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Bild: Stimmungsmache gegen Ökostrom

Dienstag, den 14. August 2012

Bild ist bekanntlich die „Zeitung“ des kleinen Mannes. Und als solche natürlich auch auf dessen Seite. Sie nimmt sich seiner Sorgen an: Neben dem Brustumfang des Playmates Michaela, der ausgeraubten Villa von Udo Jürgens oder dem neuesten Hartz-IV-Urteil, geht es in der heutigen Ausgabe auch ums Portemonnaie des kleinen Mannes. In Form eines Interviews:

Unter dieser Überschrift redet der deutsche EU-Kommissar erstmal über Griechenland, die Euro-Rettung, den Bericht der Troika, über die Europäischer Zentralbank, EFSF (die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität), über den Ankauf von Staatsanleihen und über eine Volksabstimmung über den Euro. Die vorletzte Frage an Günther Oettinger (CDU) lautet: „Was sagen Sie als Energie-Kommissar zu den ständig steigenden Strompreisen in Deutschland?“


Was für eine kernige Aussage. Aber stimmt sie?

Kleiner Blick zurück: Im Jahr 2000 betrug der durchschnittliche Haushaltsstrompreis knapp 14 Cent. Zur Finanzierung der Erneuerbaren wurden damals 0,2 Cent Umlage erhoben.  Heute kostet Haushaltsstrom durchschnittlich 26 Cent, die EEG-Umlage stieg auf 3,592, Cent pro Kilowattstunde. Neben der Umlage gab es also viele weitere Faktoren, die den Endpreis für Privatkunden um 8,408 Cent in die Höhe trieben: gestiegene Ausgaben für fossile Brennstoffe etwa, die Renditen der Stromkonzerne, der Anstieg der Mehrwertsteuer oder die Kosten des Netzausbaus.

Aber solch komplexe Sachverhalte sind dem kleinen Mann natürlich nicht zumutbar, weshalb Bild diese auch nicht erörtert. Statt dessen stellt der Interviewer die Frage:


Der Energiekommisar sagt nicht „ja“ oder „nein“, sondern reichlich verschwurbelt: „Wenn im Herbst die neue Höhe der Umlage für die erneuerbaren Energien festgelegt wird, müssen wir noch einmal über eine Deckelung reden. Sonst laufen die Kosten für Verbraucher und Wirtschaft aus dem Ruder.“

Das ist natürlich Quatsch. Der Strompreis für die Wirtschaft ist zuletzt sehr stark gefallen, sogar der teuerste Strom – der sogenannte Spitzenlaststrom -  lag im Juni 2012 mit 5,0 Cent je Kilowattstunde um mehr als 19 Prozent unter dem Vorjahreswert (Juni 2011: 6,2 Cent). Auch dank der Solarenergie: Wenn in den Mittagsstunden deutschlandweit Mittagessen gekocht wird, die Kühlung am dringendsten gebraucht wird oder die Fabriken auf Hochtouren laufen, dann ist der Strombedarf am größten. Aber genau da liefern die Solarkraftwerke auch am meisten.

Außerdem hat sich die Wirtschaft enorm viele Ausnahmen erkämpft (eine hübsche Grafik zur Entwicklung der Industriestrompreise und dem Anteil der Ökostrom-Förderung findet sich hier). Und gerade erst hatte das Bundeskabinett 2,7 Milliarden Euro Entlastung bei der Öko- und Stromsteuer für die energieintensive Industrie beschlossen, allein 23.419 Firmen genießen Vergünstigungen bei der Stromsteuer. Dazu kommen Befreiungen von der EEG-Umlage oder vom Netzentgelt. Wenn aber einige nichts zahlen, müssen die anderen mehr berappen: Richtigerweise hätte Oettinger also sagen müssen: „Wenn die Industrie noch weiter entlastet wird, laufen die Kosten für die Verbraucher aus dem Ruder.“

Aber das ist vermutlich schon wieder zu komplex für den kleinen Mann. Damit der auch wirklich kapiert, worum es geht, hat Bild die Angewohnheit, das Wichtigste zu unterstreichen. Damit auch der letzte Heini noch begreift, was wichtig ist. Also sagt Oettinger – unterstrichen – zur Energiewende:

Bild erklärt dem kleinen Mann natürlich nicht, dass die Stromnetzbetreiber, die für den Bau der Leitungen verantwortlich sind, bis vor kurzem den großen Energiekonzernen gehörten und diese in den vergangenen Jahren die Energiewende bewusst verzögert haben. Oder dass der dezentrale Ausbau der Solarenergie den Leitungsbau mancherorts überflüssig machen würde. Das alles überfordert den kleinen Mann ja ohnehin.

Ganz abgesehen davon, dass Günther Oettinger im Interview gar nicht gesagt hat: „Deutschlands Strompreise sind viel zu hoch“ – wie es in der Überschrift heißt. Wirklich ärgerlich wird das Interview erst dadurch, dass es von vermeintlich „seriösen“ Kollegen ernstgenommen und weiterverbreitet wird. „Hohe Strompreise: Oettinger warnt Deutschland vor Wirtschafts-Schaden“, titelt der Focus. Bei n-tv heißt es „Subventionen für Ökostrom – Oettinger will Umlage deckel“. Und der Stern macht daraus sogar: „Oettinger: Umlage für neue Energien überfordert Bürger“.


Ökostromumlage: Tarnangriff übers Portemonnaie

Donnerstag, den 7. Juni 2012

Für ihren „Deutschland-Trend“ lässt die ARD jeden Monat rund tausend Bundesbürger von Infratest-dimap befragen, die Juni-Ausgabe wurde gestern abend veröffentlicht. Neben Zustimmungszahlen für Parteien und Politiker werden da immer auch einige Sachthemen abgefragt, dieses Mal ging es unter anderem um die Energiepolitik. Eine Frage lautete: „Regierung und Opposition sind sich einig, dass die Energiewende, die den Ausstieg aus der Atomkraft möglich machen soll, nicht so schnell vorankommt, wie es nötig wäre. Sollte die Bundesregierung alle denkbaren Maßnahmen ergreifen, damit der Ausstieg aus der Atomkraft gelingt, selbst wenn dadurch die Strompreise steigen? Oder sollte sie den Ausstieg aus der Atomenergie im Zweifel lieber verschieben, damit die Strompreise nicht so stark steigen?“

Bei dieser kunstvollen Formulierung ist die Antwort wenig verwunderlich:

Natürlich, beim Geld hört die Umweltfreundlichkeit meist auf. (Wobei überraschend ist, dass für mehr als 40 Prozent der Befragten der Atomausstieg doch wichtiger ist als die eigene Stromrechnung.) Anscheinend aber zeigt das Trommelfeuer der Gegner des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) langsam Wirkung. RWE, Eon, Vattenfall & Co. ist das EEG ja schon lange ein Dorn im Auge, weshalb sie seit Jahren vor steigenden Kosten warnen. Auch der Wirtschaftsflügel der CDU, etwa Michael Fuchs oder Joachim Pfeifer, reden kassandraartig von „Kostenexplosionen“. Diese Woche ging es weiter: FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle forderte in der FAZ das komplette Ende des EEG. Bundespräsident Joachim Gauck warnte vor einer „Planwirtschaft bei der Energiewende“. (Während ironischerweise FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler mehr gemeinsame Planung von Bund und Ländern verlangte.)

Zur Erinnerung: Im Rahmen des EEG finanzieren Stromkunden mit einer Umlage von momentan 3,59 Cent pro Kilowattstunde den Aufbau von Windkraft-, Solar-, Biogas- und ähnlichen Anlagen. Das Gesetz ist in der Bevölkerung populär, weltweit wurde es bereits rund 60 Mal kopiert – offenbar ist die Warnung vor steigenden Kosten das einzig verbliebene Argument der Ökostrom-Gegner. Dabei verschweigen sie, dass zum Anstieg der Strompreise viele Faktoren beitragen, und auch die EEG-Umlage künstlich verteuert wird. Rot-Grün wie Schwarz-Gelb haben nämlich auf Druck der Wirtschaft zahlreiche Ausnahmen im Gesetz verankert. Immer weniger Stromverbraucher zahlen die Umlage – für die verbliebenen (Privat-)Kunden steigt sie deshalb umso  mehr. Der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) hat im letzten Jahr berechnet, wie stark sich dies auswirkt:

- Stromintensive Betriebe (vulgo Großverbraucher) zahlen eine geringere Umlage von teilweise nur 0,05 Cent pro Kilowattstunden, also nur rund ein Siebzigstel des Normalsatzes; mehr als 600 Firmen wie ThyssenKrupp oder HeidelbergCement profitieren bereits davon – allein dies erhöht die Umlage laut BEE um 0,6 Cent

- ab 2013 senkt Schwarz-Gelb die Verbrauchsschwelle massiv, ab der Unternehmen in den Genuss dieses Vorteils kommen – zusätzliche Kosten für alle anderen Stromkunden: noch unbekannt

- Industrieunternehmen brauchen für Strom, den sie selbst erzeugen, keine Umlage zahlen; statt ihren Strom zu kaufen, mieten deshalb viele Firmen einfach Kraftwerke an und kommen so in den Genuss des sogenannten „Eigenstromprivilegs“ – allein dies entlastet die Wirtschaft um schätzungsweise 1,8 Milliarden Euro pro Jahr und erhöht laut BEE die EEG-Umlage um 0,31 bis 0,54 Cent

- eine von Schwarz-Gelb eingeführte „Marktprämie“ soll Ökostrom-Erzeuger zum direkten Verkauf animieren, Kritiker nennen sie einen „nutzlosen Geldregen“ – Extrakosten für die Zahler der EEG-Umlage laut BEE: 0,1 bis 0,2 Cent

- die Netzbetreiber dürfen sich einen „Liquiditätspuffer“ anlegen und dies auf die Umlage aufschlagen – Sondereffekt laut BEE: 0,2 bis 0,4 Cent

Zählt man diese und andere Effekte zusammen, so der BEE in seiner Analyse aus dem letzten Jahr, dann hätte die Umlage für 2012 statt auf 3,59 Cent zu steigen auf 3,3 Cent pro kWh sinken müssen. „Die Kosten für den notwendigen Ausbau der Erneuerbaren werden auf immer weniger Schultern verteilt“, kritisierte BEE-Präsident Dietmar Schütz. „Die Solidargemeinschaft für die Energiewende wird zunehmend kleiner.“ Der Bund der Energieverbraucher hat sogar noch drastischere Zahlen errechnet, seinen Angaben zufolge wird die EEG-Umlage durch Sondereffekte um das Doppelte aufgebläht.

Das Praktische an diesen EEG-Details ist, dass sie kaum jemand versteht. Und Änderungen in der Öffentlichkeit praktisch nie thematisiert werden. Gegner der Energiewende können deshalb an verschiedenen kleinen und großen Schrauben drehen, um die Umlage zu erhöhen. (Und sie bekommen von denen, die bei den EEG-Kosten entlastet werden, sogar noch Applaus.) Erst vor ein paar Tagen gab es im Handelsblatt diese Schlagzeile:

Die nächste Schlagzeile über drastisch steigende Ökostrom-Kosten (für die Normalverbraucher) ist nur eine Frage der Zeit.

 


Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache

Mittwoch, den 23. Mai 2012

DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die Darstellung ist kenntnisreich und ausgewogen. „Über die Umweltfreundlichkeit von Elektroautos wird heftig gestritten“, heißt es beispielsweise. Umweltfreundlich seien E-Mobile nur, wenn sie regenerativ erzeugten Strom nutzen. Drittens – und das ist womöglich die größte Stärke von DB mobil – wird die Zeitschrift tatsächlich gelesen. „Eine Fahrt im Fernzug dauert im Durchschnitt mindestens 2,5 Stunden. Das ist genug Zeit“, heißt es in den Mediadaten. Die Marktforschung attestiert DB mobil, mit jeder Ausgabe 13,13 Millionen Menschen zu erreichen – statistisch gesehen jeden sechsten Deutschen.

Was liegt also näher, als dem umweltaffinen Publikum via  DB mobil die Vorzüge des eigenen Produktes näherzubringen? In der Mai-Ausgabe geht es - gleich hinter der Titelgeschichte zur Elektromobilität – in einem sogenannten Advertorial – um die „Faszination Stahl“. Advertorials sind  Mitteldinge zwischen Anzeige und redaktionellem Text, in diesem Falle bezahlt und gemacht vom Stahl-Informations-Zentrum, dem Lobby-Verband der deutschen Stahlwirtschaft.

Auf der Titelseite ist eine 114 Meter hohe Stahlskulptur abgebildet, die gerade auf dem Olympiagelände im Londoner Osten entsteht. Außerdem wird über die olympische Basketball-Halle berichtet: eine 12.000 Zuschauer fassende Stahlkonstruktion, die nach den Spielen wieder abgebaut werden kann, um sie beispielsweise bei den nächsten Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro wiederzuverwenden. Außerdem geht es um die 1.224 Kilometer lange Gaspipeline von Russland nach Deutschland durch die Ostsee, um Auto-Industrie und Modewirtschaft (Strickmaschinen-Nadeln sind filigrane Wunder aus Stahl, der Werkstoff ist also nicht nur für Protz und Gigantismus gut.) Und, und, und.

Und es geht um eine „Wachstumsampel auf Grün“. Unter dieser Überschrift wird Rudolf Martin Siegers interviewt, der Deutschland- Chef von Siemens. Eine Frage lautet:

Alles im grünen Bereich also mit der „Faszination Stahl“? Nunja, schön wär’s. Leider trägt der folgende Artikel die gar nicht filigrane Überschrift: „Preistreiber Energie“. In der Unterzeile wird behauptet: „Steigende Stromkosten gefährden den Standort Deutschland.“

Im zugehörigen Text wird dann von einem Stahlwerk in Krefeld berichtet, dass zum Jahresende dichtmachen müsse, weil es im europäischen Wettbewerb nicht mithalten könne – „insbesondere bedingt durch die hohen Energiekosten am Standort Deutschland“. Weiter heißt es:

Oh Gott! Das kann doch niemand wollen (nicht einmal der Klima-Lügendetektor): Dass wir ohne Stahl leben müssen.

EEG-Umlage, Emissionshandel und Energiesteuer – ei, ei, ei, die arme Stahlwirtschaft! Tatsächlich ist die EEG-Umlage wegen des rasanten Ausbaus der Erneuerbaren in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Aber hat nicht die Stahlbranche (wie auch andere Industriezweige) längst Wege gefunden, um die EEG-Umlage zu umgehen?  Zum Beispiel einfach ein Kraftwerk mieten und damit den Status „Eigenstromerzeuger“ bekommen und damit eine Befreiung von der schlimmen Umlage. Diese Regelung im Gesetz nennt sich „Eigenstrom-Privileg“, und ist nicht nur in der Stahlwirtschaft bereits sehr beliebt. Schätzungen zufolge vermeidet die deutsche Industrie durch dieses Schlupfloch Kosten in Höhe von 1,8 Milliarden Euro.

Daneben haben es die Wirtschaftslobbyisten geschafft, dass auch „energieintensive“ Unternehmen (vulgo: Großverbraucher) im Gesetz bevorteilt werden. Sie zahlen nur eine minimale Umlage von 0,05 Cent pro Kilowattstunden - alle anderen (und damit auch die allermeisten Leser von DB mobil) zahlen derzeit knapp 3,6 Cent, also rund das Siebzigfache! Nach Angaben des Bundesverbands Erneuerbare Energien kommen mittlerweile fast 600 Unternehmen in Deutschland in den Genuss dieses Privilegs. Das Solidarprinzip bei der Finanzierung der Energiewende ist also längst ausgehebelt. Nicht mehr alle beteiligen sich, sondern einige mehr. Die Mehrkosten für die „normalen“ Stromverbraucher beziffert der grüne Lobbyverband auf 300 bis 500 Millionen Euro pro Jahr.

So ähnlich ist das Bild beim Emissionshandel: In ihrem Advertorial übertreibt die Stahlindustrie die Belastung. Einer Studie der britischen Umweltorganisation Sandbag nämlich verdient sie am Emissionshandel sogar! Unter den Hauptprofiteuren sind laut der Untersuchung die Stahlkonzerne ThyssenKrupp und Salzgitter AG – allein ThyssenKrupp besitzt demnach überschüssige CO2-Zertifikate im Wert von rund 250 Millionen Euro, die Deutschlands größter Stahlkonzern auf dem Markt verkaufen kann. Auch andere Studien waren zu ähnlichen Ergebnissen gekommen: Laut Berechnungen des Ökoinstituts von Ende 2010 bringen diverse Sonderregelungen im Emissionshandel der Industrie rund 39 Milliarden Euro Extra-Erlöse.

Und was ist mit der „Energiesteuer“? Damit meinen die Stahl-PR-Macher wohl die „Ökosteuer“. Aber das sagen sie nicht, weil die von den meisten DB mobil -Lesern vermutlich ganz okay gefunden wird. Die „Ökosteuer“ ist seit Einführung 1999 in mehreren Stufen angehoben worden – auf jetzt 2,05 Cent pro Kilowattstunde – aber auch hier hat die (damals rot-grüne) Bundesregierung auf Druck der Industrie eine ganze Reihe von Ausnahmetatbeständen zugestanden, etwa für energieintensive Branchen wie die Stahlwirtschaft. Bei der Steuernovelle 2006 wurden diese Privilegien stark ausgeweitet, laut einer Studie des Beratungsunternehmen Arepo Consult stiegen die steuerlichen Entlastungen stromintensiver Branchen von vier auf mehr als fünf Milliarden Euro – und seien inzwischen die „größten im Subventionsbericht der Bundesregierung erfassten Subventionen“.

Fassen wir zusammen: Fast keine EEG-Umlage! Privilegien beim Emissionshandel! Und während die braven Leser von DB mobil ihre Energiesteuern zahlen, haben die Konzerne weitreichende Befreiuungen erkämpft. Die Behauptungen der deutschen Stahlwirtschaft sind also pure Panikmache.

P.S.: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Und weiter geht’s: Bilds Ökostrom-Bashing

Samstag, den 8. Oktober 2011

So, da sind wir wieder. Der Klima-Lügendetektor macht weiter – Bild sei „Dank“. Zwar war unser Rettungsaufruf vom Sommer nicht ganz erfolgreich (obwohl, etwas hat er schon gebracht – mehr dazu nächste Woche). Doch als wir heute morgen die Schlagzeile von Springers Schlachtschiff sahen, war klar: Wir müssen weitermachen.

Denn wir bringen es einfach nicht übers Journalistenherz, diese Schlagzeile und den zugehörigen Text auf Seite 2 unwidersprochen zu lassen.

„Bild erklärt den Irrsinn“? Nein, das Blatt erklärt wenig, sondern macht vor allem Stimmung. Das fängt an bei der unterschwelligen Fremdenfeindlichkeit: Mehrfach betont das Boulevardblatt, „deutscher“ Strom werde „ins Ausland verschenkt“. Ginge es Bild nur um Aufklärung über ein (echtes oder vermeintliches) „Energie-Chaos“, wäre das keiner Erwähnung wert – denn für Netzstabilität und Versorgungssicherheit ist es reichlich irrelevant, ob überschüssiger Strom zu negativen Preisen an Abnehmer im In- oder Ausland geht.

Aber es kommt noch schöner tendenziöser in dem Text der Bild-Redakteure Stefan Ernst und Christin Martens:

Der erste Absatz ist gelinde gesagt unvollständig: An den meisten „schönen Sommertagen“ liegen „die Menschen“ nämlich nicht „am Strand oder im Schwimmbad“, sondern schwitzen in Büros. Wo dann zum Beispiel die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen. Und gerade mittags der Stromverbrauch am größten ist. Dass Solaranlagen just während dieser „Mittagsspitze“ den meisten Strom einspeisen, ist eher ein Vorteil für die Versorgungssicherheit. Die größten Diskrepanzen zwischen Ökostrom-Erzeugung und Elektrizitätsnachfrage gibt es weniger an Sommertagen, sondern eher nachts und an Wochenenden und vor allem im Herbst und Winter. Richtig hätte der Absatz etwa so lauten müssen: „In windigen Herbstnächten liegen die Leute im Bett, und viele Industrieanlagen stehen still – gleichzeitig speisen Windkraftanlagen jede Menge Energie ein.“

Regelrecht falsch ist dann der erste Satz des zweiten Absatzes: In der Klammer müsste stehen „z.B. Kohle, Atom“, nicht „Gas“. Denn Erdgaskraftwerke sind gerade nicht das Problem – sie können flexibel an- und abgeschaltet werden, um auf die fluktuierende Einspeisung der Erneuerbaren Energien zu reagieren. Die eigentliche Ursache für das „Energie-Chaos“ sind große, träge Kohle- und Kernkraftwerke, die künftig nicht mehr ins Energieversorgungssystem passen, wenn es auf sauberen, aber eben schwankenden Erneuerbaren basieren soll. Etwas verschämt wird dies im folgenden „Auch“-Satz eingeräumt: Für Eon, RWE & Co. ist es schlicht billiger, ihre Großmeiler weiterlaufen zu lassen, wenn die zur Nachfragedeckung eigentlich gar nicht gebraucht werden. Das Stromaufkommen von Wind- oder Solaranlagen macht nur deshalb Probleme, weil die Netze allzu oft mit Kohle- und Atomstrom aus unflexiblen Großkraftwerken verstopft sind. Bild müsste also nicht nur den Ökostrom, sondern auch die Kohle- und Atom-Konzerne zumindest mit-verantwortlich machen für Stromüberschüsse, Netzbelastungen und empörende Geschenke ans Ausland.

Stattdessen darf am Schluss des Textes ausgerechnet RWE-Chef Jürgen Großmann zu Wort kommen:

Genau, jener Herr, der vor zweieinhalb Jahren in Bild noch dramatisch davor warnen durfte, dass im Sommer hierzulande Strommangel drohe. Und dessen Unternehmen mit gerade 2,6 Prozent Ökostrom-Anteil den grünen Energie-Boom verpennt hat.

Bleibt die Frage, warum Bild ausgerechnet jetzt das Ganze hochzieht – wo doch das Thema Netzbelastung und negative Preise seit langem bekannt ist. Vielleicht weil am kommenden Freitag voraussichtlich der nächste Anstieg bei der Ökostrom-Umlage bekanntgegeben wird? Da kann man ja schonmal ein bisschen Stimmung machen.


Ökostromförderung: Einseitige Zahlen

Samstag, den 16. Oktober 2010

Es ist Jahr für Jahr dasselbe: Mitte Oktober legen die Betreiber der Strom-Übertragungsnetze die sogenannte EEG-Umlage fest – also den Betrag, mit dem Stromkunden im Folgejahr den Ausbau der Erneuerbaren Energien fördern. Laut Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erhalten ja Wind-, Solar- oder Biogas-Anlagen von den Netzbetreibern feste Abnahmetarife für ihren Strom, die Kosten werden dann auf (die meisten) Stromkunden umgelegt. Diese Woche war es wieder soweit, und so sahen die Schlagzeilen (Financial Times Deutschland, Süddeutsche Zeitung, Hamburger Abendblatt, n-tv) aus:

Was war passiert? Die EEG-Umlage soll von aktuell 2,047 Cent pro Kilowattstunde auf 3,53 Cent im kommenden Jahr steigen. Das ist tatsächlich ein Plus von rund 70 Prozent – doch weil die Umlage nur einen kleinen Teil des Strompreises ausmacht, steigt dieser durch die höhere EEG-Umlage nur um ein paar Prozentpunkte. Naja, unter „explodieren“ oder „drastisch“ verstehen wir eigentlich etwas anderes.

Aber gut, der Strom wird 2011 teurer – für einen durchschnittlichen Haushalt mit 4.000 kWh Verbrauch um etwa fünf Euro im Monat bzw. 60 Euro im Jahr. Doch verglichen mit den allgemeinen Preiserhöhungen der vergangenen Jahre, so der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE), ist das ziemlich moderat. Zudem unterschlägt der Blick ausschließlich auf die EEG-Umlage, dass im Gegenzug Wind- und Sonnenkraft den Börsenpreis für Strom drücken. Experten nennen dies den „Merit-Order-Effekt“: An der Börse nämlich wird der Strompreis durch das teuerste Kraftwerk bestimmt, das gerade noch zur Deckung der Gesamtnachfrage benötigt wird. An windreichen Tagen oder im Sommer zur Mittagszeit, wenn Windräder oder Solaranlagen viel Strom liefern, verdrängen sie auch viele teure Kraftwerke. Eon hat dazu schon vor Jahren Gutachten erstellen lassen, und Vattenfall ärgerte sich vor ein paar Wochen öffentlich, dass Windkraft die Profite schmälert. Laut einer Studie der Forschungsstelle für Energiewirtschaft in München sorgten die Erneuerbaren Energien beispielsweise 2008 für Preisdämpfungen von bis zu 5,4 Milliarden Euro. Der gemeine Stromkunde aber merkt davon wenig, weil die Konzerne niedrigere Börsenpreise nur selten an private Endverbraucher weitergeben.

„Zu einer sachlichen Debatte gehört auch, den Nutzen der Erneuerbaren Energien transparent zu machen“, fordert Jörg Mayer, Geschäftsführer der halbstaatlichen Agentur für Erneuerbare Energien. Der EEG-Umlage stünden nämlich (siehe Grafik) viel größere Vorteile gegen- über, etwa die rund 340.000 Jobs in der Ökostrom-Branche oder vermiedene Umweltschäden etwa durch das Abschalten von Kohlekraftwerken.

Ohnehin würden Stromkunden sich die Augen reiben, wenn die gesamten Kosten von Atom- und Kohlekraftwerken auf der Energierechnung auftauchten. Um rund vier Cent pro Kilowattstunde, hat Greenpeace Energy ausrechnen lassen, müssten die Tarife steigen, wenn alle offenen und verdeckten Subventionen der konventionellen Energien auf den Strompreis umgelegt würden.

Und außerdem, betont das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie in einer Studie, sei die EEG-Umlage nur vorübergehend so hoch. Der starke Anstieg in diesem Jahr lasse sich „im Wesentlichen auf mehrere einmalige oder zumindest außergewöhnliche Effekte zurückführen“, etwa einen Extra-Boom bei Solaranlagen, den Schwarz-Gelb durch ein langes Hin und Her um die Kürzung der Einspeisevergütung noch angeheizt hatte. Auf etwa drei Cent pro Kilowattstunde, so das Institut, dürfte die Umlage künftig noch steigen – dann aber zwischen 2016 und 2020 wieder zu sinken beginnen.

Aber erstmal, in den kommenden Wochen, werden die Stromversorger die EEG-Umlage für saftige Preiserhöhungen nutzen – und damit nebenbei versuchen, die Verbraucher gegen die Ökostrom-Förderung aufzubringen. Vorsorglich meldete sich bereits Matthias Kurth zu Wort, der Chef der Bundesnetzagentur: Die Endkunden dürften „nicht in vollem Umfang mit der erhöhten EEG-Umlage belastet werden“, forderte er – auch Kostensenkungen, etwa durch die geringeren Börsenpreise, müssten an die Verbraucher weitergegeben werden. Malsehen, wie viele Stromversorger dieser Forderung nachkommen.


SpiegelOnline: Platte Polemik gegen Solarstrom

Sonntag, den 11. Oktober 2009

Donnerwetter, SpiegelOnline-Redakteur Anselm Waldermann hat wieder einmal einen Skandal enthüllt!
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In seinem Text zu dieser Überschrift rechnet der Kollege vor, dass die in den vergangenen vier Jahren (also während der Amtszeit von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel) hierzulande installierten Photovoltaik-Anlagen gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) „langfristig Kosten von 27 Milliarden Euro“ verursachen würden.

Ist das nicht eine Sauerei?

Nun steht außer Frage, dass die Kosten für die Herstellung von Solarzellen in den vergangenen Jahren stark gefallen sind (auch dank der Massenproduktion, die das EEG ermöglicht hat) – schneller jedenfalls, als die meisten Experten angenommen hatten. Es spricht deshalb einiges dafür, die Einspeisevergütung für Solarstrom ebenfalls etwas schneller abzusenken als bislang geplant. Das könnte den Rationalisierungsdruck auf die Branche erhöhen – die „grid parity“ (der Zeitpunkt, zu dem Strom vom eigenen Solardach so teuer ist wie jener aus der Steckdose, was einen selbsttragenden Boom auslösen könnte) wäre dann wohl noch schneller erreicht.

Über all dies ließe sich relativ nüchtern schreiben, wie es vor ein paar Wochen Fritz Vorholz in der ZEIT tat. Anselm Waldermann aber greift die Monate alte Studie des RWE-nahen Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) mit dramatischen Worten auf – zufällig mitten in den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen.

27 Milliarden Euro – das klingt nach einer riesigen Summe. Doch neben den Steinkohlesubventionen der vergangenen Jahrzehnte sind das Peanuts, und auch in den kommenden Jahren noch wird der Staat für die Förderung der klimaschädlichen Kohle knapp 20 Milliarden Euro ausschütten. Die Atomkraft wurde und wird laut einer Greenpeace-Studie hierzulande mit knapp 260 Milliarden Euro subventioniert. Beides erwähnt Anselm Waldermann nicht. Stattdessen schreibt er, die Solarförderung entspreche

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Diese hohe Zahl ergibt sich nur, wenn man die zu zahlenden Einspeisevergütungen über den Gesamtzeitraum von 20 Jahren aufaddiert. Auf den Monat gerechnet ergäbe sich pro Kopf ein Betrag von etwa zwei Euro. Das klänge ganz anders, oder?

Eine Solaranlage, die heute installiert werde, verursache noch in 20 Jahren Kosten, kritisiert SpiegelOnline und verwendet dafür unter Berufung auf „Experten“ den Begriff „Solarschulden“. Doch eine kleine Google-Recherche ergibt, dass das Wort offenbar auf Manuel Frondel zurückgeht, ebenjenen Wissenschaftler beim RWI, von dem die erwähnte Studie stammt und der schon öfter mit stromkonzernfreundlichen Rechnungen auf sich aufmerksam machte.

Auf 2.000 Megawatt beziffert Waldermann die in diesem Jahr zu erwartende Kapazität an neuen Solarstrom-Anlagen – und im Tenor des Textes klingt das wie eine Zahl, vor der man sich fürchten muss. Im ersten Halbjahr 2009 allerdings gingen laut Bundesnetzagentur gerade einmal 518 Megawatt ans Netz – der Zubau müsste sich zum Eintreffen der Prognose also noch deutlich beschleunigen.

SpiegelOnline polemisiert lieber mit Bildunterzeilen wie dieser:

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Dabei wird unterschlagen, dass Solarzellen in 20 Jahren wenigstens noch Strom liefern – und zwar ausschließlich Strom. Bei der Atomkraft hingegen fallen „dank“ des radioaktiv strahlenden Abfalls noch unkalkulierbare Kosten an, wenn alle Akw längst abgeschaltet sind.

Danke an Sandra W., Stephan E. und Edgar für die Hinweise