Archiv des Schlagwortes ‘Vattenfall’

Wie grün sind Flexstrom, Vattenfall & Co.?

Dienstag, den 12. Januar 2010

Na, auch mit guten Vorsätzen ins Neue Jahr gestartet? Etwa mit dem, endlich zu Ökostrom zu wechseln? Prima! Blöderweise gibt es inzwischen eine schier unüberschaubare Vielfalt von Anbietern.

Verbraucherportale wie Verivox haben darauf mit Vergleichsrechnern ausschließlich für Ökostrom reagiert. An erster Stelle rangieren dort weithin unbekannte Anbieter – aber nicht wegen besonders grüner Elektrizität, sondern wegen niedriger Preise. Zum „Discountpreis“ tritt etwa Stromio an:

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Diese Information zur Herkunft ist wenig erhellend. Denn RECS-Zertifikate allein sagen nichts über die Qualität des Ökostroms. Häufig stammt er aus uralten Wasserkraftanlagen irgendwo in Europa, er wird nun lediglich aus dem üblichen Energiemix ausgegliedert und – meist mit Aufschlag – an öko-bewusste Kunden verkauft. Umweltschützer kritisieren das RECS-System seit langem, denn man kann dreckigen Kohlestrom damit grün etikettieren, und bisweilen scheint RECS vor allem den Gewinnen der Stromanbieter zu nützen. Experten bewerten die Güte von Ökostrom danach, ob es einen „zusätzlichen Umweltnutzen“ gibt – ob also der Wechsel von Kunden dazu führt, dass wirklich neue Anlagen gebaut werden.

Das aber ist schwer herauszufinden, die Suche eines guten Anbieters gleicht deshalb einer mühsamen Odyssee. Auf der Website von Envacom etwa finden sich überhaupt keine Detailinformationen zur Stromherkunft. Und ein Anruf beim Kundentelefon verläuft bizarr: Man liefere Sonnen-, Wind- und Wasserkraft und zwar aus der Schweiz, sagt eine freundliche Frauenstimme, und, „ja, das müssten Neuanlagen sein“. Auf Nachfragen schaltet sie mehrfach die Wartemusik an und macht sich kundig. Am Ende heißt es, der Strom stamme größtenteils aus österreichischer Wasserkraft und nicht aus Neuanlagen – weiteres erfahre man auf der RECS-Website, so die abwimmelnde Antwort. Dort aber gibt es nur allgemeine Informationen zur Zertifizierung und natürlich nicht zum Envacom-Strom. Billig-Konkurrent Flexstrom verspricht einen „wertvollen Beitrag zum Klimaschutz“ („garantiert zertifiziert“) – doch bezieht auch er bloß RECS-Strom aus bestehenden Wasser- und Windkraftanlagen in Skandinavien. Mit niedlichen Affenbildchen und einem Regenwaldprojekt von Costa Rica versucht man hier die Kunden zu beeindrucken.

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Nachfragen zur Stromherkunft oder dazu, wieviel Geld genau in den Schutz des Regenwald fließt, wollte die Flexstrom-Hotline nicht beantworten. Auf die erbetene E-Mail kam lediglich ein Formbrief zurück: „Wenn Sie Ihre Vertragsnummer nicht angeben, kann Ihre Anfrage leider nicht bearbeitet werden und wird automatisch nach 2 Wochen geloescht.“ Aha.

Orientierung in diesem Dschungel versprechen Tarif-Gütesiegel, das wohl wichtigste heißt „o.k. power“ und wird unter anderem vom Umweltverband WWF getragen. Anbieter mit diesem Siegel müssen beispielsweise nachweisen, dass ein Drittel ihres Ökostroms aus Anlagen stammt, die nicht älter als sechs Jahre sind. Fein! Aber auch hier wundert sich der Kunde, denn an erster Stelle im Preisvergleich rangiert ausgerechnet Vattenfall.

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Nach dem Atom- und Kohlegiganten folgen etliche Stadtwerke und Kleinanbieter. Ihnen allen bescheinigt das Siegel, auf die eine oder andere Art Neuanlagen zu fördern. Und paradoxerweise ist das für Firmen wie Vattenfall besonders einfach: Die Stromriesen haben die Energiewende geradezu verschlafen, bei Vattenfall kommt hierzulande bisher nur etwa ein Prozent des Stroms aus neuen Windkraftanlagen (und drei Viertel aus der besonders dreckigen Braunkohle). In seiner Heimat Skandinavien baut Vattenfall seit langem Wasser- und Windkraftanlagen, und wegen des großen Nachholbedarfs muss der Konzern in Deutschland sowieso Milliardensummen in Ökostrom investieren – da kann er das schmückende o.k.-Gütesiegel quasi nebenher mitnehmen.

Dieses Dilemma kennen viele umweltbewusste Verbraucher: Der Smart von Daimler mag ja korrekt sein – aber der Konzern ist auch ein Waffenlieferant. Siemens hat energiesparende Haushaltsgeräte – aber baut auch Atomkraftwerke. Neuerdings gibt es Biomilch bei Lidl – doch die Discounterkette ist für ihren rüden Umgang mit Beschäftigten bekannt. Bei Ökostrom rät deshalb ein Bündnis von 21 Umweltverbänden wirklich öko-bewussten Verbrauchern, nicht nur auf Preis und Herkunft zu gucken, sondern auch auf den Lieferanten – und empfiehlt die unabhängigen Anbieter Lichtblick, Greenpeace Energy, EWS und Naturstrom. Denn auch wenn an Vattenfalls „Easy Natur Privatstrom“ direkt wenig auszusetzen sein mag, könnten die Gewinne daraus doch in neue Atom- oder Kohlekraftwerke fließen.

Danke an Manfred S. und Magdalena S. für die Hinweise


Linkspartei: Klimaheuchelnd ins Neue Jahr

Montag, den 4. Januar 2010

Jahreswechsel sind bekanntlich Gelegenheiten für besinnliche Rückblicke und gute Vorsätze. Dementsprechend hat die Berliner Zeitung in ihrer Neujahrsausgabe den Ministerinnen und Ministern der neuen Brandenburger Landesregierung einen kleinen Fragebogen vorgelegt. Worüber sie sich denn 2009 am meisten geärgert hätten, sollten die Politiker von SPD und Linkspartei dort aufschreiben. linkspartei_berlztg1„Ärgernisse vergesse ich meist schnell“, antwortete etwa Finanzminister Helmuth Markov (Die Linke). „Nur nicht die Scheinheiligkeit der Bundesregierung zum Einsatz in Afghanistan.“ Und seinen Genossen Justizminister Volkmar Schöneburg wurmte im vergangenen Jahr am meisten „das dürftige Ergebnis der Weltklimakonferenz“.

Nunja, bei den Worten „Scheinheiligkeit“ und „dürftiges Ergebnis“ fällt Klimaschützern in Brandenburg vor allem die Linkspartei selbst ein: Im vergangenen Jahr nämlich hatte sie ein Volksbegehren gegen neue Braunkohletagebaue unterstützt, die Vattenfall in Brandenburg plant. In den Wahlkampf zog die Linkspartei dann – siehe Seite 13 des Wahlprogramms – mit dem Slogan: „Keine neuen Tagebaue!“ Wörtlich hieß es dort: „Der Abbau der Braunkohle schädigt den Grundwasserhaushalt für Jahrhunderte, ihre Verbrennung ist energetisch wenig effektiv und beschleunigt den Klimawandel durch den Ausstoß von Millionen Tonnen Kohlendioxid.“

Wohl wahr. Was aber passierte, als die Linkspartei nach der Wahl Gelegenheit zur Regierungsbeteiligung bekam? Genau, sie stimmte einem Koalitionsvertrag mit der Brandenburger Braunkohle-SPD zu – der natürlich nicht den zügigen Ausstieg aus diesem klimaschädlichen Brennstoff festschreibt, die versprochene Energiewende vollzieht, neue Tagebaue verhindert oder Vattenfalls CCS-Alibiforschung stoppt. Der schwedische Staatskonzern darf deshalb auch in den kommenden Jahrzehnten in Brandenburg Milliardenprofite einfahren – auf Kosten der Umwelt, der Tagebauvertriebenen und natürlich auf Kosten des Weltklimas.

Maliziös fragten die Kollegen der Berliner Zeitung noch: „Was ist Ihr persönlicher Beitrag zur Rettung des Weltklimas?“ Zugegeben, auch von Sozialdemokraten kamen schräge Antworten, Ministerpräsident Matthias Platzeck etwa will „kalt duschen“. Aber die SPD hatte im Wahlkampf zumindest nie einen Hehl daraus gemacht, dass in Brandenburg unter ihr einige der größten Kohlendioxid-Schleudern Europas weiterlaufen dürfen. Die Antworten der Linkspartei dagegen sind angesichts ihres klimapolitischen Wortbruchs pure Heuchelei. Umweltministerin Anita Tack:

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Ja, ja, sie verspricht zu kämpfen – hat aber längst verloren. Die anderen Minister der Ex-PDS bleiben deshalb gleich im Privaten: Finanzminister Markov verweist auf sein Solardach und eine Holzheizung, Justizminister Schöneburg will „am Wochenende auf das Auto verzichten“. Die Solaranlage des Finanzspezialisten Markov dürfte (neben dem unbestrittenen Umweltnutzen) für ihn privat ein hübsches Geschäft sein. Und der Autoverzicht von Justizminister Schöneburg brächte hochgerechnet (fünf Jahre Amtszeit, 52 Wochenende pro Jahr, 250 km pro Wochenende, durchschnittlicher CO2-Ausstoß ca. 160 Gramm pro km) insgesamt gut zehn Tonnen Kohlendioxid-Einsparung. Dagegen stößt allein das Vattenfall-Kraftwerk Jänschwalde, das dank der Umfaller von der Linkspartei noch weit über das Jahr 2020 laufen wird, jährlich mehr als 20 MILLIONEN Tonnen des Klimagases aus.

Politiker sollten lieber gute Politik machen, statt ihr Privatleben klimaschützerisch zu optimieren.


Vattenfall: Makabres Spielchen in Kopenhagen

Montag, den 14. Dezember 2009

Seit einer Woche tagt in Kopenhagen der UN-Klimagipfel; parallel dazu findet auf dem Rathausplatz der dänischen Hauptstadt „Hopenhagen LIVE“ statt, eine Art Weihnachtskirmes von Umweltfirmen – oder solchen, die dafür gehalten werden wollen. vattenfall_hopenhagenBesonders imposant ist der Auftritt am frühen Abend, wenn eine riesige, erleuchtete Erdkugel über dem Markt schwebt – darauf die Logos von Sponsoren wie Siemens oder auch Vattenfall.

„Ich weiß schon, dass Vattenfalls Ruf in Deutschland nicht unbedingt der beste ist“, sagt Andrine Nordby, die das schwedische Staatsunternehmen dort vertritt. „In Skandinavien ist der Ruf viel besser.“ Wie das kommt, lässt sich in „Hopenhagen“ besichtigen. Vattenfall schmückt sich dort mit Designprojekten – und natürlich nicht damit, dass das Unternehmen in Brandenburg ganze Dörfer umsiedeln lässt, um Klimakiller wie das Kraftwerk Jänschwalde mit Kohle zu versorgen, und auch nicht mit dem umstrittenen Neubauprojekt in Hamburg-Moorburg.

„Vattenfall hat mir die künstlerische Freiheit gegeben, die ich für mein Projekt benötigte“, sagt Ejvind Chang. Dass der Energiekonzern nach Greenpeace-Berechnungen mit einem CO2-Ausstoß von knapp 900 Gramm pro erzeugter Kilowattstunde „Deutschlands klimaschädlichster Stromanbieter“ ist, davon hat der junge Designer noch nie gehört. Seine und die Arbeit vier anderer Studenten der dänischen Designschule werden hier ausgestellt. In spielerischen Filmen werden Begriffe aus dem Bereich Klimaschutz „kreativ“ verarbeitet – so greift in einem Film ein „Klimasuperheld“ immer dann ein, wenn etwa Glühbirnen zu lange brennen.

„Unser Konzern möchte Leute auf eine spaßorientierte und kreative Weise zum Klimaschutz bewegen“, erklärt Andrine Nordby. Und einen ganz besonderen „Spaß“ bietet Vattenfall in seinem Ausstellungswagen auf dem Weihnachtsmarkt tatsächlich: Per Knopfdruck können Besucher auf einem großen Bildschirm den Wasserstand in verschiedenen Küstenstädten um eine beliebige Anzahl von Metern steigen lassen. Die Simulation zeigt exakt, welche Straßen überschwemmt werden. „Man kann gucken, ob man überlebt“, frohlockt Andrine Nordby.

Echt lustig.

Wieviele Menschen den Klimawandel der nächsten Jahrzehnte überleben, wird nämlich auch davon abhängen, wann Vattenfall endlich seine dreckigen Kohlekraftwerke abschaltet.


Jetzt wählen: Wer ist der größte Grünfärber?

Montag, den 18. Mai 2009

Was haben BP, Shell und Vattenfall gemeinsam? Sie sind weltweit führend bei der Produktion von Kohlendioxid. Sie sind erfahrene Grünfärberer (mit denen wir uns auch beschäftigen mussten). Und sie sind – gemeinsam mit dem Stahlkonzern ArcelorMittal, dem dänischen Staatskonzern Dong Energy und dem Ölriesen Repsol – Kandidaten für den „Climate Greenwash Award“.

Den Preis vergeben die dänischen Sektionen von Attac und Friends of the Earth gemeinsam mit dem lobbykritischen Brüsseler Verband Corporate Europe Observatory und anderen Organisationen. Anlass ist ein hochmögender „World Business Summit on Climate Change“, zu dem sich Al Gore, UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und die Spitzen zahlreicher multinationaler Konzerne in Kopenhagen treffen. Man wolle „Empfehlungen vorbringen für das künftige Welt-Klimaabkommen“, heißt es offenherzig in der Einladung. Angesichts des bisherigen Verhaltens von BP, Dong, Shell, Vattenfall & Co. darf man das getrost als Drohung verstehen. Denn die vorgeschlagenen „Lösungen“ fürs Klimaproblem sind ziemlich bequem für die Firmen.

Freundliche Fernsehbilder und Medienberichte wird das Treffen den Unternehmen trotzdem bescheren – da wollen die Veranstalter des „Climate Greenwash Awards“ auf die dunklen Seiten der Klimabilanzen der Unternehmen hinweisen. Mit den sechs nominierten Firmen stünden einige der „empörendsten Beispiele für Klima-Grünfärberei“ zur Abstimmung.

Hier geht es zur – leider nur englisch- oder dänischsprachigen – Wahl-Website.


SpiegelOnline: Wie Don Quijote gegen Windräder

Mittwoch, den 11. Februar 2009

Das „Nachrichtenmagazin“ Der Spiegel und die Windkraft – das ist eine lange und komplizierte Geschichte. Vor fünf Jahren druckte das Blatt, damals noch unter Chefredakteur Stefan Aust, eine Titelgeschichte mit dem Slogan „Der Windmühlen-Wahn“, die gegen eine „Verspargelung der Landschaft“ und „hoch subventionierte Landschaftszerstörung“ polemisierte. Zwei hochgelobte Fachredakteure, Gerd Rosenkranz und Harald Schumann, schmissen daraufhin ihre Jobs. Aust habe die „Propaganda“-Geschichte gewollt, hieß es hinterher, weil er sich „beim Pferdezüchten im Elbeflachland bei Stade“ über „viele Windräder in der Nähe“ geärgert habe.

Gestern nun präsentierte SpiegelOnline, immerhin Deutschlands meistgelesene Nachrichten-Website, einen vermeintlichen Knüller: Windkraftanlagen seien klimapolitisch sinnlos, denn der Kohlendioxid-Ausstoß werde durch sie gar nicht gesenkt.

Das Kernargument ist nicht neu, in der Szene wird es spätestens seit dem letzten Buch des industriefreundlichen Münchner Ökonomen Hans-Werner Sinn („Das grüne Paradoxon“) debattiert: Wenn hierzulande Kohlendioxid eingespart werde, bringe das im großen Maßstab gar nichts – weil der EU-Emissionshandel erlaube, dass die hierzulande nicht mehr benötigten CO2-Verschmutzungszertifikate ins Ausland vertickt werden. „Polnische oder slowakische Kohlekraftwerke“, heißt es bei SpiegelOnline, würden dann eben mehr von dem Klimagas ausstoßen.

Das klingt erstmal einleuchtend, ist aber Humbug. Spiegel-Redakteur Anselm Waldermann hätte das mit einer einzigen Nachfrage beim UN-Klimasekretariat in Bonn, bei der EU-Kommission in Brüssel oder der Deutschen Emissionshandelsstelle in Berlin erfahren können. Stattdessen zitiert er – oho, was für ein journalistischer Scoop! – aus irgendwelchen E-Mails namenloser Referenten der Grünen-Bundestagsfraktion. Ein ebenso anonymer Vertreter des Bundesverbands Erneuerbare Energien tritt bei SpiegelOnline mit der Binsenweisheit auf, zwischen dem deutschen Einspeisegesetz und dem europäischen Emissionshandel bestehe „eine gewisse Widersprüchlichkeit“. Darüber ist schon lang und breit gestritten worden, beispielsweise als die EU im vergangenen Jahr über konkrete Klimaschutz-Vorgaben für die Mitgliedsstaaten feilschte.

Alle Unkorrektheiten und falschen Zusammenhänge des SpiegelOnline-Textes können wir in der hier gebotenen Kürze nicht ausbreiten, nur zum Kern des Ganzen (sorry, ganz leicht verständlich ist es trotzdem nicht):

1. Der EU-Emissionshandel legt zwar eine Gesamtmenge an Kohlendioxid fest, die von den daran angeschlossenen Industrieanlagen und Kraftwerken europaweit ausgestoßen werden darf. Diese aber ist nicht „unveränderlich“, wie SpiegelOnline schreibt. Im Gegenteil, sie sinkt über die Jahre. EU-Kommission und nationale Regierungen legen dazu sogenannte „Allokationspläne“ fest. Langfristig kalkulierbar soll damit die Zahl der verfügbaren CO2-Zertifikate verringert werden. (Viel zu langsam, wie Klimaschützer beklagen. Viel zu schnell, wie beispielsweise die Kohlelobby zetert.) Ein Zubau von Windrädern hilft in diesem System dabei, dass der Preis für die zunehmend knapper werdenden Verschmutzungsrechte in vertretbarem Rahmen bleibt. Und die Verbraucherpreise für Strom nicht in astronomische Höhen steigen.

2. Der Verkauf deutscher CO2-Zertifikate nach Polen oder in die Slowakei ist blanke Theorie. In der Praxis verfügt die deutsche Energiewirtschaft derzeit nicht über zu viele, sondern über zu wenige Verschmutzungsrechte. Deshalb haben E.on, RWE, Vattenfall & Co. auch mit harten Bandagen gegen den Emissionshandel gekämpft. Aus dem „Nationalen Allokationsplan“ der „Handelsperiode 2008 bis 2012″, den die deutsche Emissionshandelsstelle als 70-seitige Tabelle ins Internet gestellt hat, geht beispielsweise hervor, dass das Vattenfall-Kraftwerk Jänschwalde jährlich gut 12 Millionen Zertifikate kostenlos zugeteilt bekommt – für den üblichen Betrieb aber braucht der Kohle-Riese etwa doppelt so viele. Die Differenz muss Vattenfall zukaufen, entweder bei anderen Anlagenbetreibern im Inland oder irgendwo im Ausland. Das politische Ziel: den Betrieb von CO2-intensiven Kohlekraftwerken verteuern. Für die nötigen Zertifikate gibt allein Vattenfall nach eigenen Angaben jährlich 716 Millionen Euro aus – auch deshalb investieren der Konzern wie auch seine Konkurrenten neuerdings verstärkt in Erneuerbare Energien.

3. Einen Überschuss an CO2-Zertifikaten gab es hierzulande tatsächlich – allerdings nur bis Ende 2007 und nicht wegen des Booms von Windrädern. Stattdessen war es der Industrie für die sogenannte erste Handelsperiode des EU-Emissionshandels durch massiven Druck und geschicktes Lobbying gelungen, von den Behörden viel mehr Verschmutzungsrechte geschenkt zu bekommen, als sie zum Betrieb ihrer Anlagen brauchten. Als das im Mai 2006 herauskam, brachen an einem „Schwarzen Freitag“ die Börsenpreise für Emissionsrechte ein. CO2-Zertifikate kosteten später nur noch wenige Cent. Die ganze Idee des Emissionshandels, der auf Knappheit basiert, war perdu. Mit Start der zweiten Handelsperiode 2008 wurde dieser Fehler korrigiert.

Fassen wir zusammen: In Deutschland herrscht derzeit (soweit bekannt) kein Überschuss an CO2-Zertifikaten – trotz Ausbaus der Erneuerbaren Energien und aller anderen Klimaschutzmaßnahmen. Deshalb kann es auch keinen (Netto-)Verkauf von überschüssigen Verschmutzungsrechten nach Polen oder sonstwohin geben. CO2-Einsparungen durch deutsche Windräder sorgen folglich nicht dafür, dass im Ausland mehr Klimagas ausgestoßen werden darf – im Gegenteil, sie dämpfen den Preis für die (gewollt) knappen Zertifikate und helfen somit bei der Erreichung der deutschen und europäischen Klimaziele.

Zugegeben, einfach ist diese ganze Sache nicht. Und der EU-Emissionhandel hat etliche Mängel. An dessen weitgehender Nutzlosigkeit in den vergangenen Jahren waren aber nicht Windräder, Solarzellen oder das Erneuerbare-Energien-Gesetz schuld, sondern die Macht der überkommenen Energiewirtschaft und die Nachgiebigkeit der Politik.

Aber vielleicht ist das eine zu komplizierte Geschichte für SpiegelOnline.


Vattenfall: Erster Wortbruch in Moorburg

Montag, den 26. Januar 2009

Hoch schlugen die Wellen, als Vattenfall vor gut zwei Jahren die Pläne für ein neues Steinkohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg bekanntmachte. Es gab heftige Proteste, fast wäre die schwarz-grüne Koalition in der Hansestadt an dem Klimakiller-Projekt gescheitert. Groß waren deshalb die Versprechen des Energiekonzerns: Mit Inbetriebnahme der neuen Anlage werde man ein altes Heizkraftwerk im nahen Wedel abschalten. Auf der Vattenfall-Homepage heißt es dazu, die Errichtung der neuen Anlage in Moorburg

Ausriss: soll bis zum Jahr 2012 abgeschlossen werden. Sie wird das dann 50 Jahre alte Kraftwerk in Wedel ersetzen.

Außerdem versprach Vattenfall, das neue Kraftwerk baldmöglichst mit einer Anlage zur Abscheidung von Kohlendioxid nachzurüsten.

Nun sind die Genehmigungen für Moorburg erteilt. Die Bauarbeiten laufen auf Hochtouren. Der rechte Zeitpunkt also, alte Versprecher, äh, Versprechen abzuräumen. Das Hamburger Abendblatt meldete am Wochenende, Vattenfall habe „mit Verweis auf die unsichere Situation in der Energiepolitik“ mittlerweile seine Pläne geändert: Wedel soll nun doch nicht mit Inbetriebnahme von Moorburg stillgelegt werden. Dabei hatte es in den öffentlichen Diskussionen immer geheißen, die neue Anlage sei doch ganz toll fürs Klima, weil dann das alte Kraftwerk abgeschaltet werde. Bild brachte dieses (schon immer falsche) Argumente mit einer Schlagzeile auf den Punkt: „Sind die Grünen Umweltsünder?“, fragte sie angesichts des Widerstands der GAL gegen die Vattenfall-Pläne. Dass die alte Anlage siebenmal kleiner ist als der neue Kraftwerksriese und deshalb der Kohlendioxid-Ausstoß in Moorburg ein Vielfaches von dem in Wedel betragen wird, war dem Boulevardblatt wohl schon zu komplex.

Bei Regierung, Opposition und Umweltverbänden ist nun jedenfalls die Empörung groß. Von „Wortbruch“ und „gezielter Täuschung“ ist die Rede. Das Abendblatt zitiert eine Vattenfall-Sprecherin mit der kühlen Bemerkung, „die Versorgungssicherheit der Fernwärmekunden“ habe nun mal „Priorität“, deshalb brauche man für eine Übergangszeit beide Anlagen. Von zwei Jahren Aufschub für die Stilllegung von Wedel ist nun die Rede. Mal sehen, wie es weitergeht. Und wann der Konzern den Ausstieg aus dem zweiten, lauen Versprechen einleitet: dem Bau der CCS-Anlage in Moorburg.


RWE: Millionen Tönnchen Emissiönchen

Sonntag, den 14. Dezember 2008

Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt ist einer der beliebtesten Deutschen (wieso eigentlich?), aus Anlass seines bevorstehenden 90. Geburtstags machten ihn vergangene Woche sowohl Spiegel („Über Schmidt“) wie auch ZEIT („Unser Schmidt“) zum Cover-Boy. In diesem Glanz sonnt man sich gern – weshalb in einer ZEIT-Beilage zu Schmidt gleich eine ganze Reihe der führenden deutschen Klimakiller großformatige Anzeigen geschaltet haben. Neben Porsche, E.on und Vattenfall war dort auch RWE vertreten.

Das Kokettieren mit „Emissiönchen“ hat der Essener Stromriese bitter nötig: Mit seiner Vielzahl von Braun- und Steinkohlekraftwerken ist RWE der europaweit größte Emittent von Kohlendioxid. Darauf wies – wie der Zufall so spielt – just am vergangenen Donnerstag, als auch die ZEIT-Festschrift erschien, die International Herald Tribune hin. Sie druckte eine gründliche Analyse des EU-Emissionshandels, der RWE bis 2012 milliardenschwere Sondergewinne beschert. Aus der zugehörigen Grafik gehen nicht nur die seit 2002 stark gestiegenen Gewinne des Konzerns hervor (rechts), sondern auch die wachsenden CO2-Emissiönchen von RWE (links in absoluten Zahlen, mittig bezogen auf jede erzeugte Megawattstunde Strom):

Danke an Stefan H. für den Hinweis


Jürgen Rüttgers: Ein Herz für RWE & Co.

Montag, den 8. Dezember 2008

Noch vier Tage bis zum Showdown in Brüssel, bis zum Beschluss über das EU-Klimapaket. Über Jahre wird damit der Kurs abgesteckt für die Klimapolitik, weshalb das Kriegsgeschrei immer lauter wird. Ein CDU-Ministerpräsident nach dem anderen betätigt sich als Lautsprecher der deutschen Kohlelobby, nach Stanislaw Tillich aus Sachsen plappert nun auch Jürgen Rüttgers die Propaganda von E.on, RWE, Vattenfall & Co. nach. In seiner heutigen Ausgabe zitiert das Magazin Focus den nordrhein-westfälischen Regierungschef mit den Worten:

Dieses Argument ist bei der Industrie beliebt, wird aber nicht wahrer, wenn es nun auch Politiker wiederholen. Denn die Kosten für die Kohlendioxid-Zertifikate haben die Stromversorger schon längst auf die Strompreise draufgeschlagen, obwohl sie bisher 90 Prozent der Papiere geschenkt bekommen. Vor allem den Betreibern von Kohlekraftwerken beschert dies zwischen 2008 und 2012 dicke Sondergewinne; nach Berechnungen des Öko-Instituts spülen die bisherigen Regeln des EU-Emissionshandels allein E.on elf Milliarden Euro in die Kassen, RWE kann sich demnach über neun Milliarden, Vattenfall über 6,6 Milliarden, EnBW über sechs Milliarden und Evonik über 2,3 Milliarden Euro freuen.

Ab 2013 sollen die Energieerzeuger endlich vollständig bezahlen für die Emissionszertifikate, die sie laut EU-Recht vorweisen müssen, um CO2-emittierende Kraftwerke zu betreiben. Die Brüsseler Kommission schlägt vor, die Papiere unter den Unternehmen zu versteigern, und bisher war auch Deutschland dafür. Die Stromriesen aber wehren sich heftig, und es scheint, als knicke die Regierung Merkel – wieder mal – ein.

Dabei ist die Versteigerung sogar nach Ansicht von DB Research, der Denkfabrik der Deutschen Bank, eine sinnvolle Sache. Und die Umweltstiftung WWF kommt nach einer detaillierten Studie zum Ergebnis, dass eine Versteigerung „wenig Auswirkung auf die Großhandelsstrompreise“ haben würde. WWF-Expertin Juliette de Grandpré bringt denn auch auf den Punkt, worum es bei dem Streit eigentlich geht: Die Frage ist nicht: Steigen die Strompreise aufgrund der Versteigerung im Emissionshandel? Sondern vielmehr: Was passiert mit dem Geld? Wandert es direkt in die Kassen der Konzerne oder fließt es zurück zum Staat und kann sinnvoll zum Schutz des Klimas eingesetzt werden.“

Würden die EU-Pläne Wirklichkeit, würde also nicht der Strompreis automatisch steigen, sondern die Profite von E.on, RWE, Vattenfall & Co. automatisch sinken.


Vattenfall: Alibi-Unterschriften fürs Klima

Donnerstag, den 2. Oktober 2008

Der Energieversorger Vattenfall („Wasserfall“) hat ein Problem: In Schweden, dem Heimatland des Unternehmens, pflegt es das Image eines vorbildlichen Klimaschützers, doch im Ausland – in Deutschland und Polen – betreibt und baut der gleiche Konzern in großem Stil Kohlekraftwerke. Darüber sind nicht nur viele Schweden empört. Nun hat Vattenfall unter dem Motto „Verbraucher gegen den Klimawandel“ eine aufwändige internationale Kampagne gestartet, um sein angeschlagenes Image zu verbessern.

In großformatigen Anzeigen in der taz und anderen Zeitungen sowie im Internet ruft Vattenfall dazu auf, eine „Klimaunterschrift“ zu leisten (für jede Unterschrift lässt der Konzern seltsamerweise eine Plastikfigur anfertigen). Die „Erklärung“ ist ebenso wohlklingend wie nichtssagend. Viel ist von der „Macht der Konsumenten“ die Rede, die durch „Transparenz und Vergleichsmöglichkeit“ freigesetzt werde. Wer auf „Was heißt das?“ klickt, erfährt:

Im Sinne von „Transparenz und Vergleichsmöglichkeit“ erlauben wir uns zu ergänzen: Bei der Erzeugung von Vattenfall-Strom entstehen in Deutschland laut obligatorischer Stromkennzeichung 655 bis 677 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde. Bei einem Ökostromanbieter wie Greenpeace energy sind es dagegen 0 Gramm. Für einen 4-Personen-Haushalt mit einem durchschnittlichen Jahresverbrauch (4430 Kilowattstunden) ergibt sich daraus folgende Möglichkeit zur CO2-Einsparung:

Wechsel von Vattenfall zu einem Ökostromanbieter: 2950 kg CO2/Jahr

Dieser Schritt brächte also dreimal so viel für den Klimaschutz wie alle Vattenfall-Tipps zusammengenommen.


Bundesumweltministerium: Der Mythos „co2-frei“

Samstag, den 20. September 2008

Tapfer kämpft Sigmar Gabriel dafür, dass am Atomausstieg (der ja einst mit ausdrücklicher Zustimmung der  Energieversorger vereinbart wurde) nicht gerüttelt wird. Die Argumente dafür hat sein Ministerium nun noch einmal in einer Hochglanz-Broschüre aufgeschrieben.

Da ist es besser – denkt sich Gabriel wohl – nicht auch noch beim Thema Kohle auf volle Konfrontation mit den Stromkonzernen zu gehen. Im übrigen ist seine SPD ja die traditionelle Kumpel-Partei. Jedenfalls verteidigt Gabriel regelmäßig den Neubau von Kohlekraftwerken und rechnet beispielsweise die Zahl der hierzulande geplanten Projekte klein. Dabei ist längst klar, dass Gabriels Klimaschutzziele nicht erreichbar sind, wenn alle diese Vorhaben Realität werden sollten.

Im Eifer des Gefechts gegen die „Mythen der Atomwirtschaft“ sitzt das Umweltministerium in seiner Broschüre einem Mythos der Kohlewirtschaft auf: Denn auf die Frage zum „Energiemix der Zukunft“ verweist Gabriels Haus unter anderem auf

Dieser Begriff aber ist schlicht falsch, solche Kohlekraftwerke gibt es nicht. Eine Berliner Solarfirma verklagte den Kohleriesen Vattenfall im vergangenen Jahr mit Erfolg auf Unterlassung der Vokabel in seinen Werbekampagnen. Nicht umsonst meidet das „Informationszentrum klimafreundliches Kohlekraftwerk“, das Propagandabüro der deutschen Kohlewirtschaft, den Begriff und verspricht – ganz korrekt – nur „deutlich weniger“ Kohlendioxid. Selbst wenn die sogenannten CCS-Kraftwerke jemals großtechnisch (und rentabel) funktionieren, werden dort nicht hundert Prozent des Klimagases aufgefangen – und ein Teil wird später auch wieder aus den unterirdischen Lagerstätten entweichen. Je nach Technologie wird es schätzungsweise bei einem co2-Ausstoß von 60 bis 150 Gramm pro Kilowattstunde Strom bleiben. Das ist zwar weniger als bei Gaskraftwerken, aber viel mehr als bei Erneuerbaren Energien. Darauf haben nicht nur Experten des Weltklimarates IPCC schon 2005 hingewiesen, sondern auch von Gabriel beauftragte Forscher. In einer anderen Broschüre des Bundesumweltministeriums heißt es denn auch:

Danke an Inge S. für den Hinweis