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Ökostromförderung: Einseitige Zahlen

Samstag, den 16. Oktober 2010

Es ist Jahr für Jahr dasselbe: Mitte Oktober legen die Betreiber der Strom-Übertragungsnetze die sogenannte EEG-Umlage fest – also den Betrag, mit dem Stromkunden im Folgejahr den Ausbau der Erneuerbaren Energien fördern. Laut Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erhalten ja Wind-, Solar- oder Biogas-Anlagen von den Netzbetreibern feste Abnahmetarife für ihren Strom, die Kosten werden dann auf (die meisten) Stromkunden umgelegt. Diese Woche war es wieder soweit, und so sahen die Schlagzeilen (Financial Times Deutschland, Süddeutsche Zeitung, Hamburger Abendblatt, n-tv) aus:

Was war passiert? Die EEG-Umlage soll von aktuell 2,047 Cent pro Kilowattstunde auf 3,53 Cent im kommenden Jahr steigen. Das ist tatsächlich ein Plus von rund 70 Prozent – doch weil die Umlage nur einen kleinen Teil des Strompreises ausmacht, steigt dieser durch die höhere EEG-Umlage nur um ein paar Prozentpunkte. Naja, unter „explodieren“ oder „drastisch“ verstehen wir eigentlich etwas anderes.

Aber gut, der Strom wird 2011 teurer – für einen durchschnittlichen Haushalt mit 4.000 kWh Verbrauch um etwa fünf Euro im Monat bzw. 60 Euro im Jahr. Doch verglichen mit den allgemeinen Preiserhöhungen der vergangenen Jahre, so der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE), ist das ziemlich moderat. Zudem unterschlägt der Blick ausschließlich auf die EEG-Umlage, dass im Gegenzug Wind- und Sonnenkraft den Börsenpreis für Strom drücken. Experten nennen dies den „Merit-Order-Effekt“: An der Börse nämlich wird der Strompreis durch das teuerste Kraftwerk bestimmt, das gerade noch zur Deckung der Gesamtnachfrage benötigt wird. An windreichen Tagen oder im Sommer zur Mittagszeit, wenn Windräder oder Solaranlagen viel Strom liefern, verdrängen sie auch viele teure Kraftwerke. Eon hat dazu schon vor Jahren Gutachten erstellen lassen, und Vattenfall ärgerte sich vor ein paar Wochen öffentlich, dass Windkraft die Profite schmälert. Laut einer Studie der Forschungsstelle für Energiewirtschaft in München sorgten die Erneuerbaren Energien beispielsweise 2008 für Preisdämpfungen von bis zu 5,4 Milliarden Euro. Der gemeine Stromkunde aber merkt davon wenig, weil die Konzerne niedrigere Börsenpreise nur selten an private Endverbraucher weitergeben.

„Zu einer sachlichen Debatte gehört auch, den Nutzen der Erneuerbaren Energien transparent zu machen“, fordert Jörg Mayer, Geschäftsführer der halbstaatlichen Agentur für Erneuerbare Energien. Der EEG-Umlage stünden nämlich (siehe Grafik) viel größere Vorteile gegen- über, etwa die rund 340.000 Jobs in der Ökostrom-Branche oder vermiedene Umweltschäden etwa durch das Abschalten von Kohlekraftwerken.

Ohnehin würden Stromkunden sich die Augen reiben, wenn die gesamten Kosten von Atom- und Kohlekraftwerken auf der Energierechnung auftauchten. Um rund vier Cent pro Kilowattstunde, hat Greenpeace Energy ausrechnen lassen, müssten die Tarife steigen, wenn alle offenen und verdeckten Subventionen der konventionellen Energien auf den Strompreis umgelegt würden.

Und außerdem, betont das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie in einer Studie, sei die EEG-Umlage nur vorübergehend so hoch. Der starke Anstieg in diesem Jahr lasse sich „im Wesentlichen auf mehrere einmalige oder zumindest außergewöhnliche Effekte zurückführen“, etwa einen Extra-Boom bei Solaranlagen, den Schwarz-Gelb durch ein langes Hin und Her um die Kürzung der Einspeisevergütung noch angeheizt hatte. Auf etwa drei Cent pro Kilowattstunde, so das Institut, dürfte die Umlage künftig noch steigen – dann aber zwischen 2016 und 2020 wieder zu sinken beginnen.

Aber erstmal, in den kommenden Wochen, werden die Stromversorger die EEG-Umlage für saftige Preiserhöhungen nutzen – und damit nebenbei versuchen, die Verbraucher gegen die Ökostrom-Förderung aufzubringen. Vorsorglich meldete sich bereits Matthias Kurth zu Wort, der Chef der Bundesnetzagentur: Die Endkunden dürften „nicht in vollem Umfang mit der erhöhten EEG-Umlage belastet werden“, forderte er – auch Kostensenkungen, etwa durch die geringeren Börsenpreise, müssten an die Verbraucher weitergegeben werden. Malsehen, wie viele Stromversorger dieser Forderung nachkommen.


Lufthansa & Co.: Viel Wind um wenig Biosprit

Donnerstag, den 13. Mai 2010

„Wenn Du fliegst, zerstörst Du das Leben anderer Menschen.“ Mit diesem hässlichen Satz hat der britische Journalist George Monbiot die verheerenden Folgen der Luftfahrt fürs Weltklima zusammengefasst. In der Tat gibt es in Bangladesch und anderswo längst Menschen, die am Klimawandel sterben – und keine Art der Fortbewegung ist so klimaschädlich wie das Fliegen, kein Wirtschaftssektor hat einen so schnell steigenden Treibhausgas-Ausstoß. Andererseits gibt es eben auch wenige Dinge, die dem wohlhabenden Zehntel der Weltbevölkerung so ans Herz gewachsen sind wie Fernreisen in die Karibik oder 19-Euro-Flüge nach London.

Airlines und Flugzeugbauer strampeln sich deshalb ab, ihren Kunden das schlechte Gewissen zu nehmen, und Schlagzeilen wie diese aus dem Hamburger Abendblatt helfen dabei:

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Deutschlands größte Fluggesellschaft wolle „schon innerhalb der nächsten zwei Jahre regelmäßig mit Biotreibstoff fliegen“, schreibt das Blatt weiter. Das habe Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber angekündigt. Doch dahinter verbirgt sich lediglich ein Testbetrieb auf einer einzigen Strecke. (So berichtet es übrigens das Springer-Schwesterblatt Die Welt korrekt).

Weltweit schmücken sich schon viele Fluggesellschaften mit „Biosprit“: Virgin, Air New Zealand, Continental und – kein Witz! – sogar die US Air Force. Doch meist geht es nur um einzelne Testflüge, und selbst bei denen wird meist nur ein Teil des Kerosins durch Kraftstoff aus Kokosnüssen, Jatropha oder Algen ersetzt. Technisch macht das offenbar keine großen Schwierigkeiten. Das größte Problem scheint auch nicht einmal der Preis zu sein, sondern: Alternative Kraftstoffe sind schlicht Mangelware, wie kürzlich ein Airbus-Manager dem Fachblatt Flight International anvertraute. Und werden es noch auf lange Zeit bleiben. Um das gegenwärtig verbrauchte Kerosin etwa durch Jatropha-Sprit zu ersetzen, wären nach Berechnungen des Journalisten David Straham 1,4 Millionen Quadratkilometern Acker nötig, das ist die doppelte Fläche Frankreichs – angesichts des weiteren Wachstums der Branche würde selbst das nicht reichen. Und auf die knappen Anbauflächen haben auch andere ein Auge, beispielsweise die Autokonzerne, die ihre Klimabilanz ebenfalls mit Sprit vom Acker aufbessern will. Nicht einmal die Fluglobby Air Transport Action Group (ATAG) rechnet deshalb damit, dass Agrotreibstoffe bis 2015 mehr als ein Prozent des weltweit verbrauchten Kerosins ersetzen könnte, und selbst im Jahr 2030 werden es wohl nicht mehr als 30 Prozent sein. Bunte Broschüren und Websites aber produziert man schon heute.

Zudem muss man sich jeweils sehr genau anschauen, was alternative Treibstoffe überhaupt fürs Klima bringen. Fluggesellschaften und ihre Lobbyisten drücken sich um detaillierte Angaben gern herum – das Wort „Biotreibstoff“ klingt ja schon grün genug. Auf der ATAG-Website findet sich eine ebenso typische wie irreführende Pauschalaussage über Agrosprit:

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Achtzig Prozent weniger Kohlendioxid gegenüber fossilen Kraftstoffen – in Einzelfällen mag das stimmen. Doch eine Studie der renommierten RAND Corporation zu Kerosin-Alternativen ergab ein trauriges Bild: Wirkliche Umweltvorteile bringen nur wenige, im Gegenteil könne bei Verwendung von Palm- oder Soja-Öl der Treibhausgas-Ausstoß zwei- bis achtmal so hoch sein wie bei konventionellem Flugzeug-Kraftstoff. Häufig wird nämlich für Palm- oder Sojaplantagen ökologisch wertvoller Regenwald abgeholzt. Man muss also stets detailliert nachfragen, woher Fluggesellschaften ihren Kerosinersatz beziehen.

Und noch etwas bleibt bei der schillernd-grünen Luftfahrtwerbung meist unberücksichtigt: Selbst wenn es irgendwann einen vollkommen CO2-neutralen Treibstoff gäbe, wäre Fliegen noch immer klimaschädlich. Die Kohlendioxid-Emissionen sind nämlich nur ein Teil des Problems, Flugzeuge stoßen in den empfindlichen Schichten der Erdatmsophäre noch andere Treibhausgase aus, etwa Stickoxide, Rußpartikel und Wasserdampf. Nach Expertenansicht richtet die Luftfahrt daher zwei- bis fünfmal so viel Klimaschaden an, wie der reine Kohlendioxid-Ausstoß bedeuten würde (weshalb die CO2-Emissionen von Flugzeugen stets mit diesem „RFI-Faktor“ multipliziert werden sollten).

Und diese anderen Klimaschadstoffe, tja, die verschwinden auch mit Agrosprit nicht vollständig.


Deutsche Bahn: Öko-Ticket mit altem Eon-Strom

Mittwoch, den 4. November 2009

Endlich mal schöne Schlagzeilen gab es diese Woche für die Deutsche Bahn, endlich mal ging es nicht um Preiserhöhungen, Achsprobleme oder die Nachwehen irgendwelcher internen Affären. Die Süddeutsche Zeitung etwa titelte auf Seite 1:

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Auch SpiegelOnline, focus.de, Hamburger Abendblatt und viele andere Medien berichteten, dass Firmenkunden der Bahn künftig „CO2-freie Bahnreisen“ buchen können. „Wir als Deutsche Bahn wollen gemeinsam mit den Vorreitern unter unseren Großkunden ein Zeichen setzen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten den Umweltschutz voranzubringen“, wurde Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg zititert. Firmen wie Deutsche Post, SAP, McDonalds oder BP hätten sich bereits für das Produkt entschieden. Das Prinzip: Für die vertraglich vereinbarten Geschäftsreisen berechnet die Bahn im Voraus den benötigten Strom, dieser werde dann „zu 100 Prozent aus regenerativen Energiequellen“ eingekauft und in das Bahnstromnetz eingespeist. Am Jahresende erhielten die Kunden eine Bescheinigung über die vermiedene CO2-Menge. Für eine Fahrt Berlin-Frankfurt/Main (regulärer Preis: 111 Euro) betrage der Aufschlag 76 Cent.

Keine schlechte Sache. Doch bekanntlich hängt der Nutzen fürs Klima davon ab, woher genau der Ökostrom kommt. Wird er nämlich aus Anlagen bezogen, die seit langem saubere Elektrizität erzeugen, dann ist das neue Angebot ein reiner Verschiebebahnhof: Die Bahn würde Ökostrom kaufen, der bisher ins normale Netz floss – dadurch würde zwar ihr Strommix (bislang vor allem Kohle und Atom) etwas grüner, aber halt der Strommix im restlichen Netz im selben Maße schlechter.

Doch anscheinend hat kein einziger der berichtenden Journalisten am Montag nach der Herkunft des Stroms gefragt. Als nämlich wir diese naheliegende Frage an die Bahn richteten, hieß es lediglich, die Energie stamme aus inländischen Wasserkraftanlagen. Erst heute, zwei Tage später, gab es eine substanziellere Antwort: Der Wasserstrom stamme von Eon.

Nun besitzt der Stromriese tatsächlich eine Menge Wasserkraftwerke, vor allem in Bayern – doch die sind teilweise seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Betrieb. Die saubere Elektrizität für die Bahn, heißt es bei Eon auf Anfrage, komme aus sechs Anlagen an der mittleren Donau, die allesamt aus den sechziger und siebziger Jahren stammen. Im Klartext: Eon verkauft den sauberen Strom, den man ohnehin erzeugt, künftig an die Bahn (vermutlich etwas teurer) – bei Privatkunden tut man das übrigens schon länger.

Der Bahn war dieses Problem offensichtlich bewusst. Dort bemüht man sich durchaus, den klimaschonenden Verkehrsträger Bahn noch grüner zu machen – im Rahmen eines „DB Eco Program“ soll der CO2-Ausstoß bis 2020 um zwanzig Prozent sinken. Weshalb es am Ende der Presseerklärung zum „Öko-Ticket“ dann noch heißt:

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Doch die Details dazu, erklärte Bahnsprecher Andreas Fuhrmann, seien noch offen. Weder habe man entschieden, in welche Neuanlagen investiert werde, noch ob das im Bereich der Bahn geschehe oder gemeinsam mit Partnern (dem Atom- und Kohlekonzern Eon etwa?). Auch sei nicht absehbar, um welche Summen es überhaupt geht. Zehn Prozent der Zusatzeinnahmen, verspricht Fuhrmann, flössen jedenfalls in diesen Neuanlagen-Fonds.

Um bei dem Beispiel zu bleiben, das die Bahn selbst wählte: Ein reguläres „Öko-Ticket“ Berlin-Frankfurt kostet 111,76 Euro – zehn Prozent des Aufschlags wären 7,6 Cent. Bedeutet: Sensationelle 0,07 Prozent des Preises würden tatsächlich in zusätzlichen Klimaschutz investiert. Ganz schön wenig Geld für ganz schön große Schlagzeilen.

Danke an Anja L., Thomas R. und viele andere für die Hinweise

P. S.: In einem umfangreichen Schreiben, das wir hier gern auszugsweise widergeben, hat die Bahn auf unseren Beitrag reagiert. Das Unternehmen betont, der fürs Öko-Ticket eingekaufte Strom werde wirklich „on top“ beschafft, also zusätzlich zur ohnehin geplanten Aufstockung von sauberer Energie am Bahnstrommix. Und weiter: „Bestehende Wasserkraftwerke sind derzeit die einzige zuverlässige Ökostrom-Quelle für die von der DB benötigten Mengen, denn EEG-geförderter Strom muss ins öffentliche Netz eingespeist werden und steht de facto nicht zur Verfügung. Die DB beschafft ihren Wasserstrom auf der Basis viertelstündlicher Bezugs-“Fahrpläne“ aus festgelegten Kraftwerken und nicht über die Strombörse. Der Lieferantenkreis ist grundsätzlich nicht begrenzt, und die DB geht auf Grund der hohen Nachfrage davon aus, dass die zusätzlich durch Umwelt-Plus generierte Nachfrage nach regenerativ erzeugtem Strom mittelfristig zusätzliche Investitionen jenseits des EEG in erneuerbare Energien auslösen wird.“

Bei dem zehnprozentigen „Neuanlagenbonus“ habe sich die Bahn „an mehreren Ökostromversorgern orientiert, bei denen der Investitionsanteil in Neuanlagen ebenfalls bei rund 10 % des Umsatzes liegt. Der Unterschied zwischen DB und einem Stromhändler liegt allerdings darin, dass die wesentlichen Kostenblöcke eines Bahnunternehmens die Infrastrukturkosten, das Personal und die Abschreibungen auf Fahrzeuge und Anlagen sind. Die DB „liefert“ eben eine Reise und nicht nur den Strom dazu. Insofern führt ein Vergleich des scheinbar mickrigen Neuanlagenbonus mit dem Preis für die gesamte Reise etwas in die Irre. Wenn der Bäcker Ökostrom von ‚naturstrom‘ bezieht, ist der Ausbau der regenerativen Energien im Strompreis enthalten. Und deswegen wird man auch vom Bäcker nicht erwarten können, dass er darüber hinaus jeden Tag 10 % des Brotpreises für Windräder oder Photovoltaikanlagen abzweigt.“

Anmerkung der Redaktion: Das „o.k. Power“-Label für empfehlenswerten Ökostrom fordert einen Neuanlagenanteil von 33 Prozent, aber natürlich gibt es auch viele Anbieter mit niedrigerer Quote.


Vattenfall: Erster Wortbruch in Moorburg

Montag, den 26. Januar 2009

Hoch schlugen die Wellen, als Vattenfall vor gut zwei Jahren die Pläne für ein neues Steinkohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg bekanntmachte. Es gab heftige Proteste, fast wäre die schwarz-grüne Koalition in der Hansestadt an dem Klimakiller-Projekt gescheitert. Groß waren deshalb die Versprechen des Energiekonzerns: Mit Inbetriebnahme der neuen Anlage werde man ein altes Heizkraftwerk im nahen Wedel abschalten. Auf der Vattenfall-Homepage heißt es dazu, die Errichtung der neuen Anlage in Moorburg

Ausriss: soll bis zum Jahr 2012 abgeschlossen werden. Sie wird das dann 50 Jahre alte Kraftwerk in Wedel ersetzen.

Außerdem versprach Vattenfall, das neue Kraftwerk baldmöglichst mit einer Anlage zur Abscheidung von Kohlendioxid nachzurüsten.

Nun sind die Genehmigungen für Moorburg erteilt. Die Bauarbeiten laufen auf Hochtouren. Der rechte Zeitpunkt also, alte Versprecher, äh, Versprechen abzuräumen. Das Hamburger Abendblatt meldete am Wochenende, Vattenfall habe „mit Verweis auf die unsichere Situation in der Energiepolitik“ mittlerweile seine Pläne geändert: Wedel soll nun doch nicht mit Inbetriebnahme von Moorburg stillgelegt werden. Dabei hatte es in den öffentlichen Diskussionen immer geheißen, die neue Anlage sei doch ganz toll fürs Klima, weil dann das alte Kraftwerk abgeschaltet werde. Bild brachte dieses (schon immer falsche) Argumente mit einer Schlagzeile auf den Punkt: „Sind die Grünen Umweltsünder?“, fragte sie angesichts des Widerstands der GAL gegen die Vattenfall-Pläne. Dass die alte Anlage siebenmal kleiner ist als der neue Kraftwerksriese und deshalb der Kohlendioxid-Ausstoß in Moorburg ein Vielfaches von dem in Wedel betragen wird, war dem Boulevardblatt wohl schon zu komplex.

Bei Regierung, Opposition und Umweltverbänden ist nun jedenfalls die Empörung groß. Von „Wortbruch“ und „gezielter Täuschung“ ist die Rede. Das Abendblatt zitiert eine Vattenfall-Sprecherin mit der kühlen Bemerkung, „die Versorgungssicherheit der Fernwärmekunden“ habe nun mal „Priorität“, deshalb brauche man für eine Übergangszeit beide Anlagen. Von zwei Jahren Aufschub für die Stilllegung von Wedel ist nun die Rede. Mal sehen, wie es weitergeht. Und wann der Konzern den Ausstieg aus dem zweiten, lauen Versprechen einleitet: dem Bau der CCS-Anlage in Moorburg.


Vattenfall: Schweres Erbe für Generationen

Dienstag, den 2. September 2008

Hamburg erwartet mit Spannung die vermutlich wichtigste Entscheidung des Senats in dieser Legislaturperiode: Am 9. September wird die grüne Umweltsenatorin Anja Hajduk bekannt geben, ob das Kohlekraftwerk Moorburg weitergebaut werden darf oder nicht. Im Vorfeld versucht nun der Bauherr Vattenfall mit Großanzeigen in Hamburger Abendblatt und Bild noch einmal gut Wetter zu machen für das Großprojekt. Darin nimmt der Energiekonzern Bezug auf die Kampagne „Wachsende Stadt“, mit der Hamburg für Stadtentwicklungprojekte wie die neue „HafenCity“ wirbt.

Vattenfall schreibt: „Die Hansestadt wächst unaufhaltsam, und die Hamburger Bürger brauchen eine sichere Energieversorgung. Mit 12 Terawattstunden im Jahr deckt das neue Kohlekraftwerk Moorburg fast den kompletten Strombedarf der Stadt und liefert Fernwärme für Hunderttausende Haushalte.“

Im letzten Senats-Bericht „Monitor Wachsende Stadt“ dagegen ist zu lesen: „Da sich die Vorräte an fossilen Energieträgern erschöpfen und ihre Verbrennung nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft die Hauptursache für den Klimawandel ist, ist es notwendig, die Potenziale der regenerativen Energien für eine wachsende Metropole zu nutzen.“ Eine Grafik zeigt, dass Hamburg bei den Pro-Kopf-CO2-Emissionen mit 10,8 Tonnen schon heute im vorderen Mittelfeld der Bundesländer liegt. Dazu heißt es: „Pro-Kopf-Emissionen von ca. 10 t entsprechen nicht mehr einer nachhaltigen Energienutzung.“ Hamburg lege daher ein „ambitioniertes Klimaschutzkonzept“ auf. Der Bericht stammt übrigens vom September 2007, als die CDU in Hamburg noch allein regierte.

Kurz darauf rang Vattenfall dem CDU-Senat eine umstrittene Vereinbarung ab, in der sich das Unternehmen unter anderem dazu verpflichtet, in Moorburg einige Jahre nach der für 2012 geplanten Inbetriebnahme eine CO2-Abscheidungsanlage (CCS) zu installieren. Allerdings ist dieses Versprechen angesichts der Rückschläge bei der CCS-Erforschung kaum einzuhalten. Weil Vattenfall sich von der Verpflichtung mit nur 10,5 Millionen Euro freikaufen kann, halten Kritiker den Deal für eine Mogelpackung.

Ginge das Kraftwerk wie geplant in Betrieb, würde es jährlich zehn Millionen Tonnen CO2 emittieren. Hamburgs CO2-Ausstoß würden um 70 Prozent anschwellen. Die Pro-Kopf-Emissionen stiegen auf einen Schlag um beinahe sechs Tonnen jährlich.

Der Vattenfall-Anzeigentext suggeriert, ohne Moorburg sei die Energieversorgung in Hamburg nicht „sicher“ – dabei droht in hierzulande keine Stromlücke, schon gar nicht in Hamburg, weil die zahlreichen geplanten Windparks vor den Küsten in Norddeutschland in wenigen Jahren für ein Überangebot an Strom sorgen werden. Entscheidend ist, dass Hamburg beziehungsweise Vattenfall in die richtigen Technologien investieren. Der BUND hat in einer Studie die Alternativen zu Moorburg durchgerechnet: Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien, verbesserter Energieeffizienz und erdgasbetriebenen Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen würden die CO2-Emissionen um bis zu 80 Prozent geringer ausfallen als mit dem Großkraftwerk. Darüber hinaus zeigen die Berechnungen zweier Energieinstitute, dass der Betrieb von Moorburg schon bald unrentabel wird, wenn die Kohlendioxid-Emissionsrechte wie geplant voll versteigert werden. Auch die extrem teure Nachrüstung mit einer CCS-Anlage und die dadurch entstehenden Effizienzverluste würden das Kraftwerk unwirtschaftlich machen.

Unter der Vattenfall-Anzeige, die eine fröhliche Familie in der HafenCity zeigt, steht der Slogan:

Moorburg soll mindestens 40 Jahre laufen, also bis Mitte des Jahrhunderts – bis dahin müssen die Industrieländer ihre CO2-Emissionen um 80 Prozent reduziert haben. Mit neuen Kohlekraftwerken ist dieses Ziel praktisch nicht zu schaffen. Vattenfall baut in Moorburg also eher ein schweres Erbe für Generationen.