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Der Spiegel: Im Quotenwahn

Donnerstag, den 5. September 2013

„Luxus Strom“ titelt Der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe. Unter dieser Überschrift heißt es:

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In einer neunseitigen Titelgeschichte erklären fünf Autoren die Probleme der Energiewende: die Unrentabilität von Gaskraftwerken, die Rentabilität alter Braunkohlekraftwerke, die fehlende Anbindung von Offshore-Windkraftwerken …

Und natürlich die industriestandortzerstörende Explosion der Förderung für Regenerativkraftwerke – fachdeutsch EEG-Umlage genannt. Die Spiegel-Realität in den letzten 16 Jahren stellt sich folgendermaßen dar:

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Umgotteswillen: Das sind ja fast 1.000 Prozent mehr, die Kuno Stromkunde 2014 im Vergleich zu 2004 abdrücken muss! Das kann doch nicht sein, und schon gar nicht beim Spiegel, der ja auch titelt: „Was die Politik dagegen tun muss“.

Weg mit dem seit Jahren bewährten EEG, her mit einer Ökostrom-Quote: Anders als die Einspeisevergütung gibt ein Quotensystem nicht feste Preise für Sonne, Wind und Co vor. Sondern Strom-Mengen: Jeder Stromanbieter müsste dann auf dem Strommarkt X Prozent Ökostrom einkaufen. Das X legt die Regierung fest.

Als Paradebeispiel dient dem Spiegel Schweden, das 2003 die Quote eingeführt hat:

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Klingt nicht schlecht, oder? Einer der größten Befürworter der Quote in Deutschland ist übrigens Rainer Brüderle. Der FDP-Spitzenkandidat lässt kaum eine Gelegenheit verstreichen, um die Mengenlösung anzupreisen. Auch die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, laut Lobbypedia eine marktliberale Lobbyorganisation der Metall- und Elektroindustrie, macht sich für die Quote stark. Genauso wie die Lobby von RWE, Eon, Vattenfall und Co.

Das unterschlägt der Spiegel. Aber vor allem auch, was GEGEN ein Quotenmodell spricht.

1. Das Beispiel Schweden (Quote ab 2003): In der Tat decken hier erneuerbare Energien mehr als die Hälfte des Strommixes ab. Das ist hier aber schon lange so: Dank Schwedens Geografie liefern die Wasserkraftwerke an den Flüssen 44 Prozent. Unter den zehn restlichen Prozent Erneuerbaren ragt die Biomasse heraus, die in konventionellen Anlagen verbrannt wird – Schwedens Wald, beziehungsweise die Reste der Holzwirtschaft. Der Ausbau von Wind- oder Solarkraft? Fehlanzeige! Schwedens Quotenmodell brachte es gerade mal auf vier Prozent Wind-Anteil. Zum Vergleich: Nachbar Dänemark deckt inzwischen 30 Prozent seines Stromverbrauchs durch die Windkraft – dank Einspeisevergütung.

2. Das Beispiel Großbritannien (Quote ab 2002): Die Stromanbieter waren hier eher bereit, die Strafe bei Nichterfüllung der Quote zu zahlen, als in Wind, Sonne und Biomasse zu investieren. Deshalb kamen die Erneuerbaren im Vereinigten Königreich einfach nicht voran. Großbritannien hat sich deshalb 2010 von der Quote verabschiedet – und schrittweise eine Einspeisevergütung nach deutschem Vorbild eingeführt.

3. Das Quotensystem führt dazu, dass Stadtwerke und Energiekonzerne auf den billigsten erneuerbaren Energieträger setzen – große Windparks an Land. Andere Technologien wie die Photovoltaik und die Offshore-Windenergie würden so abgewürgt. Aber niemand kann heute sagen, ob die Solarkraft Effizienzschübe erreicht, die Strom aus Sonne irgendwann billiger machen als Windstrom.

4. Das Quotenmodell hat Grünstrom nicht billiger, sondern teurer gemacht. Untersuchungen haben auch den Grund gefunden: Weil Investoren die Sicherheit verlieren, dass sie immer und uneingeschränkt ihren Strom zu einem festen Preis ins Stromnetz einspeisen können – wie bei der Einspeisevergütung –, haben sie einen Risikoaufschlag in ihre Kalkulation eingepreist – und das verteuert die Kilowattstunde aus Sonne oder Wind.

Eine Handwerksregel für guten Journalismus besagt: Immer auch die Gegenseite befragen, immer auch die Nachteile schildern. Gegen das Quotenmodell lässt sich noch viel vorbringen. Zum Beispiel über Italien, wo es nach einer teilweisen Abschaffung des Quotenmodells zu einem Solarkraftboom kam. Aber das interessiert den Spiegel nicht. Obwohl es in Schweden überhaupt keinen Ausbau der Erneuerbaren gegeben hat, urteilen die Autoren:

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„Bei meinem früheren Arbeitgeber war die Verbreitung von Behauptungen zum Schutz der Interessen der betroffenen Konzerne die offizielle Blattlinie.“ Das sagte der ehemalige Spiegel-Redakteur Harald Schumann in seiner Laudatio, als 2012 der Klima-Lügendetektor mit dem Otto-Brenner-Preis ausgezeichnet wurde. Schumann hatte 2004 aus Protest gegen Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust gekündigt, weil Aust eine negative Windkraft-Geschichte bei einem Autor bestellt hatte. Schumann sagte zu dieser Spiegel-Verbreitung von Behauptungen zum Schutz der Interessen der betroffenen Konzerne: „Das gilt teilweise auch heute.“

PS: Einer der Autoren der 2004 bestellten negativen Windkraft-Geschichte – Frank Dohmen – hat wieder an der Nummer „Luxus Strom“ mitgeschrieben. Ein anderer ist Alexander Neubacher, Autor des Buches „Ökofimmel: Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten“. Beteiligt war außerdem Gerald Traufetter, der 2012 die Vattenfall-Lesetage moderiert hat, eine Greenwash-Veranstaltung, von der sich immer mehr Autoren abwenden.


Atomlobby: Der Mythos vom globalen Akw-Boom

Freitag, den 1. Oktober 2010

Immer wieder beschäftigen uns hier diverse Behauptungen der Atomlobby, zuletzt in der vergangenen Woche. Heute schauen wir mal dreizehn Jahre zurück, genauer in die Ausgabe 32/1997 des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Denn im Rückblick lässt sich vielleicht am überzeugendsten beurteilen, wie verlässlich Aussagen der Akw-Lobby sind.

Atomkraft sei „im Vormarsch“, hieß es damals in einer Annonce des „Informationskreises Kernenergie“ (und allein diese Formulierung wäre bereits einen Grammatik-Sonderpreis wert gewesen). Die Atomstromproduktion in den Mitgliedsstaaten der OECD, so ging es vollmundig weiter, werde „bis zum Jahr 2010 voraussichtlich weiter um rund 13 Prozent zunehmen“. Kernenergie sei also voll der Trend, wollte man damit suggerieren.

Und, stimmte das? Die Zahlenangaben der Spiegel-Annonce aus dem Jahr 1997 lassen sich ja inzwischen an harten OECD-Daten überprüfen. Die Atomagentur der Organisation, die Nuclear Energy Agency (NEA) in Paris, veröffentlichte kürzlich ihre 2010-er Statistik zu Nuklearkapazitäten der 28 Mitgliedsstaaten. Und dort hieß es:

Zu Jahresbeginn 2010 waren also in den OECD/NEA-Mitgliedsstaaten 340 Reaktoren mit einer Kapazität von genau 308.800 Megawatt am Netz – mithin 17 Meiler weniger als 1997! Und der Leistungszuwachs betrug nicht 13 Prozent, sondern lediglich knapp drei Prozent. Selbst wenn man die Kraftwerke mitbetrachtet, die in Bau oder Planung sind, ändert sich nichts an diesem Bild: Ende 2009 waren laut NEA 14 Akw in Bau (exakt so viele wie 1997), 24 Reaktoren (und damit sogar weniger als vor 13 Jahren) werden in den Statistiken als „fest vereinbart“ geführt. Diese Bilanz wäre übrigens noch peinlicher ausgefallen, hätten nicht osteuropäische Atomstromländer wie die Slowakei durch ihre OECD-Beitritte zusätzliche Reaktoren in die Statistik eingebracht.

Und heute? Schwadronieren Atomfans wieder (oder immer noch) von einer Renaissance dieser hochriskanten Technologie. Die Kernenergie sei „international im Aufwind“, behauptet Ralf Güldner, der neue Präsident des Deutschen Atomforums und verweist dabei auf Länder wie Schweden, Großbritannien, die USA oder China. „Weltweit wird es ein Comeback der Atomkraft geben“, prophezeit Welt-Redakteur Ulli Kulke. Bundeskanzlerin Angela Merkel formuliert es so: „Wenn ich sehe, wie viele Kernkraftwerke weltweit gebaut werden, wäre es jammerschade, wenn Deutschland aussteigen würde.“

In einem Jahrzehnt wird man auf diese Worte vermutlich mit demselben Ergebnis zurückblicken wie auf die Spiegel-Annonce von 1997. Bereits heute liegt eine detaillierte Studie des Prognos-Instituts vor, das im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz den Mythos vom globalen Akw-Boom untersucht hat. Ergebnis:

Prognos war übrigens eines der Institute, von dem sich Merkel die umstrittenen Szenarien für ihr Energiekonzept hat rechnen lassen. Umso bemerkenswerter ist der lapidare Satz der Gutachter, sie sähen keine Zunahme von Kernkraftwerken, sondern bloß


Deutsches Atomforum: Flexibel tricksen

Donnerstag, den 23. September 2010

Gerade hat die Bundesregierung die heißesten Träume der Atomlobby verwirklicht, für die längst abgeschriebenen und deshalb hochprofitablen Reaktoren von Eon, RWE, Vattenfall und EnBW soll es satte Verlängerungen der Laufzeiten geben. Wohl um diesen Erfolg zu feiern, hat das Deutsche Atomforum – etwa im Spiegel - ein weiteres Motiv seiner berühmt-berüchtigten „Klimaschützer-Kampagne“ geschaltet.

Ein paar Windräder sind dort neben einem Reaktor zu sehen, dazu der Spruch: „Kernkraftwerk Unterweser und Windenergie: CO2-Ausstoß = Null“. Diese offenkundige Lüge übergehen wir heute mal (sie wurde bereits hier widerlegt), sondern schauen ins Kleingedruckten der Annonce:

Dies ist ein ziemlich neues Argument der Atomlobby, vor wenigen Jahren noch versuchte sie die Erneuerbaren als Gutmenschen-Spinnerei abzutun. Und weiter:

Komisch, dass Umweltverbände, Wissenschaftler und die Branche der Erneuerbaren Energien das glatte Gegenteil sagen. Erst diese Woche wieder betonte der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung: „Kernkraftwerke können aufgrund ihrer technischen Eigenschaften nur bedingt zum Lastfolgebetrieb eingesetzt werden, können also die schwankende Einspeisung aus erneuerbaren Energien nicht flexibel genug ergänzen.“

Was stimmt denn nun?

Wie so oft bei gekonnter Grünfärberei: Es stimmt beides! Denn in der Tat können Atomkraftwerke ihre Stromproduktion dem Bedarf anpassen, wie es das Atomforum behauptet, die Eignung für diesen sogenannten „Lastfolgebetrieb“ wurde bei der Konstruktion berücksichtigt. Die spannende Frage ist aber, wie stark und wie schnell lassen sich Kernreaktoren hoch- und runterregeln?

Hierzu hat das Institut für Energiewirtschaft (IER) der Universität Stuttgart im Oktober 2009 im Auftrag von Eon eine ausführliche Studie vorgelegt. Detailliert wird darin die Regelbarkeit von Druckwasser- und Siedewasserreaktoren erörtert – mit dem Ergebnis, die Kritik an mangelnder Regelbarkeit sei „aus technisch-betrieblicher Sicht nicht haltbar“. Doch schaut man genau hin, dann bestätigt die Studie (siehe dort Seite 24) sogar, dass Gaskraftwerke schneller und dynamischer regelbar sind als Atomkraftwerke und deshalb besser geeignet sind als Stütze für die stark schwankende Windkraft. Die Reaktoren von Eon & Co. könnten laut Gutachten zwar um 40 bis 80 Prozent gedrosselt werden – wenn dies aber nicht genügt und sie wegen eines reichlichen Angebots von Ökostrom ganz abgeschaltet werden müssen, dann brauchen Atomkraftwerke mehrere Tage, um wieder angeworfen zu werden.

Genau solche Situationen, das hat im Auftrag des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE) das Fraunhofer-Instituts IWES in Kassel simuliert, werden bei starkem Ausbau der Erneuerbaren Energien nicht mehr die Ausnahme sein, sondern die Regel. Schon im Jahr 2020 müssten die deutschen Atomkraftwerke 629-mal vom Netz genommen werden, errechnete die Universität Flensburg in einer Studie im Auftrag des Ökostrom-Anbieters Lichtblick (siehe dort Seite 17).

Die Eon-Auftragsstudie hingegen verneint derartige Probleme. Ihr kategorisches Fazit steht jedoch in gewissem Widerspruch zum Gutachtentext; die dortige Schilderung nämlich (ab Seite 33), wie bei hoher Windkrafteinspeisung doch noch Reaktoren am Netz gehalten werden könnten, klingt reichlich kompliziert und wirkt eher wie ein Beleg für die erwartbaren Schwierigkeiten. Und offenbar funktioniert das Eon-Szenario auch nur dann, wenn Pumpspeicherwerke überschüssigen Strom aus inflexiblen Kohle- und Kernkraftwerke puffern – doch diese Pumpspeicherwerke werden dafür nicht zur Verfügung stehen, in allen offiziellen Energieszenarien sind sie nämlich bereits als Puffer für Windkraftanlagen fest verplant!

Noch weitere Unstimmigkeiten fallen am Eon-Gutachten auf; der wichtigste Punkt ist, wie so oft, eine Rahmenannahme. Die Autoren schreiben (auf Seite 12):

Dies aber sind falsche Zahlen! Die Bundesregierung geht für 2020 schon von 38,6 Prozent Ökostrom-Anteil aus (die Branchenlobby BEE hält gar 47 Prozent für möglich), als Ziel für 2030 nennt die Regierung in ihrem neuen Energiekonzept 50 Prozent. Das Eon-Gutachten geht also von zu niedrigen Ökostrom-Anteilen an, dadurch sind auch die Einspeise-Schwankungen im Netz kleiner – und damit der Regelbedarf der Kernkraftwerke, mithin das Problem, das die Studie eigentlich untersuchen sollte.

Vielleicht sollte man doch eher auf den Sachverständigenrat für Umweltfragen hören – also auf Leute, deren Arbeiten nicht von Eon bezahlt wurden?

P.S.: Kommende Woche schauen wir uns einmal an, welche Behauptungen die Atomlobby vor gut zehn Jahren in ihren Anzeigen aufstellte – und was daraus wurde.


RWE: Jobs für die Energie von gestern

Donnerstag, den 20. Mai 2010

Sechsmal im Jahr veröffentlicht der SPIEGEL ein Sonderheft für Studierende, den UniSPIEGEL. rwe_jobs1Jeweils 220.000 Exemplare werden kostenlos an Hochschulen verteilt oder einem Teil der Abo-Exemplare des Mutterblattes beigelegt. Um „Karrieremöglichkeiten“ gehe es in der Zeitschrift, heißt es in einer Selbstdarstellung, und um die Frage, in welchen Branchen „die Zukunft“ liege. Der Energieriese RWE versucht in der aktuellen Ausgabe, mit einer ganzseitigen Anzeige die Frage selbst zu beantworten.

In der Annonce hält ein junger Mann ein Schild mit der Aufschrift: „Ich will, dass auch die Umwelt Karriere macht!“ Die Tafel verdeckt sein halbes Gesicht – als wolle er nicht erkannt werden. Was man ja durchaus verstehen könnte, wo er doch hier zweifelhafte Werbung macht für Europas größten Verursacher von Kohlendioxid.

Im Kleingedruckten heißt es dann:

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Naja, dass ein „Energieversorger erneuerbar sein sollte“, glauben auch wir. Doch bei dem Essener Konzern klafft eine große Lücke zwischen solch flotten Worten und der Realität: Gerade einmal 15 Prozent seiner insgesamt geplanten Investitionen will RWE in den Bereich Erneuerbare Energien stecken, ergab im vergangenen Jahr eine Analyse des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) im Auftrag von Greenpeace. In Kohle- und Atomkraftwerke, so die Studie, wolle der Energieriese in den kommenden Jahren rund 16 Milliarden Euro investieren – hingegen stünden für Erneuerbare Energien nur rund 5 Milliarden bereit.

Dieses Bild bestätigt sich, wenn man sich auf der Website zur Annonce die Jobangebote des Konzerns genauer anschaut. Klar, da gibt es auch einige Ausschreibungen der Konzerntochter RWE Innogy, in der die Öko-Aktivitäten des Unternehmens gebündelt sind, etwa für „Projektentwickler Windenergie“ oder einen „Referenten Wasserkraft“. Doch daneben sucht der Konzern Leute, die

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arbeiten sollen – also dort, wo pro Kilowattstunde erzeugtem Strom mehr Kohlendioxid ausgestoßen wird als bei jeder anderen Art von Kraftwerk. Gleich zehn Stellen werden im hessischen Biblis angeboten – dort betreibt RWE bekanntlich eines der störanfälligsten Atomkraftwerke Deutschlands, gegen dessen veraltete Sicherheitstechnik die Ärzteorganisation IPPNW seit Jahren prozessiert. Und reihenweise finden sich Jobs wie diese:

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Wirklich interessant, was RWE für „erneuerbar“ hält und mit „Energie von morgen“ meint…

Danke an Christian B. aus Leipzig für den Hinweis


Braunkohleverband: Über das Wunschdenken

Freitag, den 23. Oktober 2009

Im Zuge der großen Imagekampagne des Deutschen Braunkohlen-Industrie-Vereins (Debriv) erscheinen derzeit wieder Woche für Woche sogenannte Expertenbeiträge in Spiegel, ZEIT und vielen anderen Medien. Seriös wirkende Wissenschaftler in Schlips und Kragen lächeln den Betrachter freundlich an. Das Niveau der Beiträge allerdings – vor allem das der senfgelb hervorgehobenen Kernaussagen – sinkt stetig. So erklärte kürzlich Professor Reinhard Leithner, Experte für Kraftwerksbau an der TU Braunschweig:

In der folgenden Woche polterte Professor Herrman-Josef Wagner vom Institut für Energietechnik der Ruhr-Universität Bochum:

Und anschließend verkündete Professor Joachim Weimann, Wirtschaftswissenschaftler und „Umweltexperte“ an der Universität Magdeburg:

Schwarzweiß-Denken, Wunschdenken, Ideologien? Klingt irgendwie alles ähnlich – und nicht gerade sachlich. Die Braunkohlelobby hält offenbar die Strategie für besonders vielversprechend, ihre Kritiker als unrealistische Öko-Spinner hinzustellen. Und aus Professorenmund erscheinen solche Attacken nach dem Kalkül der Werber besonders glaubwürdig.

Aber schauen wir uns doch den aktuellen Beitrag einmal näher an. Autor ist diese Woche Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Er lässt sich mit diesen Worten zitieren:

Das klingt erstmal nach mehr Seriosität als in den Vorwochen, offenbar geht es ums Thema CO2-Abtrennung und -Endlagerung (CCS). Im Kleingedruckten philosophiert Blum allerdings erstmal darüber, wie die ostdeutschen Länder ihren wirtschaftlichen Rückstand am besten aufholen könnten. Er erklärt, dass die Region in den „boomenden Bereichen Windenergie, Solartechnik und Biomasse“ aussichtsreich aufgestellt sei, um dann überraschenderweise den Begriff Nachhaltigkeit umzudeuten: Der darf seiner Meinung nach nicht auf „die sogenannten erneuerbaren Energien“ eingeschränkt werden.

Zur Sache kommt er erst im letzten Absatz. Nehme man die Klimaproblematik ernst, müsse „zwingend“ auch CCS „entwickelt und eingeführt“ werden. Er schließt mit den Sätzen: „Nicht die Beseitigung des industriellen Kerns Braunkohleindustrie wäre ein Beitrag zur Wirtschaftsstruktur in den neuen Ländern, sondern deren Pflege. Wissenschaft und Unternehmen müssen der Bevölkerung die Gewissheit vermitteln, dass die sichere CO2-Lagerung möglich ist.“

Was Professor Blum nicht sagt ist, dass es diese Gewissheit gar nicht gibt. Erst kürzlich stellte das Umweltbundesamt in einem Hintergrundpapier zusammenfassend fest, es sei „derzeit unklar, ob CCS eine Option zur großtechnischen CO2-Emissionsminderung und damit eine bedeutende Maßnahme des Klimaschutzes werden kann“. Außerdem heißt es dort: „Der Einsatz fossiler Brennstoffe würde auch mit dem Einsatz der CCS-Technik nicht nachhaltig.“ Und: „Die möglichen Schäden sind vielfältig und noch nicht ausreichend erforscht.“ Ganz offensichtlich handelt es sich beim Optimismus des Wirtschaftswissenschaftlers Blum in der technischen Frage der CO2-Endlagerung um „Wunschdenken“.

Apropos Wunschdenken: In Deutschland hat der Ausbau der erneuerbaren Energien in den letzten Jahren die Prognosen immer wieder übertroffen.

Danke an Marie R. für den Hinweis


Total: Solarenergie – eine vorrangige Winzigkeit

Montag, den 1. Juni 2009

In der gerade laufenden Image-Kampagne des französischen Ölriesen Total gibt es – danke an unsere Leser für den Hinweis! – doch nicht nur belanglose Motive. Vergangene Woche im Spiegel etwa warb der Konzern für seine Solarsparte. Wie in der Anzeigenserie üblich mit einer Fragestellung. „Könnte es sein“, lautete sie diesmal, „dass sich fossile und neue Energieträger ergänzen?“

„Ja, klar“, ist darauf natürlich die Antwort. Will man die Stromversorgung weitgehend auf erneuerbare Energien umstellen, eignen sich zur Ergänzung des schwankenden Angebots von Wind- oder Sonnenkraft kleinere, hocheffiziente Erdgaskraftwerke ganz hervorragend. (Die großen und deshalb trägen Atom- oder Kohlekraftwerke dagegen passen überhaupt nicht und sind deshalb beim Umstieg auf eine klimaschonende Energieversorgung eher hinderlich.)

Wenn der Ölriese in der unteren Hälfte der Annonce (kopfüber) eine Bohrinsel und einen Gastanker zeigt, dann sind das also tatsächlich ziemlich feine Sachen. Der Haken an der Annonce? Total behauptet im kleingedruckten Text, die Entwicklung der Solarenergie

des Konzerns. Und in den kommenden vier Jahren werde Total

für sein Solarengagement aufwenden. Toll, oder?

Beim Blick auf den Gesamtkonzern relativiert sich diese vielleicht spektakulär klingende Summe deutlich: Die Internationale Energieagentur (IEA) mit Sitz in Paris trägt Jahr für Jahr zusammen, wieviel Geld die großen Ölförderunternehmen denn so investieren. Die aktuellen Daten dazu standen grad neulich in der ZEIT. Und welche Summe ist dort für Total genannt? 18,2 Milliarden Dollar, was etwa 13 Milliarden Euro entspricht. Das in der Annonce gepriesene Solar-Investment beträgt also knapp 0,8 Prozent des Total-Gesamtbudgets für 2009.

Scheint ja echt eine „vorrangige“ Aktivität zu sein …


In eigener Sache: P.S. zur SpiegelOnline-Kritik

Samstag, den 14. Februar 2009

Selten hat ein Text auf diesem Blog so viele Reaktionen ausgelöst wie in dieser Woche unsere Kritik am SpiegelOnline-Artikel über die vermeintliche Sinnlosigkeit von Windrädern. Danke für die zahlreichen Zuschriften. Drei Ergänzungen:

1. Inzwischen gibt es weitere Kritiken des Spiegel-Textes – beispielsweise bei den Ärzten für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) oder vom Solarenergie-Förderverein) gepostet in diesem Forum – dort runterscrollen bis zum Beitrag #146 vom 12.02.).

2. Wir möchten klarstellen, dass der Klima-Lügendetektor kein begeisterter Fan des EU-Emissionshandels ist. Dieser ist ein ziemliches Bürokratie-Monster und hat zahlreiche Mängel. Beispielsweise öffnet er riesige Schlupflöcher durch großzügige Möglichkeiten, Klimaschutz-Projekte im Ausland auf die CO2-Bilanzen hiesiger Unternehmen anrechnen zu lassen („CDM“). Und es ist wahnwitzig, dass Großverursacher von Kohlendioxid durch Sonderregeln geschont werden. All dies sind Argumente, die gerade FÜR das Erneuerbare-Energien-Gesetz sprechen – und nicht gegen dieses, wie es im Spiegel-Beitrag hier und da anklingt.

3. Unser/e Leser/in „aloa5″ merkte (zu Punkt 3 des ursprünglichen Textes) an, dass der Börsenpreis für CO2-Zertifikate im Keller sei und sandte diese Grafik, in der (als gelbe Linie) die Preisentwicklung an der European Climate Exchange dargestellt ist.

In der Tat ist der Zertifikatepreis in den letzten Monaten von über 30 auf unter 10 Euro eingebrochen. Doch hat das weniger mit einem plötzlichen Boom der Windkraft im Herbst 2008 zu tun (im Gegenteil, der Ausbau beispielsweise in Deutschland stagnierte im vergangenen Jahr), sondern mit der Finanz- und Wirtschaftskrise. Dadurch sinken Industrieproduktion und Energieverbrauch und damit auch der Kohlendioxid-Ausstoß – was die politisch kalkulierte Zertifikateverknappung über den Haufen werfen könnte. Doch Beobachter berichten, dass der Preisverfall zum Teil damit zu tun habe, dass Unternehmen in der Krise sich durch den Verkauf der Zertifikate kurzfristig Liquidität verschaffen wollen – und sich später wieder eindecken müssen. Jedenfalls sind – auch um solche Schwankungen besser ausgleichen zu können – die Handelsperioden im EU-Emissionshandel nicht auf ein Jahr, sondern auf vier Jahre festgelegt worden. Und wenn sich zum Ende der laufenden Periode 2012 tatsächlich wieder ein Überschuss an Zertifikaten ergeben sollte, ist das eher ein Argument GEGEN den EU-Emissionshandel und FÜR das erfolgreiche deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz.

So, wir hoffen, dass wir Sie diese Woche nicht mit komplizierten Detail-Debatten gelangweilt haben. Kommende Woche nehmen wir uns ein ganz einfaches Thema vor: das neueste Motiv der RWE-Imagekampagne „voRWEggehen“.


SpiegelOnline: Wie Don Quijote gegen Windräder

Mittwoch, den 11. Februar 2009

Das „Nachrichtenmagazin“ Der Spiegel und die Windkraft – das ist eine lange und komplizierte Geschichte. Vor fünf Jahren druckte das Blatt, damals noch unter Chefredakteur Stefan Aust, eine Titelgeschichte mit dem Slogan „Der Windmühlen-Wahn“, die gegen eine „Verspargelung der Landschaft“ und „hoch subventionierte Landschaftszerstörung“ polemisierte. Zwei hochgelobte Fachredakteure, Gerd Rosenkranz und Harald Schumann, schmissen daraufhin ihre Jobs. Aust habe die „Propaganda“-Geschichte gewollt, hieß es hinterher, weil er sich „beim Pferdezüchten im Elbeflachland bei Stade“ über „viele Windräder in der Nähe“ geärgert habe.

Gestern nun präsentierte SpiegelOnline, immerhin Deutschlands meistgelesene Nachrichten-Website, einen vermeintlichen Knüller: Windkraftanlagen seien klimapolitisch sinnlos, denn der Kohlendioxid-Ausstoß werde durch sie gar nicht gesenkt.

Das Kernargument ist nicht neu, in der Szene wird es spätestens seit dem letzten Buch des industriefreundlichen Münchner Ökonomen Hans-Werner Sinn („Das grüne Paradoxon“) debattiert: Wenn hierzulande Kohlendioxid eingespart werde, bringe das im großen Maßstab gar nichts – weil der EU-Emissionshandel erlaube, dass die hierzulande nicht mehr benötigten CO2-Verschmutzungszertifikate ins Ausland vertickt werden. „Polnische oder slowakische Kohlekraftwerke“, heißt es bei SpiegelOnline, würden dann eben mehr von dem Klimagas ausstoßen.

Das klingt erstmal einleuchtend, ist aber Humbug. Spiegel-Redakteur Anselm Waldermann hätte das mit einer einzigen Nachfrage beim UN-Klimasekretariat in Bonn, bei der EU-Kommission in Brüssel oder der Deutschen Emissionshandelsstelle in Berlin erfahren können. Stattdessen zitiert er – oho, was für ein journalistischer Scoop! – aus irgendwelchen E-Mails namenloser Referenten der Grünen-Bundestagsfraktion. Ein ebenso anonymer Vertreter des Bundesverbands Erneuerbare Energien tritt bei SpiegelOnline mit der Binsenweisheit auf, zwischen dem deutschen Einspeisegesetz und dem europäischen Emissionshandel bestehe „eine gewisse Widersprüchlichkeit“. Darüber ist schon lang und breit gestritten worden, beispielsweise als die EU im vergangenen Jahr über konkrete Klimaschutz-Vorgaben für die Mitgliedsstaaten feilschte.

Alle Unkorrektheiten und falschen Zusammenhänge des SpiegelOnline-Textes können wir in der hier gebotenen Kürze nicht ausbreiten, nur zum Kern des Ganzen (sorry, ganz leicht verständlich ist es trotzdem nicht):

1. Der EU-Emissionshandel legt zwar eine Gesamtmenge an Kohlendioxid fest, die von den daran angeschlossenen Industrieanlagen und Kraftwerken europaweit ausgestoßen werden darf. Diese aber ist nicht „unveränderlich“, wie SpiegelOnline schreibt. Im Gegenteil, sie sinkt über die Jahre. EU-Kommission und nationale Regierungen legen dazu sogenannte „Allokationspläne“ fest. Langfristig kalkulierbar soll damit die Zahl der verfügbaren CO2-Zertifikate verringert werden. (Viel zu langsam, wie Klimaschützer beklagen. Viel zu schnell, wie beispielsweise die Kohlelobby zetert.) Ein Zubau von Windrädern hilft in diesem System dabei, dass der Preis für die zunehmend knapper werdenden Verschmutzungsrechte in vertretbarem Rahmen bleibt. Und die Verbraucherpreise für Strom nicht in astronomische Höhen steigen.

2. Der Verkauf deutscher CO2-Zertifikate nach Polen oder in die Slowakei ist blanke Theorie. In der Praxis verfügt die deutsche Energiewirtschaft derzeit nicht über zu viele, sondern über zu wenige Verschmutzungsrechte. Deshalb haben E.on, RWE, Vattenfall & Co. auch mit harten Bandagen gegen den Emissionshandel gekämpft. Aus dem „Nationalen Allokationsplan“ der „Handelsperiode 2008 bis 2012″, den die deutsche Emissionshandelsstelle als 70-seitige Tabelle ins Internet gestellt hat, geht beispielsweise hervor, dass das Vattenfall-Kraftwerk Jänschwalde jährlich gut 12 Millionen Zertifikate kostenlos zugeteilt bekommt – für den üblichen Betrieb aber braucht der Kohle-Riese etwa doppelt so viele. Die Differenz muss Vattenfall zukaufen, entweder bei anderen Anlagenbetreibern im Inland oder irgendwo im Ausland. Das politische Ziel: den Betrieb von CO2-intensiven Kohlekraftwerken verteuern. Für die nötigen Zertifikate gibt allein Vattenfall nach eigenen Angaben jährlich 716 Millionen Euro aus – auch deshalb investieren der Konzern wie auch seine Konkurrenten neuerdings verstärkt in Erneuerbare Energien.

3. Einen Überschuss an CO2-Zertifikaten gab es hierzulande tatsächlich – allerdings nur bis Ende 2007 und nicht wegen des Booms von Windrädern. Stattdessen war es der Industrie für die sogenannte erste Handelsperiode des EU-Emissionshandels durch massiven Druck und geschicktes Lobbying gelungen, von den Behörden viel mehr Verschmutzungsrechte geschenkt zu bekommen, als sie zum Betrieb ihrer Anlagen brauchten. Als das im Mai 2006 herauskam, brachen an einem „Schwarzen Freitag“ die Börsenpreise für Emissionsrechte ein. CO2-Zertifikate kosteten später nur noch wenige Cent. Die ganze Idee des Emissionshandels, der auf Knappheit basiert, war perdu. Mit Start der zweiten Handelsperiode 2008 wurde dieser Fehler korrigiert.

Fassen wir zusammen: In Deutschland herrscht derzeit (soweit bekannt) kein Überschuss an CO2-Zertifikaten – trotz Ausbaus der Erneuerbaren Energien und aller anderen Klimaschutzmaßnahmen. Deshalb kann es auch keinen (Netto-)Verkauf von überschüssigen Verschmutzungsrechten nach Polen oder sonstwohin geben. CO2-Einsparungen durch deutsche Windräder sorgen folglich nicht dafür, dass im Ausland mehr Klimagas ausgestoßen werden darf – im Gegenteil, sie dämpfen den Preis für die (gewollt) knappen Zertifikate und helfen somit bei der Erreichung der deutschen und europäischen Klimaziele.

Zugegeben, einfach ist diese ganze Sache nicht. Und der EU-Emissionhandel hat etliche Mängel. An dessen weitgehender Nutzlosigkeit in den vergangenen Jahren waren aber nicht Windräder, Solarzellen oder das Erneuerbare-Energien-Gesetz schuld, sondern die Macht der überkommenen Energiewirtschaft und die Nachgiebigkeit der Politik.

Aber vielleicht ist das eine zu komplizierte Geschichte für SpiegelOnline.