteten Fälle von Artensterben auf den aktuellen Klimawandel zurückgeführt werden können.“ (Hervorhebungen von uns)

Und was macht nun Axel Bojanowski? Er übersetzt falsch. Jedenfalls haben wir im ganzen Synthesebericht nur einen einzigen Halbsatz gefunden, der ungefähr von dem handelt, was Bojanowski in seinem Vorwurf Nummer 4 referiert – doch schauen Sie mal, wie der Satz des Syntheseberichts im Original lautet (nachzulesen in diesem PDF, Seite 14, Mitte):

„While only a few recent species extinctions have been attributed as yet to climate change (high confidence) …“

Hier ist von „attribute“ die Rede, also von „zuschreiben“. Was aber macht Spiegel Online daraus? „… eine Rolle gespielt haben“ – was die Übersetzung von „contribute“ wäre.

Hat man jedoch den Unterschied zwischen diesen beiden Verben verstanden, lösen sich angebliche Widersprüche zwischen Synthesereport und Fachkapiteln in Luft auf. Kurz gesagt (und übereinstimmend in allen Texten, die wir gefunden haben) lautet die Einschätzung des IPCC: Bereits heute trägt der Klimawandel sicherlich zum Artensterben bei, ist aber wohl für (noch) keinen Fall einer ausgestorbenen Art allein verantwortlich. Zur Zukunft sagt der IPCC: Es kann als sicher gelten, dass der fortschreitende Klimawandel deutliche und negative Folgen für die Artenvielfalt hat – doch wie die exakt aussehen werden, das heißt wie viele Arten wie schnell aussterben und so weiter, das lässt sich (noch) nicht mit Sicherheit sagen.

Was, bitte, ist an dieser Aussage alarmistisch?

Fassen wir zusammen

… für jenen Teil der Leserschaft, der tatsächlich bis hierher durchgehalten hat – oder der gleich hierher gesprungen ist. Bei seiner Attacke auf den IPCC – jedenfalls soweit wir sie nachprüfen konnten – tut Axel Bojanowski viererlei:

  • Sorgfältig gewählte Formulierungen des IPCC übersetzt er unpräzise.
  • Beim Kürzen von IPCC-Zitaten lässt er just solche Details wegfallen, die die Grundthese seines Artikels erschüttern könnten.
  • Er zieht Passagen aus den Fachkapiteln heran, die dem Synthesebericht bei genauer Betrachtung gar nicht widersprechen. Aus Passagen der Fachkapitel, die den Synthesebericht stützen, zitiert sein Text nicht.
  • Quellenangaben zu den (vermeintlichen) Belegen lässt er weg, sodass die ganzen Vorwürfe nur schwer oder gar nicht nachprüfbar sind.

Kein Wunder also, dass Spiegel Online die Story vom alarmistischen IPCC-Synthesebericht weltexklusiv hatte. Anderswo (zum Beispiel hier, hier, hier oder hier) wird längst das Gegenteil diskutiert: ob der IPCC vielleicht in Wahrheit zu konservativ ist – ob also seine Aussagen zum Klimawandel gar nicht „alarmistisch“ genug sind.


Nachtrag, 7. November, 11 Uhr:
Nach Veröffentlichung dieses Textes hat Axel Bojanowski seinen Artikel verändert, ein Update dazu finden Sie hier. Einige Screenshots in diesem Text stimmen deshalb nicht mehr mit dem jetzigen Artikel auf Spiegel Online überein.


P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors wird seit 2011 von seiner Leserschaft finanziert. Noch aber fehlt Geld, um zeitaufwendige Recherchen wie diese auch 2015 unabhängig zu leisten. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


 

Stiftung Warentest: blau-äugig statt blau-englig

Diesmal geht es um die Stiftung Warentest. Und um den Blauen Engel. Zu finden ist das Umwelt-Gütezeichen auf einer Plastiktüte, die die Warentester zur Eigenwerbung einsetzen:

14-05-2014 17-09-38Unsere Leserin Magdalena F. aus Mainz fragt nun: „Plastiktüte + Umweltengel = Objektiv. Unabhängig. Kompetent?“

Gute Frage. Zwar waren die Plastiktüten bei uns auf dem Lügendetektor schon einmal Thema. Aber noch nicht ausgezeichnet mit dem Blauen Engel, der „ersten und ältesten umweltschutzbezogenen Kennzeichnung der Welt für Produkte“, wie es in der Selbstdarstellung des Blauen Engels stolz heißt. Stellt sich also die Frage: Was ist an Plastiktüten der Stiftung Warentest „umweltschutzbezogen“?

„Der Blaue Engel zeichnet die besten Produkte innerhalb einer Produktgruppe aus“, sagt Benjamin Bongardt, Ressourcenpolitik-Chef beim Naturschutzbund Nabu. Allerdings trägt in diesem Fall eigentlich nicht die Tüte den Blauen Engel. „Ausgezeichnet mit dem Blauen Engel ist vielmehr der Altkunststoff, der aus recyceltem Material Ausgangspunkt für neue Produkte ist“, sagt Bongardt, der es wissen muss: Er ist Mitglied der Jury, die den Blauen Engel vergibt.

Moooment! Die Plastiktüte der Stiftung Warentest trägt den Blauen Engel für Ressourcenschutz, weil der Altkunststoff, aus dem die Plastetüte hergestellt wurde, den Blauen Engel trägt? Genau, sagt Benjamin Bongardt: „Ein Plastikeimer, der aus diesem Ausgangsmaterial hergestellt wird, könnte genauso den Blauen Engel tragen wie die Plastiktüte“. In der Vergabegrundlage für den Blauen Engel heißt es über Produkte aus Recycling-Kunststoffen: „Ferner können Palisaden, Zäune, Rasengitter sowie Kompostsilos und Komposter das Umweltzeichen erhalten.“

Was bei Plastikeimern, Zäunen und Silos irgendwie noch nachvollziehbar ist, wirkt bei der Wegwerftüte der Stiftung Warentest grotesk: Wieso schont eine Plastiktüte die Ressourcen, wenn sie doch nur im Müll landet? Schließlich werden in Deutschland pro Kopf und Jahr durchschnittlich 65 Plastiktüten verbraucht, die Lebensdauer liegt statistisch knapp über 20 Minuten. Bundesweit führt das zu einer Nutzung von 5,3 Milliarden Plastiktüten im Jahr oder 10.000 Tüten pro Minute. Deutschland gehört neben Italien, Spanien und Großbritannien damit zu den Weltmeistern beim Plastiktütenverbrauch. Was also ist „umweltschutzbezogen“ an Plastiktüten der Stiftung Warentest?

Folgende Antwort der Stiftung Warentest erreichte uns:

Antwort
Weiter heißt es in der Antwort: „Wir haben die Auswahl der Tragetaschen mit dem Ziel vorgenommen, eine möglichst geringe Umweltbelastung zu erzeugen. Mehrere Ökobilanzen zeigen beim Vergleich von Tragetaschen aus unterschiedlichen Materialien ganz eindeutige Vorteile für eine Kunststofftragetasche aus Polyethylen oder Polypropylen. Die alternative Stofftragetasche „rechnet“ sich aus Umweltsicht erst, wenn sie sehr oft wiederverwendet wird (also jeweils eine neue, andere Tragetasche ersetzt). Eine so häufige (Größenordnung: 100 Mal) Wiederverwendung kann u.E. nicht angenommen werden, sodass wir uns für die Kunststoffvariante entschieden haben.“

Das auf Ökobilanzen spezialisierte Schweizer Forschungsinstitut Empa hat berechnet, dass der ökologische Vorteil einer Baumwolltragetasche gegenüber der Warentest-Tüte tatsächlich erst nach dem 83. Mal tragen eintritt. Würde man allerdings recycelte Baumwolle benutzen, wäre der Vorteil schon nach wenigen Malen eingetreten. Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe bringt außerdem die Klimabilanz ins Spiel: „Auch der komplette Einsatz von Recyclingmaterialien für Einweg-Plastiktüten kann die CO2-Emissionen nur bis zu 45 Prozent reduzieren, aber den negativen Umwelteffekt nicht kompensieren. Für ein Kilogramm Polyethylen-Recyclingmaterial entstehen immerhin noch 0,85 Kilo CO2-Äquivalent.“

Fischers Fazit: „Wer Verbrauchern Einweg-Plastiktüten empfiehlt, auch wenn sie aus Recyclingmaterial bestehen, unterstützt den unreflektierten und massenhaften Gebrauch von kurzlebigen Produkten.“ Und ist damit weder „objektiv“, „unabhängig“ noch „kompetent“.

Danke an Magdalena F. aus Mainz für den Hinweis!

 

Stahlbranche: Dünne Replik

Zuletzt hatten wir uns vor der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes – zum wiederholten Male – mit der Anti-EEG-Kampagne der Stahllobby befassen müssen. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl fühlte sich danach bemüßigt, auf ihrem eigenen Blog eine „Replik“ zu veröffentlichen. Diese beginnt so:

stahl_replik1

Nun lernen wir ja immer gern hinzu. Aber dieser Text, na ja, war dazu nur begrenzt geeignet.

Zur Erinnerung: Unsere erster Hauptkritikpunkt war (und ist), dass die Stahlbranche über eine hohe Ökostrom-Umlage zetert, obwohl sie selbst weitgehend davon befreit ist. Liefert die „Replik“ dazu irgendwelche Fakten? Nein, finden wir.

Die dortige Argumentation sieht zum Beispiel so aus:

stahl_replik2

Fällt Ihnen etwas auf? Die Stahllobby schreibt, mit wie vielen Milliarden die gesamte Industrie zur Finanzierung der Energiewende beiträgt. Aber sie sagt nicht, wie groß der Anteil ihrer eigenen Branche ist. Sie schreibt, dass ein „beträchtlicher Teil“ ihres Stromverbrauchs, vor allem in der Stahl-Weiterverarbeitung, nicht von der Mindestumlage profitiert. Aber sie sagt nicht, wie hoch dieser Anteil genau ist. Sie erwähnt zwar, dass sie eine Mindestumlage zahle. Aber sie nennt den Betrag nicht.

Wir hingegen hatten es in unserem Ursprungstext getan. Die Gesamtpassage, aus der sie selektiv zitiert, lautete nämlich:

stahl_replik3Wer spart hier mit konkreten Fakten?

Unser zweiter Kritikpunkt war: Die Stahlbranche betreibt Hochstapelei. Mit Verweis auf ihre – zugegeben sinnvolle! – Praxis, Abgase aus Hochöfen zur Energieerzeugung zu nutzen, verteidigt sie das gesamte „Eigenstromprivileg“ im EEG. Es besagt, dass Strom, den die Industrie für sich selbst erzeugt, von der EEG-Umlage befreit ist. Gegen diese Regelung haben wir wenig einzuwenden. Nur wurde sie eben in den vergangenen Jahren immer häufiger missbraucht, indem Industriebetriebe fremde (Kohle-)Kraftwerke anmieteten und so plötzlich für den von dort bezogenen Strom das „Eigenstromprivileg“ geltend machten.

Welche Fakten liefert die Stahlwirtschaft hierzu in ihrer „Replik“? Sie erklärt, diese Praxis sei in ihrer Branche nicht üblich. Sie selbst erzeuge tatsächlich „fast“ all ihren Eigenstrom aus Kuppelgas und anderen Restenergien. Und man habe damit schon in den 1930er Jahren angefangen.

Das mag so sein, wir wollen uns auch gar nicht an dem Wort „fast“ aufhängen, mit der die Stahllobby eine unauffällige Hintertür in ihre Argumentation eingebaut hat. Fakt bleibt: Die neun Terawattstunden Eigenstrom, die die Stahlbranche aus Kuppelgas erzeugt, sind nur „ein kleiner Teil des Eigenstroms, mit dem sich die deutsche Schwerindustrie aus dem EEG herausstiehlt“. Die Gesamtmenge beträgt nämlich circa 50 Terawattstunden (wie – neben vielem anderen Interessanten – in einem Hintergrundpapier des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW, nachzulesen ist).

Mehr als 80 Prozent des privilegierten Eigenstroms der Industrie kommen eben nicht aus Kuppelgasen. Wäre die Stahllobby ehrlich in ihrer Argumentation, könnte sich sich selbst gern loben – müsste aber die Managerkollegen in anderen Branchen für weniger klimafreundliches Handeln kritisieren. Das tut sie natürlich nicht, getreu dem alten Sprichwort: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Stattdessen hackt sie lieber und immer wieder auf dem EEG herum.

Ach so, zum Schluss noch ein Fakt aus dem erwähnten DIW-Papier. Die Wissenschaftler haben mal ausgerechnet, wie sich in den vergangenen Jahren die Ökostrom-Umlage entwickelt hätte, gäbe es die lukrativen Ausnahmen für die energieintensive Industrie nicht. Das Ergebnis sieht so aus:

stahl_replik4Seit fünf Jahren ist demnach der Anstieg der so vielgeschmähten Ökostrom-Umlage zu einem wesentlichen Teil auf die Industrieprivilegien zurückzuführen. Die Stahlbranche könnte dankbar dafür sein. Oder genießerisch schweigen, weil gerade Großverbraucher vom deutlichen Rückgang der Strom-Großhandelspreise profitieren, die der Ausbau von Wind- und Solarenergie mit sich bringt. Aber nein, stattdessen macht sie immer weiter Front gegen das EEG und die Energiewende.


 

Eon: Der Zukunft hinterherhinken

Neuester Schrei in der Konzernkommunikation sind die sozialen Medien. Wobei etliches, was auf Facebook publiziert wird, oder manch „Scheißsturm“ bei Twitter eigentlich die Bezeichnung „asozial“ verdient hätte. Aber sei es drum, die Konzernkommunikation von Eon fand es eine gute Idee, mit folgendem „empfohlenen Beitrag“ – wie Werbung bei Facebook heißt – auf Sendung zu gehen:

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Wie kommt man bei Windstille zu Strom? Komische Frage – ausgerechnet von Eon. Na, aus Atomkraftwerken von Eon zum Beispiel. Oder aus den Eon-Kohlekraftwerken.

Beide sind bekanntlich weder “intelligente Lösungen“ noch die „Energiezukunft“, wie es im Anreißer der Werbung heißt: Statt nach der intensiv zu suchen, hatte der größte Energiekonzern Europas jahrelang lieber all seine Energie in die Lobby-Arbeit für die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke gesteckt oder ins Anschalten illegal gebauter Kohle-Blöcke.

Aber seien wir nicht so voreingenommen und gönnen Eon den Klick. Denn darum geht es in der Internet-Werbewirtschaft, um Klicks: Was empfehlen uns denn die Werbeexperten des Fossilkonzerns auf die Frage, was passiert, wenn der Wind nicht weht?

Nichts Geringeres als die Zukunft:

eon

Abgebildet ist die Nordsee-Insel Pellworm. Weil es hier weder Kohle- noch Atomkraftwerke gibt, wurden 1983 auf dem 37 Quadratkilometer großen Eiland 17.568 Solarmodule vom Typ AEG PQ 10-20 an Netz gebracht und ein – heute museal anmutendes – Windrad Enercon-E-33 aufgebaut. Zukunfsfreundliche Stromversorgung, die gibt es für die 1.200 Pellwormer schon länger, als es Eon gibt – seit über 30 Jahren.

Aber natürlich ist auch auf der Insel der Stromverbrauch gestiegen. Und dann kommen immer mehr Touristen. Zwar gibt es für den Fall, dass es Nacht ist und der Wind nicht bläst, ein Untersee-Kabel zum stromversorgenden Festland. Seit 2013 aber gibt es das Projekt „Smart Region Pellworm“Die Schleswig-Holstein Netz AG erprobt hier gemeinsam mit der Fachhochschule Westküste, dem Fraunhofer-Institut, der Saft Group und der Aachener Universität RWTH, wie sich Strom speichern lässt. Die Pellwormer sollen im Kleinen testen, was irgendwann für alle Wirklichkeit werden soll: Ohne Atom- und Kohlestrom auszukommen, regenerativ und dezentral. Finanziell unterstützt wird das Projekt vom Bundeswirtschaftsministerium, Eon stellt die Batterien.

So weit die Fakten. Im zur Kampagne gehörenden Eon-Werbespot brüstet sich Eon dafür: „Schon heute können wir ein ganzes Gebiet zuverlässig mit Erneuerbarer Energie versorgen“.

Schon heute?

Liebe Werbe-Leute von Eon: Kann ja sein, das euer Konzern damals beim Installieren der Pellwormer Autark-Systeme nicht dabei war. Eon hat die Zukunft glatt verschlafen. Die Zukunft der Erneuerbaren hat nämlich schon vor Jahren begonnen!

Vielen Dank für den Hinweis an Kathrin K. aus Erlangen!


 

Gabriel-Ministerium: 809.039,35 Euro für die EEG-Kampagne

Wenn Sie regelmäßig Leserin oder Leser dieses Watchblogs sind, ist Ihnen das Procedere geläufig: Der Klima-Lügendetektor veröffentlicht eine Recherche, unser „Mutterblatt“ klimaretter.info weist dann auf diese in seinem Aufmacher hin.

Heute ist es einmal andersrum. Die Kollegen haben vermeldet, dass das Bundeswirtschaftsministerium ein Viertel seines Jahresbudgets für Öffentlichkeitsarbeit in die Werbung für die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes gesteckt hat. In jene, die gerade Thema auf dem Detektor war:

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Genau 809.039,35 Euro investierte demnach das Gabriel-Ministerium, um seine eigene Arbeit zu lobhudeln. Allein 548.000 Euro seien für Anzeigen in überregionalen Zeitungen und Publikumszeitschriften ausgegeben worden. Quelle ist eine Kleine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Caren Lay, die auch verbraucherpolitische Sprecherin der Linken ist: „Das Geld wäre bei denen, die ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können, besser angelegt“, sagte Lay.

Nach Ansicht der Verbraucherzentralen ist die Reform ein Fiasko für Verbraucher. Denn die Strompreise für private Haushalte blieben bei der EEG-Reform unbeachtet, kritisierte ihr Bundesverband. Stattdessen müssten die Verbraucher die Rabatte der Industrie von rund 5,1 Milliarden Euro zahlen. Unternehmen aus mehr als 200 Branchen, die als besonders wettbewerbsintensiv gelten und einen bestimmten Stromkostenanteil an ihrer Wertschöpfung nachweisen können, zahlen nur 15 Prozent der Umlage.

Ins Gesetz geschrieben hatte das Wirtschaftsministerium dagegen eine Belastung für Eigenstromnutzer. Wer beispielsweise den Strom aus einer Solaranlage vom Dach selbst zum Kochen oder Waschen nutzen will, muss künftig 30 Prozent der EEG-Umlage zahlen, bis 2017 steigt der Anteil auf 40 Prozent. Ausgenommen sind nur Anlagen bis zehn Kilowatt Nennleistung, also die typischen Solaranlagen auf Eigenheimen. Für alle anderen – Supermärkte beispielsweise oder kleine Firmen, die sich eine Anlage zur Selbstnutzung aufs Dach setzen wollten – wird die Eigenstromnutzung wirtschaftlich nicht mehr attraktiv. Unter anderem deshalb sah unser Urteil zu Gabriels EEG-Reform so aus:

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Avacon: Bisschen grün waschen

Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist zuweilen äußerst zwiespältig. Ein Leser schickt uns seine Anfrage, wir prüfen – und finden keine Lüge. Das ist natürlich schön für das Produkt, die Firma oder das Klima. Für uns aber bedeutet das: Wieder mal umsonst gearbeitet. Wir schicken dann dem Leser unsere Erkenntnis, publizieren diese aber nicht auf unseren Seiten, denn auf dem Klima-Lügendetektor sind eben nur die Lügner zu finden.

Wie schwer das manchmal ist, lässt sich gut an jenem Beispiel illustrieren, dass uns ein Leser jüngst eingeschickt hat:

avacon

Die Avacon AG  ist einer der größten regionalen Strom- und Gasnetzbetreiber in Deutschland. Die Mehrheit des Avacon-Konzerns gehört Eon – 63,3 Prozent –, den Rest der Aktien teilen sich diverse Kommunen im Vertriebsgebiet zwischen Elbe und Elde, zwischen Frankfurt am Main und Schleswig-Holstein. Die Eon-Tochter wirbt damit, „den Anschluss an die Energie von morgen“ zu realisieren.

… Moment mal: Eon versucht doch gerade in Datteln sein längst überfälliges Steinkohle-Kraftwerk mit der Energie von gestern ans Netz zu bekommen?

Klarer Recherchefall für den Klima-Lügendetektor! Im Kleingedruckten heißt es in der Anzeige weiter:

avac

Nun ja: Die Eon-Tochter Avacon muss Solaranlagen, Windräder und Co. ans Netz anschließen, dazu hat der Gesetzgeber Netzbetreiber wie Avacon verpflichtet. Avacon muss heute schon die nötige Infrastruktur schaffen, „um die Region mit der Kraft der Sonne zu versorgen“ – auch das ist Gesetzesauftrag an den Netzbetreiber. Daraus eine positive Werbeaussage zu machen – Chapeau! Gelogen ist das zumindest nicht.

„Mehr zum Thema Energiewende: www.avacon.de“ – der Netzbetreiber bietet online den Solar-Dachatlas des Zweckverbandes Großraum Braunschweig (ZGB) an, Tipps für „Einspeiser“ und eine lächelnde Frau vor einer Rohrleitung, auf der „Biogas“ steht. Also wieder einmal umsonst gearbeitet?

Es bleibt die Frage, welcher Strom heute eigentlich durch die „Netze mit neuer Energie“ fließt. „Avacon verkauft selbst ja keinen Strom, wir sind reiner Netzbetreiber“, sagt Unternehmenssprecherin Kirsten Fricke. Aber der Strom sei zu 90 Prozent grün: „In unserem Vertriebsgebiet gibt es sehr viele Windräder, aber kaum Kohlekraftwerke.“

Sie sehen, liebe Leserinnen und Leser, es scheint so, als ob wir uns schon wieder einmal die Mühe umsonst gemacht haben. Avacon verdient Geld mit grünem Strom. Und schaltet grüne Anzeigen. Wunderbar!

Wunderbar? „Der Bilanzgewinn für das Jahr 2012 beläuft sich auf 103.905.000 Euro“, teilt uns der Konzern mit. 63,3 Prozent von dem, was nicht reinvestiert wird, ging an den Besitzer Eon. Und der nutzte das feine Avacon-Geld, um damit neue Kohlekraftwerke, beispielsweise das Steinkohlekraftwerk in Datteln, zu bauen. Das bedeutet natürlich alles andere als

avacon1So etwas nennt man „Greenwashing“. Und das ist genau unser Thema.