Archiv des Schlagwortes ‘Ökostrom’

Tetra Pak: Bloß 3. Klasse beim Werben

Dienstag, den 21. Juni 2011

Bahnkunden sollen doch bitteschön aus Tetrapaks trinken. Auf Bahnhöfen appellieren riesigen Werbeflächen an das ökologische Bewusstsein der ja ohnehin schon ökologisch bewussteren Bahnfahrer. Die Einweg-Getränkeverpackung sei „1. Klasse beim CO2 sparen“, wird da gepriesen. Und 1. Klasse ist ja irgendwie gar nicht so schlecht, wenn der Zug mal wieder voll ist.

Auch im Internet und in Zeitungs-Inseraten werden die Getränkekartons gelobt – als „CO2-Sparkönig“. Auf der Internetseite der herstellenden Firma Tetra Pak wird auf die Fortschritte in den letzten Jahren verwiesen: „Durch verbesserte Energieeffizienz und stärkere Nutzung erneuerbarerer Energien hat Tetra Pak in den letzten fünf Jahren seine absouten CO2-Äquivalent-Emissionen um 12,9 Prozent verringert“. Und das, obwohl doch die Produktion der Kartons gleichzeitig um mehr als 23 Prozent stieg! Tetra Pak: „Eine relative Verringerung um mehr als 30 Prozent, wie von unabhängiger Seite überprüfte Zahlen belegen.“

Absolut 12,9 Prozent weniger Kohlendioxid bedeuten eine relative Minderung des CO2-Ausstoßes um 30 Prozent – das ist mathematisch zwar sehr schwer darstellbar, aber immerhin! Geschafft haben will das Tetra Pak unter anderem durch einen Stromanbieter-Wechsel. In der Qualitätsbeschreibung heißt es: „Die Grüne Energie muss, wo verfügbar, die vom WWF empfohlenen Standards für erneuerbare Energien einhalten“.

Allein dieses „wo verfügbar“ ist ein exzellenter Werbetrick: Überall dort, wo bei der Recherche Tetra Pak nachgewiesen werden kann, dass in einer ihrer Fabriken, Büros, Lagerhallen, Datenverarbeitung … kein Grünstrom zum Einsatz kommt, ist er eben gerade nicht verfügbar! Wobei „Grünstrom“ und der WWF ebenfalls ein klassischer Fallstrick ist: Die zuletzt arg in die Kritik - auch vom Lügendetektor - geratene Organisation empfiehlt das „ok-power“-Label. Das aber garantiert nicht, dass der Stromlieferant erstens ausschließlich Ökostrom vertreibt und eben nicht noch das eine oder andere Fossilstrom-Milliönchen den beglückten Aktionären offeriert. Zweitens garantieren die „ok-powerer“ nicht, ihren Gewinn in den Bau neuer Grünstrom-Anlagen zu stecken – was ja eigentlich Voraussetzung für die grüne Energiewende ist. So ziemlich alle anderen Umweltverbände empfehlen Strom von jenen vier Anbietern, die nichts anderes als Ökostrom liefern und den Gewinn in die Energiewende auch wieder reinvestieren. Das „ok-power“-Label lehnen sie als Greenwashing ab.

Aber zurück zur „1. Klasse“: Den Beleg dafür, dass Tetrapaks tatsächlich klimafreundlich sind, bleibt die Firma Tetra Pak in ihrer PR-Offensive schuldig. Denn mit anderen Getränke-Verpackungen – Glas- oder Plastikflaschen etwa – werden die Tetrapaks überhaupt nicht verglichen. Etwas vage heißt es in der Werbung:

Mit der „1. Klasse beim CO2 sparen“ hat das nichts mehr zu tun: Selbst Tetra Pak ist vorsichtig und behauptet, nicht den „kleinsten“ Fußabdruck vorweisen zu können, sondern spricht in seiner Volksverdummungs-Kampagne von „einem der kleinsten CO2-Fußabdrücke unter den Einweg-Getränkeverpackungen“. Tatsächlich nämlich hat das Umweltbundesamt (UBA) in einer Studie für das Bundesumweltministeriums festgestellt: Deutlich Kohlendioxid-sparend sind Tetra Paks nur im Vergleich mit Dosen und Einwegflaschen aus Plastik, den so genannten PET. Die Verpackung von einem Liter Saft oder Wasser im Karton verursacht nur etwa halb so viel Treibhausgase wie die Nutzung von PET-Flaschen.

Aber schon wenn es auf die PET-Flaschen Pfand gibt, ist Tetra Pak mit seinen Kartons eine Klasse schlechter. PET-Mehrwegflaschen stoßen nur etwa halb so viele Klimagase in die Luft wie die Getränkekartons, wie die UBA-Grafik  zeigt, in der VBK „Verbundkarton“ bedeutet – also Tetra Pak:

Nach Berechnungen der Deutschen Umwelthilfe ist die Recycling-Quote von Getränkekartons mittlerweile auf die Hälfte gesunken, nur 35 Prozent der Kartons werden recycelt.

Das bedeutet: Doppelt so viel Müll, halb so geringer Klima-Nutzen und jede Menge „Graustrom“ in der Produktion: Die Tetra Pak-Werbesprüche vom „CO2-Sparkönig“ sind allenfalls drittklassig!


Öko-Test: „Geniaal“ daneben

Montag, den 16. Mai 2011

„Guter Rat ist teuer“, lautet ein altes Sprichwort. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert, guter Rat kostet heute nur 5,90 Euro, zumindest wenn er von der hochseriösen Zeitschrift Öko-Test kommt. Zum Beispiel wenn es um die Energiewende geht: Nie war das Interesse am persönlichen Atomausstieg größer als derzeit, nie die Bereitschaft den Stromanbieter zu wechseln verbreiteter. Allerdings gab es auch noch nie so viele Anbieter von Strom, der angeblich die Energiewende befördert. Deshalb also lag es nahe, dass sich die Öko-Tester mit dem vielfältigen Angebot auseinandersetzen:

Zunächst liefern die Zeitschriftenmacher dem Leser eine theoretische Abhandlung. „Der Begriff  Öko-Strom ist rechtlich nicht definiert“, sagt darin Peter Kafke, Energieexperte der Verbraucherzentralen und warnt: „Diese Grauzone nutzen viele Energieanbieter und schichten lediglich vorhandene Strommengen um“. Das ist natürlich wenig sinnvoll, soll doch die persönliche Energiewende dazu beitragen, dass weitere, neue Grünstrom-Kraftwerke gebaut werden.

Öko-Test weist auch auf einen alten Trick hin, mit denen die großen Energiekonzerne die Energiewende zu bremsen versuchen: sogenannte RECS-Zertifikate. In ihrem Ratgeber „Bauen, Wohnen & Renovieren“ heißt es auf Seite 110: „Diese Zertifikate gelten als Herkunftsnachweis für erneuerbare Energien und stammen überwiegend von Wasser-Kraftwerken aus Skandinavien und den Alpenländern.“ Und die Tester zitieren noch einmal den Verbraucherexperten Kafke: „So lässt sich deutscher Kohle- oder Atomstrom ganz legal in Öko-Strom umetikettieren. “ Zu Wort kommt dann auch noch Professor Uwe Leprich, der die zahlreichen Gütesiegel für Strom beleuchtet und die ernüchternde Aussage trifft: „Kein Kunde kann heute sicher sein, dass er grünen Strom fördert, wenn er grünen Strom bezahlt.“

So langsam wird man ungeduldig, schließlich wollte der Leser doch einfach nur wissen, zu welchem Öko-Strom-Anbieter er am besten wechselt, um die Energiewende voranzutreiben. „Der beste Öko-Strom ist der Strom, der gar nicht verbraucht wird“, schreiben die Tester – und wenn man jetzt ob solcher Platitüde verzweifelt und einfach umblättert, ist man endlich am Ziel: Eines der besten Öko-Angebote sei der „Geniaale Strom“ von Lekker-Energie. Natürlich stutzt jetzt der geneigte Leser, Lekker-Energie war doch erst kürzlich vom Lügendetekor geprüft worden – mit negativem Ergebnis. Trotzdem findet sich auf Zeile 4 der Tabelle der „Geniaale Strom“ – in schmeichelhafter Nachbarschaft mit Ökostrom-Pionieren wie Lichtblick, Greenpeace Energy oder Naturstrom.

Anruf also bei der Redaktion, vielleicht handelt es sich bei der Empfehlung ja um einen bedauerlichen Fehler, der korrigiert werden muss. Die Anfrage sei schriftlich einzureichen, und in der Antwort von Chefredakteur Jürgen Stellpflug heißt es knapp: „Die Testkriterien sind im Heft veröffentlicht.“

Also lesen wir noch einmal im Öko-Test-Ratgeber nach:

Äh, Moment: Bei Lekker-Energie heißt es in der Selbstauskunft zum „Unternehmensmix über alle Produkte“28 Prozent fossiler Strom, 16 Prozent Atomstrom.

Die Zeiten haben sich also doch noch nicht geändert: Guter Rat ist teuer – jedenfalls ist er für 5,90 bei Öko-Test „Bauen, Wohnen & Renovieren“ nicht zu haben.

Danke an Thomas W. für den Hinweis


Naturenergie: Alter Strom mit neuem Marketing

Donnerstag, den 24. März 2011

Werber glauben offenbar, Recyclingpapier sei immer noch schmutzigbraun. Diese Grundfarbe hat sich jedenfalls die Firma Naturenergie verpassen lassen – für ihre Internetseite, für Infobroschüren oder auch für die Werbebanner, die derzeit zum Beispiel auf SpiegelOnline laufen.

Durch „die Verwendung von Naturpapier als Gestaltungselement“ und einen insgesamt „ungeschminkten Look“ werde ein „glaubwürdiger Markenauftritt“ geschaffen, erklärt die Stuttgarter PR-Agentur Strichpunkt ihr Werk. Aber wie glaubwürdig ist das Produkt?

Naturenergie verspricht „Strom aus 100 % Wasserkraft“, komplett ohne CO2-Emissionen, und es entstünden auch „keine radioaktiven Abfälle“. Wer zu Naturenergie wechsle, der leiste einen „Beitrag zum Klimaschutz“. Nun, der Strom stammt tatsächlich aus Wasserkraft. Doch was das Angebot fürs Klima bringt, ist fraglich. Denn die Kraftwerke von Naturenergie (übrigens nicht zu verwechseln mit der Marke Naturstrom, die von Umweltverbänden empfohlen wird) gehören zu den ältesten Europas, teilweise gingen sie bereits 1898 in Betrieb. Die Energie aus solchen Altanlagen gehört seit Jahrzehnten zum normalen deutschen Strommix. Wenn er plötzlich unter einem eigenen Markenzeichen (und mit Aufpreis) an Öko-Kundschaft verkauft wird, bringt das der Umwelt nichts – denn die Energie, die die restlichen Kunden in Deutschland bekommen, wird durch das Ausgliedern des Wasserstroms schlicht ein Stückchen dreckiger.

Ein besonderes G’schmäckle bekommt das Angebot dadurch, dass Naturenergie eine Tochter von EnBW ist, dem viertgrößten deutschen Stromkonzern. Kein Versorger, schrieb kürzlich der Energiewissenschaftler Uwe Leprich in einer Studie für Greenpeace, setze so sehr auf Atomkraft. Mehr als die Hälfte des EnBW-Gewinns stamme allein aus dem Betrieb der vier konzerneigenen Akw, zweitwichtigstes Standbein sei die klimaschädliche Kohleverstromung. Dagegen hinke das Unternehmen bei erneuerbaren Energien hinterher, gerade 0,4 Prozent seines Stroms stamme derzeit aus „neuen“ Ökostromanlagen, etwa aus Solar- oder Windparks, aus Biomasse- oder Erdwärmekraftwerken.

Man könnte meinen, in einer solchen Lage (und bei einem solchen Marketingauftritt) müsse ein Konzern besonders stark in Erneuerbare Energien investieren. Was aber kündigte Vorstandschef Hans-Peter Villis auf der letzten Bilanzpressekonferenz an?


Lekker Energie: Nur 56 Prozent Ökostrom

Mittwoch, den 15. Dezember 2010

Mit dem Slogan „lekker Strom“ stürmte vor ein paar Jahren der holländische Energiekonzern Nuon auf den deutschen Markt, durchaus mit Erfolg. Bald hatte das Unternehmen hierzulande knapp 300.000 Kunden und außerdem ein freches Image. 2009 schluckte Vattenfall die ganze Firma. Auf Druck der EU-Wettbewerbsbehörde musste der schwedische Energieriese aber das deutsche Nuon-Geschäft verkaufen. Es gehört nun der Enervie-Gruppe aus NRW (Anteilseigner u.a. RWE) und tritt unter dem Firmennamen „lekker Energie“ auf.

„Ich bin lekker“ steht auf den Plakaten der aktuellen Werbekampagne. Dazu Fotos von (gutaussehenden) Kunden. Und jeweils ein Satz, der mit „Weil ich…“ beginnt. „Weil ich mitdenke“, sagt da etwa eine junge Frau. „Weil mir die Zukunft wichtig ist“, erklärt eine etwas ältere. Daneben prangt als Versprechen „100 % Ökostrom“ bzw. „100 % atomstromfrei“.

Auf der Firmenwebsite werden diese Zusagen wiederholt. Doch wer genau liest, der stolpert. Für den Tarif „lekker Strom“ beispielsweise wird nirgends erwähnt, woher genau die Energie stammt. Man kaufe dafür lediglich RECS-Zertifikate ein, räumt auf Nachfrage die Firmensprecherin ein – die aber sind unter Umwelt- und Verbraucherschützern sehr umstritten. Der Tarif „geniaale Strom“ hingegen ist mit dem renommierten „o.k. power“-Label zertifiziert, weshalb sich nachvollziehen lässt, dass dieser Strom aus drei norwegischen Wasserkraftwerken stammt.

Wirklich stutzig aber macht ein Blick auf die gesetzlich vorgeschriebene Stromkennzeichnung: Groß und signalgelb unterlegt steht da für alle Produkte „100 % Erneuerbare Energien“. Unauffällig unter der Tabelle jedoch finden sich Angaben zum Gesamt-Strommix der Firma:

Wie kann das sein? Alle Tarife enthalten 100 Prozent Ökoenergie, für die gesamte Firma beträgt die Grünstrom-Quote aber nur 56 Prozent? Die Antwort findet sich im Geschäftskundenbereich der Firmenwebsite:

Großabnehmer bekommen bei lekker Energie nicht nur Ökostrom, sondern auch dreckigen Kohle- oder riskanten Atomstrom. Der Geschäftskundentarif „dekkel Strom“ ist alles andere als „100 % atomstromfrei“, sondern enthält mit 30 % sogar mehr Kernkraft als der bundesweite Durchschnittsmix. „Industriekunden bekommen bei uns, was sie haben wollen“, erklärt Firmensprecherin Heike Klumpe. Und das sei „leider nicht immer“ Ökostrom.

Was stand nochmal auf den Plakaten? „Weil mir die Zukunft wichtig ist“. Wem die Zukunft so wichtig ist, dass er einen Energieversorger wählt, der wirklich nur Ökostrom vertreibt, für den ist lekker Energie gar nicht lecker.

Danke für den Hinweis an Christian B.


Tchibo: Grüner Strom mit einem Fragezeichen

Montag, den 8. November 2010

Nun also auch Tchibo: Deutschlands größter Kaffeeröster steigt ins Ökostrom-Geschäft ein. In ganzseitigen Zeitungsannoncen und im Internet wirbt die Firma für „Grünen Strom“ aus „100 Prozent Wasserkraft“. Der Preis liegt vielerorts unter den Basistarifen der örtlichen Grundversorger, die großteils Atom- und Kohlestrom liefern. Also, alles super?

Naja, wie wir schon öfter schrieben, bringen Ökotarife nur dann etwas für die Umwelt (Experten sprechen vom „zusätzlichen Umweltnutzen“), wenn der Strom nicht aus alten Erzeugungsanlagen stammt, die ohnehin seit langem an Netz sind. Konsumenten sollten deshalb darauf achten, dass ihr Anbieter zumindest einen Teil seiner Einnahmen in neue Windräder, Solarparks oder ähnliches steckt.

Der Tchibo-Ökostrom kommt nach Unternehmensangaben aus Wasserkraftwerken des norwegischen Konzerns Statkraft. Und im Unterschied zu vielen der oft zweifelhaften Billiganbieter betont die Kaffeefirma, dass sie dabei nicht nur die umstrittenen RECS-Zertifikate einkauft, sondern tatsächlich Strom aus Skandinavien bezieht. Dass ein Teil davon garantiert aus Neuanlagen stammt, lässt sich Tchibo durch den Tüv und das renommierte „o.k. power“-Label bescheinigen. Bei der Stiftung Warentest kommt das Angebot denn auch ziemlich gut weg.

Bei einem genauem Blick bleibt dennoch ein Fragezeichen. Denn anders als üblich, finden sich auf der „o.k. power“-Website zu Tchibo keine Angaben zu Namen und Standorten der Wasserkraftanlagen. Dort heißt es lediglich:

Bei Tchibo bleibt also – bislang – leider offen, woher genau der Strom kommt und was mit den Erlösen passiert. Wer als Kunde die Tchibo-Hotline anruft, wird auch nicht schlauer. Die freundliche Frauenstimme weiß bloß, dass der Lieferant ein norwegisches Wasserkraftwerk ist. Doch zum vollmundigen Versprechen der Firma, „dass kontinuierlich neue Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien errichtet werden“, kann sie nichts sagen. Sie verspricht den Rückruf eines „Kollegen aus der Fachabteilung“. Aber auch der erklärt später nur, dass man die norwegischen Wasserkraftanlagen noch ausbauen wolle. Vielleicht investiere man später aber auch in Windkraft. Genau wisse man das noch nicht, „wir haben ja erst angefangen“. Erst der Tchibo-Pressesprecher klärt das Versprechen auf: Die Neuanlagen errichte man nicht selbst – sondern die Kundengelder flössen an Statkraft, und der Konzern baue damit seine Wasserkraftwerke weiter aus. Ob Statkraft das nicht vielleicht ohnehin vorgehabt hat, egal ob Tchibo nun Ökostrom abnimmt, bleibt leider offen… 

Die vier bundesweiten, unabhängigen Öko-Anbieter, die von Umweltverbänden empfohlen werden, arbeiten jedenfalls deutlich nachvollziehbarer. Bei ihnen können Kunden genau erfahren, aus welchen Anlagen ihr Strom stammt oder auch in genau welche neuen Projekten ihr Geld fließt. Zwar ist Tchibo im Vergleich zu diesen Anbietern meist etwas günstiger – arbeitet aber eben auch weniger transparent.

Danke an C. aus Berlin für die Hinweise


Ökostromförderung: Einseitige Zahlen

Samstag, den 16. Oktober 2010

Es ist Jahr für Jahr dasselbe: Mitte Oktober legen die Betreiber der Strom-Übertragungsnetze die sogenannte EEG-Umlage fest – also den Betrag, mit dem Stromkunden im Folgejahr den Ausbau der Erneuerbaren Energien fördern. Laut Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erhalten ja Wind-, Solar- oder Biogas-Anlagen von den Netzbetreibern feste Abnahmetarife für ihren Strom, die Kosten werden dann auf (die meisten) Stromkunden umgelegt. Diese Woche war es wieder soweit, und so sahen die Schlagzeilen (Financial Times Deutschland, Süddeutsche Zeitung, Hamburger Abendblatt, n-tv) aus:

Was war passiert? Die EEG-Umlage soll von aktuell 2,047 Cent pro Kilowattstunde auf 3,53 Cent im kommenden Jahr steigen. Das ist tatsächlich ein Plus von rund 70 Prozent – doch weil die Umlage nur einen kleinen Teil des Strompreises ausmacht, steigt dieser durch die höhere EEG-Umlage nur um ein paar Prozentpunkte. Naja, unter „explodieren“ oder „drastisch“ verstehen wir eigentlich etwas anderes.

Aber gut, der Strom wird 2011 teurer – für einen durchschnittlichen Haushalt mit 4.000 kWh Verbrauch um etwa fünf Euro im Monat bzw. 60 Euro im Jahr. Doch verglichen mit den allgemeinen Preiserhöhungen der vergangenen Jahre, so der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE), ist das ziemlich moderat. Zudem unterschlägt der Blick ausschließlich auf die EEG-Umlage, dass im Gegenzug Wind- und Sonnenkraft den Börsenpreis für Strom drücken. Experten nennen dies den „Merit-Order-Effekt“: An der Börse nämlich wird der Strompreis durch das teuerste Kraftwerk bestimmt, das gerade noch zur Deckung der Gesamtnachfrage benötigt wird. An windreichen Tagen oder im Sommer zur Mittagszeit, wenn Windräder oder Solaranlagen viel Strom liefern, verdrängen sie auch viele teure Kraftwerke. Eon hat dazu schon vor Jahren Gutachten erstellen lassen, und Vattenfall ärgerte sich vor ein paar Wochen öffentlich, dass Windkraft die Profite schmälert. Laut einer Studie der Forschungsstelle für Energiewirtschaft in München sorgten die Erneuerbaren Energien beispielsweise 2008 für Preisdämpfungen von bis zu 5,4 Milliarden Euro. Der gemeine Stromkunde aber merkt davon wenig, weil die Konzerne niedrigere Börsenpreise nur selten an private Endverbraucher weitergeben.

„Zu einer sachlichen Debatte gehört auch, den Nutzen der Erneuerbaren Energien transparent zu machen“, fordert Jörg Mayer, Geschäftsführer der halbstaatlichen Agentur für Erneuerbare Energien. Der EEG-Umlage stünden nämlich (siehe Grafik) viel größere Vorteile gegen- über, etwa die rund 340.000 Jobs in der Ökostrom-Branche oder vermiedene Umweltschäden etwa durch das Abschalten von Kohlekraftwerken.

Ohnehin würden Stromkunden sich die Augen reiben, wenn die gesamten Kosten von Atom- und Kohlekraftwerken auf der Energierechnung auftauchten. Um rund vier Cent pro Kilowattstunde, hat Greenpeace Energy ausrechnen lassen, müssten die Tarife steigen, wenn alle offenen und verdeckten Subventionen der konventionellen Energien auf den Strompreis umgelegt würden.

Und außerdem, betont das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie in einer Studie, sei die EEG-Umlage nur vorübergehend so hoch. Der starke Anstieg in diesem Jahr lasse sich „im Wesentlichen auf mehrere einmalige oder zumindest außergewöhnliche Effekte zurückführen“, etwa einen Extra-Boom bei Solaranlagen, den Schwarz-Gelb durch ein langes Hin und Her um die Kürzung der Einspeisevergütung noch angeheizt hatte. Auf etwa drei Cent pro Kilowattstunde, so das Institut, dürfte die Umlage künftig noch steigen – dann aber zwischen 2016 und 2020 wieder zu sinken beginnen.

Aber erstmal, in den kommenden Wochen, werden die Stromversorger die EEG-Umlage für saftige Preiserhöhungen nutzen – und damit nebenbei versuchen, die Verbraucher gegen die Ökostrom-Förderung aufzubringen. Vorsorglich meldete sich bereits Matthias Kurth zu Wort, der Chef der Bundesnetzagentur: Die Endkunden dürften „nicht in vollem Umfang mit der erhöhten EEG-Umlage belastet werden“, forderte er – auch Kostensenkungen, etwa durch die geringeren Börsenpreise, müssten an die Verbraucher weitergegeben werden. Malsehen, wie viele Stromversorger dieser Forderung nachkommen.


Wie grün sind Flexstrom, Vattenfall & Co.?

Dienstag, den 12. Januar 2010

Na, auch mit guten Vorsätzen ins Neue Jahr gestartet? Etwa mit dem, endlich zu Ökostrom zu wechseln? Prima! Blöderweise gibt es inzwischen eine schier unüberschaubare Vielfalt von Anbietern.

Verbraucherportale wie Verivox haben darauf mit Vergleichsrechnern ausschließlich für Ökostrom reagiert. An erster Stelle rangieren dort weithin unbekannte Anbieter – aber nicht wegen besonders grüner Elektrizität, sondern wegen niedriger Preise. Zum „Discountpreis“ tritt etwa Stromio an:

oekostrom_stromio

Diese Information zur Herkunft ist wenig erhellend. Denn RECS-Zertifikate allein sagen nichts über die Qualität des Ökostroms. Häufig stammt er aus uralten Wasserkraftanlagen irgendwo in Europa, er wird nun lediglich aus dem üblichen Energiemix ausgegliedert und – meist mit Aufschlag – an öko-bewusste Kunden verkauft. Umweltschützer kritisieren das RECS-System seit langem, denn man kann dreckigen Kohlestrom damit grün etikettieren, und bisweilen scheint RECS vor allem den Gewinnen der Stromanbieter zu nützen. Experten bewerten die Güte von Ökostrom danach, ob es einen „zusätzlichen Umweltnutzen“ gibt – ob also der Wechsel von Kunden dazu führt, dass wirklich neue Anlagen gebaut werden.

Das aber ist schwer herauszufinden, die Suche eines guten Anbieters gleicht deshalb einer mühsamen Odyssee. Auf der Website von Envacom etwa finden sich überhaupt keine Detailinformationen zur Stromherkunft. Und ein Anruf beim Kundentelefon verläuft bizarr: Man liefere Sonnen-, Wind- und Wasserkraft und zwar aus der Schweiz, sagt eine freundliche Frauenstimme, und, „ja, das müssten Neuanlagen sein“. Auf Nachfragen schaltet sie mehrfach die Wartemusik an und macht sich kundig. Am Ende heißt es, der Strom stamme größtenteils aus österreichischer Wasserkraft und nicht aus Neuanlagen – weiteres erfahre man auf der RECS-Website, so die abwimmelnde Antwort. Dort aber gibt es nur allgemeine Informationen zur Zertifizierung und natürlich nicht zum Envacom-Strom. Billig-Konkurrent Flexstrom verspricht einen „wertvollen Beitrag zum Klimaschutz“ („garantiert zertifiziert“) – doch bezieht auch er bloß RECS-Strom aus bestehenden Wasser- und Windkraftanlagen in Skandinavien. Mit niedlichen Affenbildchen und einem Regenwaldprojekt von Costa Rica versucht man hier die Kunden zu beeindrucken.

oekostrom_flexstrom

Nachfragen zur Stromherkunft oder dazu, wieviel Geld genau in den Schutz des Regenwald fließt, wollte die Flexstrom-Hotline nicht beantworten. Auf die erbetene E-Mail kam lediglich ein Formbrief zurück: „Wenn Sie Ihre Vertragsnummer nicht angeben, kann Ihre Anfrage leider nicht bearbeitet werden und wird automatisch nach 2 Wochen geloescht.“ Aha.

Orientierung in diesem Dschungel versprechen Tarif-Gütesiegel, das wohl wichtigste heißt „o.k. power“ und wird unter anderem vom Umweltverband WWF getragen. Anbieter mit diesem Siegel müssen beispielsweise nachweisen, dass ein Drittel ihres Ökostroms aus Anlagen stammt, die nicht älter als sechs Jahre sind. Fein! Aber auch hier wundert sich der Kunde, denn an erster Stelle im Preisvergleich rangiert ausgerechnet Vattenfall.

oekostrom_vattenfall

Nach dem Atom- und Kohlegiganten folgen etliche Stadtwerke und Kleinanbieter. Ihnen allen bescheinigt das Siegel, auf die eine oder andere Art Neuanlagen zu fördern. Und paradoxerweise ist das für Firmen wie Vattenfall besonders einfach: Die Stromriesen haben die Energiewende geradezu verschlafen, bei Vattenfall kommt hierzulande bisher nur etwa ein Prozent des Stroms aus neuen Windkraftanlagen (und drei Viertel aus der besonders dreckigen Braunkohle). In seiner Heimat Skandinavien baut Vattenfall seit langem Wasser- und Windkraftanlagen, und wegen des großen Nachholbedarfs muss der Konzern in Deutschland sowieso Milliardensummen in Ökostrom investieren – da kann er das schmückende o.k.-Gütesiegel quasi nebenher mitnehmen.

Dieses Dilemma kennen viele umweltbewusste Verbraucher: Der Smart von Daimler mag ja korrekt sein – aber der Konzern ist auch ein Waffenlieferant. Siemens hat energiesparende Haushaltsgeräte – aber baut auch Atomkraftwerke. Neuerdings gibt es Biomilch bei Lidl – doch die Discounterkette ist für ihren rüden Umgang mit Beschäftigten bekannt. Bei Ökostrom rät deshalb ein Bündnis von 21 Umweltverbänden wirklich öko-bewussten Verbrauchern, nicht nur auf Preis und Herkunft zu gucken, sondern auch auf den Lieferanten – und empfiehlt die unabhängigen Anbieter Lichtblick, Greenpeace Energy, EWS und Naturstrom. Denn auch wenn an Vattenfalls „Easy Natur Privatstrom“ direkt wenig auszusetzen sein mag, könnten die Gewinne daraus doch in neue Atom- oder Kohlekraftwerke fließen.

Danke an Manfred S. und Magdalena S. für die Hinweise


Deutsche Bahn: Öko-Ticket mit altem Eon-Strom

Mittwoch, den 4. November 2009

Endlich mal schöne Schlagzeilen gab es diese Woche für die Deutsche Bahn, endlich mal ging es nicht um Preiserhöhungen, Achsprobleme oder die Nachwehen irgendwelcher internen Affären. Die Süddeutsche Zeitung etwa titelte auf Seite 1:

bahn_oekoticket1

Auch SpiegelOnline, focus.de, Hamburger Abendblatt und viele andere Medien berichteten, dass Firmenkunden der Bahn künftig „CO2-freie Bahnreisen“ buchen können. „Wir als Deutsche Bahn wollen gemeinsam mit den Vorreitern unter unseren Großkunden ein Zeichen setzen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten den Umweltschutz voranzubringen“, wurde Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg zititert. Firmen wie Deutsche Post, SAP, McDonalds oder BP hätten sich bereits für das Produkt entschieden. Das Prinzip: Für die vertraglich vereinbarten Geschäftsreisen berechnet die Bahn im Voraus den benötigten Strom, dieser werde dann „zu 100 Prozent aus regenerativen Energiequellen“ eingekauft und in das Bahnstromnetz eingespeist. Am Jahresende erhielten die Kunden eine Bescheinigung über die vermiedene CO2-Menge. Für eine Fahrt Berlin-Frankfurt/Main (regulärer Preis: 111 Euro) betrage der Aufschlag 76 Cent.

Keine schlechte Sache. Doch bekanntlich hängt der Nutzen fürs Klima davon ab, woher genau der Ökostrom kommt. Wird er nämlich aus Anlagen bezogen, die seit langem saubere Elektrizität erzeugen, dann ist das neue Angebot ein reiner Verschiebebahnhof: Die Bahn würde Ökostrom kaufen, der bisher ins normale Netz floss – dadurch würde zwar ihr Strommix (bislang vor allem Kohle und Atom) etwas grüner, aber halt der Strommix im restlichen Netz im selben Maße schlechter.

Doch anscheinend hat kein einziger der berichtenden Journalisten am Montag nach der Herkunft des Stroms gefragt. Als nämlich wir diese naheliegende Frage an die Bahn richteten, hieß es lediglich, die Energie stamme aus inländischen Wasserkraftanlagen. Erst heute, zwei Tage später, gab es eine substanziellere Antwort: Der Wasserstrom stamme von Eon.

Nun besitzt der Stromriese tatsächlich eine Menge Wasserkraftwerke, vor allem in Bayern – doch die sind teilweise seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Betrieb. Die saubere Elektrizität für die Bahn, heißt es bei Eon auf Anfrage, komme aus sechs Anlagen an der mittleren Donau, die allesamt aus den sechziger und siebziger Jahren stammen. Im Klartext: Eon verkauft den sauberen Strom, den man ohnehin erzeugt, künftig an die Bahn (vermutlich etwas teurer) – bei Privatkunden tut man das übrigens schon länger.

Der Bahn war dieses Problem offensichtlich bewusst. Dort bemüht man sich durchaus, den klimaschonenden Verkehrsträger Bahn noch grüner zu machen – im Rahmen eines „DB Eco Program“ soll der CO2-Ausstoß bis 2020 um zwanzig Prozent sinken. Weshalb es am Ende der Presseerklärung zum „Öko-Ticket“ dann noch heißt:

bahn_oekoticket2

Doch die Details dazu, erklärte Bahnsprecher Andreas Fuhrmann, seien noch offen. Weder habe man entschieden, in welche Neuanlagen investiert werde, noch ob das im Bereich der Bahn geschehe oder gemeinsam mit Partnern (dem Atom- und Kohlekonzern Eon etwa?). Auch sei nicht absehbar, um welche Summen es überhaupt geht. Zehn Prozent der Zusatzeinnahmen, verspricht Fuhrmann, flössen jedenfalls in diesen Neuanlagen-Fonds.

Um bei dem Beispiel zu bleiben, das die Bahn selbst wählte: Ein reguläres „Öko-Ticket“ Berlin-Frankfurt kostet 111,76 Euro – zehn Prozent des Aufschlags wären 7,6 Cent. Bedeutet: Sensationelle 0,07 Prozent des Preises würden tatsächlich in zusätzlichen Klimaschutz investiert. Ganz schön wenig Geld für ganz schön große Schlagzeilen.

Danke an Anja L., Thomas R. und viele andere für die Hinweise

P. S.: In einem umfangreichen Schreiben, das wir hier gern auszugsweise widergeben, hat die Bahn auf unseren Beitrag reagiert. Das Unternehmen betont, der fürs Öko-Ticket eingekaufte Strom werde wirklich „on top“ beschafft, also zusätzlich zur ohnehin geplanten Aufstockung von sauberer Energie am Bahnstrommix. Und weiter: „Bestehende Wasserkraftwerke sind derzeit die einzige zuverlässige Ökostrom-Quelle für die von der DB benötigten Mengen, denn EEG-geförderter Strom muss ins öffentliche Netz eingespeist werden und steht de facto nicht zur Verfügung. Die DB beschafft ihren Wasserstrom auf der Basis viertelstündlicher Bezugs-“Fahrpläne“ aus festgelegten Kraftwerken und nicht über die Strombörse. Der Lieferantenkreis ist grundsätzlich nicht begrenzt, und die DB geht auf Grund der hohen Nachfrage davon aus, dass die zusätzlich durch Umwelt-Plus generierte Nachfrage nach regenerativ erzeugtem Strom mittelfristig zusätzliche Investitionen jenseits des EEG in erneuerbare Energien auslösen wird.“

Bei dem zehnprozentigen „Neuanlagenbonus“ habe sich die Bahn „an mehreren Ökostromversorgern orientiert, bei denen der Investitionsanteil in Neuanlagen ebenfalls bei rund 10 % des Umsatzes liegt. Der Unterschied zwischen DB und einem Stromhändler liegt allerdings darin, dass die wesentlichen Kostenblöcke eines Bahnunternehmens die Infrastrukturkosten, das Personal und die Abschreibungen auf Fahrzeuge und Anlagen sind. Die DB „liefert“ eben eine Reise und nicht nur den Strom dazu. Insofern führt ein Vergleich des scheinbar mickrigen Neuanlagenbonus mit dem Preis für die gesamte Reise etwas in die Irre. Wenn der Bäcker Ökostrom von ‚naturstrom‘ bezieht, ist der Ausbau der regenerativen Energien im Strompreis enthalten. Und deswegen wird man auch vom Bäcker nicht erwarten können, dass er darüber hinaus jeden Tag 10 % des Brotpreises für Windräder oder Photovoltaikanlagen abzweigt.“

Anmerkung der Redaktion: Das „o.k. Power“-Label für empfehlenswerten Ökostrom fordert einen Neuanlagenanteil von 33 Prozent, aber natürlich gibt es auch viele Anbieter mit niedrigerer Quote.


SpiegelOnline: Platte Polemik gegen Solarstrom

Sonntag, den 11. Oktober 2009

Donnerwetter, SpiegelOnline-Redakteur Anselm Waldermann hat wieder einmal einen Skandal enthüllt!
spiegelonline_solar_1

In seinem Text zu dieser Überschrift rechnet der Kollege vor, dass die in den vergangenen vier Jahren (also während der Amtszeit von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel) hierzulande installierten Photovoltaik-Anlagen gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) „langfristig Kosten von 27 Milliarden Euro“ verursachen würden.

Ist das nicht eine Sauerei?

Nun steht außer Frage, dass die Kosten für die Herstellung von Solarzellen in den vergangenen Jahren stark gefallen sind (auch dank der Massenproduktion, die das EEG ermöglicht hat) – schneller jedenfalls, als die meisten Experten angenommen hatten. Es spricht deshalb einiges dafür, die Einspeisevergütung für Solarstrom ebenfalls etwas schneller abzusenken als bislang geplant. Das könnte den Rationalisierungsdruck auf die Branche erhöhen – die „grid parity“ (der Zeitpunkt, zu dem Strom vom eigenen Solardach so teuer ist wie jener aus der Steckdose, was einen selbsttragenden Boom auslösen könnte) wäre dann wohl noch schneller erreicht.

Über all dies ließe sich relativ nüchtern schreiben, wie es vor ein paar Wochen Fritz Vorholz in der ZEIT tat. Anselm Waldermann aber greift die Monate alte Studie des RWE-nahen Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) mit dramatischen Worten auf – zufällig mitten in den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen.

27 Milliarden Euro – das klingt nach einer riesigen Summe. Doch neben den Steinkohlesubventionen der vergangenen Jahrzehnte sind das Peanuts, und auch in den kommenden Jahren noch wird der Staat für die Förderung der klimaschädlichen Kohle knapp 20 Milliarden Euro ausschütten. Die Atomkraft wurde und wird laut einer Greenpeace-Studie hierzulande mit knapp 260 Milliarden Euro subventioniert. Beides erwähnt Anselm Waldermann nicht. Stattdessen schreibt er, die Solarförderung entspreche

spiegelonline_solar_2

Diese hohe Zahl ergibt sich nur, wenn man die zu zahlenden Einspeisevergütungen über den Gesamtzeitraum von 20 Jahren aufaddiert. Auf den Monat gerechnet ergäbe sich pro Kopf ein Betrag von etwa zwei Euro. Das klänge ganz anders, oder?

Eine Solaranlage, die heute installiert werde, verursache noch in 20 Jahren Kosten, kritisiert SpiegelOnline und verwendet dafür unter Berufung auf „Experten“ den Begriff „Solarschulden“. Doch eine kleine Google-Recherche ergibt, dass das Wort offenbar auf Manuel Frondel zurückgeht, ebenjenen Wissenschaftler beim RWI, von dem die erwähnte Studie stammt und der schon öfter mit stromkonzernfreundlichen Rechnungen auf sich aufmerksam machte.

Auf 2.000 Megawatt beziffert Waldermann die in diesem Jahr zu erwartende Kapazität an neuen Solarstrom-Anlagen – und im Tenor des Textes klingt das wie eine Zahl, vor der man sich fürchten muss. Im ersten Halbjahr 2009 allerdings gingen laut Bundesnetzagentur gerade einmal 518 Megawatt ans Netz – der Zubau müsste sich zum Eintreffen der Prognose also noch deutlich beschleunigen.

SpiegelOnline polemisiert lieber mit Bildunterzeilen wie dieser:

spiegelonline_solar_3

Dabei wird unterschlagen, dass Solarzellen in 20 Jahren wenigstens noch Strom liefern – und zwar ausschließlich Strom. Bei der Atomkraft hingegen fallen „dank“ des radioaktiv strahlenden Abfalls noch unkalkulierbare Kosten an, wenn alle Akw längst abgeschaltet sind.

Danke an Sandra W., Stephan E. und Edgar für die Hinweise


Puma: Ein bisschen Ökostrom

Mittwoch, den 7. Oktober 2009

„Gerecht, ehrlich, positiv, kreativ“ – das ist die Vision des Sportmode-Konzerns Puma, oder auf Englisch:

puma_vision

Ökostrom passt da prima. Und deshalb bezieht das Weltunternehmen aus dem bayerischen Herzogenaurach nun saubere Energie von Lichtblick. Zweifellos ist das eine gute Sache, denn der Treibhausgas-Ausstoß der Firma wird dadurch – heißt es in einer Pressemitteilung – um „jährlich mehrere Tausend Tonnen CO2″ gemindert. Man habe sich bewusst für Lichtblick entschieden, erklärt auf Anfrage eine Puma-Sprecherin, weil dieser ein reiner Ökostrom-Lieferant sei und die Glaubwürdigkeit deshalb besonders hoch.

Grün sind die Turnschuhe, Trikots oder Fußbälle von Puma deshalb aber noch lange nicht. Denn den korrekten Lichtblick-Strom gibt es nur für die Puma-Hauptverwaltung in Herzogenaurach, die Versandzentrale und drei deutsche Puma-Läden. Für die Fabriken aber, in denen der Konzern weltweit seine Produkte fertigen lässt, ändert sich durch den Schritt erst mal nichts. puma_sustainreportZwar kümmert sich Puma durchaus um Arbeits- und Umweltbedingungen in den Produktionsländern (und berichtet auf 122 Hochglanzseiten in seinem Nachhaltigkeitsbericht davon). Zwar habe, betont die Firmensprecherin, ein Lieferant in Indien eine eigene Windkraftanlage, ein anderer in Südafrika arbeite „klimaneutral“. Doch ein Großteil der Fabriken steht in China, und, ja, die produzieren wie dort üblich mit dreckigem Kohlestrom.

Deshalb bleibt ein Beigeschmack: In den Puma-Stores ist die Leuchtreklame künftig ökologisch korrekter als die eigentlichen Produkte.