Archiv des Schlagwortes ‘RWE’

RWE: Die Sache mit den Zahlen

Donnerstag, den 6. März 2014

In der Werbung gibt es manchmal Anzeigen, die so treffsicher sind, dass es sich nur um Satire handeln kann. Zum Beispiel heute in der Süddeutschen Zeitung auf Seite 19, in der Aachener Zeitung, den Aachener Nachrichten oder im Wirtschaftsteil der Rheinischen Post:

RWE

Zur Kampagne gibt es auch eine Web-Seite, die dann erklärt: „Als Gestalter der Energiezukunft geht der Stromversorger vorweg – sowohl im Service als auch bei Innovationen und nachhaltiger Stromerzeugung …“ RWE gehöre „zu den Besten der Energiebranche“.

Richtigerweise aber müsste es an dieser Stelle heißen: „RWE ist der schlechteste Konzern der Energiebranche.“ Denn soeben hat der Essener Konzern seine Geschäftszahlen für das Wirtschaftsjahr 2013 vorgestellt – und es gibt keinen anderen Energiekonzern in Deutschland, der im vergangenen Geschäftsjahr so schlecht gewirtschaftet hat. Erstmals in seiner Firmengeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg hat RWE kein Geld verdient – sondern einen gewaltigen Schuldenberg aufgetürmt: 2,8 Milliarden Euro. „Nach Feiern ist uns schon lang nicht mehr zumute“, sagte RWE-Chef Peter Terium am Dienstagmorgen. Aber da waren die Anzeigen für den Donnerstag offenbar schon bei den Zeitungen gekauft.

Versuchen wir also den Werbetext einen Moment lang ernst zu nehmen:

rwe2Erste Zahl: RWE hatte im vergangenen Sommer ein Schiedsgerichtsverfahren gegen Gazprom gewonnen. Der russische Staatsmonopolist musste dem deutschen Konzern – O-Ton RWE – „eine hohe Kompensationszahlung“ leisten, dem Vernehmen nach über eine Milliarde Euro. RWE stand also vor einem prächtigen Geschäftsjahr.

Die zweite Zahl: Seit Anfang 2013 läuft die dritte Periode des europäischen Emissionshandels. Erstmals müssen Stromkonzerne wie RWE für die Emissionen, die sie verursachen, auch tatsächlich zahlen: Zuvor bekamen sie die Zertifikate vom Staat einfach geschenkt.

RWE hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass dieses staatliche Schenken irgendwann einmal endet – und investierte seit 2006 europaweit 12 Milliarden Euro in fossile Kraftwerke, etwa in das Braunkohlekraftwerk Neurath. Und für fossile Kraftwerke benötigte der Konzern nun erstmals auch fossile Zertifikate. Obwohl der Handelspreis das ganze Jahr im Keller war, musste RWE dafür 1,2 Milliarden Euro berappen. Eine komplett verfehlte Geschäftspolitik.

Leiden müssen darunter die RWEler. Die dritte Zahl: Bis Ende 2016 will der Konzern jede zehnte Stelle streichen; insgesamt geht es um rund 6.700 Jobs, 4.700 davon in Deutschland.

Leiden müssen aber auch – nächste Zahl – die Kommunen im Ruhrgebiet. Insgesamt sind 25 Prozent der RWE-Aktien in kommunalem Besitz, und viele Städte rechnen für ihren kommunalen Haushalt fest mit der RWE-Dividende. In den Jahren 2006 bis 2010 gab es 3,50 Euro je Aktie, dann waren es 2011 und 2012 nur noch 2 Euro, jetzt soll es nur noch 1 Euro sein – ein „Fluch für Essen, Dortmund, Mühlheim und Co“.

„Wir sind spät in die erneuerbaren Energien eingestiegen – vielleicht zu spät“, räumte Konzernchef Peter Terium am Dienstag ein. Tatächlich wollen wir an dieser Stelle auch noch die entscheidenden Zahlen präsentieren: 17 Prozent des von RWE produzierten Stroms kommen aus Atomkraftwerken, 79 Prozent aus fossilen Kraftwerken. Aus erneuerbaren Quellen stammen gerade einmal 4 Prozent. Zum Vergleich: Im bundesdeutschen Strommix waren 2013 durchschnittlich 23 Prozent erneuerbar.

Aber natürlich stimmt der Werbetext von RWE auch irgendwie: In Niederaußem betreibt RWE die größte Treibhausgas-Schmiede in Deutschland. Hier werden jährlich 26.300.000 Tonnen Kohlendioxid-Äquivalent verursacht – so viel stößt Ghana insgesamt aus. Und dort leben mehr als 25 Millionen Menschen.

Stimmt also: RWE ist – irgendwie - die NUMMER 1!

Danke für den Tipp an Dirk J. aus Düsseldorf und Darius Karl D. aus Aachen


Rheinische Post: Zum Teufel jagen

Sonntag, den 19. Januar 2014

Zum Wochenschluss erreichte den Klima-Lügendetektor folgendes Material:

buchbauer1Eberhard Uhlig ist Leiter der RWE-Braunkohlekraftwerke Frimmersdorf und Neurath in Grevenbroich. In der Rheinischen Post geht er mit Kritikern der Braunkohle hart ins Gericht. Im Grevenbroicher Lokalteil fordert Direktor Uhlig, „dass nicht nur die unmittelbar im Kraftwerk bei der Verbrennung entstehenden Emissionen betrachtet werden“ sollten. Beim Einfluss der Stromerzeugung auf das Klima müssten alle Treibhausemissionen bewertet werden, also auch die beim Rohstoff-Abbau.

Uhligs Stichwort heißt ‚vorgelagerte Emissionen‘. Als ein Beispiel nennt der Braunkohlemanager die Grubengasemissionen bei der Gewinnung von Steinkohle. „Grubengase, das heißt im wesentlichen Methangas, haben einen 21-fach größeren Treibhausgaseffekt als CO2. Andere Grubengase wie zum Beispiel Lachgas sind bis zu 1000-fach wirksamer als CO2, erklärt Uhlig. Zudem weist er darauf hin: „Auch bei der Gasgewinnung entstehen Gasverluste.“ Berücksichtige man solche Emissionen auf der Rohstoffgewinnungsseite, lägen „Braunkohle, Steinkohle und Gas in einem vergleichbaren Band.“

Kraftwerksleiter Uhlig:

buchbauer3

„Für mich stand früh fest, dass ich in den naturwissenschaftlich-technischen Bereich gehen wollte, und ich wollte in die Forschung. Ich habe in Aachen und in den USA studiert, habe am Forschungszentrum in Jülich gearbeitet“, erklärte Uhlig in einem früheren Interview. Es ist also davon auszugehen, dass Kraftwerksleiter Uhlig in der Lage ist, ingenieurstechnische Bilanzen zu ziehen.

Braunkohle wächst bekanntermaßen ja auch nicht auf dem Feld oder fällt in Frimmersdorf vom Himmel: Um an die 30 Meter breite Braunkohleschicht im Tagebau Garzweiler II heranzukommen, müssen darüber 210 Meter ‚Abraum‘ abgetragen werden. Stichwort ‚vorgelagerte Emissionen‘: Um eine Tonne Braunkohle zu fördern, sind erst einmal fünf Tonnen Erde abzubaggern – mit Strom aus 100 Prozent Braunkohle. Nach dem Abbau müssen dann nochmal sechs Tonnen Erde bewegt werden, um das 240 Meter tiefe Loch wieder zuzuschütten. Würden wir jetzt wissen, wie groß die Transportwege der Abraumtonnen sind, ließe sich berechnen, wie groß allein die abraumbedingten ‚vorgelagerten Emissionen‘ einer Tonne Braunkohle sind.

Aber selbst wenn Kraftwerksleiter Uhlig diese Bilanz nicht aufstellen könnte: Wissenschaftlich ist das Thema bestens untersucht, zum Beispiel von der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (hier: Tabelle 3-9 auf Seite 43). Die von RWE 1949 mitbegründete Forschungsstelle kommt zum Schluss, dass die Kilowattstunde Strom aus Erdgas 413 Gramm Kohlendioxid verursacht, aus Steinkohle 940 Gramm – aber 1.200 Gramm, wenn die Kilowattstunde aus Braunkohle hergestellt wird. Das liegt nicht „in einem vergleichbaren Band“, wie der Kohlemanager behauptet. Braunkohle ist vielmehr der mit Abstand klimaschädlichste aller Energieträger – gerade wegen der ‘vorgelagerten Emissionen‘.

Kraftwerksleiter Eberhard Uhlig lügt also. Aber vielleicht muss er sich ja selbst belügen, um jeden Tag diesen Job machen zu können und mit der Schuld fertig zu werden, seiner Enkelgeneration ein dickes Problem aufzubürden. Aber da ist ja gottseidank noch der Journalist. In diesem Fall ist das Andreas Buchbauer, dem sich eine Sternstunde für großen Journalismus bietet. Gegenrecherche, Faktencheck! Den Unsinn aufdecken, den der Kraftwerkschef da auftischt! Ein Anruf beim Wuppertal-Institut oder vielleicht beim Umweltbundesamt? Bei RWE selbst? Wenigstens einmal googeln?

Pustekuchen! Andreas Buchbauer (und seine ihn redigierenden Kollegen) interessiert die Wahrheit keinen Deut. Stattdessen lässt Andreas Buchbauer Kraftwerksleiter Uhlig zu den Kritikern der Braunkohle sagen:

buchbauer

Und dann sagt Andreas Buchbauer Kraftwerksleiter Eberhard Uhlig auch noch: „Es ist nicht gerechtfertigt, die Braunkohle zu verteufeln.“

Gerechtfertigt ist jedenfalls, solch miesen Journalismus zu verteufeln – und die ‚Baubuchers‘, die sich dafür hergeben, zum Teufel zu jagen!

Vielen Dank an unsere Leserin Anika P. aus Bochum
und Leser Dirk J. aus Köln für diesen Hinweis!


RWE: Im Winde gedreht

Donnerstag, den 9. Januar 2014

Auf der Firmenhomepage des Energiekonzerns RWE ist gerade folgendes zu finden:

rweEs geht um eine Dokumentation über die Offshore-Windkraft. „RWE baut einen Windpark mit 48 Windrädern“, sagt eine Knabenstimme, die jetzt zur Betonung anhebt, „in die Nordsee“. Das erste Teil vom Windrad, das ins Wasser kommt, ist das Fundament, erklären Kinder, die in Warnwesten stecken. Untermalt werden ihre Ausführungen von der Musik eines Glockenspiels, was Märchenatmosphäre schafft: Wird das wohl am Ende gut ausgehen?

Es geht um den Offshore-Windpark Nordsee Ost, den RWE rund 35 Kilometer nördlich der Insel Helgoland baut. In Wassertiefen von bis zu 25 Metern sollen insgesamt 48 Windturbinen der Multimegawattklasse errichtet werden. Noch im Jahr 2014 soll das Kraftwerk auf dem Meer mit einer Gesamtleistung von 295 Megawatt ans Netz gehen.

Nach den Kindererzählungen dokumentiert der Film, wie die Fundamente – in diesem Fall sogenannte Jackets – aufgebaut werden. Eine wirklich knifflige Sache, bei der es auf extreme Präzision ankommt. Aber, erklärt Bauleiter Roman Kohler, mittlerweile seien 38 der 48 Fundamente gesetzt, „jetzt hat sich das Team eingespielt.“ Der Film zeigt gigantische Maschinen, konflikterprobte Experten und natürlich den Firmenslogan: „voRWEg gehen“.

rwe2Dumm nur, dass RWE beim Windpark Nordsee Ost enorm hinterherhinkt: Es hat Probleme mit Weltkriegsmunition, der Logistik und dem Netzanschluss gegeben. Die Bauverzögerung zum ursprünglichen Plan beträgt derzeit zwei Jahre. Dumm auch, dass RWE in dieser Woche seine Offshore-Pläne vor der britischen Küste zusammengestrichen hat: Statt 1.200 Megawatt soll der Offshore-Windpark Triton Knoll nur noch eine Leistung von 600 bis 900 Megawatt aufweisen, teilte RWE mit.

Im vergangenen November hatte RWE den Bau des Offshore-Windparks Atlantic Array circa 18 Kilometer vor der Küste von Südwales komplett gestoppt. Baubeginn sollte 2013 sein, mit bis zu 250 Turbinen auf einer Fläche von rund 500 Quadratkilometern sollte der weltgrößte Windpark entstehen, aber dann erwies sich der Baugrund als „zu schwierig“. Und trotz üppiger finanzieller Zuwendungen durch die Politik hatte RWE-Chef Peter Terium im Februar sogar generelle Zweifel am Ausbau der Offshore-Windkraft in Deutschland vorgetragen.

Nicht dass uns die Damen und Herren bei RWE falsch verstehen: Der Klima-Lügendetektor begrüßt ausdrücklich, dass Europas zweitgrößter Stromkonzern auch mal versucht, mit anderen Technologien als dem Verbrennen von Braunkohle Strom zu erzeugen. Wir wollten hier nur dokumentieren: RWE kann schnell seine Offshore-Meinung ändern, wenn sich der Wind mal dreht.

Danke an Lars T. aus Bochum für den Hinweis


Der Spiesser: Nicht vertretbar

Montag, den 9. September 2013

„Es geht eben doch, eine glaubwürdige Jugendzeitschrift zu machen“, schrieb die taz 2005. Und interviewte Frank Haring, Herausgeber der Zeitschrift Spiesser: 1994 in Dresden als Schülerzeitung gegründet, machte sich der Spiesser gerade auf, das Bravo-Land aufzumischen – also Westdeutschland.

Herausgeber Haring sagte damals zum Erfolgsrezept der Dresdner Schülerzeitschrift: „Bei Spiesser definieren Jugendliche selbst, was sie im Heft sehen wollen. Klar, mit fachlicher Begleitung. Aber am Ende ist das eben selbst gemacht.“

Mittlerweile liest faktisch jeder deutsche Schüler in den oberen Klassenstufen den kostenlosen Spiesser, die Auflage liegt bei 500.000 Stück. In der aktuellen Ausgabe wollten die Jugendlichen beispielsweise auf Seite 46 das hier sehen:

spießer

„Es ist Wahljahr – und damit Wahlkampf“, heißt es im Kleingedruckten: „Manche Inhalte kommen dabei traditionell zu kurz.“

Und dann stellen der Spiesser respektive seine Macher oder die Jugendlichen eine sehr wichtige Frage: „Doch ist dies“ – also das Zu-kurz-Kommen – „im Falle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) vertretbar? Und wo wir schon dabei sind: Ist das EEG in seiner jetzigen Form überhaupt vertretbar?“

Zu Wort kommt der Jugendliche Thomas (25), der „Hände weg vom EEG!“ sagt: 200 Milliarden Euro müssten her, um die Erneuerbaren auszubauen. „Mit der EEG-Umlage finanzieren wir alle die Energiewende mit. Ich mach das gerne.“

Zu Wort kommt auch Maria (22), die das nicht so gerne macht und auf der nächsten Seite Kontra gibt:

Darf ich mal kurz in die Runde fragen: Ist das fair? Wer ein Windrad oder eine Solaranlage besitzt, bekommt immer Geld – auch im tiefsten, dunkelsten Winter, wenn das Zeug gar keinen Strom produziert.

Und wo wir schon einmal dabei sind: „Für Verbraucher – also für mich! – wird der Strom gleichzeitig ganz schön teuer. Und das verdanken wir dem EEG.“ Maria lässt voll schülerzeitungsmäßig ihren Taschenrechner sprechen. Der sagt: „Das entspricht einem Anstieg von 50 Prozent.“

Die überfällige Reform des EEG sei verschoben worden, schreibt Maria. „Mich macht das fassungslos. Denn die Liste der Probleme ist lang“, so die 22-Jährige. Die dann Beispiele für all die Probleme gibt: „Bis das EEG reformiert wird, produzieren Photovoltaik und Windkraftanlagen munter weiter grünen Strom, der von Marktpreisen unabhängig ist und sogar dann teuer eingekauft werden muss, wenn man ihn gar nicht braucht – wie zum Beispiel am sonnigen Pfingstmontag, an dem viele Fabriken stillstehen.“

Was für ein Satzbau! Welch phantastisches Mäandertum!! Und was für eine energiewirtschaftliche Detailkenntnis!!!

Maria (22) kennt sich sogar mit den Marktpreisen beim Strom im komplizierten Börsengeflecht aus!!!!!!!!

Oder vielleicht doch nicht? Weiter unten heißt es im Text des Spiesser nämlich:

spießer1

Und wer jetzt genau nachschaut, der wird ganz oben in der Ecke ein graues, verstecktes Wort finden: „Anzeige“. Weder Thomas (25) noch Maria (22) gibt es wirklich, sondern nur eine Werbeagentur von RWE, die bei Deutschlands Oberschülern mal ein bisschen auf Panik in Sachen Energiewende macht. Was Maria behauptet, stimmt alles nicht so richtig, aber es bringt der Spiesser-Redaktion gemäß Anzeigenpreis-Liste satte 49.800 Euro netto ein.

So gedruckt würden Thomas (25) oder Maria (22) in echt natürlich niemals lügen. Das tut schon weh, aber RWE zahlt gerne: Deutschlands Oberschüler könnten ja die Konterrevolutionäre der Energiemarkt-Revolution werden. Man muss nur zeitig genug anfangen, die falsche Fährte richtig zu legen.

Wir wollten von Eva Weber, Chefredakteurin des Spiesser, wissen, ob die Arbeit ihrer Redaktion in der „jetzigen Form überhaupt vertretbar“ ist, wie es in der Anzeige von RWE so moralisch schwergewichtig heißt.

Diese Frage solle doch bitte per Mail an die für Presseanfragen zuständige Mitarbeiterin des Verlages eingereicht werden, hieß es als Antwort aus der Chefredaktion in Dresden.

Vielen Dank an Björn O. aus Berlin für den Hinweis

PS: Beim Spiesser definieren zum Thema Energie übrigens NICHT die Jugendlichen selbst, was sie im Heft lesen wollen – das tut die Firma RWE für sie.


RWE: Ohne jeden Respekt

Freitag, den 30. August 2013

Der Braunkohletagebau Hambach ist das tiefste Loch Europas: 370 Meter haben sich die 1.500 Tagebauer in die Erde gewühlt, um hier jährlich 40 Millionen Tonnen Braunkohle an die Luft zu holen – die dann zur Stromproduktion verfeuert wird. Damit das so bleibt, soll der Tagebau erweitert werden. Der Hambacher Forst, der vom heiligen Arnold von Arnoldsweiler im 8. Jahrhundert umritten wurde, muss dafür weichen.

Es gibt Menschen, die das nicht gut finden: Im Forst gab es wunderschöne Hainbuchen und Stieleichen. Tagebaubetreiber RWE lässt außerdem die Ortschaften Morschenich und Manheim umsiedeln, was auch nicht alle Bewohner gut finden. Und dann gibt es noch die Klimaschützer: Braunkohle ist der klimaschädlichste aller Energieträger, pro Kilowattstunde Strom entstehen bis zu 1,23 Kilogramm Kohlendioxid. Zum Vergleich: Moderne Gaskraftwerke sorgen für “nur“ 430 Gramm.

Genug Gründe also, um gegen RWE zu protestieren. Dieser Tage gibt es neben dem Tagebau ein Klimacamp, das allerdings mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat: Zelte dürfen nicht aufgebaut werden, Essen darf nicht gekocht werden – Campen ohne Essen und Unterkunft also. Außerdem hat RWE tief in die Psycho-Kiste gegriffen. Mit einer Extra-Ausgabe seines Nachbarschaftsmagazins „hier“:

rwe

Zu Wort kommt Karl Heinz-Wieland (Name geändert), der beim Werkschutz von RWE arbeitet. Der sagt: „Die Zerstörungswut dieser Täter ist unglaublich. Der bösartige Erfindungsreichtum, die kriminelle Energie, das habe ich in so einem Ausmaß noch nicht erlebt.“

Zu Wort kommt Werner Stump, der hier früher einmal Landrat für die CDU war. Der erklärt: „Die Polizei hat hervorragende Arbeit geleistet. Sie ist mit allen helfenden Einsatzkräften bis an die Grenzen der Belastbarkeit gegangen. Keiner der Protestler hat einen persönlichen Schaden erlitten.“

Interviewt wird Professor Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim. Der Professor: „Es sind ganz kleine Gruppen, oft von auswärtigen Aktivisten, die die Dinge nur schwarz-weiß sehen, die keinen Respekt vor der Meinung Andersdenkender haben und die sich auf extreme Weise Gehör verschaffen. Und in unserer von Medien geprägten Welt, die auf schnelle Wahrheiten und spektakuläre Bilder setzt, bekommen sie diese Beachtung auch.“

Und dann bringt die Sonderausgabe des Nachbarschaftsmagazins folgende Darstellung:

RWE1

Das versteht RWE unter nachbarschaftlichem Respekt?

Tatsächlich gab es in der Vergangenheit Gerangel um den Hambacher Forst. Tatsächlich hatte RWE einen Umweltaktivisten, der im vergangenen Jahr einen Gleisabschnitt der Hambacher Kohlebahn besetzt hatte, verklagt – und Recht bekommen. Bei den Ermittlungen zur Räumung des Hambacher Forsts im November des vergangenen Jahres hat die Staatsanwaltschaft aber keinerlei strafrechtlich relevante Sachverhalte ausmachen können. Alle 27 Verfahren gegen Waldbesetzer wurden eingestellt, keiner hatte gegen geltendes Recht verstoßen.

„Diffamare“ kommt aus dem Lateinischen und heißt so viel wie „Gerüchte verbreiten“ oder „anschwärzen“. Das Camp läuft nun schon eine Woche. „Aktuell liegen keine rechtlichen Vorwürfe gegen Mitglieder des Camps vor“, erklärte Thomas Krämer, Sprecher des zuständigen Verwaltungsgerichts Köln gegenüber unserem Schwesterportal klimaretter.info. Tatsächlich betreibt RWE mit seinem „Nachbarschaftsmagazin“ also nichts anderes als die gezielte Verleumdung Dritter. So was ist übrigens strafbar.

 Danke an Timo S. für den Hinweis


PS: Seit zwei Jahren ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch 2013 unabhängig zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


RWE: Hinterherhinken statt vorweggehen

Freitag, den 5. Juli 2013

Jetzt im Sommer kommen wir endlich dazu, mal den Schreibtisch aufzuräumen. Und da fällt uns doch diese hübsche RWE-Annonce in die Hand:

rwe_augenhoehe_1

Erschienen ist sie bereits im März in der ZEIT. Ein smarter Anzugträger steht da auf einer Windkraftanlage – so weit, so klar die beabsichtigte Botschaft: RWE = Windkraft. Der Mann hält ein Schild mit der Aufschrift: „Auf Augenhöhe statt von oben herab!“ Dessen Sinn ist schon weniger klar: Soll das ein Versprechen an die Stromkunden sein, wie RWE sie künftig behandeln will? Würde „auf Augenhöhe“ bedeuten, dass der stetig sinkende Börsenstrompreis irgendwann auch mal beim Kleinverbraucher ankommt?

Nee, nee, wär‘ ja auch zu schön gewesen. Das Motiv erschien im ZEIT-Ressort Chancen, wo es um Beruf und Karriere und so geht. Statt an RWE-Kunden richtete sich die Anzeige an Jobsuchende. Aber nicht nur der Augenhöhe-Spruch, auch das Kleingedruckte klingt rätselhaft:

Werden Sie Top-Consultant im Zukunftsmarkt Energie. Sie sind ein schlauer Kopf und möchten Ihre internationale Erfahrung in spannenden Projekten einsetzen? Werden Sie Inhouse-Consultant bei RWE und schauen Sie hinter die Kulissen eines Großkonzerns. Wir suchen motivierte Mitarbeiter, die hohe Ansprüche an sich selbst stellen und den Dingen auf den Grund gehen. Die Energieversorgung von morgen beginnt schon heute!

Irgendwie sollen da „schlaue Köpfe“ zu „Top-Consultants“ werden, die dann irgendwas an der „Energieversorgung von morgen“ mitgestalten. Und irgendwer bei RWE meinte wohl, dass man solche Leute am besten mit dem Bild eines Windrads anlockt. Hm.

Tatsächlich kann der Konzern mit der Windkraftanlage nur seine Zukunft meinen. Würde RWE seinen Kraftwerkspark von heute wahrheitsgemäß abbilden, müsste der Mann in der Annonce auf einem rauchenden Braunkohleblock stehen – statt aus klimaschonender Windkraft gewinnt nämlich RWE nach wie vor den Löwenanteil seines Stroms aus dreckiger Kohle. Den ganzen Jammer der Energieversorgung von heute zeigt ein Blick auf die Firmenwebsite:

rwe_augenhoehe_31

Die Angaben beziehen sich auf die Jahre 2012, 2011, 2010, 2009 und 2008 – zwar steigen die Zahlen, aber auch fünfeinhalb Jahre nach vollmundigem Start einer „Öko-Offensive“ kommen bei RWE gerade einmal fünfeinhalb Prozent des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Energien! Hierzulande ist die Lage noch lausiger, denn die Firmenangaben beziehen sich auf das Gesamtunternehmen. Bei den 5,5 Prozent für 2012 sind also auch die Offshore-Windparks mitgezählt, die RWE seit langem vorzugsweise im Ausland errichtet hat, oder die Erneuerbaren-Kapazitäten der 2009 übernommenen niederländischen Essent. Aktuelle Detailzahlen für den deutschen Kraftwerkspark liegen uns nicht vor, aber hier dürfte der Anteil noch deutlich unter 5,5 Prozent liegen. (Für 2009 hatte eine Studie im Auftrag von Greenpeace (siehe S. 45f.) bei konzernweit 3,5 Prozent Ökostromanteil im Inland bloße 2,6 Prozent ermittelt.) Zur Erinnerung: Im deutschen Durchschnitt lag der Öko-Anteil beim Strommix 2012 bereits bei 22 Prozent, also bereits viermal so hoch wie bei RWE.

Aus Mitleid (und weil das Wetter grad so schön ist) schauen wir diesmal gnädig drüber hinweg, dass der Kohlekoloss RWE sich in der Annonce (nicht zum ersten Male) als Windkraftriese geriert. Und wünschen stattdessen dem vorweggehenden hinterherhinkenden Unternehmen, dass die Anzeige erfolgreich ist und RWE ganz viele schlaue Köpfe für eine wirklich saubere Energiezukunft findet!


Die grüne BahnCard: Millimeterstein fürs Klima

Freitag, den 5. April 2013

Auf unserem Schwesterportal klimaretter.info läuft gerade eine kleine Leserdebatte: Wie ist die Berichterstattung zur „grünen BahnCard“ zu bewerten? War die Redaktion unkritisch? Vielleicht gar, weil die Bahn – im Rahmen einer riesigen Werbekampagne – auch auf klimaretter.info für das neue Angebot wirbt?

bahn1

Es geht um den Knirps am rechten Bildrand, der – in einem lieblichen Fernsehspot – ganz begeistert ist, weil sein Papa jetzt echt was für die Umwelt tut.

Hilft er den Bäumen?

Rettet er Eisbären?

Macht er die Luft sauber?

bahn

Nein, vieeel einfacher: Papa fährt mit der neuen BahnCard. Die Botschaft dahinter: Weil die Bahn jetzt so viel Ökostrom einkaufe, wie BahnCard-Kunden im Fernverkehr rechnerisch verfahren, werde ab 1. April die BahnCard grün. „Jetzt kann jeder etwas für die nächste Generation tun“, lautet das Motto der von der Edel-Agentur Ogilvy verantworteten Kampagne.

Natürlich hat die Sache ein paar Haken. Die ganze Aktion gilt sowieso nur für den Personenfernverkehr – Regional- und S-Bahnen fahren weiterhin vor allem mit Kohle- und Atomstrom (Güterzüge sowieso). Ein kleiner Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt nutzten 2011 in Deutschland insgesamt 2,4 Milliarden Fahrgäste den Schienen-Nahverkehr, im Fernverkehr gab es lediglich 120 Millionen Bahnkunden – also ein Zwanzigstel. Die fahren in den ICE-, IC und EC-Zügen zwar längere Strecken, und die Deutsche Bahn ist auch längst nicht mehr der einzige Nahverkehrsanbieter – andererseits fährt nur ein Teil der Fernverkehrskunden mit BahnCard und damit künftig „grün“. Unterm Strich ist die Reichweite der Stromrevolution bei der Bahn also ziemlich begrenzt. Das Unternehmen jedoch klotzt mit großen Worten, nach eigenen Angaben hat sie mit der Aktionbahn_oekobahncard3Keine Frage, Bahnfahren mit Ökostrom ist was Feines. Und dass die Deutsche Bahn stärker auf erneuerbare Energien setzt, finden wir selbstverständlich prima. Doch der konkrete Nutzen fürs Klima und die Energiewende hängt bekanntlich davon ab, woher genau der Ökostrom kommt. Die unschöne Anwort: Zum großen Teil von Eon und RWE – beziehungsweise aus deren Wasserkraftwerken, zum Beispiel an Rhein, Mosel und Ruhr, die teilweise seit vielen Jahrzehnten Elektrizität erzeugen. Durch den Schritt wird nun zwar der Fahrstrom der Bahn etwas grüner – der Strommix im allgemeinen Netz aber, das alle anderen Kunden versorgt, wird im selben Maße schlechter. Klimaeffekt: Null. Zudem stecken die Kohle- und Atomkonzerne RWE und Eon noch immer ein Gutteil ihrer Investitionen in klima- und umweltschädliche Anlagen, RWE beispielsweise plant weitere Braunkohle-Blöcke, und im Bunde mit Eon kämpft die Bahn mit harten Bandagen für das hoch umstrittene Steinkohle-Kraftwerk im nordrhein-westfälischen Datteln.

Ein kleiner Teil des grünen BahnCard-Stroms kommt immerhin von 48 Windrädern in Brandenburg und Niedersachsen, die die Bahn unter Vertrag genommen hat. Deren Strom wird nun nicht mehr über das Erneuerbare-Energien-Gesetz vergütet, sondern direkt von der Bahn. Für diese Windräder fällt also künftig keine EEG-Umlage mehr an. Würde die Bahn dies in größerem Maßstab machen, könnte der Strompreis sinken – denn würde die Bahn 480 oder gar 4.800 Windräder buchen, müssten die einfachen Stromkunden deren Betrieb nicht mehr über die Umlage finanzieren. So käme die Energiewende auch ohne jene „Strompreisbremse“ in Gang, mit der Schwarz-Gelb angeblich die Umlage für den Ökostrom stabil halten will. Die Bahn hätte irgendwann genügend Strom, um auch noch den Nahverkehr und den Güterverkehr grün zu machen. Das wäre dann wahrhaftig ein „Meilenstein“ und eine große Tat für die nächste Generation. Bei einem Jahresgewinn von aktuell 2,7 Milliarden Euro könnte das Unternehmen schon eine Menge bewegen … – Okay, okay, wir hören auf zu träumen.

Zurück zum konkreten Nutzen der „grünen BahnCard“ fürs Klima. Also zu dem, was der Papa aus dem Werbespot und die anderen rund fünf Millionen BahnCard-Kunden wirklich bewirken: der Effekt geht erstmal gegen Null. Denn sowohl die Wasserkraftwerke als auch die Windräder liefen ja schon, bevor die Bahn den Strom abnahm. Am Gesamtstrommix (siehe oben) und damit an den gesamten Treibhausgas-Emissionen ändert die „grüne BahnCard“ deshalb erstmal nichts. Der – wie es in der Fachsprache heißt – „zusätzliche Umweltnutzen“ von Ökostromangeboten hängt daran, ob durch ein Produkt wirklich neue Erzeugungsanlagen entstehen. Das wissen natürlich auch die Ökostrom-Experten bei der Bahn, weshalb sie in das werbewirksame Projekt – damit es kein Schmu ist – noch einen „Neuanlagenbonus“ eingebaut haben:

bahn_oekobahncard4

Ein paar Cent pro Fahrkarte fließen in einen Fonds, aus dem „innovative Projekte zum Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland“ unterstützt werden sollen. Sonderlich viel hat der anscheinend noch nicht bewirkt, denn die Bahn nennt auf ihrer Website ein einziges gefördertes Projekt: 500.000 Euro flossen demnach in das Enertrag-Hybridkraftwerk im uckermärkischen Prenzlau, das Windkraftspitzen puffern und so das Stromnetz stabilisieren kann. Das Werbebudget zur „grünen BahnCard“ beträgt ein Vielfaches.

Also, liebe Bahn, ein „Meilenstein“ sieht anders aus – das Ganze wirkt eher wie millimeterhafter Fortschritt.


RWE / enviaM: Wässrige Werbung

Donnerstag, den 14. März 2013

RWE ist ja für besonders originelle Werbung bekannt. Unvergessen ist zum Beispiel das niedliche Kalb Vroni, das ein viel größerer Klimakiller sein sollte als der Kohlekonzern. Der tapsige Trickfilmriese und die barbusige Meerjungfrau. Oder der Versuch, sich ein bisschen in Helmut Schmidts Aura zu sonnen. Bei solchen Vorlagen will sich wohl auch die ostdeutsche RWE-Tochter enviaM nicht lumpen lassen, sie wirbt unter anderem mit diesem Motiv:

enviaM_wasser_gr

Wenn das nicht vollmundig ist!? Auf der Firmenwebsite heißt es im Kleingedruckten darunter:

Die Energiewende in Deutschland sieht vor allem einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien vor. Bereits in den vergangenen Jahren hat die enviaM-Gruppe den Umbau der Energieversorgung im eigenen Erzeugungsbereich aktiv vorangetrieben. Seit 2000 investierte die enviaM-Gruppe rund 93 Millionen Euro in grüne Energien. Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien hat sich seitdem von 20 Millionen auf rund 145 Millionen Kilowattstunden pro Jahr erhöht. Heute gehören 14 Wasserkraftwerke, vier Windparks, ein Biomasse-Heizkraftwerk sowie sechs Biogasanlagen zum grünen Erzeugungs-Portfolio des Unternehmensverbundes.

Voll super, die Firma, oder?

Nun ja, die envia Mitteldeutsche Energie AG (kurz: „enviaM“) beliefert in den neuen Bundesländern rund 1,5 Millionen Kunden – aber produziert selbst kaum Strom. Der Unternehmensverbund verfügt nur über eine Handvoll kleinerer Kraftwerke, wie Daten der Bundesnetzagentur zeigen. Bei kraftwerke-online.de sind lediglich sechs Anlagen mit insgesamt gerade 317 Megawatt (MW) verzeichnet. Im Wesentlichen wird von enviaM also bloß Strom vertrieben. (Vermutlich vor allem dreckiger Kohlestrom von RWE, aber das ist eine andere Geschichte …)

Wir konzentrieren uns jetzt mal auf die Aussage: „Die enviaM-Gruppe setzt auf Erneuerbare Energien“ – dem Werbefoto nach zu urteilen wohl besonders auf Wasser. Wir wollten das etwas genauer wissen und fragten die Pressestelle in Chemnitz, welche Kapazitäten denn die auf der Website gepriesenen eigenen Grünstrom-Anlagen haben. Antwort: Das Biomasse-Heizkraftwerk kommt auf 10,6 MW, die sechs Biogasanlagen kommen zusammen auf 3,8 MW, und die vier Windparks ebenso wie die 14 Wasserkraftwerke auf 10,4 MW. Im Klartext, bei allen Erneuerbaren zusammen kommt enviaM also auf gerade einmal 36 Megawatt! Zum Vergleich: Das ist nur gut ein Zehntel der fossilen Kapazitäten. Und entspricht ganzen fünf Exemplaren der neuesten Generation von Groß-Windrädern (etwa der Enercon E-126) – andere Firmen bringen locker mehr als 40 Megawatt in einem einzigen (!) Windpark unter.

Wir fragten dann weiter, wie lange die Wasserkraftwerke der Firma schon in Betrieb sind. Denn alte Anlagen sind ja schön und gut, haben aber wenig mit der notwendigen Energiewende zu tun. Die Pressestelle mailte in ihrer Antwort:

enviaM_wasser_mail1

Hoppla, in der Tat stammt beispielsweise die Anlage im sächsischen Mittweida bereits aus dem Jahr 1923. Eine weitere Nachfrage ergab dann, dass durch Investitionen von enviaM in den vergangenen Jahren die Leistung aller Wasserkraftwerke um insgesamt 450 kW gesteigert wurde – wohlgemerkt insgesamt! Von den 10,4 MW Wasserkraft, so könnte man also sagen, sind lediglich gut 0,4 MW der Firma zu verdanken, die behauptet, bei Ökostrom könne ihr „keiner das Wasser reichen“ – die anderen 10 MW existieren seit vielen Jahrzehnten.

Aber noch etwas war uns aufgefallen: Die Anlagenkapazität von 10,4 MW reicht niemals für die 215.000 Haushalte, die enviaM laut Werbung „in Ostdeutschland mit Strom aus Wasserkraft“ beliefert. Selbst wenn man nicht nur den Wasserstrom der Firma gelten ließe, sondern ihren gesamten Ökostrom (die auf der Website genannten 145 Millionen kWh), dann müsste der Durchschnittsverbrauch der ostdeutschen Ökostrom-Kunden bei sensationell niedrigen 675 kWh pro Haushalt liegen – weniger als ein Viertel des Bundesschnitts. Tatsächlich verbrauchen Ostdeutsche weniger Strom als Westler, aber nicht so deutlich; irgendwas, schwante uns, kann da nicht stimmen. Und tatsächlich, weitere Nachfragen ergaben, dass die 215.000 Haushalte gar nicht mit Strom von enviaM versorgt werden. Sondern? Hier die Antwort:

enviaM_wasser_mail3

Ui, das versteht man bei RWE also unter

enviaM_wasser_kl

Wir bohrten noch ein bisschen weiter, fragten beispielsweise nach der exakten Anlage in Frankreich und deren Alter (andere Ökostrom-Anbieter geben darüber standardmäßig Auskunft), wir wollten die Zertifizierungsurkunde des vertriebenen Wasserstroms für 2012 oder zur Not auch nur für 2011 sehen (die Konkurrenz stellt solche Dokumente häufig zum Download auf ihre Website) und so weiter. Bedauerlicherweise endete an diesem Punkt die Auskunftsbereitschaft von enviaM, die letzte Mail der Pressestelle lautete:

enviaM_wasser_mail2

Ja, danke, liebe enviaM, das waren „alle notwendigen Angaben“ für eine Beurteilung Ihrer Werbung.

Danke an Charlotte S. aus Riesa für den Hinweis


Jürgen Großmann (RWE): Schönen Ruhestand!

Freitag, den 20. April 2012

Zugegeben, das Team vom Klima-Lügendetektor war anfangs über diesen Vorgang uneins: Ist das nun eine gute Nachricht? Oder eine schlechte?

RWE-Boss Jürgen Großmann hatte in dieser Woche seinen Abgang. Der Vorstandschef des zweitgrößten deutschen Stromkonzerns hat letztmalig die Hauptversammlung seines Konzerns geleitet. Und ist von den Aktionären entlastet worden. Das war’s dann für ihn. Schluss, aus, vorbei: Ab Anfang Juli übernimmt der Niederländer Peter Terium die Geschäfte.

Für RWE-Aktionäre mag die Antwort auf die Eingangsfrage einfach ausfallen. Seit Großmann im September 2007 antrat, ist der Aktienkurs um mehr als die Hälfte gesunken. Nicht nur das: Projektverzögerungen, Gewinneinbruch, Sparprogramm – Jürgen Großmann mit seiner Fixierung auf Kohle- und Atomkraft hinterläßt einen größeren Scherbenhaufen, als er von seinem Vorgänger Harry Roels übernommen hatte.

Für den Klima-Lügendetektor ist die Sache defiziler. Kaum jemand hat uns so viel Stoff geliefert wie der PR-Rambo Großmann.

Das „Klumpenrisiko Deutschland“  müsse verringert werden, hatte er zum Beispiel vor einem Jahr der Süddeutschen Zeitung gesagt: Und damit gedroht Firmensitz und Investitionen von RWE ins Ausland zu verlagern – sollte die Regierung ernst machen mit dem Atomausstieg.

Bürgerproteste gegen den Ausbau der Stromnetze seien ein „Riesenproblem“, erläuterte Großmann im Herbst 2010 dem Stern. Und forderte, dass der Rechtstaat das Gewaltmonopol behalten müsse. „Ich würde mir jedenfalls nicht das Recht herausnehmen, eine Sprengladung an einen Hochspannungsmast zu setzen.“

Im Sommer würden wegen der Energiewende tagelange Stomausfälle drohen, warnte der RWE-Chef Anfang 2008 in der Bild. Und die bienenfleißigen Springer-Leute trugen flugs zusammen, was das bedeuten könne: Handy-Netze tot, kein Fernsehen, Verkehrschaos wegen ausgefallener Ampeln, und auch an Tankstellen gehe dann „gar nichts mehr“.

Insofern war Jürgen Großmann ein Segen für unsere Arbeit: Der Elefant polterte stets so herzhaft im Porzellanladen, dass es ein Leichtes war und großen Spaß machte, die Scherben hinterher auf dem Tablett zu präsentieren. Wo Großmann war, war immer etwas los – egal ob er nun in Berlin Elektroautos präsentierte, in Hamm mit Angela Merkel einen Grundstein legte oder zur Klimakonferenz nach Kopenhagen reiste.

Andererseits zeigte der RWE-Chef aber auch, was ein geschickter Kommunikator anrichten kann. Das Bild-Interview beispielsweise enthielt nicht eine einzige Zahl oder irgendeinen Beleg für Großmanns Stromausfall-Szenario – trotzdem verbreiteten Nachrichtenagenturen die Panikmache prompt. Sein Meisterstück aber war der „Energiepolitische Appell“ im Sommer 2010 – ohne Fukushima hätte Großmann sich durchgesetzt mit seiner Forderung nach einer jahrzehntelangen Zukunft für die Atomkraft in Deutschland.

Irgendwie ist es schade, dass wir diesen Blog künftig ohne Großmann füllen müssen. Aber es gibt ja würdige Nachfolger, etwa den ebenfalls ehemaligen RWE-Mann und Klima“skeptiker“ Fritz Vahrenholt. Insofern können wir dem Milliardär Jürgen Großmann von ganzem Herzen einen ruhigen Lebensabend in Gesundheit, Genuss und Frieden wünschen.

P.S.: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Fritz Vahrenholt (RWE): Kalter Kaffee zur Sonne

Samstag, den 4. Februar 2012

Der kommende Montag wird die Welt erschüttern, zumindest die der Klimaforschung. Das verheißt jedenfalls eine aktuelle Verlagsankündigung:

Donnerwetter! Tausende IPCC-Wissenschaftler sind komplette Versager!! Der Klimawandel ist längst gestoppt!!! Die Ozeane und die Sonne waren schuld daran!!!! Puh, da hat die Menschheit aber nochmal Glück gehabt…

Was wird das wohl für ein Buch sein? Vielleicht die neueste Veröffentlichung des in Klimafragen weltweit führenden Goddard Institute for Space Studies der Nasa? Oder eine Neuerscheinung bei Cambridge University Press, Springer Wissenschaft oder einem anderen renommierten Wissenschaftsverlag? Nein, es ist die Ankündigung für ein Buch namens „Die kalte Sonne“, das diesen Montag bei Hoffmann und Campe erscheint. Ja, genau jener Verlag, der kürzlich mit unkonventionellen Werbemethoden für ein Christian-Wulff-Buch in die Schlagzeilen geriet. Aktuell finden sich im Programm von Hoffmann und Campe u.a. Bücher von Papst Benedikt und Helmut Schmidt. Diesen Montag erweitert das Haus nun seine Kompetenz hin zur hochkomplizierten Klimawissenschaft.

Mit dem Inhalt dürfen wir uns noch nicht detailliert befassen, denn der Verlag hat das Zitieren aus den vorab an Journalisten verschickten Druckfahnen untersagt. Nur soviel: Die Hauptthese ist, dass die Sonne demnächst in eine Phase extrem niedriger Aktivität eintrete, weshalb die Erderwärmung quasi von selbst gebremst werde. Diese These aber ist nicht revolutionär, wie Hoffmann und Campe glauben machen will, sondern ziemlich kalter Kaffee. Über die Effekte einer „kalten Sonne“ wird seit Jahren von sogenannten Klima“skeptikern“ wild spekuliert. Auch die Wissenschaft hat sich schon detailliert damit befasst. Ergebnis: Zwar wird die Sonne in den nächsten Jahrzehnten wohl tatsächlich weniger stark strahlen als in den letzten 50 Jahren, aber auf die menschengemachte Erderwärmung hat das einen allenfalls marginalen Einfluss. Durch eine „kalte Sonne“ würde der globale Temperaturanstieg bis 2100 wahrscheinlich um etwa 0,1 Grad Celsius gedämpft, höchstens um 0,3 Grad Celsius, so übereinstimmende Forschungsergebnisse. Die Erderwärmung aber wird bis 2100 laut IPCC zwischen 1,1 und 6,4 Grad Celsius betragen, also das Zehn- bis Fünfzigfache!

Dies sind die Fakten, wie sie die weltweite Forschergemeinde ermittelt hat. Und wer sind die Hoffmann-und-Campe-Autoren, die es besser wissen? Laut Verlagsankündigung

Sie heißen Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning. Ersterer ist Chemiker und Professor an der Universität Hamburg, war SPD-Umweltsenator in der Hansestadt, danach Spitzenmanager beim Ölriesen Shell, dem Windkraftpionier RePower und zuletzt dem Energiekonzern RWE. Co-Autor Lüning ist Geologe und arbeitet als Afrika-Experte für Dea, die Öl- und Gastochter von RWE.

Okay, auf der Gehaltsliste des zweitgrößten CO2-Verursachers Europas zu stehen, muss ja noch nichts heißen für die inhaltliche Güte eines Buches. Schauen wir stattdessen, was die Autoren zum Thema ihres Werkes bereits in Fachzeitschriften veröffentlicht haben. Dies ist in der Wissenschaft ein wichtiger Gradmesser für das Renommee und die Qualität von Forschungsergebnissen, denn bei Magazinen wie Nature, Science oder den Proceedings of the National Academy of Science werden Aufsätze von kompetenten Fachkollegen und mit großer Strenge begutachtet („Peer Review“). Das Ergebnis ist ernüchternd: Eine Suche bei Google Scholar fördert keine Klima-Fachaufsätze der beiden Autoren zutage. Und in der Spezialdatenbank Web of Science findet sich für Fritz Vahrenholt lediglich eine Handvoll Veröffentlichungen zu Chemie- und Umweltthemen, allerdings aus den siebziger und achtziger Jahren; Sebastian Lüning kommt auf noch weniger Publikationen, ausschließlich aus dem Bereich Geologie.

Das Buch, das den Stand der Klimaforschung komplett über den Haufen werfen will, stammt also – erstens – von Nicht-Fachleuten, die – zweitens – auch in ihren eigenen Wissenschaftsgebieten derzeit nicht zu den Top-Forschern gehören. Und auf deren Urteil soll man sich verlassen, wenn es um die Ursachen der Erderwärmung und erfolgversprechende Gegenmaßnahmen geht? Hm. Wenn bei Ihrem Kind eine Herzerkrankung diagnostiziert wurde und praktisch alle befragten Kardiologen dringend zu einer Operation raten – würden Sie da auf einen Zahnarzt hören, der von ganz anderen Ursachen der Erkrankung erzählt?

P.S.: Wir werden „Die kalte Sonne“ trotzdem aufmerksam lesen und den Inhalt hier auf dem Blog sicherlich nochmal zum Thema machen.