Eon: Der Zukunft hinterherhinken

Neuester Schrei in der Konzernkommunikation sind die sozialen Medien. Wobei etliches, was auf Facebook publiziert wird, oder manch „Scheißsturm“ bei Twitter eigentlich die Bezeichnung „asozial“ verdient hätte. Aber sei es drum, die Konzernkommunikation von Eon fand es eine gute Idee, mit folgendem „empfohlenen Beitrag“ – wie Werbung bei Facebook heißt – auf Sendung zu gehen:

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Wie kommt man bei Windstille zu Strom? Komische Frage – ausgerechnet von Eon. Na, aus Atomkraftwerken von Eon zum Beispiel. Oder aus den Eon-Kohlekraftwerken.

Beide sind bekanntlich weder “intelligente Lösungen“ noch die „Energiezukunft“, wie es im Anreißer der Werbung heißt: Statt nach der intensiv zu suchen, hatte der größte Energiekonzern Europas jahrelang lieber all seine Energie in die Lobby-Arbeit für die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke gesteckt oder ins Anschalten illegal gebauter Kohle-Blöcke.

Aber seien wir nicht so voreingenommen und gönnen Eon den Klick. Denn darum geht es in der Internet-Werbewirtschaft, um Klicks: Was empfehlen uns denn die Werbeexperten des Fossilkonzerns auf die Frage, was passiert, wenn der Wind nicht weht?

Nichts Geringeres als die Zukunft:

eon

Abgebildet ist die Nordsee-Insel Pellworm. Weil es hier weder Kohle- noch Atomkraftwerke gibt, wurden 1983 auf dem 37 Quadratkilometer großen Eiland 17.568 Solarmodule vom Typ AEG PQ 10-20 an Netz gebracht und ein – heute museal anmutendes – Windrad Enercon-E-33 aufgebaut. Zukunfsfreundliche Stromversorgung, die gibt es für die 1.200 Pellwormer schon länger, als es Eon gibt – seit über 30 Jahren.

Aber natürlich ist auch auf der Insel der Stromverbrauch gestiegen. Und dann kommen immer mehr Touristen. Zwar gibt es für den Fall, dass es Nacht ist und der Wind nicht bläst, ein Untersee-Kabel zum stromversorgenden Festland. Seit 2013 aber gibt es das Projekt „Smart Region Pellworm“Die Schleswig-Holstein Netz AG erprobt hier gemeinsam mit der Fachhochschule Westküste, dem Fraunhofer-Institut, der Saft Group und der Aachener Universität RWTH, wie sich Strom speichern lässt. Die Pellwormer sollen im Kleinen testen, was irgendwann für alle Wirklichkeit werden soll: Ohne Atom- und Kohlestrom auszukommen, regenerativ und dezentral. Finanziell unterstützt wird das Projekt vom Bundeswirtschaftsministerium, Eon stellt die Batterien.

So weit die Fakten. Im zur Kampagne gehörenden Eon-Werbespot brüstet sich Eon dafür: „Schon heute können wir ein ganzes Gebiet zuverlässig mit Erneuerbarer Energie versorgen“.

Schon heute?

Liebe Werbe-Leute von Eon: Kann ja sein, das euer Konzern damals beim Installieren der Pellwormer Autark-Systeme nicht dabei war. Eon hat die Zukunft glatt verschlafen. Die Zukunft der Erneuerbaren hat nämlich schon vor Jahren begonnen!

Vielen Dank für den Hinweis an Kathrin K. aus Erlangen!


 

Gabriel-Ministerium: 809.039,35 Euro für die EEG-Kampagne

Wenn Sie regelmäßig Leserin oder Leser dieses Watchblogs sind, ist Ihnen das Procedere geläufig: Der Klima-Lügendetektor veröffentlicht eine Recherche, unser „Mutterblatt“ klimaretter.info weist dann auf diese in seinem Aufmacher hin.

Heute ist es einmal andersrum. Die Kollegen haben vermeldet, dass das Bundeswirtschaftsministerium ein Viertel seines Jahresbudgets für Öffentlichkeitsarbeit in die Werbung für die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes gesteckt hat. In jene, die gerade Thema auf dem Detektor war:

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Genau 809.039,35 Euro investierte demnach das Gabriel-Ministerium, um seine eigene Arbeit zu lobhudeln. Allein 548.000 Euro seien für Anzeigen in überregionalen Zeitungen und Publikumszeitschriften ausgegeben worden. Quelle ist eine Kleine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Caren Lay, die auch verbraucherpolitische Sprecherin der Linken ist: „Das Geld wäre bei denen, die ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können, besser angelegt“, sagte Lay.

Nach Ansicht der Verbraucherzentralen ist die Reform ein Fiasko für Verbraucher. Denn die Strompreise für private Haushalte blieben bei der EEG-Reform unbeachtet, kritisierte ihr Bundesverband. Stattdessen müssten die Verbraucher die Rabatte der Industrie von rund 5,1 Milliarden Euro zahlen. Unternehmen aus mehr als 200 Branchen, die als besonders wettbewerbsintensiv gelten und einen bestimmten Stromkostenanteil an ihrer Wertschöpfung nachweisen können, zahlen nur 15 Prozent der Umlage.

Ins Gesetz geschrieben hatte das Wirtschaftsministerium dagegen eine Belastung für Eigenstromnutzer. Wer beispielsweise den Strom aus einer Solaranlage vom Dach selbst zum Kochen oder Waschen nutzen will, muss künftig 30 Prozent der EEG-Umlage zahlen, bis 2017 steigt der Anteil auf 40 Prozent. Ausgenommen sind nur Anlagen bis zehn Kilowatt Nennleistung, also die typischen Solaranlagen auf Eigenheimen. Für alle anderen – Supermärkte beispielsweise oder kleine Firmen, die sich eine Anlage zur Selbstnutzung aufs Dach setzen wollten – wird die Eigenstromnutzung wirtschaftlich nicht mehr attraktiv. Unter anderem deshalb sah unser Urteil zu Gabriels EEG-Reform so aus:

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Avacon: Bisschen grün waschen

Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist zuweilen äußerst zwiespältig. Ein Leser schickt uns seine Anfrage, wir prüfen – und finden keine Lüge. Das ist natürlich schön für das Produkt, die Firma oder das Klima. Für uns aber bedeutet das: Wieder mal umsonst gearbeitet. Wir schicken dann dem Leser unsere Erkenntnis, publizieren diese aber nicht auf unseren Seiten, denn auf dem Klima-Lügendetektor sind eben nur die Lügner zu finden.

Wie schwer das manchmal ist, lässt sich gut an jenem Beispiel illustrieren, dass uns ein Leser jüngst eingeschickt hat:

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Die Avacon AG  ist einer der größten regionalen Strom- und Gasnetzbetreiber in Deutschland. Die Mehrheit des Avacon-Konzerns gehört Eon – 63,3 Prozent –, den Rest der Aktien teilen sich diverse Kommunen im Vertriebsgebiet zwischen Elbe und Elde, zwischen Frankfurt am Main und Schleswig-Holstein. Die Eon-Tochter wirbt damit, „den Anschluss an die Energie von morgen“ zu realisieren.

… Moment mal: Eon versucht doch gerade in Datteln sein längst überfälliges Steinkohle-Kraftwerk mit der Energie von gestern ans Netz zu bekommen?

Klarer Recherchefall für den Klima-Lügendetektor! Im Kleingedruckten heißt es in der Anzeige weiter:

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Nun ja: Die Eon-Tochter Avacon muss Solaranlagen, Windräder und Co. ans Netz anschließen, dazu hat der Gesetzgeber Netzbetreiber wie Avacon verpflichtet. Avacon muss heute schon die nötige Infrastruktur schaffen, „um die Region mit der Kraft der Sonne zu versorgen“ – auch das ist Gesetzesauftrag an den Netzbetreiber. Daraus eine positive Werbeaussage zu machen – Chapeau! Gelogen ist das zumindest nicht.

„Mehr zum Thema Energiewende: www.avacon.de“ – der Netzbetreiber bietet online den Solar-Dachatlas des Zweckverbandes Großraum Braunschweig (ZGB) an, Tipps für „Einspeiser“ und eine lächelnde Frau vor einer Rohrleitung, auf der „Biogas“ steht. Also wieder einmal umsonst gearbeitet?

Es bleibt die Frage, welcher Strom heute eigentlich durch die „Netze mit neuer Energie“ fließt. „Avacon verkauft selbst ja keinen Strom, wir sind reiner Netzbetreiber“, sagt Unternehmenssprecherin Kirsten Fricke. Aber der Strom sei zu 90 Prozent grün: „In unserem Vertriebsgebiet gibt es sehr viele Windräder, aber kaum Kohlekraftwerke.“

Sie sehen, liebe Leserinnen und Leser, es scheint so, als ob wir uns schon wieder einmal die Mühe umsonst gemacht haben. Avacon verdient Geld mit grünem Strom. Und schaltet grüne Anzeigen. Wunderbar!

Wunderbar? „Der Bilanzgewinn für das Jahr 2012 beläuft sich auf 103.905.000 Euro“, teilt uns der Konzern mit. 63,3 Prozent von dem, was nicht reinvestiert wird, ging an den Besitzer Eon. Und der nutzte das feine Avacon-Geld, um damit neue Kohlekraftwerke, beispielsweise das Steinkohlekraftwerk in Datteln, zu bauen. Das bedeutet natürlich alles andere als

avacon1So etwas nennt man „Greenwashing“. Und das ist genau unser Thema.

 


 

Gabriel: Der falsche Strich

Am Wochenende gab es in großen deutschen Tageszeitungen folgende Anzeige:

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Geschaltet hat diese Werbung das Bundeswirtschaftsministerium, das sich im Kleingedruckten rechts unten lobt: “Wir haben die Weichen dafür gestellt, die Energiewende in Zukunft planbar und bezahlbar zu gestalten. So setzen wir den Ausbau erneuerbarer Energien solide und sicher fort und bremsen den Kostenanstieg.“

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Es geht um das von Minister Gabriel geänderte Erneuerbare-Energien-Gesetz; die Energiewende hat nun also einen Plan. Oder ist es ein Korsett? Nicht nur bei der Sonnenkraft gibt es jetzt einen Deckel, sondern auch bei der Windkraft. Wenn mehr als 2.400 bis 2.600 Megawatt Windkraftleistung pro Jahr neu aufgebaut wird, sinkt die Vergütung für jedes darüber hinaus installierte Kilowatt stark ab – und damit auch der Anreiz für Investoren, neue Anlagen zu bauen.

Wie das wirkt, kann man derzeit gut bei der Solarkraft studieren. Die Investoren sind derart verunsichert, dass in diesem Jahr insgesamt so viele neue Solarkraftwerke ans Netz gingen wie durchschnittlich in sechs Wochen des Jahres 2012. Die Regierung war mit ihrem „atmenden Deckel“ davon ausgegangen, dass dank ihrer Politik jährlich zwischen 2.500 und 3.000 Megawatt Sonnenkraft neu ans Netz gehen. Der Bundesverband Solarwirtschaft hat errechnet, dass dies 2014 nicht mehr zu schaffen ist. Wird das der Windkraftbranche, die wesentlich längere Planungs- und Aufbauzeiten in Kauf nehmen muss, nun genauso gehen?

„Den Ausbau erneuerbarer Energien solide und sicher fortzusetzen“ – wie es in der Anzeige heißt – bedeutet einen Zusammenbruch für die Biogas-Branche. Für sie hat das Bundeswirtschaftsministerium einen Deckel von gerade einmal 100 Megawatt Zubau pro Jahr vorgesehen. Die Branche selbst hatte das Dreifache gefordert. Um der „Vermaisung“ der Landschaft entgegenzuwirken, werden ab sofort neue Biogasanlagen auch nur gefördert, wenn sie vorwiegend mit Abfall- und Reststoffen gefüttert werden. Das zu planen (und mit anderen Investoren abzustimmen) dürfte ziemlich schwierig werden.

Die Anzeige behauptet, durch das neue EEG werde die Energiewende

ee1Ins Gesetz geschrieben hatte das Wirtschaftsministerium eine Belastung für Eigenstromnutzer. Wer beispielsweise den Strom aus einer Solaranlage vom Dach selbst zum Kochen oder Waschen nutzen will, muss künftig 30 Prozent der EEG-Umlage zahlen, bis 2017 steigt der Anteil auf 40 Prozent. Ausgenommen sind nur Anlagen bis zehn Kilowatt Nennleistung, also die typischen Solaranlagen auf Eigenheimen. Für alle anderen – Supermärkte beispielsweise oder kleine Firmen, die sich eine Anlage zur Selbstnutzung aufs Dach setzen wollten – wird die Eigenstromnutzung wirtschaftlich nicht mehr attraktiv. Man könnte auch sagen: Unbezahlbar.

Zudem ist das neue Gesetz ein wahres Bürokratiemonster. Denn künftig will die Bundesregierung die Höhe der Vergütung über Ausschreibungen ermitteln. Im kommenden Jahr will sie hierfür eine Pilot-Ausschreibung für Freiflächen-Solaranlagen durchführen. Die soll die Erfahrungsgrundlage für die Ausschreibungen ab 2017 liefern, an der sich alle großen Anlagen beteiligen müssen. Für Investoren bedeutet das: der Planungsaufwand steigt. Das ist ineffizient.

Genau heute, einen Tag nach der Anzeige, veröffentlichte das Bundeswirtschaftsministerium eine Studie zum Erfolg der Energiewende in Deutschland. Untersucht wurde, was bei der Energiewende mit den derzeitigen Instrumenten der Politik erreichbar ist. Wörtlich heißt es: „Gegenüber dem Kyoto-Basisjahr [1990] liegen die Emissionen 2020 um 36 Prozent und 2050 um gut 65 Prozent niedriger. Damit werden die im Energiekonzept der Bundesregierung formulierten Ziele (Absenkung bis 2020 um 40 Prozent, bis 2050 um mindestens 80 Prozent) nicht erreicht.“

Richtig wäre die Anzeige aus dem Hause Gabriel also so:

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Stiftung Warentest: blau-äugig statt blau-englig

Diesmal geht es um die Stiftung Warentest. Und um den Blauen Engel. Zu finden ist das Umwelt-Gütezeichen auf einer Plastiktüte, die die Warentester zur Eigenwerbung einsetzen:

14-05-2014 17-09-38Unsere Leserin Magdalena F. aus Mainz fragt nun: „Plastiktüte + Umweltengel = Objektiv. Unabhängig. Kompetent?“

Gute Frage. Zwar waren die Plastiktüten bei uns auf dem Lügendetektor schon einmal Thema. Aber noch nicht ausgezeichnet mit dem Blauen Engel, der „ersten und ältesten umweltschutzbezogenen Kennzeichnung der Welt für Produkte“, wie es in der Selbstdarstellung des Blauen Engels stolz heißt. Stellt sich also die Frage: Was ist an Plastiktüten der Stiftung Warentest „umweltschutzbezogen“?

„Der Blaue Engel zeichnet die besten Produkte innerhalb einer Produktgruppe aus“, sagt Benjamin Bongardt, Ressourcenpolitik-Chef beim Naturschutzbund Nabu. Allerdings trägt in diesem Fall eigentlich nicht die Tüte den Blauen Engel. „Ausgezeichnet mit dem Blauen Engel ist vielmehr der Altkunststoff, der aus recyceltem Material Ausgangspunkt für neue Produkte ist“, sagt Bongardt, der es wissen muss: Er ist Mitglied der Jury, die den Blauen Engel vergibt.

Moooment! Die Plastiktüte der Stiftung Warentest trägt den Blauen Engel für Ressourcenschutz, weil der Altkunststoff, aus dem die Plastetüte hergestellt wurde, den Blauen Engel trägt? Genau, sagt Benjamin Bongardt: „Ein Plastikeimer, der aus diesem Ausgangsmaterial hergestellt wird, könnte genauso den Blauen Engel tragen wie die Plastiktüte“. In der Vergabegrundlage für den Blauen Engel heißt es über Produkte aus Recycling-Kunststoffen: „Ferner können Palisaden, Zäune, Rasengitter sowie Kompostsilos und Komposter das Umweltzeichen erhalten.“

Was bei Plastikeimern, Zäunen und Silos irgendwie noch nachvollziehbar ist, wirkt bei der Wegwerftüte der Stiftung Warentest grotesk: Wieso schont eine Plastiktüte die Ressourcen, wenn sie doch nur im Müll landet? Schließlich werden in Deutschland pro Kopf und Jahr durchschnittlich 65 Plastiktüten verbraucht, die Lebensdauer liegt statistisch knapp über 20 Minuten. Bundesweit führt das zu einer Nutzung von 5,3 Milliarden Plastiktüten im Jahr oder 10.000 Tüten pro Minute. Deutschland gehört neben Italien, Spanien und Großbritannien damit zu den Weltmeistern beim Plastiktütenverbrauch. Was also ist „umweltschutzbezogen“ an Plastiktüten der Stiftung Warentest?

Folgende Antwort der Stiftung Warentest erreichte uns:

Antwort
Weiter heißt es in der Antwort: „Wir haben die Auswahl der Tragetaschen mit dem Ziel vorgenommen, eine möglichst geringe Umweltbelastung zu erzeugen. Mehrere Ökobilanzen zeigen beim Vergleich von Tragetaschen aus unterschiedlichen Materialien ganz eindeutige Vorteile für eine Kunststofftragetasche aus Polyethylen oder Polypropylen. Die alternative Stofftragetasche „rechnet“ sich aus Umweltsicht erst, wenn sie sehr oft wiederverwendet wird (also jeweils eine neue, andere Tragetasche ersetzt). Eine so häufige (Größenordnung: 100 Mal) Wiederverwendung kann u.E. nicht angenommen werden, sodass wir uns für die Kunststoffvariante entschieden haben.“

Das auf Ökobilanzen spezialisierte Schweizer Forschungsinstitut Empa hat berechnet, dass der ökologische Vorteil einer Baumwolltragetasche gegenüber der Warentest-Tüte tatsächlich erst nach dem 83. Mal tragen eintritt. Würde man allerdings recycelte Baumwolle benutzen, wäre der Vorteil schon nach wenigen Malen eingetreten. Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe bringt außerdem die Klimabilanz ins Spiel: „Auch der komplette Einsatz von Recyclingmaterialien für Einweg-Plastiktüten kann die CO2-Emissionen nur bis zu 45 Prozent reduzieren, aber den negativen Umwelteffekt nicht kompensieren. Für ein Kilogramm Polyethylen-Recyclingmaterial entstehen immerhin noch 0,85 Kilo CO2-Äquivalent.“

Fischers Fazit: „Wer Verbrauchern Einweg-Plastiktüten empfiehlt, auch wenn sie aus Recyclingmaterial bestehen, unterstützt den unreflektierten und massenhaften Gebrauch von kurzlebigen Produkten.“ Und ist damit weder „objektiv“, „unabhängig“ noch „kompetent“.

Danke an Magdalena F. aus Mainz für den Hinweis!

 

Zeo2: Treibhausgas ist „Wurst“

„Der Wurst-Gurke-Konflikt“ heißt die Titelstory des „Magazins für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft“ – zeo2. Es geht um die Frage: „Wie viel Öko-Eifer verträgt die Liebe?“ – wie es im Untertitel heißt. Das trifft sich ganz gut, denn Manfred Kriener, taz-Mitbegründer und langjähriger Chef von zeo2, hat entweder zu wenig Liebe oder zu viel Öko-Eifer. Der zeo2-Chefredakteur ist offenbar kein zeo2-Chefredakteur mehr: „Liebe geht durch den Magen“ ist das Editorial der soeben erschienenen Ausgabe überschrieben. „Marcus Franken und Hanna Gersmann – Chefredaktion“ steht darunter. Neue Chefköchin bei zeo2 ist die ehemalige Leiterin des taz-Inlandsressorts Gersmann. Immer mehr junge Frauen lesen zeo2, heißt es im Editorial.

Unnötig zu erwähnen, dass unsere Redaktion das Magazin prima findet und der Erscheinung jedes neuen Hefts entgegenfiebert. In der „Wurst-Gurke-Konflikt“-Ausgabe geht es beispielsweise um Atmosfair, um Honig oder um den 2013er Riesling vom Weingut Peter Jakob Kühn. Und es geht um Elektromobilität:

Post 1

Es geht um die Post, die mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und weiteren Partnern ein Elektrofahrzeug entwickelt hat, das die Post klimafreundlich machen soll – den StreetScooter.

Toll! Jetzt geht es also endlich los mit dem Klimaschutz im Verkehrssektor? Zeo2-Hausautor Bernd Müllender ist losgezogen, um genau diese Frage zu beantworten und das Gefährt zu testen. Ab Seite 74 präsentiert zeo2 den Testbericht, Müllender ist ganz begeistert. „Testfahrt? Beifahren kann man in diesem Einsitzer höchstens als Brief. Aber ich darf, dankeschön, auf dem Postgelände selbst an Steuer.“ Elogenhaft seine Fahrtbeschreibung.

Super, zeo2, dann sagt doch mal, was das dem Klima bringt! Um das den Nicht-zeo2-Abonnenten (dringend nachholen!) zu erläutern: Entscheidend für das Klima ist bei der Elektromobilität der „getankte“ Strom. Moderne Benzinmotoren sorgen für weniger CO2 pro Kilometer als „strombetankte“ Motoren – zumindest wenn sie aus der Steckdose betankt werden. Denn da wird viel Kohlestrom geladen. Also, zeo2: Wie viel CO2 wird eingespart?

Antwort: po Äääh, Stopp.

Stopp!

Liebes zeo2-Fachmagazin: Der Strom kommt aus „erneuerbaren Quellen“?

Der Klima-Lügendetektor hatte sich im Mai mit genau dieser Frage befasst: Welchen Strom tankt eigentlich die Deutsche Post für ihr Modellvorhaben? Ergebnis: sogenannten RECS-Strom.

RECS ist die Abkürzung für das Renewable Energy Certificate System, das in Deutschland unter anderem von den Kohlekonzernen Eon, RWE und Vattenfall mitbegründet wurde. Kritiker bezeichnen die Organisation als Greenwashing-Zentrale: Für jede in Skandinavien oder den Alpenländern gewonnene Kilowattstunde Strom (zum Beispiel aus Wasserkraft) bekommt der dortige Kraftwerksbetreiber ein Zertifikat, das er für etwa 0,05 Cent pro Kilowattsunde weiterverkaufen kann. Das bedeutet andersherum, dass jeder, der zum Strompreis zusätzlich noch 0,05 Cent pro Kilowattsunde draufzahlt, die gleiche Strommenge aus Atom- oder Kohlekraftwerken als „Ökostrom“ anpreisen darf.

„So wird aus konventionellem Strom Ökostrom“, beschreibt Thorsten Kasper, Energieexperte beim Verbraucher­zentrale Bundes­verband (VZBV), den Mechanismus. „Der Nutzen für die Umwelt ist gleich Null. In Skandinavien wird so viel Strom aus Wasserkraft gewonnen, dass mit den dazugehörigen Zertifikaten die gesamte bundesdeutsche Produktion von Atom- und Kohlestrom für Haushaltskunden zu Ökostrom umetikettiert werden könnte. Dieses System schafft aber keinen Anreiz für den Bau neuer umweltfreundlicher Anlagen. Unterm Strich wird weiterhin so viel konventioneller Strom produziert wie bisher.“

Im Qualitätstest bei zeo2 bringt es die Post allerdings auf volle Punktzahl (5 Speichen). Jetzt stellt sich der „Wurst-Gurke-Konflikt“ für unsere Redaktion: Soll man zeo2 noch lieben? Oder ob so oberflächlichem Journalismus als „Gurkentruppe“ in die sechste Liga verbannen?

Danke an Daniel S. aus Hamburg für den Tipp


 

RWE: Den Bürger mimen

Heute geht es um Bürgerenergie. In Deutschland waren Ende 2012 insgesamt 47 Prozent der installierten Ökostromleistung in Deutschland nach der Eigentümerstruktur Bürger-Energieanlagen – installiert von Privatleuten oder Genossenschaften. Das geht zumindest aus einer Studie hervor, die auf der Internetseite
die-buergerenergiewende.de zu finden ist:

buerger

Der Untersuchung zufolge waren Ende 2012 regenerative Kraftwerke mit 73.000 Megawatt Nennleistung in Deutschland installiert. 34.000 Megawatt davon entfallen auf Privatleute und Genossenschaften, 30.000 Megawatt auf institutionelle oder strategische Investoren – etwa Banken-Fonds oder Aktiengesellschaften. 9.000 Megawatt entfallen auf die großen Stromkonzerne, das betrifft vor allem Wasserkraftanlagen und die Offshore-Windkraft.

Man kann also mit Fug und Recht behaupten: Menschen wie du und ich sind die Träger der Energiewende. Und es werden immer mehr. Unser Leser Michael T. zum Beispiel. Der hat im Internet unter dem Stichwort „Energiewende in Köln“ gesucht. Und ist dabei gleich auf die Seite diebuergerenergie.de gestoßen. Allerdings sieht die plötzlich ganz anders aus:

bürger

www.diebuergerenergie.de – geschrieben wie die Website oben, nur ohne Bindestrich und ohne „-wende“ am Ende. „Gestalten Sie als Teil unserer Genossenschaft die Energiewende in Ihrer Region und in ganz Deutschland“, heißt es auf der Seite. „Bereits ab 50 € sind Sie dabei“, ist zu lesen. Und: „Mit der Überzeugungskraft einer wachsenden Gemeinschaft wollen wir den Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreiben.“

Das klingt gut, dachte Michael T. – vielleicht ein bisschen zu gut. Das Misstrauen unseres Lesers ist berechtigt. Im Impressum steht:

Inhaltliche und redaktionelle Unterstützung:
RWE Effizienz GmbH
Flamingoweg 1
44139 Dortmund

Anders als bei die-buergerenergiewende.de stehen hinter diebuergerenergie.de also gar nicht die Bürger, sondern der fossile Großkonzern RWE, der „die Energiewende in Ihrer Region und in ganz Deutschland“ nicht vorantreibt, sondern sabotiert, wo er nur kann.

Ein Vorstand der RWE-Genossenschaft ist Andreas Waning (36). Der Diplom-Kaufmann arbeitet bei RWE und sagt, die Energiewende sei ein Thema, bei dem es „auf Vertrauen ankommt“. Und dann:Vertrauen bieten wir durch die langjährige Energiekompetenz der RWE.“

Deshalb: Bloß nicht investieren in diebuergerenergie.de! Schließlich besteht die „langjährige Energiekompetenz der RWE“ im Schädigen der Erdatmosphäre. Und im Vertrauen: Wer aus diesem erwiesenen Irrtum nicht sofort aussteigt, sondern weiterhin sein Kapital schlägt – dem sollte man besser nicht vertrauen!

Vielen Dank an Michael T. aus Köln für den Hinweis.


 

Braunkohlelobby Debriv: voRWEg zweifeln

Vor ein paar Tagen hat der Deutsche Braunkohlen-Industrie-Verein (Debriv) einen neuen Vorsitzenden gewählt. Chef der obersten Braunkohle-Lobby ist jetzt der 58-jährige RWE-Manager Matthias Hartung.

Matthias Hartung? Matthias Hartung? Kennen wir den nicht? Genau, der Herr hat uns vor gut fünf Jahren schon einmal beschäftigt. Aus gegebenen Anlass drucken wir hier unseren Text vom April 2009 noch einmal:

„RWE ist ein verantwortungsbewusstes Unternehmen. Sagt RWE. Deshalb kümmert sich RWE echt ganz doll um die Minderung seines Treibhausgasausstoßes. Sagt RWE. Und damit die Öffentlichkeit das glaubt, investiert Europas größter Kohlendioxid-Verursacher viele Millionen in seine Werbung.

Doch wenn sie unter sich sind, dann reden die Leute von der Kohleindustrie – so scheint es – ganz anders. Matthias Hartung ist Vorstandsmitglied der RWE Power AG und dort zuständig für ‚Braunkohlengewinnung, -stromerzeugung und -veredelung‘. Im Mai vergangenen Jahres hielt er auf dem 40. Delegiertentag des Rings Deutscher Bergingenieure in Essen einen sogenannten Festvortrag. Die Rede wurde im Juli 2008 in der Zeitschrift des Verbandes nachgedruckt. Dort kann man deshalb nachlesen, was Hartung im Kreise seiner Kohlekumpel zum Klimawandel sagte:

Der Anstieg des Ausstoßes von CO2 wird mit einer Veränderung des Weltklimas in Verbindung gebracht, von der jedenfalls eine Mehrheit der mit dem Thema befassten Wissenschaftler wohl überzeugt ist. Ich will an dieser Stelle die durchaus fundierten Zweifel an der These, dass die gemessenen Veränderungen des Klimas vorwiegend vom Menschen verursacht sind, nicht diskutieren. Das wäre ein eigener Vortrag. Es ist aber wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass es solche Zweifel gibt und vielleicht ganz andere Zusammenhänge zum Klimawandel führen. Das muss man sich vor allem dann vergegenwärtigen, wenn man abwägt, welcher Aufwand eigentlich angemessen ist, um den Klimawandel zu stoppen, wie es heißt. Es könnte ja sein, dass weltweit hunderte von Milliarden Dollar oder Euro ausgegeben werden, um Techniken und Verbrauchsgewohnheiten zu ändern, und am Ende stellt man fest: Das Klima wandelt sich weiter, weil wir die Ursache nicht richtig erkannt haben. Aber das wäre, wie gesagt, ein eigener Vortrag.

Gern hätten wir gewusst, welche ‚fundierten Zweifel‘ am menschengemachten Klimawandel Matthias Hartung denn meint. Wie seine persönliche Abwägung dessen, was in Sachen Klimaschutz ‚eigentlich angemessen ist‘, denn ausfällt. Oder wie dieser kaum verhohlene Klimaskeptizismus eines RWE-Spitzenmanagers zu den grünen Imagekampagnen der Kohlelobby und des Unternehmens passt. Die RWE-Pressestelle in Essen erklärte aber lediglich, man möge den Vortrag bitte ‚nicht zu ernst nehmen‘. Man gehe ’schon davon aus, dass der Klimawandel durch CO2 verursacht wird‘. Wolle aber doch festhalten: ‚Es hat niemand den hundertprozentigen Beweis.‘

Klar. Nun verstehen wir auch besser, warum RWE immer noch munter Kohlekraftwerke baut.“

Wir gratulieren dem Debriv zur Auswahl seines Vorsitzenden!


 

ADAC-Motorwelt: Den Vereinsstatus gefährden

Erinnern Sie sich noch an Ihre Führerscheinausbildung? Den Theorieteil? Da ging es nicht immer nur um die Vorfahrt, sondern auch mal um Umweltschutz. Eine Frage spricht zum Beispiel indirekt das ökologische Desaster des fehlenden Tempolimits in Deutschland an: „Um wie viel Prozent erhöht sich bei Tempo 160 km/h im Allgemeinen der Kraftstoffverbrauch (l/100 km) eines Mittelklasse-Pkw gegenüber der Fahrt mit Richtgeschwindigkeit 130 km/h?“

(a) um bis zu 5 %
(b) um bis zu 10 %
(c) um bis zu 35 %?

Jetzt sind Sie dran!

Kleiner Hinweis gefällig? Es ist mehr, als Sie vermutlich denken!

Ja, richtig ist Antwort (c).

Für Interessierte: Die Ursache hierfür liegt in der Physik. Bewegt sich ein Objekt immer schneller durch den Raum, wächst der Luftwiderstand, gegen den das Objekt ankämpfen muss, nicht linear, sondern exponentiell. Das heißt, auch der Energiebedarf steigt mit zunehmender Geschwindigkeit nicht stetig, sondern exponentiell. Die Sprit-Verbrauchskurve schießt damit steil nach oben – und mit ihr der Treibhausgas-Ausstoß.

Fahrschulprüfung und Physikunterricht scheinen bei den Redakteuren der ADAC Motorwelt schon sehr lange zurückzuliegen. Die nämlich erklären uns in ihrer Mai-Ausgabe der Mitgliederzeitung heute schon die Mobilität von „morgen“:

Scan_ADAC-Motorwelt_zugeschnitten

„Von London nach New York in drei Stunden“, heißt es da. „Mit dem Jet Spike Aerospace S-512 soll das bald möglich werden.“ Toll! Da lohnt dann nach dem Ende der Concorde-Flüge im Jahr 2003 auch endlich wieder der Wochenendtrip über den großen Teich. Freitag um 16 Uhr Büroschluss machen und um 20 Uhr schon am Broadway schick ins Musical gehen. Und pünktlich am Sonntagabend zum „Tatort“ zurück. Natürlich nur für gut betuchte Ausflügler.

Und zwar 18 an der Zahl. So viele Fluggäste sollen maximal in den Überschall-Jet passen, der mit mehr als 1.900 Kilometern pro Stunde „durch die Luft düsen“ soll, wie der ADAC schreibt. Spaß machen soll das auch noch: Zwar wird es in der Kabine keine Fenster geben, aber die Passagiere sollen „auf Großbildschirmen wahrnehmen, was draußen los ist“. Das sei der „besondere Gag“, wie die Motorwelt-Redakteure frohlocken.

Das Klima kommt dieses locker-flockige Kontinent-Hopping mit „Gag“-Faktor teuer zu stehen. Zwar macht der US-Konzern Spike Aerospace keine Angaben zum Spritverbrauch des Überschall-Jets. Aber die Gesetze der Physik (siehe oben) wird auch er nicht aushebeln können: Die rund 1.000 km/h, die der Überschall-Jet schneller fliegt als, sagen wir, eine herkömmliche Boeing 747, werden für eine verheerende Spritverbrauchs- und ergo Klimabilanz sorgen. A propos Spritverbrauch: Die Karriere des Überschall-Vorbilds Concorde bekam erstmals während des Ölschocks in den 1970er Jahren einen empfindlichen Dämpfer. Damals gestand sogar einer der Topmanager von Air France zu, dass ihr Sprit-Durst der Concorde noch zum Verhängnis werden könnte.

Lieber ADAC, wir vom Klima-Lügendetektor haben deshalb ein paar Fragen!

1. Ihr kämpft doch darum, den Vereinsstatus behalten zu dürfen, und wollt nachweisen, im Interesse des Gemeinwohls zu handeln? Angesichts der Erderwärmung ist doch klar, dass der Spike-Aerospace-Quatsch niemals Realität werden darf. Schon heute ist der internationale Flugverkehr für mindestens fünf Prozent des menschengemachten Emissionen verantwortlich (krititische Quellen sagen sogar: 14 Prozent) – Tendenz steigend. Euch ist also das Allgemeinwohl egal, ihr wollt mit solchen Geschichten den Vereinsstatus verlieren?

2. Nach all den Lügen, die ihr euren Mitgliedern aufgetischt habt, wolltet ihr doch seriöser werden! Sagt mal: Glaubt ihr den Ultraschall-Quatsch wirklich, den ihr da als „Mobilität von morgen“ verkauft? Oder ist das genauso seriös wie eure Wahl zum „Auto des Jahres“?

3. Spike Aerospace ist seit Jahren auf der Suche nach Investoren, um ihre nicht realisierbaren Mobilitätsvorstellungen von gestern doch noch irgendwie gewinnbringend an den Mann zu bringen. Und ihr vom ADAC wollt dabei helfen? Euren Mitgliedern noch mehr Geld als ohnehin schon aus den Taschen ziehen?

4. Kann es sein, dass es sich bei der „Vision“ für MORGEN gar nicht um EURE Vision handelt, sondern nur um eine Schleichwerbung, die HEUTE Geld in die ADAC-Kassen spülen soll und deshalb nicht als solche gekennzeichnet ist? (Das nämlich ist die Vermutung des Klima-Lügendetektors, die wir allerdings nicht als solche bezeichnen können – weil sie nicht beweisbar ist! Wir fragen deshalb nach.)

Antworten schicken Sie bitte an unser Hinweis-Portal! Sie können gewiss sein: Wir veröffentlichen sie!

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Stahl-Lobbyisten: „Polemisch und verblendet“

„Ist Ihnen eine fragwürdige Werbeannonce aufgefallen? Ein grünfärberischer Fernsehspot? Eine verlogene Politikerrede?“ Die Autoren dieses Blogs verstehen sich auch als Dienstleister an ihren Lesern. Unter dem Menü-Punkt „Ihre Hinweise“ heißt es: „Schicken Sie uns bitte einen Hinweis! Und gern auch gleich Ihre Vermutung – oder Ihr Wissen – darüber, was daran nicht stimmt. Entweder per Mail an hinweise(at)klima-luegendetektor.de oder gleich über dieses Kontaktformular.“ Und da gilt es dann ein paar Felder auszufüllen.

Vergangene Woche tat dies unter anderem unser Leser B. Kleinermann. Seinen Leserbrief möchten wir hier gern in voller Länge wiedergeben:

BKHoppla, was ist denn da passiert? Unser aktueller Beitrag bei Eingang der Mail (13. Mai, 14.19 Uhr) befasste sich mit der Grünfärberei der Stahlwirtschaft. Und mit Umweltwissenschaftlern, die sich dafür benutzen lassen.

Sicher: Pöbeleien, Beschimpfungen, Verleumdungen, Drohungen erhalten wir (neben Lob und ernstgemeinten Hinweisen) des Öfteren über dieses Kontaktformular. Aber wieso treibt ausgerechnet ein Text über den Wiederholungstäter Stahlwirtschaft jemanden derart auf die Palme? Da es möglich ist, IP-Adressen von Computern im Internet zurückzuverfolgen, haben unsere Recherchen ergeben, dass der Beitrag offensichtlich aus dem Firmennetzwerk der Salzgitter AG abgeschickt wurde (beziehungsweise der Salzgitter-Tochter Gesis). Für Laien: Im Internet sind IP-Nummern so etwas wie Postadressen für Computer oder Computernetzwerke. Wie in einem Adress- oder Telefonbuch lassen sich damit Absender identifizieren.

Der Klima-Lügendetektor hat dazu sieben Anmerkungen:

1. Der genannte Hinweis, gezeichnet mit „B. Kleinermann“, wurde während der üblichen Bürozeiten abgesandt.

2. Die Salzgitter AG ist einer der größten Stahlproduzenten Europas und macht jährlich um die zehn Milliarden Euro Umsatz. Von den Ausnahmeregeln des Erneuerbare-Energien-Gesetzes profitiert sie massiv, nach eigenen Angaben drohen ihr bei dessen Novellierung „Zusatzkosten“ von jährlich 55 Millionen Euro bis 130 Millionen Euro.

3. Der für die Außendarstellung zuständige Konzernverantwortliche bei der Salzgitter AG heißt laut Firmenwebsite Bernhard Kleinermann.

4. Zahlreichen Internetnutzern ist nicht bewusst, wie viele Informationen sie über sich hinterlassen, wenn sie sich im Netz bewegen.

5. Es gibt (bisher) keinen Karl-Eduard-von-Schnitzler-Gedenkpreis, für den uns unser Leser „B. Kleinermann“ vorschlägt. Der Klima-Lügendetektor braucht aber auch gar keinen Preis mehr zu gewinnen: Unsere Arbeit wurde bereits mit einem der renommiertesten deutschsprachigen Journalistenpreise ausgezeichnet – dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus. (Die Laudatio hielt der Tagesspiegel-Journalist Harald Schumann, die heutige Chefredakteurin des NDR Sonja Mikich moderierte.)

6. Seit längerem werden an den Klima-Lügendetektor Hinweise herangetragen, dass Unternehmenssprecher Redaktionen beschimpfen. Konzernmitarbeiter offen oder verdeckt meinungsstarke Leserbriefe an Lokalzeitungen, Fernsehsender oder Onlinemagazine schreiben. Dass bezahlte Social-Media-Spezialisten in Internetforen anonym Stimmung zugunsten von Firmen machen. Oder dass sehr gut bezahlte PR-Berater im Konzernauftrag Facebook-Einträge kontern, Wikipedia-Einträge manipulieren und so weiter – kurz: den öffentlichen Meinungsbildungsprozess zugunsten ihres Unternehmens oder dessen partikularer Interessen auf intransparente Weise zu beeinflussen suchen. Kürzlich haben sich beispielsweise die Kollegen vom ARD-Magazin Monitor und von Cicero mit dem Thema befasst.

7. Wie bei allen Tipps aus der Leserschaft danken wir auch „B. Kleinermann“ aus Salzgitter für seinen Hinweis.