Archiv des Schlagwortes ‘Vattenfall’

Werbung: Geld stinkt doch nicht

Montag, den 23. November 2015

Hurra! Jubel!! Tusch!!!

Die Werbeagentur Muehlhausmoers hat gewonnen:

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Der Galaxy Award zählt zu den renommiertesten Auszeichnungen für „herausragende Arbeiten der Marketing-Kommunikation“. Seit 1987 wird er von der New Yorker „International Academy of Communications Arts and Sciences“ verliehen, einer Gründung der MerComm Inc. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, durch die Bewertung in zahlreichen Einzeldisziplinen hervorragendes Marketing auszuzeichnen und somit „Werbung“ zu fördern.

Gold gewonnen hat die Werbeagentur Muehlhausmoers für ihre Arbeit gegen den Hunger. Für die Deutsche Welthungerhilfe haben die in Köln und Berlin angesiedelten Werber den Welthungerindex 2015 erarbeitet:

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Eine zentrale Frage dieser Arbeit: „Führt Krieg zu Hunger? Führt Hunger zu Krieg? Der aktuelle Welthunger-Index hat sich diese Frage angeschaut.“

Die Antwort ist nicht ganz eindeutig. Auf Seite 32 heißt es jedenfalls:

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Deshalb ist der zweite Siegerpreis, den die Werbeagentur Muehlhausmoers gewonnen hat, interessant: „Galaxy-Gold gab es für die bereits mehrfach preisgekrönte Publikation ‚Vattenfall Magazine‘, dem fünfsprachigen Stakeholdermagazin des Energieversorgers Vattenfall“, schreibt Muehlhausmoers.

Das ist höchst zweifelhaft formuliert, und zwar nicht nur grammatisch: Vattenfall ist längst kein „Versorger“ mehr, sondern ein Konzern, der für seine Aktionäre das Maximum herauszusaugen sucht – etwa durch Rückforderungen an Kommunen.

Wir schweifen aber ab: Eine weitere Galaxy-Auszeichnung heimsen die Werber von Muehlhausmoers mit folgender Publikation ein:

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„News from Vattenfall“ heißt eines der neuesten Produkte der Agentur. Muehlhausmoers hatte dem größten Klimasünder in Deutschland dabei geholfen, „einen Dialog mit den Stakeholdern“ in Gang zu setzen. Und das in einer Branche, die „immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik steht“, wie die Muehlhausmoers-Werber stolz verkünden.

Donnerwetter: Das ist wirklich preiswürdig! Mit dem einen Kunden schönt Muehlhausmoers ein Problem, dass der Agentur Arbeit bei dem anderen Kunden garantiert! Ohne Fossilkonzerne wie Vattenfall wäre das Klimaproblem nicht so gravierend, ohne Klimawandel wäre der Hunger weniger tödlich.

Für Muehlhausmoers eine wahre Win-win-Situation!

Danke an Dietmar B. aus Berlin für den Tipp!


Vattenfall: Gegen die Zukunft klagen

Montag, den 27. April 2015

Alles, was derzeit rund um Vattenfall passiert, ist für Fans der Energiewende enorm spannend. Der schwedische Staatskonzern will seine Braunkohlesparte in Deutschland bekanntlich verkaufen, am Wochenende titelte unser Schwester-Magazin klimaretter.info beispielsweise:

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Aber waren die Kollegen da auf der Höhe der Zeit? Oder haben sie schlichtweg die Nachrichten des Freitags verpennt?

Da hatte Vattenfall nämlich per Pressemeldung Folgendes erklärt:

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Weiter heißt es dort: „Nach 15 wirtschaftlich erfolgreichen Jahren in der Lausitz sind wir uns unserer sozialen und ökologischen Verantwortung bewusst. Vattenfall steht 100 % zu Nachhaltigkeit, 100 % zur Zukunft und 100 % zur Lausitz. Deshalb haben wir beschlossen: Vattenfall bleibt in der Lausitz! Gemeinsam mit unseren lokalen Partnern in der Politik werden wir unser Geschäft in der Region konsequent und sozialverträglich auf den zukünftigen Energiemarkt umstellen.“

Und Vattenfall-Chef Tuomo Hatakka sagte Folgendes: „Bis zum Jahr 2030 wollen wir allen Kolleginnen und Kollegen aus den Braunkohlekraftwerken und Tagebauen deshalb eine sichere und planbare Zukunft in anderen Geschäftsbereichen Vattenfalls wie Customers & Solutions, Wind oder Distribution bieten. Denn die Menschen stehen für Vattenfall immer an erster Stelle.“

SENSATIONELL: Vattenfall steigt bis 2030 aus der Braunkohle aus! Und das, ohne einen Arbeitsplatz einzubüßen!!

Leider aber keine Vattenfall-Mitteilung, sondern eine glatte Lüge: Es waren die Berliner Aktionskünstler vom Peng! Collective, die einfach mal Vattenfall spielten und am Freitag den arbeitsplatzsichernden Ausstieg des Energieriesen aus der Braunkohle verkündeten.

Vattenfall habe mit solch einer Zukunft nichts zu tun, erklärte mittlerweile Vattenfall. Um uns dann mit Fotos der Anti-Klimaschutz-Kampagne vom Wochenende zu erfreuen, bei der die Energiekonzerne ihre Belegschaften per Bus nach Berlin gekarrt hatten, um Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) vorzuwerfen, dass er mit seinem „nationalen Klimabeitrag“ unter anderem der Lausitz die Arbeitsplätze rauben will.

Am heutigen Montag nun veröffentlichte Greenpeace eine Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung, die belegt, dass Vattenfall sein ostdeutsches Braunkohlegeschäft tatsächlich innerhalb von 15 Jahren herunterfahren und auf erneuerbare Energien umsteigen könnte, ohne dass Arbeitsplätze in Gefahr geraten. Also genau so, wie es die Aktionskünstler vom Peng! Collective am Freitag im Namen von Vattenfall verkündeten. Und genau so, wie es nötig wäre, um den Braunkohle-Kumpeln ihre Zukunfts-Ängste zu nehmen.

Und was macht Vattenfall? Die Deutsche Presse-Agentur schreibt folgendes:

„Gefälschte Internetseiten und Pressemitteilungen: Der schwedische Energiekonzern Vattenfall sieht sich einer Kampagne der gezielten Verbreitung von gefälschten Konzern-Informationen ausgesetzt. Seit einigen Tagen werden in Deutschland und Schweden gefälschte Webseiten, Mitteilungen und Twitter-Accounts in Umlauf gebracht, wie der Konzern am Freitag in Berlin mitteilte. Darin stehen demnach auf Deutsch und Schwedisch Falschinformationen über das Unternehmen.“

Und dann heißt es bei der dpa:

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Lausitz: Gar nicht schmackhaft

Montag, den 28. April 2014

Heute müssen wir uns mit dem Fremdenverkehr befassen. Wer schon einmal an einer Tagebaukante stand, wer die Kühlturm-Schlote der Vattenfall-Kraftwerke schon einmal von Nahem gesehen und das Kettenrasseln der Abraumbagger in seinen Nervenbahnen erlebt hat (Als Test: Hier ab 1:48 und ab 2:48), der weiß: In weiten Teilen der Lausitz funktioniert nur noch Katastrophen-Tourismus.

Insofern ist folgende Anzeige, die Vattenfall großformatig zum Beispiel am Bahnhof in Lübbenau geschaltet hat, interessant:

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Wer zu Peter Frankes Landgasthof „Zum Stern“ möchte, muss in Vetschau die Autobahn A 13 verlassen. Vetschau hatte es vor Jahresfrist bundesweit zu einigen Schlagzeilen gebracht, weil das Wasser des Vetschauer Mühlenfließes zu einer rostbraunen Kloake verkommen war. Der Abbau der Braunkohle ist schuld daran. Fast alles Leben ist wegen der Verseuchung des kleinen Fließes mit Eisenocker, einem Ewigkeitsproblem des Braunkohlebergbaus, abgestorben, und weil das Mühlenfließ in das Unesco-Biosphärenreservat Spreewald mündet, ist so etwas wie Panik ausgebrochen. Denn: Zwischen all den Abraumhalden und Kraftwerksflächen ist das Gebiet das einzig erhalten gebliebene Naturparadies der Lausitz.

„Der Spreewald ist akut bedroht, zumindest der Süd-Spreewald“, sagt Jana Eitner vom Tourismusverband Burg. Sie befürchtet massive Einbußen im wichtigsten Wirtschaftszweig der Region, dem Tourismus, „denn wir verkaufen die Spree quasi als Produkt“. Und wenn jetzt durch die Braunkohle der Eisenocker unappetitlich alles Leben im Fluss zerstört, dann „ist die Destination Spreewald nicht mehr zu vermarkten“. Harald Altekrüger, der zuständige Landrat, sagt: „Für die Flora und Fauna ist das eine ganz bedrohliche Sache.“ Deshalb hat sich auch ein Aktionsbündnis „Klare Spree“ gegründet, um Vattenfall auf die Füße zu treten und gegen die Sache anzukämpfen.

Es ist nicht bekannt, ob sich Peter Franke als Mitglied dieses Aktionsbündnisses für die Erhaltung des Spreewald-Paradieses engagiert. Unter dem Slogan „Was wichtig ist“ erklärt er aber, dass es gute Gründe gibt, „Touristen die Lausitz schmackhaft zu machen“. Wer dabei hilft? „Die Braunkohle“, argumentiert Franke, der Koch.

Igitt, mag man sich denken, wenn ein Koch so etwas als schmackhaft anpreist:

RS9757_ockerrIm Bild zu sehen ist das Mühlenfließ in Vetschau, etwa zehn Kilometer Luftlinie von Frankes Landgasthof entfernt. Das Rostbraune ist Eisenocker, chemisch Eisen(III)-oxidhydrat. Für den Menschen ist der Nebenstoff der Braunkohleförderung zwar relativ ungefährlich, er verfärbt lediglich Badesachen und die Haut. Tödlich aber ist der Eisenocker für alles aquatische Leben.

„Es gibt gute Gründe, Touristen die Lausitz schmackhaft zu machen“. Peter Franke ist Koch. Wer dabei hilft? „Die Braunkohle.“ Fragt man sich: Wie schmackhaft ist das denn?

„Die Verantwortlichen haben die Gefahr erkannt und ich bin froh, dass unser Ministerpräsident auch die notwendigen Mittel zur Bekämpfung frei gegeben hat“, erklärt Peter Franke gegenüber dem Klima-Lügendetektor. Die Natur, auch die des Spreewaldes, sei ihm wichtig, am Wochenende habe er mit dem Solarkocher gekocht, mit der Erderwärmung befasse er sich auch: „In 20 Jahren muss Schluss sein mit der Braunkohle.“

Just am heutigen Tag befasst sich in Cottbus der Braunkohleausschuss mit einem neuen Tagebau für Vattenfall – damit der schwedische Staatskonzern auch nach 2040 noch Braunkohle verstromen kann. Mehr als 800 Menschen werden aus ihrer Heimat vertrieben. 2.000 Hektar Lausitz sollen verschwinden, um dort zusätzliche 200 Millionen Tonnen Braunkohle zu fördern. Und die Anzeigenkampagne von Vattenfall – bei uns bereits im vergangenen November Thema – soll für diese Heimatzerstörung guten Wind im Volk machen. „Ein mächtiger und finanzstarker Akteur betreibt Meinungsmache, um politische Entscheidungen zu seinen Gunsten zu beeinflussen“, urteilt Lobbycontrol. Demnach wird nicht in 20 Jahren Schluss sein mit der Braunkohle, so wie es Peter Franke fordert, sondern erst in 32 Jahren. Fühlt sich Peter Franke von Vattenfall also missbraucht?

Ein Gastwirt brauche in seiner Region gut bezahlte Arbeitsplätze, die ein verfügbares Einkommen haben, argumentiert der Kneiper. Und die Braunkohle sorge eben dafür mit ihren 5.000 Arbeitsplätzen. Ja, aber der Heimatverlust von 800 Menschen? Der Klimawandel?

„Ich habe das für einen guten Zweck gemacht“, sagt Peter Franke. Das Honorar seiner Vattenfall-Werbung geht nach Frankes Aussage an die Stiftung „Familien in Not“.

Danke an Falk H. aus Cottbus für den Hinweis

P.S. am 2. Mai: Der Verein LobbyControl hat kürzlich die Pro-Braunkohle-Kampagne(n) von Vattenfall beleuchtet.


Vattenfall: Sozialprobleme schönreden

Donnerstag, den 28. November 2013

In Cottbus und Umgebung lässt die Firma Vattenfall derzeit folgendes plakatieren:

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Wir konnten leider Gregor Ladusch aus Großräschen selbst nicht befragen, wie seine Zukunft aussieht. Die Telefonauskunft verrät seine Telefonnummer nicht. Verbrieft ist immerhin, dass Gregor Ladusch aus Großräschen echt ist. Beispielsweise beschrieb er den Ort Atterwasch als „perfekten Ort zum Lernen“: „Es macht Spaß, hier zu lernen. Die Anlage mit dem See gleich nebenan – das ist perfekt“, zitiert die Lausitzer Rundschau Gregor Ladusch aus Großräschen im Jahr 2006 – damals 14-jährig.

Dumm nur, dass Atterwasch keine Zukunft hat. Der „perfekte Ort zum Lernen“ wird demnächst von Schaufelrad-Baggern zermalmt, die aus dem „perfekten Ort“ dann den Braunkohletagebau Jänschwalde-Nord machen.

Mehr noch: In den kommenden Tagen beginnt die Erörterung für den neuen Tagebau Welzow-Süd II. Bis 2042 sollen Orte wie Proschim, Karlsfeld und Teile von Welzow geopfert werden, Vattenfall will sich im Genehmigungsverfahren durchsetzen. Gregor Ladusch aus Großräschen sagt in der Anzeige deshalb:

2Aber das ist glatt gelogen! Im neuen Koalitionsvertrag haben SPD und Union Klima-Ziele festgeschrieben: „National wollen wir die Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um mindestens 40 Prozent gegenüber dem Stand 1990 reduzieren“, heißt es auf Seite 50. Bis 2050 sollen es in Deutschland 80 bis 95 Prozent sein, nach den Ergebnissen der Pariser Klimaschutzkonferenz 2015 soll ein Plan mit Zwischen-Zielwerten bis dahin folgen. Und die Koalitionäre haben schon mal ein Zwischenbild gemalt: Bis 2035 sollen 55 bis 60 Prozent des deutschen Strombedarfs durch Sonne, Wind und Co gedeckt werden.

Braunkohle ist der klimaschädlichste aller Energieträger. Je nach Braunkohle-Art entstehen beim Verfeuern einer Tonne bis zu 1,3 Tonnen Kohlendioxid – dreimal so viel wie bei einem modernen Gas-und-Dampf-Kombikraftwerk. Braunkohlekraftwerke sind heute für etwa die Hälfte des Kohlendioxid-Ausstoßes in Deutschlands Stromerzeugung verantwortlich. Völlig klar ist deshalb, dass im Jahr 2035 Braunkohle im Energiemix kaum noch eine Rolle spielen kann. Azubi Gregor Ladusch aus Großräschen wird dann 43 Jahre alt sein – und arbeitslos, weil er eben nur Braunkohle kann.

Die neue Brandenburger Landeschefin der Bündnisgrünen hat dieses kommende Sozialproblem bereits thematisiert: „Wir sollten im Braunkohlebereich keine Lehrlinge mehr ausbilden, sondern nur noch in erneuerbaren Energien“, sagte Petra Budke. Aber das will in der Lausitz kaum jemand hören. Man hofft hier halt auf Vattenfall und darauf, dass Klimaschutz nicht wichtig ist.

Vattenfall sucht aber schon mal einen Investor, an den der schwedische Konzern sein Braunkohle-Geschäft verkaufen kann. Offenbar ist das weder „wichtig“ noch „die Zukunft“.

Danke an Mike K. aus Fürstenwalde für den Tipp


Bilfinger & Roland Koch: Die Kohle-Weißwäscher

Dienstag, den 28. Mai 2013

Bilfinger + Berger war einmal einer der größten und traditionsreichen deutschen Baukonzerne; heute heißt die Firma nur noch Bilfinger, bezeichnet sich als Industrie-Dienstleister und hat – wie bei einer solchen Neupositionierung üblich – erst mal eine fette Werbekampagne gestartet. „Make it work“, lautet der zentrale Slogan. Ein Anzeigenmotiv zeigt das Kohlekraftwerk, das Vattenfall gerade in Hamburg-Moorburg errichtet, dazu den Spruch „We make Clean Power work“.

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Moment, Kohlekraft und „saubere Energie“ – passt das zusammen?? Für Bilfinger schon. Im Kleingedruckten heißt es:

Ekkehard Schulz arbeitet bei Bilfinger. Er sorgt dafür, dass in Hamburg-Mooburg ein Kohlekraftwerk der neuesten Generation entsteht. Dank einer Entschwefelungsanlage von Bilfinger, die das Schwefeldioxid höchst effizient aus der Abluft herausfiltert. Wir haben die Anlage geplant, geliefert und montiert. Jetzt geht sie an den Start - eine saubere Leistung!

Hübsch, was sich Bilfinger da von der Hamburger Agentur Kolle Rebbe hat dichten lassen, oder? „Clean … neueste Generation … höchst effizient … saubere Leistung“ – fällt Ihnen etwas auf? Keine der Formulierungen ist irgendwie konkret, nirgends gibt es eine präzise Zahl, alles ist unspezifisch, dafür umso wohltönender. Aus gutem Grund: Betrachtet man Kohlekraftwerke auch nur etwas genauer, dann wird klar: Die sind überhaupt nicht sauber. Das gilt sowohl in Bezug auf die Erderwärmung – Steinkohlekraftwerke wie jenes in Moorburg sind fürs Klima die zweitschlechteste Option überhaupt, nur Braunkohlekraftwerke stoßen pro erzeugter Kilowattstunde Strom noch mehr Kohlendioxid aus. Aber auch was allgemeine Umwelt- und Gesundheitsschäden angeht, sind selbst Kohleblöcke der „neuesten Generation“ alles andere als „clean“. Sogar mit den „höchst effizienten“ Filteranlagen von Bilfinger wird Moorburg eine Dreckschleuder sein – wie der Genehmigungsbescheid der Stadt Hamburg ganz konkret zeigt:

bilfinger_bimschSchwefeloxide, Feinstaub, Quecksilber, Cadmium, Arsen, Blei und viele andere leckere Sachen also quillen im Normalbetrieb aus den Schornsteinen. Na ja, das sind doch nur winzige Mengen, wird Bilfinger beim Blick auf die Tabelle vielleicht sagen. Und wir halten alle Grenzwerte ein, könnte Vattenfall betonen. Beides stimmt, doch die Tabelle bezieht sich auf die Schadstoffmengen für einen einzigen Kubikmeter Abluft – im Dauerbetrieb aber entstehen mehr als vier Millionen Kubikmeter Abgase, nicht pro Jahr oder pro Monat, sondern pro Stunde! So der Genehmigungsbescheid. Und die Grenzwerte, tja, die sind in Deutschland und der EU alles andere als streng, die WHO empfiehlt wesentlich schärfere Vorschriften zum Beispiel für Feinstaub. Die USA oder China, auf das man hierzulande in Umweltdingen gern herabschaut, haben strengere Regeln: Während beispielsweise bei Stickoxiden die neue – von der EU als Erfolg gefeierte – Industrieemissionsrichtlinie (IER) 200 Milligramm pro Kubikmeter erlaubt (die Moorburg ausweislich der Tabelle voll ausschöpft), dürfen neue Kohlekraftwerke in China nur 117 mg/m³ emittieren, in den USA gar nur 100 mg/m³.

Jedenfalls haben die die Institute IFEU und Arrhenius in einer Studie für den BUND Hamburg die absoluten Schadstoffmengen errechnet, die beim Volllastbetrieb in Moorburg jährlich frei werden – und dann klingt überhaupt nichts mehr „clean“:

bilfinger_bundstudie_tabellNicht nur Umweltverbände, sondern auch Mediziner warnen deshalb vor Kohlekraftwerken. Durch Moorburg werde unter anderem die Zahl von Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigen, warnte in Hamburg die Wilhelmsburger Ärzteschaft. Die europäische Gesundheits-Dachorganisation HEAL bezifferte kürzlich in einer Studie die Zahl der zusätzlichen Todesfälle durch die Schadstoffe aus deutschen Kohlekraftwerken auf 2.700 pro Jahr.

Das also ist „Clean Power“ à la Bilfinger.

Aber, tja, vielleicht ist das auch kein Wunder. Vorstandschef des neu positionierten Konzerns ist Roland Koch, der ehemalige Ministerpräsident von Hessen – der vor gut zehn Jahren während der CDU-Spendenaffäre durch einen „brutalstmöglichen“ Umgang mit der Wahrheit berühmt geworden ist.


Vattenfall: Gar nicht schön problemlos

Dienstag, den 9. April 2013

Neues von der aktuellen Vattenfall-Kampagne in Berlin, derzeit ist die halbe Stadt zugepflastert mit diesem Plakatmotiv:

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Hintergrund der Werbeoffensive ist ganz offensichtlich, dass Vattenfall um die Konzession zum Betrieb des städtischen Stromnetzes bangt. Im kommenden Jahr wird neu entschieden, und ein Berliner Bündnis hat das Volksbegehren „Neue Energie für Berlin“ gestartet, um ein kommunales Stadtwerk in Berlin aufzubauen und das städtische Verteilnetz selbst zu betreiben. Da bleibt Vattenfall natürlich nicht still, wie wir bereits vor fünf Wochen berichteten. Auch das neue Motiv zeigt ein Kind (in der Werbung immer eine sichere Bank), garniert mit Gute-Laune-Worten wie „schön“ und „problemlos“.

Dummerweise hat der schwedische Staatskonzern da einige der eigenen Baustellen vergessen – nicht immer nämlich fließt bei Vattenfall alles problemlos. 2007 zum Beispiel kam es zuerst im Atomkraftwerk Brunsbüttel zum Zwischenfall und kurz danach im Vattenfall-Reaktor Krümmel – bis heute sind die Zusammenhänge nicht endgültig geklärt. Dafür aber die Folgen: Stromausfall in Hamburg, 770 Ampeln blieben dunkel,  Fern- und Nahverkehrszüge waren betroffen, genauso wie automatische Türen, „sensible Geräte“ oder Computer, die abstürzten. Das Hamburger Abendblatt zitierte damals einen Vattenfall-Sprecher: „Über das Europäische Verbundnetz können solche Ereignisse ausgeglichen werden. Das ist zum Glück kein großes Problem.“ Aber das hat die Menschen, die in Zügen oder Läden feststeckten, natürlich erst recht verunsichert: Was, bitte schön, ist für Vattenfall dann ein großes Problem?

Inzwischen gibts ja den Atomausstieg, und Vattenfall hat ein Verfahren zum Rückbau seines Reaktors in Brunsbüttel eingeleitet. Eigenartigerweise bedeutet das aber immer noch nicht, dass die abgeschaltete Atomanlage problemfrei auf ihren Rückbau wartet: Den jüngsten Störfall gab es Anfang des Jahres.

Okay, wir können uns bereits den Anruf der Vattenfall-Pressestelle ausmalen – das seien doch Fälle, die weit zurück oder weit weg liegen. Aber was war das neulich, also im Februar, in Berlin-Charlottenburg? Rund 1.500 Haushalte waren da drei Stunden lang ohne Strom… 

Hoppla.

Aber natürlich verlässt sich Vattenfall beim Ringen ums Netz nicht allein auf Kinder und seine prall gefüllte Werbekasse. Unter der Überschrift „Wie in Berlin um das Stromnetz gekämpft wird“ berichtet die Berliner Morgenpost:

Um Einfluss zu nehmen, hatte Vattenfall sogar den früheren Stadtentwicklungssenator und SPD-Landeschef Peter Strieder als Lobbyisten verpflichtet.

Laut Morgenpost strebt Vattenfall mit dem Senat eine Art Deal an, um sich die Konzession noch vor dem geplanten Volksbegehren zu sichern. Bislang habe aber keiner der Versuche Erfolg gehabt, weshalb man nun einen Mann mit besten Verbindungen einschaltet – eben den nach einem Skandal zurückgetretenen Peter Strieder (SPD), der heute sein Geld beim PR-Riesen Ketchum Pleon verdient. Schade, dass man den Herrn nicht auf Vattenfall-Plakaten zu sehen bekommt.

Vielen Dank an Claudia L. aus Berlin für den Hinweis!

P.S.: Just gestern hat das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie eine Kurzstudie veröffentlicht, die die Tricks Strategien der Stromkonzerne im Kampf um die Netze beleuchtet – eine sehr lesenswerte Lektüre!


Vattenfall: Vier schlechte Gründe

Dienstag, den 5. März 2013

Die Zeitungen in Berlin sind heute mit einer Anzeigenkampagne von Vattenfall beglückt worden. Zum Beispiel die Berliner Zeitung, wo halbseitig Sicherheit vermittelt werden soll:

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lm erläuternden Text steht: „Denn das Stromnetz unseres Netzbetreibers gehört zu den fortschrittlichsten und sichersten der Welt. Jahr für Jahr werden rund 240 Millionen Euro für den Ausbau und Unterhalt ausgegeben. Würde das auch noch den Berliner Haushalt belasten, kämen viele andere Vorhaben zu kurz.“

Es geht um das Stromnetz in Berlin und den sogenannten Konzessionsvertrag: Ende 2014 läuft die vertragliche Genehmigung aus, die Berlin dem Vattenfall-Konzern einräumte, sein Stromnetz zu benutzen. Das war offenbar ein ganz lukrativer Vertrag: Vattenfall möchte gern verlängern, um seinen Strom auch weiterhin über das Berliner Stromnetz zu verkaufen. Schon allein deshalb, weil der Stromnetzbetrieb nach Abzug aller Kosten Vattenfall in den letzten Jahren jährlich höhere zweistellige Millionen-Beträge in die Kassen spülte.

Dagegen regt sich aber massiver Widerstand. Im vergangenen Jahr war ein Volksbegehren zur „Rekommunalisierung der Energienetze“ in der ersten Stufe erfolgreich. Nun haben sich die Initiatoren auf den Weg zur zweiten Stufe – dem Volksentscheid – gemacht: Wenn bis zum 10. Juni mindestens 200.000 Berliner unterschreiben, dann könnte am Tag der Bundestagswahl im September auch über den Gesetzentwurf des „Berliner Energietischs“ abgestimmt werden. Das Ziel: Vattenfall aus dem Verkehr zu kegeln und das Berliner Stromnetz kommunal zu betreiben. „50 Millionen Euro Gewinn pro Jahr“ will Stefan Taschner, Sprecher des Berliner Energietischs, lieber in die kommunalen Kassen spülen als in die Taschen der Vattenfall-Aktionäre. Nicht nur das:  „Wer wie Vattenfall weiter auf Braunkohletagebaue setzt, der beweist, dass er nicht in der Lage ist, eine Stadt wie Berlin zukunftsfähig mit Strom zu versorgen“.

Also muss sich Vattenfall etwas einfallen lassen. Tenor der heute gestarteten Kampagne: 1. Alles funktioniert fortschrittlich wunderbar! 2. Wir – Vattenfall – investieren jede Menge Geld!! 3. Lasst uns – Vattenfall – mal machen, wir machen das schon!!! Für euch.

Wie es heutzutage bei einer modernen Kampagne üblich ist, gibt es natürlich auch hier die obligate Internet-Seite mit den „Argumenten“. Es gibt einen Bereich „Energiewende“: „Vattenfalls Experten sorgen für eine lückenlose Stromversorgung, seit Berlin ein Stromnetz hat“. Es gibt einen Bereich „Meldungen“: „Vattenfall unterstreicht den eigenen Beitrag zur Energiewende“. Und es gibt einen Bereich „Gute Gründe“:

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Die Gründe 1 und 4 sind schnell abgearbeitet. Grund 1: „Vattenfall hat über den jahrzehntelangen, sicheren und zuverlässigen Betrieb der Stromnetze in der Stadt wertvolle Kompetenzen aufgebaut.“ Falsch: Vattenfall ist erst seit dem Jahr 2002 Besitzer des Berliner Stromnetzes, „jahrzehntelang“ kann also gar nicht sein.

Bei Grund 4 heißt es: „Zwei Drittel der jährlich rund 250 Millionen Euro, die Vattenfall für die Instandhaltung und Modernisierung des Stromnetzes ausgibt, fließen an vorwiegend mittelständische Auftragnehmer in der Region.“ Das ist nett von Vattenfall, aber eine Binse. Vermutlich würde ein kommunaler Netzbetreiber vier Fünftel der Aufträge an „mittelständische Auftragnehmer in der Region“ vergeben oder mehr – jedenfalls so viel wie möglich.

Spannender als 1 und 4 sind deshalb Vattenfalls andere beiden „Guten Gründe“. Numero 2: die Klimaschutzvereinbarung. Vattenfall wollte damit ursprünglich bis 2020 seinen Treibhausgas-Ausstoß in der Hauptstadt halbieren und dafür ein altes Kohlekraftwerk durch ein neues Biomasse-Kraftwerk ersetzen und ab 2014 in Berlin-Lichterfelde ein modernes Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk in Betrieb nehmen. In jedem Fall aber die Braunkohleverstromung in Berlin bis 2016 durch Gas- und Biomassenutzung ersetzen. Doch daraus wird nun nichts: Vattenfall wird die neuen Kraftwerke in Lichterfelde, Marzahn und Lichtenberg vermutlich erst 2020 oder später in Betrieb nehmen.

Bleibt der letzte „Gute Grund“: „Vattenfall kann Netze und niemand bestreitet das. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Wirtschaft oder Politik an der Kompetenz von Vattenfall zweifelt.“

Stimmt. Vattenfall kann vor allem Netze schmieden und niemand bestreitet das. Vattenfall bezahlt reihenweise Politiker, damit die entweder die Klappe halten oder zu Gunsten des Konzerns aussagen. Allein der Aufsichtsrat der Vattenfall-Tochter „Mining“ verdeutlicht das: Bezahlt werden hier der Europapolitiker Rolf Linkohr (SPD), der ehemalige Brandenburger Wirtschaftsminister Burkhard Dreher (SPD), der ehemalige Landtagsabgeordnete Ulrich Freese (SPD), der bestens verdrahtete Ex-Bundestagsabgeordnete  Reinhard Schultz (SPD) oder die umweltpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion in Brandenburg Martina Gregor-Ness (SPD).

Vattenfall „kann Netze“: Zum Jahresanfang färbte sich der Fluss Spree braunrot. „Verockerung“ nennt sich das Problem, das auf die Tagebaue in der Lausitz zurückgeht. Die von Vattenfall bezahlte umweltpolitische Sprecherin Gregor-Ness appellierte an die Medien, „nicht so viele dramatische Bilder zu produzieren.“

Das Problem hat Stefan Taschner vom Berliner Energietisch nicht. Seit dem 11. Februar sammelt er mit seinen Aktiven Unterschriften. „14.000 haben wir nach dem ersten Monat“, sagt Taschner dem Klima-Lügendetektor. Nicht einmal ein Zehntel vom Soll, 200.000 müssen es bis zum 10. Juni werden. Trotzdem ist Taschner euphorisch: „Der Berliner Wassertisch hatte seinerzeit 13.000 Unterschriften im ersten Monat eingesammelt.“ Zur Erinnerung: Das Volksbegehren gegen RWE und Co. zum Thema „Wasser in Berlin“ war zum Schluss erfolgreich.

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Vattenfall: Sie tun’s schon wieder

Donnerstag, den 20. September 2012

Dieser Klima-Lügendetektor beginnt mit einem Zitat. Mit einem etwas längerem.

Vorhang auf (Zitat-Anfang):

„Von allen Energiekonzernen lügt Vattenfall am dreistesten. Regelmäßige Leser des Klima-Lügendetektors erinnern sich gewiss an die „Klima-Unterschrift“: In großformatigen Anzeigen und im Internet rief Vattenfall dazu auf, mit unserer Unterschrift die Politik zu mehr Klimaschutz zu bewegen. Zur gleichen Zeit beantragte der Konzern drei neue Braunkohletagebaue in der Lausitz.

Erinnert sei auch an das Kraftwerk Hamburg-Moorburg, welches Vattenfall mit einer CCS-Technologie versprach, also mit integrierter Abscheidung des Kohlendioxids aus den Rauchgasen. Das war natürlich genauso gelogen, wie der Slogan „Für Deine Zukunft spannen wir die Windenergie ein“, mit der Vattenfall im Frühjahr 2008 warb: Damals produzierte der Konzern gut 1 Prozent seines Stromes mit Windkraftwerken, heute sind es immer noch gut 1 Prozent.“

Vorhang zu (Zitat-Ende)

Vattenfall-Lügen auf dem Klima-Lügendetektor zu präsentieren, ist nicht sonderlich innovativ. Kenner dieser Seite haben vielleicht erkannt: Der Detektor zitiert sich hier selbst.  Und doch kommen wir gar nicht umhin, uns immer wieder mit dem Deutschlandableger des schwedischen Staatskonzerns zu befassen. Tatsächlich haben etliche PR-Agenturen gelernt, die halbwahren Werbe-Botschaften ihrer fossilen Kunden nicht mehr so offenkundig, die menschliche Intelligenz beleidigend zu verkaufen. Was die Arbeit für die Lügendetektoren übrigens deutlich schwieriger gemacht hat. Aber dann kommen eben Vattenfall-Werbe-Strategen daher und die Arbeit der Detektoren ist wieder so simpel, dass sich die Autoren fragen, ob im fünften Jahr des Bestehens so etwas dem Stammpublikum eigentlich noch zuzumuten ist.

Konkret: Vattenfall lügt. Schon wieder!

Vattenfall hatte im vergangenen Jahr versprochen:

In der dazugehörigen Anzeige hieß es: „Die Hauptstadt hat ambitionierte Klimaschutzziele. Vattenfall trägt wesentlich zu deren Erreichen bei. In der Klimaschutzvereinbarung mit dem Land Berlin verpflichtet sich Vattenfall, seine CO2-Emissionen in Berlin bis zum Jahr 2020 zu halbieren.“

Vattenfall wollte dafür ein altes Kohlekraftwerk durch ein neues Biomasse-Kraftwerk ersetzen, in dem ab 2019 jährlich rund 500.000 Tonnen Holz verfeuert werden sollten. In Berlin-Lichterfelde sollte ab 2014 ein modernes Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk in Betrieb gehen und 70.000 Haushalte versorgen.

Doch nun heißt es in der taz:

Es wird nämlich nichts mit dem von Vattenfall versprochenen Gas- und Biomasse-Kraftwerken. Zumindest nicht vor 2020. Das Motto von Vattenfall: ‚Was scheren mich meine Zusagen von Gestern, wenn ich heute meinen Profit maximieren kann.‘

Michael Schäfer, klimapolitischer Sprecher der Grünen, wirft Wowereit in der taz vor, Vattenfall aus der Verantwortung für das wichtigste Klimaschutzprojekt der Legislatur zu entlassen. Durch einen verspäteten Braunkohleausstieg könnten bis zu 4 Millionen Tonnen zusätzliches CO2 ausgestoßen werden, was 20 Prozent des Berliner Jahresausstoßes entspräche.

Vattenfall wollte gegenüber der taz nichts zu einem späteren Ausstieg sagen. „Aber wir werden die Klimaschutzvereinbarung und die Halbierung der CO2-Emission bis 2020 erreichen“, beteuerte ein Sprecher Steifen Ernstes. Wie Vattenfall das gelingen will – dazu konnte der Sprecher nichts aussagen.

Jede Wette: Zu diesem Thema werden Sie hier wieder lesen – MÜSSEN.

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Vattenfall: Gute Stimmung herlügen

Montag, den 17. September 2012

Vattenfall hat gerade eine Werbeoffensive gestartet. „Komm ins Team“, heißt es beispielsweise in der Berliner Zeitung. Oder im Hamburger Abendblatt: „Für die Energiewende in Hamburg braucht es Innovationen, Versorgungssicherheit – und mich“.  In der Sächsischen Zeitung lautet die Botschaft:

Im Kleingedruckten heißt es dort: „Braunkohle ist ein moderner, flexibler und bezahlbarer Energieträger – und spielt eine wichtige Rolle bei der Beschäftigung und Wertschöpfung in der Lausitz.“

„Modern, flexibel und bezahlbar“ – das ist natürlich glatt gelogen. Das größte Problem der Moderne ist die Erderwärmung und Braunkohle ist der mit Abstand klimaschädlichste aller Energieträger und damit das unmodernste, was es gibt. Pro Kilowattstunde Strom werden dreimal so viel Treibhausgase frei, als wenn diese Kilowattstunde beispielsweise in einem wirklich modernen Gaskraftwerk erzeugt worden wäre.

Die Bezeichnung „flexibel“ ist ein Witz der Werbetexter: Rohbraunkohle besteht zu 55 Prozent aus Wasser, zu 5 Prozent aus Asche und zu 40 Prozent aus Kohle. 60 Prozent des Brennstoffs sind also schon einmal Abfall. Und wenn man bedenkt, dass Menschen umgesiedelt werden müssen, bevor viele tausend Tonnen Abraum bewegt werden können, um die Tonnen Rohbraunkohle dann endlich zu heben, wird deutlich, wie „flexibel“ Braunkohle tatsächlich ist.

„Bezahlbar“ ist die Braunkohle nur deshalb, weil ihre wahren Kosten verschleiert sind: Der deutsche Steuerzahler musste Milliarden aufbringen, um die Tagebau-Restlöcher aus DDR-Zeiten zu renaturieren. Weil die Politik jede Menge Schlupflöcher in den europäischen Emissionshandel einbaute, kostet dort die Tonne Treibhausgas derzeit gerade mal so viel wie zwei Gläser Bier. Für die Klimaschuld in anderen Ländern zahlt Vattenfall natürlich nichts. Nach Greenpeace-Recherchen sind die deutschen Vattenfall-Kohlekraftwerke für rund 70 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr verantwortlich– doppelt so viel wie ganz Bangladesch emittiert. In Bangladesch aber sterben schon heute Menschen an der Erderwärmung.

Menschenleben sind nicht „bezahlbar“. Vattenfall lügt wie gedruckt, weil der Konzern gute Stimmung für einen neuen Tagebau braucht. Derzeit laufen die Anhörungen zum geplanten Tagebau Welzow Süd. Zwar will Vattenfall hier erst ab 2027 Braunkohle fördern. Aber das Genehmigungs-Prozedere ist eben so unflexibel, dass jetzt schon mit den Planungen begonnen werden muss.

Zumal der Widerstand von den Betroffenen nicht unerheblich ist. Die Lausitzer Rundschau vermeldete (man beachte die dazu gehörige Werbung):

Ganz „modern“ ist Vattenfalls Politik der Zwangsumsiedlung nämlich nicht: 800 Menschen würden ihr Zuhause verlieren, sollte der Tagebau genehmigt werden. Das erinnert doch sehr an Nazi- oder DDR-Zeiten, als die Leute notfalls mit Gewalt vertrieben wurden.

Deshalb führt Vattenfall „Beschäftigung und Wertschöpfung“ ins Gefecht. Und hier sagt Vattenfall tatsächlich die Wahrheit. Nach dem Motto: „Wenn viele das Falsche machen und damit richtig Kohle verdienen, dann kann das Falsche von Vattenfall ja nur das Richtige für alle anderen sein.“

Danke an Susi M. aus Dresden für den Hinweis

P.S.: Seit einem Jahr ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Kanzleramt: Ökostrom aus Uralt-Kraftwerk

Montag, den 10. September 2012

Herrje, wie oft muss man das denn noch sagen? Dass Ökostrom nicht gleich Ökostrom ist. Dass, wer durch seinen Strombezug wirklich etwas bewirken will für Klima und Umwelt, auf die genaue Herkunft achten muss. Dass – wie die Fachleute es nennen – der „zusätzliche Umweltnutzen“ davon abhängt, ob Ökostrom aus neuen Erzeugungsanlagen kommt – denn wenn man sich grünen Strom aus Altkraftwerken andrehen lässt, dann findet ja nur eine Neuverteilung des Stromkuchens statt: Der Betreiber zum Beispiel eines alten Wasserkraftwerks verkauft nun die Elektrizität, die er sowieso seit langem produziert hat, nicht mehr im Rahmen seines normalen Strommixes an alle Kunden, sondern an ausgewählte Abnehmer, die so blöd sind, für diesen Altstrom einen Aufpreis zu zahlen; die anderen Abnehmer erhalten im Gegenzug mehr dreckigen Strom, zum Beispiel aus Kohleblöcken, für die Umwelt ändert sich unterm Strich nichts.

Aber Moment, der Reihe nach. Wie Sie sich vielleicht erinnern, schrieben wir hier vor zwei Monaten über Angela Merkels neuen Ökostrom. Auf den war die Kanzlerin so stolz, dass sie den Umstieg eigens in ihrem wöchentlichen Podcast verkündete. Wir hingegen waren vor allem neugierig – darauf, woher der Strom denn komme.

Von der Firma Vattenfall, lautete die knappe Auskunft des Bundespresseamtes. Auch die für den Strombezug zuständige Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bafi) mochte keine Details verraten, weshalb wir förmliche Auskunft gemäß Informationsfreiheitsgesetz (IFG) verlangten.

Und, siehe da, plötzlich gab es doch Details (zwar nicht so viele, wie wir gern gehabt hätten, aber egal). Und, siehe da, unser Verdacht hat sich bestätigt. Die Bafi in Bonn schreibt uns nämlich:

Und das Kraftwerk Porjus, so Wikipedia, ist nicht nur ein altes Kraftwerk, sondern sogar „eines der ältesten“ in ganz Schweden. „Das Kraftwerk wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut“, schreibt auch Vattenfall auf seiner Website. Zwar wurden die Turbinen von vor hundert Jahren zwischenzeitlich ersetzt, aber das heutige Kraftwerk Porjus mit seiner Erzeugungskapazität von 465 Megawatt arbeitet auch schon seit 1975.

„Herrje“ ist das einzige Wort, das uns dazu einfällt. Jeder halbwegs kompetente Mensch weiß, dass ein Wasserkraftwerk nach fast 40 Jahren keine Neuanlage mehr ist. Hochwertige Ökostromanbieter garantieren zum Beispiel, dass mindestens ein Drittel oder gar hundert Prozent der gelieferten Energie aus Anlagen stammt, die nicht älter als sechs Jahre sind.

Als Service für die Damen und Herren im Bundeskanzleramt und in der Bundesanstalt für Immoblienaufgaben hier nochmal ein Auszug aus einem Ratgeber zur „Beschaffung von Ökostrom“, den das Umweltbundesamt speziell für Behörden herausgegeben hat:

Die Broschüre stammt übrigens aus dem Jahr 2006. Entweder hat man sie im Kanzleramt bis heute nicht gelesen. Oder es geht beim Ökostrom der Kanzlerin nicht um einen „konkreten Nutzen“ für die Umwelt, sondern für das Image.