Archiv des Schlagwortes ‘RWE’

SpiegelOnline: Wie Don Quijote gegen Windräder

Mittwoch, den 11. Februar 2009

Das „Nachrichtenmagazin“ Der Spiegel und die Windkraft – das ist eine lange und komplizierte Geschichte. Vor fünf Jahren druckte das Blatt, damals noch unter Chefredakteur Stefan Aust, eine Titelgeschichte mit dem Slogan „Der Windmühlen-Wahn“, die gegen eine „Verspargelung der Landschaft“ und „hoch subventionierte Landschaftszerstörung“ polemisierte. Zwei hochgelobte Fachredakteure, Gerd Rosenkranz und Harald Schumann, schmissen daraufhin ihre Jobs. Aust habe die „Propaganda“-Geschichte gewollt, hieß es hinterher, weil er sich „beim Pferdezüchten im Elbeflachland bei Stade“ über „viele Windräder in der Nähe“ geärgert habe.

Gestern nun präsentierte SpiegelOnline, immerhin Deutschlands meistgelesene Nachrichten-Website, einen vermeintlichen Knüller: Windkraftanlagen seien klimapolitisch sinnlos, denn der Kohlendioxid-Ausstoß werde durch sie gar nicht gesenkt.

Das Kernargument ist nicht neu, in der Szene wird es spätestens seit dem letzten Buch des industriefreundlichen Münchner Ökonomen Hans-Werner Sinn („Das grüne Paradoxon“) debattiert: Wenn hierzulande Kohlendioxid eingespart werde, bringe das im großen Maßstab gar nichts – weil der EU-Emissionshandel erlaube, dass die hierzulande nicht mehr benötigten CO2-Verschmutzungszertifikate ins Ausland vertickt werden. „Polnische oder slowakische Kohlekraftwerke“, heißt es bei SpiegelOnline, würden dann eben mehr von dem Klimagas ausstoßen.

Das klingt erstmal einleuchtend, ist aber Humbug. Spiegel-Redakteur Anselm Waldermann hätte das mit einer einzigen Nachfrage beim UN-Klimasekretariat in Bonn, bei der EU-Kommission in Brüssel oder der Deutschen Emissionshandelsstelle in Berlin erfahren können. Stattdessen zitiert er – oho, was für ein journalistischer Scoop! – aus irgendwelchen E-Mails namenloser Referenten der Grünen-Bundestagsfraktion. Ein ebenso anonymer Vertreter des Bundesverbands Erneuerbare Energien tritt bei SpiegelOnline mit der Binsenweisheit auf, zwischen dem deutschen Einspeisegesetz und dem europäischen Emissionshandel bestehe „eine gewisse Widersprüchlichkeit“. Darüber ist schon lang und breit gestritten worden, beispielsweise als die EU im vergangenen Jahr über konkrete Klimaschutz-Vorgaben für die Mitgliedsstaaten feilschte.

Alle Unkorrektheiten und falschen Zusammenhänge des SpiegelOnline-Textes können wir in der hier gebotenen Kürze nicht ausbreiten, nur zum Kern des Ganzen (sorry, ganz leicht verständlich ist es trotzdem nicht):

1. Der EU-Emissionshandel legt zwar eine Gesamtmenge an Kohlendioxid fest, die von den daran angeschlossenen Industrieanlagen und Kraftwerken europaweit ausgestoßen werden darf. Diese aber ist nicht „unveränderlich“, wie SpiegelOnline schreibt. Im Gegenteil, sie sinkt über die Jahre. EU-Kommission und nationale Regierungen legen dazu sogenannte „Allokationspläne“ fest. Langfristig kalkulierbar soll damit die Zahl der verfügbaren CO2-Zertifikate verringert werden. (Viel zu langsam, wie Klimaschützer beklagen. Viel zu schnell, wie beispielsweise die Kohlelobby zetert.) Ein Zubau von Windrädern hilft in diesem System dabei, dass der Preis für die zunehmend knapper werdenden Verschmutzungsrechte in vertretbarem Rahmen bleibt. Und die Verbraucherpreise für Strom nicht in astronomische Höhen steigen.

2. Der Verkauf deutscher CO2-Zertifikate nach Polen oder in die Slowakei ist blanke Theorie. In der Praxis verfügt die deutsche Energiewirtschaft derzeit nicht über zu viele, sondern über zu wenige Verschmutzungsrechte. Deshalb haben E.on, RWE, Vattenfall & Co. auch mit harten Bandagen gegen den Emissionshandel gekämpft. Aus dem „Nationalen Allokationsplan“ der „Handelsperiode 2008 bis 2012″, den die deutsche Emissionshandelsstelle als 70-seitige Tabelle ins Internet gestellt hat, geht beispielsweise hervor, dass das Vattenfall-Kraftwerk Jänschwalde jährlich gut 12 Millionen Zertifikate kostenlos zugeteilt bekommt – für den üblichen Betrieb aber braucht der Kohle-Riese etwa doppelt so viele. Die Differenz muss Vattenfall zukaufen, entweder bei anderen Anlagenbetreibern im Inland oder irgendwo im Ausland. Das politische Ziel: den Betrieb von CO2-intensiven Kohlekraftwerken verteuern. Für die nötigen Zertifikate gibt allein Vattenfall nach eigenen Angaben jährlich 716 Millionen Euro aus – auch deshalb investieren der Konzern wie auch seine Konkurrenten neuerdings verstärkt in Erneuerbare Energien.

3. Einen Überschuss an CO2-Zertifikaten gab es hierzulande tatsächlich – allerdings nur bis Ende 2007 und nicht wegen des Booms von Windrädern. Stattdessen war es der Industrie für die sogenannte erste Handelsperiode des EU-Emissionshandels durch massiven Druck und geschicktes Lobbying gelungen, von den Behörden viel mehr Verschmutzungsrechte geschenkt zu bekommen, als sie zum Betrieb ihrer Anlagen brauchten. Als das im Mai 2006 herauskam, brachen an einem „Schwarzen Freitag“ die Börsenpreise für Emissionsrechte ein. CO2-Zertifikate kosteten später nur noch wenige Cent. Die ganze Idee des Emissionshandels, der auf Knappheit basiert, war perdu. Mit Start der zweiten Handelsperiode 2008 wurde dieser Fehler korrigiert.

Fassen wir zusammen: In Deutschland herrscht derzeit (soweit bekannt) kein Überschuss an CO2-Zertifikaten – trotz Ausbaus der Erneuerbaren Energien und aller anderen Klimaschutzmaßnahmen. Deshalb kann es auch keinen (Netto-)Verkauf von überschüssigen Verschmutzungsrechten nach Polen oder sonstwohin geben. CO2-Einsparungen durch deutsche Windräder sorgen folglich nicht dafür, dass im Ausland mehr Klimagas ausgestoßen werden darf – im Gegenteil, sie dämpfen den Preis für die (gewollt) knappen Zertifikate und helfen somit bei der Erreichung der deutschen und europäischen Klimaziele.

Zugegeben, einfach ist diese ganze Sache nicht. Und der EU-Emissionhandel hat etliche Mängel. An dessen weitgehender Nutzlosigkeit in den vergangenen Jahren waren aber nicht Windräder, Solarzellen oder das Erneuerbare-Energien-Gesetz schuld, sondern die Macht der überkommenen Energiewirtschaft und die Nachgiebigkeit der Politik.

Aber vielleicht ist das eine zu komplizierte Geschichte für SpiegelOnline.


RWE: Millionen Tönnchen Emissiönchen

Sonntag, den 14. Dezember 2008

Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt ist einer der beliebtesten Deutschen (wieso eigentlich?), aus Anlass seines bevorstehenden 90. Geburtstags machten ihn vergangene Woche sowohl Spiegel („Über Schmidt“) wie auch ZEIT („Unser Schmidt“) zum Cover-Boy. In diesem Glanz sonnt man sich gern – weshalb in einer ZEIT-Beilage zu Schmidt gleich eine ganze Reihe der führenden deutschen Klimakiller großformatige Anzeigen geschaltet haben. Neben Porsche, E.on und Vattenfall war dort auch RWE vertreten.

Das Kokettieren mit „Emissiönchen“ hat der Essener Stromriese bitter nötig: Mit seiner Vielzahl von Braun- und Steinkohlekraftwerken ist RWE der europaweit größte Emittent von Kohlendioxid. Darauf wies – wie der Zufall so spielt – just am vergangenen Donnerstag, als auch die ZEIT-Festschrift erschien, die International Herald Tribune hin. Sie druckte eine gründliche Analyse des EU-Emissionshandels, der RWE bis 2012 milliardenschwere Sondergewinne beschert. Aus der zugehörigen Grafik gehen nicht nur die seit 2002 stark gestiegenen Gewinne des Konzerns hervor (rechts), sondern auch die wachsenden CO2-Emissiönchen von RWE (links in absoluten Zahlen, mittig bezogen auf jede erzeugte Megawattstunde Strom):

Danke an Stefan H. für den Hinweis


Jürgen Rüttgers: Ein Herz für RWE & Co.

Montag, den 8. Dezember 2008

Noch vier Tage bis zum Showdown in Brüssel, bis zum Beschluss über das EU-Klimapaket. Über Jahre wird damit der Kurs abgesteckt für die Klimapolitik, weshalb das Kriegsgeschrei immer lauter wird. Ein CDU-Ministerpräsident nach dem anderen betätigt sich als Lautsprecher der deutschen Kohlelobby, nach Stanislaw Tillich aus Sachsen plappert nun auch Jürgen Rüttgers die Propaganda von E.on, RWE, Vattenfall & Co. nach. In seiner heutigen Ausgabe zitiert das Magazin Focus den nordrhein-westfälischen Regierungschef mit den Worten:

Dieses Argument ist bei der Industrie beliebt, wird aber nicht wahrer, wenn es nun auch Politiker wiederholen. Denn die Kosten für die Kohlendioxid-Zertifikate haben die Stromversorger schon längst auf die Strompreise draufgeschlagen, obwohl sie bisher 90 Prozent der Papiere geschenkt bekommen. Vor allem den Betreibern von Kohlekraftwerken beschert dies zwischen 2008 und 2012 dicke Sondergewinne; nach Berechnungen des Öko-Instituts spülen die bisherigen Regeln des EU-Emissionshandels allein E.on elf Milliarden Euro in die Kassen, RWE kann sich demnach über neun Milliarden, Vattenfall über 6,6 Milliarden, EnBW über sechs Milliarden und Evonik über 2,3 Milliarden Euro freuen.

Ab 2013 sollen die Energieerzeuger endlich vollständig bezahlen für die Emissionszertifikate, die sie laut EU-Recht vorweisen müssen, um CO2-emittierende Kraftwerke zu betreiben. Die Brüsseler Kommission schlägt vor, die Papiere unter den Unternehmen zu versteigern, und bisher war auch Deutschland dafür. Die Stromriesen aber wehren sich heftig, und es scheint, als knicke die Regierung Merkel – wieder mal – ein.

Dabei ist die Versteigerung sogar nach Ansicht von DB Research, der Denkfabrik der Deutschen Bank, eine sinnvolle Sache. Und die Umweltstiftung WWF kommt nach einer detaillierten Studie zum Ergebnis, dass eine Versteigerung „wenig Auswirkung auf die Großhandelsstrompreise“ haben würde. WWF-Expertin Juliette de Grandpré bringt denn auch auf den Punkt, worum es bei dem Streit eigentlich geht: Die Frage ist nicht: Steigen die Strompreise aufgrund der Versteigerung im Emissionshandel? Sondern vielmehr: Was passiert mit dem Geld? Wandert es direkt in die Kassen der Konzerne oder fließt es zurück zum Staat und kann sinnvoll zum Schutz des Klimas eingesetzt werden.“

Würden die EU-Pläne Wirklichkeit, würde also nicht der Strompreis automatisch steigen, sondern die Profite von E.on, RWE, Vattenfall & Co. automatisch sinken.


RWE ProKlimaStrom: Da da da, ich lieb Dich nicht

Donnerstag, den 20. November 2008

Viele junge Leute werden die neueste Werbung von RWE vielleicht nicht verstehen – deshalb vorab eine kleine Erläuterung: Vor bald 30 Jahren, Anfang der 80er-Jahre des vergangenen Jahrtausends, gab es in Westdeutschland eine Pop-Gruppe namens Trio. Sie machte ziemlich dadaistische Musik mit minimaler Instrumentierung und bizarren Texten.

Diese Band ist der Hingucker in der Kampagne von RWE, die mit ganzseitigen Zeitungsannoncen, im Internet und in TV-Spots ein Produkt namens „RWE ProKlimaStrom 2011″ bewirbt. Man leiste mit dem Stromangebot, lockt der Essener Energieriese, „einen nachhaltigen Beitrag zur Schonung des Klimas“. Denn der Strom werde „aus erneuerbaren Energiequellen – überwiegend Wasserkraft – und bestehenden Kernkraftwerken in das Stromnetz eingespeist“.

Die Menge von Kohlendioxid, die pro Kilowattstunde verursacht werde, gibt RWE mit „null Gramm“ an. Dabei behauptet nicht einmal mehr die Atomlobby, dass Kernenergie CO2-frei sei. Bei einer Gesamtbetrachtung nämlich, also bei Berücksichtigung beispielsweise der energieintensiven Urangewinnung und -anreicherung, fallen pro kWh deutschem Atomstrom etwa fünf bis 33 Gramm Kohlendioxid an. Andere Studien sprechen von bis zu 120 Gramm. Auf Nachfrage erklärt ein RWE-Sprecher, man halte sich an den Leitfaden des Branchenverbandes BDEW zur Stromkennzeichnung – und der weise Atomstrom halt als CO2-frei aus. (Die anderen Risiken von Atomenergie wollen wir hier nicht diskutieren.)

Aber auch der Rest des Stroms entpuppt sich bei genauer Betrachtung als nur zweitbeste Wahl: Er stammt aus längst bestehenden Wasserkraftwerken, räumt der RWE-Sprecher ein, und der Effekt zur Förderung erneuerbarer Energien sei nur „indirekt“ – denn die Erlöse würden nicht in den Bau neuer Anlagen investiert. Etliche Anbieter von Ökostrom dagegen sichern ihren Kunden diese Verwendung der Einnahmen zu – und sind dabei sogar noch billiger als RWE, wo 22,31 Cent/kWh für den ProKlimaStrom verlangt werden.

Im Klartext heißt das: RWE verkauft einen Teil seines ohnehin produzierten Stroms zu einem nicht gerade günstigen Sondertarif an naive Kunden, die sich ums Klima sorgen. Offenbar möchte der Konzern auf diesem Weg Konkurrenten, die für eine echte Energiewende stehen, ein paar potenzielle Kunden abluchsen – und nebenbei der Kernkraft ein grünes Image verpassen.

Trio soll in der Logik der RWE-Werber für eine dreijährige Preisgarantie des Angebots stehen. Wirklich sehr originell! Möglicherweise sagt der größte Hit der Band aber auch etwas aus über das Verhältnis des Konzerns zum Weltklima: „Da da da, ich lieb Dich nicht Du liebst mich nicht aha aha aha“.


Debriv: Dreckige Braunkohle-Jobs hochgerechnet

Dienstag, den 4. November 2008

Sie läuft und läuft und läuft, die PR-Kampagne der Braunkohlelobby. Nach einigen wirklich prominenten Leuten lässt der Deutsche Braunkohle-Industrie-Verein inzwischen auch Wissenschaftler aus der zweiten Reihe auftreten. (Wir warten immer noch darauf, dass nach der Reihe von Honorarprofessoren, Kohlenforschern und Volkswirten endlich mal irgendein namhafter Klimatologe zu Wort kommt, zum Beispiel Nasa-Experte James Hansen, der einen Stopp von Kohlekraftwerken fordert. Aber das nur nebenbei.)

In halbseitigen Zeitungsannoncen und auch im Internet tritt nun also Rüdiger Hamm auf, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach.

Diesen Prof. Hamm lässt die Kohlelobby sehr ausführlich darauf hinweisen, dass die „große regionalwirtschaftliche Bedeutung“ der Braunkohle, dass dieser „oft vernachlässigte Aspekt“, doch bitte „in die Diskussion … mit einbezogen“ werden müsse. Die „Braunkohlegewinnung in Deutschland“, so heißt es in dem „Expertenbeitrag“, „sicherte 2007 insgesamt mehr als 50.000 Arbeitsplätze.“

Diese Zahl ist, wie die Lektüre des Textes zeigt, grob hochgestapelt -gerechnet. Sie basiert auf einer Studie, die Hamms Hochschule vor acht Jahren verfasst hat und die ausschließlich das rheinische Braunkohlerevier betrachtet hatte. Auftraggeber war übrigens die RWE-Tochter Rheinbraun, wie damals die Neuß-Grevenbroicher-Zeitung berichtete. Die Studie hatte zu den etwa 11.000 direkt Beschäftigten nicht nur Tausende Jobs in Zulieferfirmen addiert, sondern u.a. auch „weitere 4.000 Arbeitsplätze in der Stromverteilung“. Und darüber hinaus noch einen „Beschäftigungseffekt von 6.625 Personen“, der „mit der Verausgabung der in der Braunkohleförderung und -verstromung erzielten Einkommen für Deutschland insgesamt“ verbunden sei. Zumindest die letzten beiden Kategorien aber hängen gar nicht direkt an der Braunkohle: Denn natürlich müssen Stromnetze betrieben werden, egal wie die Elektrizität erzeugt wird. Auch die indirekten Beschäftigungseffekte der Braunkohle dürften beim Ausstieg aus dieser klimaschädlichsten Energieform kaum verloren gehen – schließlich verdienen Arbeiter in Gaskraftwerken oder die Angestellten von Windanlagenbauern ebenso Geld und werden es auch ausgeben.

Die Gesamtzahl von „mehr als 50.000 Arbeitsplätzen“ stammt ohnehin nicht aus einer Studie, sondern vom Debriv selbst, wie das Kleingedruckte am rechten Rand der Grafik in der Annonce auch zugibt.

Man habe das Papier aus Mönchengladbach sowie eine ähnliche Erhebung der Prognos AG für das ostdeutsche Revier ausgewertet und anhand der derzeitigen Zahl der Kohlekumpel „die Beschäftigteneffekte konservativ hochgerechnet und abgerundet“, erläutert Debriv-Sprecher Uwe Maaßen.

Die spannendste Frage aber ist: Wie viel sind 50.000 Arbeitsplätze eigentlich? Relativ wenig, wenn man die Zahl ins Verhältnis setzt: Bereits im Jahr 2006 boten die Erneuerbaren Energien hierzulande Jobs für 236.000 Menschen, mehr als vier Mal so viel wie die Braunkohle, so die offizielle Zahl der Bundesregierung. Weil der Markt weiter boomt, dürfte die Zahl heute schon weit darüber liegen. Noch ein zweiter Vergleich: Die Erneuerbaren deckten im Jahr 2007 gut 14 Prozent des deutschen Strombedarfs, Braunkohle hatte einen Anteil von 24,5 Prozent, also (noch) fast das Doppelte. Angesichts dessen ist die Zahl von 50.000 Jobs ziemlich dürftig.


RWE: Angst vor dem Stromwechsel?

Freitag, den 24. Oktober 2008

„RWE verliert 200.000 Kunden“, titelte vor ein paar Monaten Spiegel Online. Allein im ersten Quartal 2008 hätten damit fast so viele Stromabnehmer dem zweitgrößten deutschen Energiekonzern den Rücken gekehrt wie im ganzen Jahr zuvor. Dagegen unternimmt RWE natürlich einiges, Konzernchef Jürgen Großmann hat beispielsweise eine „Internationalisierung“ angekündigt. Und natürlich rührt RWE kräftig die Werbetrommel, hat die millionenschwere Imagekampagane „voRWEg gehen“ gestartet. Am vergangenen Wochenende schaltete die Regionalgesellschaft RWE Rhein-Ruhr in der Aachener Zeitung diese Annonce:

Nanu, fragt man sich, was soll das heißen? Denn natürlich ändert sich an der Steckdose des Verbrauchers physikalisch überhaupt nichts, wenn er den Anbieter wechselt. Weshalb auch die (elektrische) Spannung sich weder erhöht noch verringert, sie nicht mehr oder weniger schwankt als vorher. Denn es kommt dort nach wie vor derselbe Strom aus der Steckdose – nur wird die vom Kunden abgenommene Menge nach dem Wechsel von einem anderen Anbieter an anderer Stelle ins Netz eingespeist.

Der Sprecher von RWE Rhein-Ruhr bestätigt dies auf Nachfrage natürlich auch. „Rein physikalisch ist die Aussage so nicht haltbar“, gibt er zu, aber man betrachte den Spruch „als Metapher“ für die Servicequalität. Augenzwinkernd wolle man den Kunden sagen, dass man bei anderen Anbietern unliebsame Überraschungen erleben könne – bei RWE aber garantiert zufrieden sein werde. Dass man die Annonce auch anders verstehen könne, sagt er, das wundere ihn. Und wir seien auch die ersten, die in der Sache nachfragten. Allerdings sei der Spruch auch ganz neu im Werberepertoire von RWE. Aber niemand, wirklich niemand im Unternehmen, betont er, wolle damit Kunden verunsichern oder irgendwelche Ängste schüren vor einem Wechsel des Stromanbieters.

Na, dann ist ja gut.

Danke an Udo H. für den Hinweis


RWE: Vorweg gehen im Schildkrötentempo

Freitag, den 12. September 2008

Ungewohnt – und wohl auch ungewollt – ehrlich ist das neueste Anzeigenmotiv aus der RWE-Klimaschutz-Kampagne „VoRWEggehen“: Es zeigt einen Bauhelm mit Firmenlogo, der sich so langsam bewegt, dass sogar Schildkröten mühelos hinterherkommen.

Der Konzern schmückt sich in der ganzseitigen Annonce, die diese Woche u.a. in der ZEIT und der Süddeutschen erschien, mit einem Projekt auf den Galapagos-Inseln: „Schildkröten und Inselbewohner“, heißt es im erläuternden Text, könnten dank RWE „aufatmen“. Eine „2,4-Megawatt-Windfarm“ ersetze nämlich „veraltete Dieselgeneratoren“ bei der Stromerzeugung – wodurch der co2-Ausstoß sinke und auch das Risiko eines Tankerunglücks für die einmalige Tier- und Pflanzenwelt des Weltkulturerbes.

Eine feine Sache, zweifellos. Aber erstens ist das Projekt eher klein, und der RWE-Anteil daran ziemlich mickrig. Denn was das Unternehmen in der Annonce eine „Windfarm“ nennt, sind tatsächlich bloß drei kleinere Turbinen mit je 800 Kilowatt Leistung. Laut der UN-Datenbank für internationale Klimaschutzprojekte werden dadurch pro Jahr 2.849 Tonnen Kohlendioxid eingespart. Zum Vergleich: Dieselbe Menge stößt das RWE-Braunkohlekraftwerk Niederaußem in einer knappen Stunde aus.

Eine Blick in die bei den UN hinterlegten Projektunterlagen fördert zudem eine Tabelle über die Kostenverteilung des Projekts zutage:

Demnach hat der Riesenkonzern RWE (Jahresumsatz 2007: 42,5 Milliarden Euro, Gewinn 2007: 6,5 Milliarden Euro) bloße 625.640 US-Dollar direkt investiert (und ist neben sechs anderen Energiekonzernen an dem E-7-Konsortium beteiligt) und damit deutlich weniger als etwa die ecuadorianische Regierung oder die UN-Stiftung. Für das Galapagos-Projekt gibt RWE demnach einen Bruchteil der 30 Millionen Euro aus, die pro Jahr in Zeitungsanzeigen wie die mit den possierlichen Schildkröten fließen.

Unter denen dann regelmäßig dieser hübsche Werbespruch steht:


Daimler & RWE: Elektro-Autos mit Drecksstrom

Freitag, den 5. September 2008

Schick sieht er aus, der grau-weiße Smart, den Daimler-Chef Dieter Zetsche zusammen mit Jürgen Großmann, dem Vorstandsvorsitzenden von RWE, heute in Berlin präsentierte. Matthias Wissmann, der Chef der Autolobby VDA, war ebenfalls ins feine Grand Hotel Esplanade gekommen. Ach so, die Kanzlerin natürlich auch, denn es gab ja einen wichtigen Foto-Termin in Sachen Klima.

Im kommenden Jahr soll nämlich in der Hauptstadt ein Projekt namens „e-mobility Berlin“ starten, das in den Presseerklärungen der beiden Firmen als

und

gepriesen wurde. Hundert Daimler-Fahrzeuge der Marken Smart und Mercedes-Benz mit Elektroantrieb sollen bis 2010 auf die Straßen kommen, RWE steuert 500 Strom-Zapfsäulen bei.

Wow, tolle Sache! Solch ein RWE-Elektro-Smart hat dann doch sicherlich einen erheblich niedrigeren co2-Ausstoß als ein konventioneller Smart, oder?

Schau‘n wir mal: Laut Daimler stößt ein handelsüblicher Smart cdi mit Dieselmotor (Werbeslogan: „co2-Champion“) pro gefahrenem Kilometer 88 Gramm Kohlendioxid aus. Die Elektro-Smarts, die seit einigen Monaten bereits in London unterwegs sind, kommen nach Unternehmensangaben mit den 15 Kilowattstunden (kWh) Strom, die die Bordakkus speichern können, etwa 115 Kilometer weit. Pro hundert Kilometer ergibt das einen Verbrauch von etwa 13 kWh.

Um klimaschonender als ein Diesel-Smart zu sein, dürfte der Strom für den Elektro-Smart demnach allerhöchstens mit 677 Gramm Kohlendioxid pro kWh zu Buche schlagen. Denn Elektroautos sind zwar „lokal emissionsfrei“; wie klimafreundlich sie aber insgesamt sind, entscheidet sich bei der Erzeugung des „getankten“ Stroms. Fährt ein Elektro-Smart mit Ökostrom, ist er tatsächlich eine feine Sache. Selbst mit dem deutschen Durchschnittsstrom wäre er noch ein – kleiner – Gewinn fürs Klima. Pro kWh hierzulande erzeugten Stroms wurden 2007 nämlich laut Umweltbundesamt rund 600 Gramm co2 emittiert – damit käme ein E-Smart auf etwa 78 g/km Kohlendioxid-Ausstoß.

Daimler zeigt auf seiner Internetseite das Foto eines Elektro-Smart, der vor einem Windrad steht – doch Projektpartner RWE hat im vergangenen Jahr lediglich 2,4 Prozent seines gesamten Stromes mit regenerativen Quellen erzeugt. Dagegen stammte 2007 mehr als ein Drittel des RWE-Stroms aus der besonders klimaschädlichen Braunkohle. Auf Anfrage mochte die Pressestelle nicht verraten, wieviel Kohlendioxid im Unternehmen pro Kilowattstunde anfällt. Der RWE-Geschäftsbericht für 2007 aber enthält alle Daten (S.61ff.), um den Wert selbst zu errechnen: Bei 216 Milliarden kWh erzeugtem Strom fielen 187 Millionen Tonnen des Klimagases an – pro Kilowattstunde stieß RWE also 866 Gramm Kohlendioxid aus. Der RWE-Elektrosmart kommt folglich auf co2-Emissionen von 113 Gramm pro gefahrenem Kilometer – etwa 30 Prozent mehr als beim selben Fahrzeug mit Dieselmotor.

Falls es Daimler ernst meint mit der Senkung des Treibhausgas-Ausstoßes, hätte sich das Unternehmen kaum einen schlechteren Partner für das Projekt „e-mobility Berlin“ aussuchen können als RWE. Doch PR-mäßig hat sich die Berliner Veranstaltung für beide Unternehmen gelohnt. Dutzende Medien berichteten. Und Die Welt titelte besonders schön: „Daimler und RWE starten Klima-Smart in Berlin“.

P.S.: Noch negativer würde übrigens die co2-Bilanz des Elektro-Smart ausfallen, wenn man nur den Strom berücksichtigt, den RWE die nächsten 40 jahre in seinem neuen Braunkohle-Kraftwerk Neurath (Werbeslogan: „Klimavorsorge mit Hightech“) erzeugen will. Schätzungsweise werden dort pro kWh 950 Gramm emittiert (genaue Zahlen möchte das Unternehmen nicht nennen), das ergäbe dann sogar 124 Gramm pro gefahrenem Kilometer.


RWE & Angela Merkel: Halbwahrheiten in Hamm

Freitag, den 29. August 2008

Gute Laune herrschte heute offenbar in Hamm in Westfalen:

Die RWE AG, Europas größter Verursacher von Kohlendioxid und Deutschlands zweitgrößter Stromerzeuger, legte den Grundstein für zwei Kohlekraftwerks-Blöcke mit je 800 Megawatt Leistung. Neben NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und RWE-Chef Jürgen Großmann war auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angereist – „sehr bewusst“, wie sie erklärte, weil sie „die Modernisierung von Kohlekraftwerken unterstützen“ wolle.

In ihrer Rede hatte sie kleine Seitenhiebe auf die Profite von RWE & Co. und die Windkraftfeinde in ihrer eigenen Partei versteckt, aber die Hauptbotschaft lautete: Das Land brauche „effiziente, moderne Kohlekraftwerke“, damit es nicht „zu einer Verknappung von Strom kommt“. Letzteres droht zwar entgegen aller Angstmacherei der Energieversorger gar nicht, wie erst vergangene Woche eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums ergab. Trotzdem behauptete Merkel, „die Ablehnung neuer Kraftwerksbauten“ sei „nicht nur wirtschaftspolitisch kontraproduktiv, sondern sie ist auch umwelt- und klimapolitisch kontraproduktiv“. Doch ob diese Aussage stimmt, kommt u.a. auf die Zahl und die Größe der „neuen Kraftwerksbauten“ an.

RWE würdigte das Ereignis jedenfalls mit einer ausführlichen Presseerklärung, und daraus übernahm die Bundesregierung auf ihrer Internetseite wortgleich eine geschickt formulierte Irreführung:

Der letzte Satz stimmt nämlich nur, sofern man das Wörtchen „bei“ nicht im Sinne von „während“, sondern von „falls“ versteht. In Wahrheit aber will RWE in Hamm künftig fast dreimal so viel Kohlestrom erzeugen wie bisher. Die beiden Blöcke A und B aus dem Jahr 1962/63, die stillgelegt werden sollen, verfügen über je 152 Megawatt Leistung – die neuen Blöcke D und E dagegen sind mit je 800 MW mehr als siebenmal so groß.

Deshalb wird der RWE-Standort Hamm/Westfalen statt derzeit etwa drei Millionen Tonnen Kohlendioxid bald circa neun Millionen Tonnen des Klimagases emittieren. Das neue Kraftwerk stößt also nicht 2,5 Millionen Tonnen weniger, sondern etwa sechs Millionen Tonnen mehr Kohlendioxid aus. Möglicherweise liegt das Plus sogar noch höher, weil RWE nach Informationen des BUND den ebenfalls bereits 40 Jahre alten Block C in Hamm mit 284 MW auch nach Inbetriebnahme der neuen Blöcke weiterlaufen lassen will.

Wie die Pressestelle von RWE trotzdem behaupten kann,

bleibt deren Geheimnis.

P.S.: Nicht nur am Standort Hamm, auch konzernweit fällt die Klimabilanz des Kraftwerkserneuerungsprogramm von RWE laut einer BUND-Studie negativ aus. Derzeit plant RWE den Neubau von sechs Kohleblöcken mit 6390 MW und einem CO2-Ausstoß von 39 Millionen Tonnen, vom Netz gehen sollen im Gegenzug zwar 17 alte Blöcke, die zusammen aber lediglich auf 2830 MW und 22 Millionen Tonnen Kohlendioxid kommen.


Bild & RWI: Windige Zahlen für die Atomkraft

Mittwoch, den 9. Juli 2008

7 Wahrheiten

Man sollte grundsätzlich misstrauisch sein, wenn die Bild-Zeitung „Wahrheiten“ ankündigt. Aber was sich heute auf Seite 2 von Deutschlands größter Boulevard-Zeitung fand, war schon ein besonderes Werk: „Kernkraft ist sicher“, lautete Wahrheit Nummer 1, sie befinde sich weltweit „im Aufschwung“ hieß es unter Punkt 2. Ersteres wird regelmäßig durch kleine oder größere Störfälle widerlegt. Zu zweitem bräuchte man eigentlich nur sagen, dass die derzeit in Bau befindlichen Neu-AKW die altersbedingt in den nächsten Jahren nötigen Abschaltungen nicht ausgleichendie Zahl der Atomkraftwerke weltweit also eher im Abschwung ist.

Bild-Wahrheit Nummer 3 war zumindest neu – und wurde deshalb auch von der Deutschen Presseagentur und, nochmals zugespitzt, von focus.de weiterverbreitet.

Doch wahr ist diese „Wahrheit“ deshalb noch lange nicht. Denn die Erzeugungskosten einer Kilowattstunde Strom haben nur mittelbar etwas damit zu tun, wieviel der Endkunde dafür zahlen muss. Dessen Preis orientiert sich viel stärker an den Kursen der Strombörse in Leipzig. Die Differenz zwischen dem dort erzielbaren Preis und den Erzeugungskosten fließt als Gewinn in die Kassen der Energiekonzerne.

Der von Bild zitierte Experte Dr. Manuel Frondel vom RWI, dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, tritt in den Medien regelmäßig als Kritiker auf, wenn es beispielsweise gegen das Erneuerbare-Energien-Gesetz und dessen Förderung für Solarstrom geht. Wir haben Manuel Frondel angerufen und nach den Details seiner Rechnung gefragt. Leider hat er uns die im Gespräch gefallenen Zitate nicht autorisiert, weshalb wir sie hier nur indirekt wiedergeben dürfen. Klar, er habe die Zahl nur sehr überschlägig ermittelt, so Frondel, nämlich indem er die Differenz der Erzeugungskosten von Atom- und Kohlestrom – ca. zwei Cent pro Kilowattstunde – mit der Menge des im vergangenen Jahr hierzulande erzeugten Atomstroms (140 Mrd. kWh) multiplizierte und über 20 Jahre aufaddierte.

In der Tat, räumt Frondel ein, haben die Erzeugungskosten erstmal nichts mit dem Endpreis des Stroms zu tun. Die errechnete Ersparnis fällt also bei den Stromkonzernen an, und natürlich müssten die ihre Ersparnisse nicht an die Verbraucher weitergeben. Dies habe er so auch nie gesagt.

Die Bild-Zeitung allerdings zitierte ihn mit der Aussage, durch die Verschiebung des Atomausstiegs blieben „uns“ Kosten von 50 Milliarden Euro erspart. Wieso sagt Frondel „wir“, wenn es um Einsparungen auf Seiten der Energieerzeuger geht? Vielleicht, weil sein Institut mit der Energiewirtschaft verbändelt ist? Weil der langjährige Präsident der Gesellschaft der Freunde und Förderer des RWI Dietmar Kuhnt heißt? Der Dietmar Kuhnt, der vorher Vorstandschef des Akw-Betreibers RWE AG war?

P.S.: Für BILDblog ist einer der Autoren der Bild-“Wahrheiten“, Oliver Santen, übrigens kein unbekannter, schön öfter ist er durch ungemein wohlwollende Texte aufgefallen.