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Braunkohleverband: Über das Wunschdenken

Freitag, den 23. Oktober 2009

Im Zuge der großen Imagekampagne des Deutschen Braunkohlen-Industrie-Vereins (Debriv) erscheinen derzeit wieder Woche für Woche sogenannte Expertenbeiträge in Spiegel, ZEIT und vielen anderen Medien. Seriös wirkende Wissenschaftler in Schlips und Kragen lächeln den Betrachter freundlich an. Das Niveau der Beiträge allerdings – vor allem das der senfgelb hervorgehobenen Kernaussagen – sinkt stetig. So erklärte kürzlich Professor Reinhard Leithner, Experte für Kraftwerksbau an der TU Braunschweig:

In der folgenden Woche polterte Professor Herrman-Josef Wagner vom Institut für Energietechnik der Ruhr-Universität Bochum:

Und anschließend verkündete Professor Joachim Weimann, Wirtschaftswissenschaftler und „Umweltexperte“ an der Universität Magdeburg:

Schwarzweiß-Denken, Wunschdenken, Ideologien? Klingt irgendwie alles ähnlich – und nicht gerade sachlich. Die Braunkohlelobby hält offenbar die Strategie für besonders vielversprechend, ihre Kritiker als unrealistische Öko-Spinner hinzustellen. Und aus Professorenmund erscheinen solche Attacken nach dem Kalkül der Werber besonders glaubwürdig.

Aber schauen wir uns doch den aktuellen Beitrag einmal näher an. Autor ist diese Woche Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Er lässt sich mit diesen Worten zitieren:

Das klingt erstmal nach mehr Seriosität als in den Vorwochen, offenbar geht es ums Thema CO2-Abtrennung und -Endlagerung (CCS). Im Kleingedruckten philosophiert Blum allerdings erstmal darüber, wie die ostdeutschen Länder ihren wirtschaftlichen Rückstand am besten aufholen könnten. Er erklärt, dass die Region in den „boomenden Bereichen Windenergie, Solartechnik und Biomasse“ aussichtsreich aufgestellt sei, um dann überraschenderweise den Begriff Nachhaltigkeit umzudeuten: Der darf seiner Meinung nach nicht auf „die sogenannten erneuerbaren Energien“ eingeschränkt werden.

Zur Sache kommt er erst im letzten Absatz. Nehme man die Klimaproblematik ernst, müsse „zwingend“ auch CCS „entwickelt und eingeführt“ werden. Er schließt mit den Sätzen: „Nicht die Beseitigung des industriellen Kerns Braunkohleindustrie wäre ein Beitrag zur Wirtschaftsstruktur in den neuen Ländern, sondern deren Pflege. Wissenschaft und Unternehmen müssen der Bevölkerung die Gewissheit vermitteln, dass die sichere CO2-Lagerung möglich ist.“

Was Professor Blum nicht sagt ist, dass es diese Gewissheit gar nicht gibt. Erst kürzlich stellte das Umweltbundesamt in einem Hintergrundpapier zusammenfassend fest, es sei „derzeit unklar, ob CCS eine Option zur großtechnischen CO2-Emissionsminderung und damit eine bedeutende Maßnahme des Klimaschutzes werden kann“. Außerdem heißt es dort: „Der Einsatz fossiler Brennstoffe würde auch mit dem Einsatz der CCS-Technik nicht nachhaltig.“ Und: „Die möglichen Schäden sind vielfältig und noch nicht ausreichend erforscht.“ Ganz offensichtlich handelt es sich beim Optimismus des Wirtschaftswissenschaftlers Blum in der technischen Frage der CO2-Endlagerung um „Wunschdenken“.

Apropos Wunschdenken: In Deutschland hat der Ausbau der erneuerbaren Energien in den letzten Jahren die Prognosen immer wieder übertroffen.

Danke an Marie R. für den Hinweis


Debriv: Wenn Lobbyisten Lobbyisten zitieren…

Donnerstag, den 14. Mai 2009

Inzwischen ist die Imagekampagne des Deutschen Braunkohlen-Industrie-Vereins (Debriv) fast schon mitleidserregend. Man lasse darin

zu Wort kommen, hatte die Kohlelobby eigentlich mal versprochen. Längst aber treten in der Werbung weder Unabhängige noch Experten auf – wahrscheinlich findet sich niemand mehr für diese platte Propaganda der Klimakiller-Branche. Jedenfalls ließ der Debriv diese Woche einen Lobbyistenkollegen auftreten, Maksymilian Klank, den Präsidenten des polnischen Steinkohleverbandes. Der ist, zumindest was den Kohlendioxid-Ausstoß von Kohlekraftwerken angeht, bemerkenswert ehrlich.

Schade, dass dieser Satz nicht zum Blickfang seines gesamten Beitrags wurde. Dafür wählten die Debriv-Werber lieber:

Dass der Chef des Steinkohleverbands und – laut offiziellem Lebenslauf - Vorstandsmitglied eines großen Bergbauzulieferers neue Kraftwerke will, ist nicht so wirklich überraschend. Aber offenbar folgt der Debriv einer alten PR-Strategie: Man zeige einen seriös wirkenden Herren in Anzug und Krawatte (ebenso geeignet sind Menschen in weißen Arztkitteln) und lasse ihn irgendetwas sagen. Das kann noch so verkehrt sein – wenn man es nur oft genug wiederholt, setzt es sich schon irgendwann fest in den Köpfen der Leute. Denn in Wahrheit haben die neuen Kohleblöcke, die hierzulande von den Konzernen derzeit gebaut oder geplant werden, zwar einen etwas niedrigeren CO2-Ausstoß als ihre Vorgänger aus den sechziger und siebziger Jahren – aber eben doch immer noch exorbitant hohe Werte.

Mit einer Grafik versucht die Annonce dann für diese Neuanlagen zu werben. Doch dies geht eher daneben: Schaut man sich das Bildchen auch nur etwas genauer an, zeigt  es bestechend, warum die ebenfalls von Herrn Klank (und dem Debriv) gepriesene CCS-Technologie der CO2-Abscheidung ein technologischer Rückschritt ist. Denn für diese (noch weit vom kommerziellen Einsatz entfernte) Technologie zeigt die Grafik rechts zwei kurze Balken, die einen niedrigen Treibhausgas-Ausstoß illustrieren sollen. Die Punkte im oberen Bereich der Grafik zeigen aber auch, was die teure und energieaufwändige CO2-Abscheidung für den Wirkungsgrad dieser „Wunderkraftwerke“ bedeutet: Sie werden ein Drittel schlechter sein als heutige Anlagen.

Würde man in diesem Bildchen mit einer roten Linie den Wert für die derzeit wirklich modernsten (fossilen) Kraftwerke eintragen, dann sähe die Grafik etwa so aus:

Blockheizkraftwerke (BHKW) auf Erdgasbasis nämlich, die flexibel und sauber zugleich Strom und Heizwärme erzeugen, stoßen (wenn man wie das Öko-Institut in einer Studie optimistische Annahmen wählt) pro erzeugter Kilowattstunde Elektrizität lediglich 49 Gramm Kohlendioxid aus – die Hälfte dessen, was die Kohlebranche für ihre vielleicht irgendwann einmal einsetzbaren CCS-Kraftwerke verspricht. Und raten Sie mal, wo in der Grafik man den Punkt setzen müsste für den Wirkungsgrad dieser Erdgas-BHKW? Richtig. Der wäre so weit oben (bei etwa 90 Prozent), dass er gar nicht auf das Bild passt.


Braunkohle-Lobby: Sieben Seen voller Krokodilstränen

Dienstag, den 21. April 2009

Der Braunkohle-Lobbyverband DEBRIV hat die dritte Welle seiner groß angelegten Greenwashing-Kampagne mit sogenannten „Diskussionsbeiträgen“ gestartet. Diesmal darf Walter C. Steinbach, Präsident der Landesdirektion Leipzig, im farblich passenden Layout seinen Senf abgeben. Ihm ist ein besonders zynischer Beitrrag gelungen:

Steinbachs Argumentation lautet, es sei zwar bedauerlich, dass in der Region Leipzig in den vergangenen Jahrzehnten 24.000 Menschen ihre Heimat verlassen mussten, um dem Braunkohletagebau zu weichen, aber das sei ja quasi Geschichte: „Erst die politische Wende 1989 führte zu einem Umdenken. Die Braunkohleförderung ging von 60 auf 10 Millionen Tonnen pro Jahr zurück (…)“ Inzwischen transformiere sich der Südraum Leipzig „von einer Industrielandschaft in eine Industriekulturlandschaft mit hohem Freizeit- und Erholungswert.“ Bis 2015 sollen in dem Gebiet sieben Seen mit einer Gesamtwasserfläche von fast 35 Quadratkilometern entstehen. „Nach den teilweise schlimmen Folgen der früheren bergbaulichen Nutzung können die Menschen wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken“, schreibt Steinbach.

Für die Menschen in Heuersdorf am südlichen Rand des Tagebaus Schleenhain muss das wie Hohn klingen. Hoffnungsvoll blickt dort niemand in die Zukunft, vielmehr ist die Stimmung unglaublich trostlos. Denn in diesen Tagen reißen Baufahrzeuge alles nieder, was von dem Dorf noch übrig ist, die letzten Bewohner müssen ihre Häuser verlassen. Und das alles nur, weil unter ihrem Heimatort rund 50 Millionen Tonnen Braunkohle liegen. Dass sie ihr mehr als 700 Jahre altes Dorf aufgeben müssen, damit das Kraftwerk Lippendorf viereinhalb Jahre lang mit Brennstoff versorgt werden kann, empfinden die Heuersdorfer als Verbrechen. Ob ihre Ortschaft nun in der DDR oder im Freistaat Sachsen abgebaggert wird, ist für sie nebensächlich.

Steinbachs Beitrag endet wie eine Drohung: „Um diese Entwicklung nicht zu gefährden, hält der Freistaat Sachsen im Rahmen seines Energieprogramms an der heimischen Braunkohle auch zukünftig fest.“ Nach den derzeitigen Plänen soll der Tagebau noch bis 2040 wachsen.

PS: Braunkohle ist der klimaschädlichste Energieträger überhaupt. Vor diesem Hintergrund ist auch der in der Anzeige besonders hervorgehobene Satz interessant, die Landschaft um Leipzig bekomme „ein ganz neues Gesicht“: Tatsächlich weren für den Norden Sachsens bis Ende des Jahrhunderts ein Rückgang der sommerlichen Niederschläge um 30 Prozent und deutlich steigende Temperaturen prognostiziert. Sachsen droht zu versteppen.


Debriv: Dreckige Braunkohle-Jobs hochgerechnet

Dienstag, den 4. November 2008

Sie läuft und läuft und läuft, die PR-Kampagne der Braunkohlelobby. Nach einigen wirklich prominenten Leuten lässt der Deutsche Braunkohle-Industrie-Verein inzwischen auch Wissenschaftler aus der zweiten Reihe auftreten. (Wir warten immer noch darauf, dass nach der Reihe von Honorarprofessoren, Kohlenforschern und Volkswirten endlich mal irgendein namhafter Klimatologe zu Wort kommt, zum Beispiel Nasa-Experte James Hansen, der einen Stopp von Kohlekraftwerken fordert. Aber das nur nebenbei.)

In halbseitigen Zeitungsannoncen und auch im Internet tritt nun also Rüdiger Hamm auf, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach.

Diesen Prof. Hamm lässt die Kohlelobby sehr ausführlich darauf hinweisen, dass die „große regionalwirtschaftliche Bedeutung“ der Braunkohle, dass dieser „oft vernachlässigte Aspekt“, doch bitte „in die Diskussion … mit einbezogen“ werden müsse. Die „Braunkohlegewinnung in Deutschland“, so heißt es in dem „Expertenbeitrag“, „sicherte 2007 insgesamt mehr als 50.000 Arbeitsplätze.“

Diese Zahl ist, wie die Lektüre des Textes zeigt, grob hochgestapelt -gerechnet. Sie basiert auf einer Studie, die Hamms Hochschule vor acht Jahren verfasst hat und die ausschließlich das rheinische Braunkohlerevier betrachtet hatte. Auftraggeber war übrigens die RWE-Tochter Rheinbraun, wie damals die Neuß-Grevenbroicher-Zeitung berichtete. Die Studie hatte zu den etwa 11.000 direkt Beschäftigten nicht nur Tausende Jobs in Zulieferfirmen addiert, sondern u.a. auch „weitere 4.000 Arbeitsplätze in der Stromverteilung“. Und darüber hinaus noch einen „Beschäftigungseffekt von 6.625 Personen“, der „mit der Verausgabung der in der Braunkohleförderung und -verstromung erzielten Einkommen für Deutschland insgesamt“ verbunden sei. Zumindest die letzten beiden Kategorien aber hängen gar nicht direkt an der Braunkohle: Denn natürlich müssen Stromnetze betrieben werden, egal wie die Elektrizität erzeugt wird. Auch die indirekten Beschäftigungseffekte der Braunkohle dürften beim Ausstieg aus dieser klimaschädlichsten Energieform kaum verloren gehen – schließlich verdienen Arbeiter in Gaskraftwerken oder die Angestellten von Windanlagenbauern ebenso Geld und werden es auch ausgeben.

Die Gesamtzahl von „mehr als 50.000 Arbeitsplätzen“ stammt ohnehin nicht aus einer Studie, sondern vom Debriv selbst, wie das Kleingedruckte am rechten Rand der Grafik in der Annonce auch zugibt.

Man habe das Papier aus Mönchengladbach sowie eine ähnliche Erhebung der Prognos AG für das ostdeutsche Revier ausgewertet und anhand der derzeitigen Zahl der Kohlekumpel „die Beschäftigteneffekte konservativ hochgerechnet und abgerundet“, erläutert Debriv-Sprecher Uwe Maaßen.

Die spannendste Frage aber ist: Wie viel sind 50.000 Arbeitsplätze eigentlich? Relativ wenig, wenn man die Zahl ins Verhältnis setzt: Bereits im Jahr 2006 boten die Erneuerbaren Energien hierzulande Jobs für 236.000 Menschen, mehr als vier Mal so viel wie die Braunkohle, so die offizielle Zahl der Bundesregierung. Weil der Markt weiter boomt, dürfte die Zahl heute schon weit darüber liegen. Noch ein zweiter Vergleich: Die Erneuerbaren deckten im Jahr 2007 gut 14 Prozent des deutschen Strombedarfs, Braunkohle hatte einen Anteil von 24,5 Prozent, also (noch) fast das Doppelte. Angesichts dessen ist die Zahl von 50.000 Jobs ziemlich dürftig.


Debriv: Ein Weizsäcker für die Braunkohle

Freitag, den 20. Juni 2008

Yeah, der Deutsche Braunkohlen-Industrie-Verein (Debriv) ist wieder da! Seine Werbekampagne „Die Braunkohle. Was liegt näher?“ – die uns bereits mehrfach beschäftigte – geht in die nächste Runde. Diese Woche ließ man den honorigen Richard, äh, Carl Friedrich, nein, Ernst Ulrich, sorry, Carl Christian von Weizsäcker für sich auftreten. Zum Beispiel auf Spiegel Online:

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In seinem Beitrag auf der zugehörigen PR-Homepage schreibt Weizsäcker: „Die deutsche Braunkohle ist … unverzichtbar … zur Stabilisierung des Weltklimas.“ Wie bitte? Die weitere Nutzung des Klimakillers Braunkohle hierzulande soll ein Segen sein fürs Klima? Die Argumentation des Professors geht so: Wenn die Deutschen weiter auf den dreckigen Energieträger setzen und ihn (bis wann eigentlich?) durch die umstrittene CCS-Technologie zu „Clean Coal“ machen, dann werde der Rest der Welt diesem Beispiel folgen. Andere Wissenschaftler meinen zwar, Deutschland wäre als weltweites Vorbild wirksamer, wenn es konsequent Energiesparen und Erneuerbare Energien fördern würde. Aber egal.

Der Debriv versichert, in seiner Kampagne „unabhängige Experten“ zu Wort kommen zu lassen. Unter Weizsäckers Bild heißt es denn auch:

debriv_weizs_kl.jpg Da könnte zwar ebenso gut stehen: ehem. Mitglied im Wirtschaftsbeirat der RWE AG. Über Jahre gehörte Carl Christian von Weizsäcker nämlich diesem Gremium von Deutschlands größtem Energiekonzern an, der just der Verstromung von Braunkohle einen Gutteil seiner Gewinne verdankt.

Aber wie sähe das denn aus?


Braunkohle-Lobby: stillschweigend korrigiert

Donnerstag, den 3. April 2008

Die PR-Kampagne des Deutschen Braunkohle-Industrie-Verein (Debriv) läuft und läuft; in der ZEIT ist heute dieselbe Anzeige erschienen, die am Montag auch im Spiegel stand. Dieselbe? Moment!

Das ist ein Ausriss aus der Annonce vom Wochenbeginn:

Und das ein Ausriss von heute:

Haben Sie es bemerkt? Das Plädoyer für den Bau neuer Kohlekraftwerke (im Lobbyisten-Neusprech: „effizientere Anlagen“) ist plötzlich verschwunden. Auch auf der Internetseite zur Kampagne findet sich eine – stillschweigend – geänderte Fassung des Anzeigentextes.

Er stammte von Professor Robert Socolow, einem renommierten Klima-Experten der US-Universität Princeton. Beziehungsweise von einem Schweizer Journalisten, der vom Debriv damit beauftragt ist, „Testimonials“ von Wissenschaftlern zum Thema Klima, Energie und Kohle einzuholen und Socolow zuvor schon für andere Auftraggeber interviewt hatte.

Robert Socolow befürwortet in der Tat – wie der Debriv – die umstrittene CCS-Technologie zur Abtrennung und unterirdischen Lagerung von Kohlendioxid. Allerdings wird die frühestens 2020 großtechnisch einsatzfähig sein. Schon heute aber wollen Mitgliedsfirmen des Debriv wie Mibrag, RWE oder Vattenfall in Deutschland neue Kohlekraftwerke bauen – die dann auf Jahrzehnte riesige Mengen Kohlendioxid ausstoßen werden. Die millionenschwere Debriv-Kampagne soll ein gutes Investitionsklima schaffen. Auf unsere Nachfrage hin stellte Socolow klar: „Nein, ich unterstütze den Bau neuer Kohlekraftwerke nicht, wenn sie keine CO2-Abscheidetechnik besitzen und es keinen verlässlichen Plan zur Lagerung des Kohlendioxids gibt.“ Doch das hätte in der Debriv-Kampagne nicht so gut gestanden.

Sein Text werde „offensichtlich missbraucht“, hatte Socolow noch gesagt. Montagmorgen baten wir den Debriv-Sprecher um eine Stellungnahme. Er versprach einen Rückruf, der bis heute nicht kam. Aber die – geänderte – Anzeige ist ja irgendwie auch eine Antwort.

P.S.: Fünf Tage nach diesem Text erhielten wir dann doch noch eine E-Mail des Debriv-Sprechers. Darin erklärt er, die ursprünglich erschienene Anzeige sei von dem beauftragten Journalisten mit einer Assistentin von Robert Socolow abgestimmt worden. Auch habe man „deutlich gemacht“, dass der Text in einer „Informationskampagne“ verwendet werden solle. Dass aber deren Auftraggeber den Neubau von Kohlekraftwerken in Deutschland propagiert (den Socolow ablehnt), war im fernen Princeton niemandem bewusst. „In jedem Fall akzeptieren wir die persönliche Meinung von Prof. Socolow, die wir unverfälscht wiedergeben wollen“, versichert uns der Sprecher „mit freundlichem Grüßen und Glückauf“. Deshalb habe man auch Socolows „Präzisierungswünsche“ der „unter Umständen missverständlichen Aussage über die CCS-Fähigkeit neuer Kohlekraftwerke“ übernommen.


Schon wieder die Braunkohle-Lobby: ein "missbrauchter" Kronzeuge

Sonntag, den 30. März 2008

Ein fröhliches „Danke!“ an dieser Stelle an den Deutschen Braunkohle-Industrie-Verein (DEBRIV) in Köln. Seine seit vier Wochen laufende Werbekampagne „Braunkohle. Was liegt näher?“ liefert uns zuverlässig Material – wir hoffen nur, dass es die Leser (noch) nicht langweilt.

Die Kampagne wirbt mit langen Expertentexten und propagiert neue Kohlekraftwerke. Mal lässt sie einen Professor sagen: „Die Abschaffung von Kohlekraftwerken zu fordern, ist nicht sinnvoll.“ Ein anderes Mal heißt es: „Ein Ausstieg aus der Braunkohle wäre ein Weg in eine klimapolitische Sackgasse.“ Die Anzeigen kommen seriös daher, jonglieren aber sehr freihändig mit Zitaten und Fakten. Im neuen SPIEGEL nun lässt der DEBRIV einen überraschenden Kronzeugen auftreten: Professor Robert Socolow von der US-Universität Princeton.

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Socolow ist – im Unterschied zu den vorherigen Kronzeugen des DEBRIV übrigens – ein weltweit renommierter Klimaexperte. Sein Artikel im Magazin Science aus dem Jahr 2004, in dem er die schier übermächtig erscheinende Aufgabe der drastischen Reduzierung des CO2-Ausstoßes in kleine Stückchen („wedges“, zu Deutsch: „Keile“) zerteilte und so ein Szenario für konkrete Klimaschutzmaßnahmen entwarf, ist mittlerweile ein Klassiker der Klima-Literatur.

Deshalb verwundert es, dass Socolow nun ausgerechnet bei der deutschen Kohle-Lobby auftritt. Unten rechts in der Annonce heißt es:

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Eine Nachfrage bei Socolow aber ergibt: „Ich wurde nicht von der deutschen Kohle-Industrie interviewt.“ Er habe nur mit einem Schweizer Journalisten gesprochen, der für die Neue Zürcher Zeitung arbeitet. Über weite Strecken ist der Text eine Wiedergabe von Socolows auch schon auf Deutsch veröffentlichten Thesen: „Schnellstens“ fordert er Maßnahmen zur Senkung des weltweiten CO2-Ausstoßes, zum Beispiel durch Energiesparen oder die Einführung von Vier-Liter-Autos. Ein Teil der Emissionssenkungen, die in den nächsten 50 Jahren geschehen müssten, so Socolow, könne „die Installation von Systemen zur CO2-Abtrennung und -Speicherung (Carbon Capture and Storage, CCS) bei 800 großen Kohlekraftwerken“ erbringen.

Auf dieser CCS-Technologie ruht alle Hoffnung der Kohle-Industrie, trotz Klimawandel noch Kraftwerke betreiben zu können. Der Haken: CCS wird frühestens im Jahr 2020 großtechnisch einsatzfähig (und möglicherweise niemals rentabel) sein. Schaut man deshalb auf den Stand neuer Kohlekraftwerks-Projekte in Deutschland, ergibt sich dieses Bild:

derzeit in Bau befindliche Kraftwerke: 5

davon werden mit CCS in Betrieb gehen: 0

weitere Kraftwerke in konkreter Planung: 22

davon werden mit CCS in Betrieb gehen: 0

Auf Nachfrage sagt Robert Socolow denn auch explizit: „Nein, ich unterstütze den Bau neuer Kohlekraftwerke nicht, wenn sie keine CO2-Abscheidetechnik besitzen und es keinen verlässlichen Plan zur Lagerung des Kohlendioxids gibt.“ Die jetzt gebauten Anlagen ohne CCS nämlich haben eine Laufzeit von vier Jahrzehnten – ihr Beitrag zur von Socolow geforderten „schnellstmöglichen“ Emissionsminderung: ebenfalls Null.

Das Klimaproblem lasse sich „nur in Etappen bezwingen“, lässt die Kohle-Lobby ihren unfreiwilligen Kronzeugen in großen Lettern im SPIEGEL sagen. Das Zitat ist zwar korrekt, aber Socolow meint mit seiner Metapher, dass man große Aufgaben in kleine Stücke zerlegen und jeder Bereich einen Beitrag erbringen müsse. In der DEBRIV-Anzeige aber klingt die Aussage, als könne man bestimmte Sachen auch später noch angehen. Das Gespräch, das er mit dem Schweizer Journalisten geführt hat, so Socolow, werde hier „offenbar missbraucht“.

Der Braunkohle-Verband war am Wochenende für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.


DEBRIV: Märchen von der sauberen Kohle

Freitag, den 28. März 2008

In Woche 3 seiner großen Braunkohle-Grünwasch-Anzeigenkampagne gibt der Deutsche Braunkohle-Industrie-Verein DEBRIV endlich zu: Er erzählt Märchen. Diesmal eines der Gebrüder Grimm. Auf einer halben Seite der ZEIT (Listenpreis: 28 997,76 Euro plus MwSt.) lesen wir:

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Diese Woche ist es Georg Erdmann, Professor an der TU Berlin, den die Braunkohle-Lobby für sich sprechen lässt. Wie schon in den vorherigen Anzeigen wird geschickt mit Zahlen und Fakten jongliert – und es ist nicht klar, ob dies der Professor tut oder die Werber von der DEBRIV. Die ZEIT-Anzeige beispielsweise behauptet – schlicht wahrheitswidrig –, „alle Experten“ seien sich einig, dass es ohne neue Braunkohlekraftwerke eine Stromlücke in Deutschland gäbe. In der Online-Fassung des Erdmann-Textes dagegen heißt es vorsichtiger, dies sei nur die „Ansicht der meisten Experten“.

Gleich am Anfang des Textes fordert die Anzeige ein „großes Forschungsprogramm für eine CO2-neutrale Nutzung von Kohle“ – dabei gibt es das längst. Die Förderung der – höchst umstrittenen – CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage – Abscheidung und unterirdische Lagerung von Kohlendioxid) ist längst ein Schwerpunkt der Energieforschungsprogramme des Bundeswirtschaftsministerium. Die EU fördert die Forschung seit 2007 mit 500 Millionen Euro, die Europäische Investitionsbank stellt sogar eine Milliarde bereit (alles nachzulesen in diesem Bericht der Bundesregierung, Seite 22f). Trotz aller Anstrengungen aber wird CCS nicht vor 2020 großtechnisch einsatzfähig sein – wenn überhaupt. Und ob sie rentabel sein wird, ist noch unsicherer. Die neuen Kohlekraftwerke, um die RWE, Vattenfall & Co derzeit verbissen kämpfen, werden jedenfalls ohne jede CO2-Abscheidung gebaut. Damit ist Braunkohle nach wie vor die klimaschädlichste Energiequelle.

„Wer weiß“, schließt die Anzeige,“vielleicht wird aus unserem Aschenputtel ‚Braunkohle‘ eines Tages die strahlende Partnerin in einem neuen, nachhaltigen Energiesystem.“ Ja, wer weiß, vielleicht ist die Erde auch eine Scheibe.


DEBRIV: www.braunkohle-halbwissen.de

Mittwoch, den 19. März 2008

Rummmms! Die Kohlelobby meldet sich zu Wort. Und wie! Im SPIEGEL, auf SpiegelOnline, in der Süddeutschen Zeitung, der ZEIT und etlichen anderen Medien brüllen einen seit ein paar Tagen Anzeigen des Deutschen Braunkohle-Industrieverbandes – DEBRIV – an (übrigens nie im Wirtschafts-, sondern stets im Politik-Ressort):

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Mit Millionenaufwand – allein eine Doppelseite im SPIEGEL kostet knapp hunderttausend Euro – versucht die Braunkohle-Lobby damit, ihr Image aufzupolieren. Das hat sie auch nötig. Denn Braunkohle ist wegen der Förderung im Tagebau nicht nur extrem landschaftszerstörend, sondern auch ein lausiger Brennstoff: der Heizwert ist niedrig, der Wassergehalt hoch. Kein Energieträger verursacht bei der Stromerzeugung so viel Kohlendioxid wie Braunkohle.

Bis zu 1.200 Gramm CO2 werden in deutschen Braunkohlekraftwerken pro erzeugter Kilowattstunde Elektrizität ausgestoßen. Die Anlagen von RWE und Vattenfall in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen gehören zu den zehn klimaschädlichsten Kraftwerken in ganz Europa. Selbst modernste Braunkohlekraftwerke setzen noch etwa 800 Gramm Kohlendioxid pro kWh frei, mehr als das Doppelte von Erdgas-Kraftwerken und ein Vielfaches von Wind- und Solaranlagen. Neue Braunkohlekraftwerke sind so dreckig – stellte kürzlich das Umweltbundesamt in einer Studie fest –, dass die Kurve des CO2-Ausstoßes im Stromsektor nach oben ausschlägt, sobald auch nur ein einziges neues ans Netz geht.

All das erwähnt die Braunkohlelobby natürlich mit keinem Wort. Für ihre Werbekampagne interviewt sie ihr genehme „Energieexperten“, und mit den Protokollen der Gespräche druckt sie dann ihre Anzeigen voll – wohl in der Hoffnung, dass den gesamten Text niemand liest. In der ersten Annonce nämlich spricht der interviewte Prof. Achim Bachem relativ vorsichtig von einem notwendigen Energiemix, er fordert sogar explizit effizientere Kraftwerke und mehr erneuerbare Energien. Der von der DEBRIV brachial herausgehobene Satz „Die Abschaffung von Kohlekraftwerken zu fordern ist nicht sinnvoll“ aber, der findet sich in dem gesamten Gespräch nicht. In der zweiten Anzeige der Kampagne schwadroniert „Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. mult. F. W. Wellmer“ sehr ausführlich – und durchaus zutreffend – über die Endlichkeit von Bodenschätzen. Was das mit der deutschen Braunkohle zu tun haben soll, erschließt sich erst auf den dritten Blick.

Das Argument, das die Braunkohlelobby mit ihrer Kampagne der Öffentlichkeit eintrichtern möchte, ist nämlich das des Energiemixes – Deutschland brauche für die Versorgungssicherheit viele Energiequellen und eben auch die Braunkohle. Genau betrachtet lässt sich dies aber sogar gegen die Braunkohle wenden: Kein Land der Welt nämlich setzt so sehr auf die Braunkohle wie Deutschland, nirgendwo wird mehr von diesem Klimakiller aus der Erde geholt und verfeuert als in Deutschland. „Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands“, stellt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe fest, „wird seit 1920 ununterbrochen die weltweit größte Jahresproduktion an Weichbraunkohle erbracht.“ Und selbst wenn ab sofort keine weiteren Braunkohlekraftwerke mehr gebaut würden, wird Braunkohle noch bis Mitte des Jahrtausends Teil des deutschen Strommixes sein – „dank“ der gerade in Boxberg (Sachsen) und Neurath (NRW) neu entstehenden Kraftwerksblöcke, die auf eine Laufzeit von etwa 40 Jahren ausgelegt sind.

Als Teil seiner PR-Offensive hat der DEBRIV auch noch zwei Internet-Portale gestartet. Das eine heißt www.braunkohle-wissen.de, das Wort „Klima“ sucht man dort natürlich vergebens. Stattdessen wird die gestiegene Effizienz neuer Kohlekraftwerke gelobt – und verschwiegen, dass sie immer noch weit unter der moderner Gaskraftwerke liegen. Dort werden CO2-freie Kraftwerke versprochen – die aber noch in weiter Ferne liegen.

Noch kunstvoller drückt sich das zweite Portal um das ungeliebte Thema: Auf www.braunkohle-forum.de gibt es ein lexikalisches Glossar. Von A wie „Abbau“ („planmäßige Gewinnung mineralischer Rohstoffe“) bis Z wie „Zwischenmittel“ („Abraumschicht zwischen zwei Flözen oder im Flöz“) erfährt man dort alles rund um die Braunkohle – aber wieder kein Wort zur Klimabilanz. Unter „K“ findet sich zwar dieser Text zu Kohlendioxid:

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Danke, möchte man da fast der Braunkohle-Lobby zurufen, dass sie durch die Produktion von möglichst viel Kohlendioxid für angenehme Temperaturen auf der Erde sorgt. Kein Wort davon, dass das bei natürlich Prozessen entstehende CO2 Teil eines Kreislaufs ist und deshalb eben kein Problem fürs Klima. Und dass der CO2-Anteil in der Atmosphäre dramatisch steigt. Dass der angegebene Wert für die Kohlendioxid-Konzentration schlicht falsch ist (er liegt längst über 380 ppm, also 0,038 Prozent), fällt da schon fast nicht mehr ins Gewicht.

Schauen wir zum Schluss noch kurz ins Impressum der Homepage: „Der DEBRIV bemüht sich im Rahmen des Zumutbaren“, steht da, „auf dieser Website richtige und vollständige Informationen zur Verfügung zu stellen. Weder der DEBRIV noch die auf dieser Website genannten Gesellschaften und Personen jedoch übernehmen irgendeine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der auf dieser Website bereitgestellten Informationen.“ Etwas anderes hätte uns auch gewundert.