Archiv des Schlagwortes ‘CO2-frei’

Vattenfall: Große Versprechen in Moorburg

Mittwoch, den 20. Februar 2008

Am kommenden Sonntag wird in Hamburg gewählt, und da geht es auch ums Klima: CDU und FDP sind für den Bau eines großen Kohlekraftwerks durch den Energieerzeuger Vattenfall; SPD, Grüne und Linke sowie zwei Drittel der Hamburger lehnen das Projekt im Stadtteil Moorburg ab. Ab 2012 wird das Kraftwerk pro Jahr voraussichtlich 8,5 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen – die Emissionen der Hansestadt würden auf einen Schlag um 70 Prozent anschwellen.

Um das Kraftwerk genehmigt zu bekommen, handelte Vattenfall mit dem CDU-Senat im November eine umstrittene Vereinbarung aus. Darin verpflichtet sich der Konzern zu Umweltschutzmaßnahmen, unter anderem zu einer CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS). Der Energiekonzern verspricht, „spätestens zum 31.12.2013 genehmigungsfähige Anträge“ für die Zulassung einer solchen Anlage einzureichen und sie drei Jahre nach der Genehmigung in Betrieb zu nehmen. Vattenfall gibt sich damit extrem optimistisch, denn alle Experten gehen von einer Verfügbarkeit frühestens im Jahr 2020 aus. Im CDU-Wahlprogramm steht jedenfalls: „Das neue Kraftwerk soll eine CO2-Abtrennung erhalten und ist damit technologisch wegweisend.“

Das klingt alles sehr schön – aber was ist dran? Auf der Internet-Seite von Vattenfall findet sich neben dem Infotext zum Kraftwerk Moorburg ein Link zu dem „weltweit ersten Pilotprojekt für ein CO2-freies Kraftwerk“.

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Vattenfall baut derzeit in der Lausitz eine Versuchsanlage, um das sogenannte Oxyfuel-Verfahren zu erproben. Doch diese Technologie erfordert ein komplett anderes Anlagendesign als in konventionellen Kraftwerken – eine spätere Nachrüstung mit Oxyfuel ist deshalb nicht möglich. Auf Nachfragen räumt die für Moorburg zuständige Vattenfall-Sprecherin denn auch ein: Dort plane man mit dem „Post Combustion“-Verfahren, einer nachgeschalteten Rauchgaswäsche.

Aber forscht Vattenfall dann in der Lausitz nicht an der ganz falschen Technologie?

Die Sprecherin sagt, man sei finanziell auch noch an anderen Projekten beteiligt und verweist auf eines im norwegischen Mongstad. Dort wollen der norwegische Energiekonzern Statoil und das Energieministerium in einem gasbefeuerten Demonstrationskraftwerk die Post-Combustion-Technologie erproben. Doch zentrale Teile dieses Projekts wurden aufgrund der enormen Kosten gerade erst aufgeschoben. Ob und wann das in Mongstad abgeschiedene Kohlendioxid tatsächlich unterirdisch gelagert wird, steht in den Sternen.

Sicher ist: „Post Combustion“ ist die energieaufwändigste und teuerste von drei derzeit denkbaren CCS-Varianten. Die Technologie „führt zu einer signifikanten Erhöhung der Stromgestehungskosten, bringt einen erheblichen zusätzlichen Brennstoffverbrauch mit sich und reduziert substantiell den Kraftwerkswirkungsgrad“, bilanziert eine Studie des Wuppertal-Instituts. Der Netto-CO2-Austoß einer solchen Anlage reduziere sich übrigens nur um rund 67 Prozent.

So lässt denn auch die Vereinbarung mit dem CDU-Senat für Vattenfall Hintertüren offen, so groß wie Scheunentore. Die Zusage sei nur verbindlich, steht darin, wenn der Einsatz von CCS sich rechne (was bei der derzeit geplanten Technologie besonders unwahrscheinlich ist) und bis dahin die „rechtlichen und technischen Vorraussetzungen“ vorliegen (was angesichts des Forschungsstandes kaum zu erwarten ist).

Falls Vattenfall das Versprechen selbstverschuldet nicht erfüllt, muss das Unternehmen eine Strafe an Hamburg zahlen: 10,5 Millionen Euro. Allein die deutsche Vattenfall-Tochter erzielte 2007 ein Betriebsergebnis von 1,6 Milliarden Euro – vor allem mit seinen Kohlekraftwerken.


EnBW: Zahlenspiele mit Atom- und Wasserkraft

Donnerstag, den 10. Januar 2008

Die „German Times“ ist eine englischsprachige Monatszeitung, die seit Frühjahr 2007 in Berlin erscheint. Sie richtet sich an die politische Klasse Europas. Ein guter Teil der Auflage (nach eigenen Angaben 50.000 Stück) wird kostenlos an alle Abgeordneten des Europaparlaments verteilt, außerdem an alle Parlamentarier und Regierungen der Mitgliedsstaaten, an die EU-Kommission und, wie der Verlag beim Start des Blattes mitteilte, „nicht zuletzt an die wichtigsten europäischen Entscheider der Wirtschaft“.

Ein höchst attraktives Medium also für die Imagewerbung von Großunternehmen. Und so findet sich in der Ausgabe 1/2008 eine ganzseitige Anzeige von EnBW, dem viertgrößten Energiekonzern Deutschlands. Unter einem riesigen Foto von der Baustelle des Wasserkraftwerkes Rheinfelden steht da: Do we have...

 

 

 

 

(Zu deutsch etwa: „Haben wir die Energie, neue Energien zu entwickeln?“) Und weiter: „EnBW hat mehr CO2-freie Energie als jeder andere deutsche Energieversorger. Vor allem Wasserkraft. Aber auch Atomenergie. Das hilft uns, Erneuerbare Energiequellen zu entwickeln. Ohne dass uns in der Gegenwart die Energie ausgeht.“

Das alles ist mit Bedacht formuliert, denn will EnBW nicht lügen. Denn natürlich gibt es Anbieter, die pro Kilowattstunde (kWh) erzeugten Stroms weniger Kohlendioxid ausstoßen als EnBW. Oder bei denen der Anteil von klimaschonendem Strom am Gesamtabsatz größer ist. Die sogar zu hundert Prozent CO2-freien Strom verkaufen. (Im EnBW-Konzern beträgt der Anteil Erneuerbarer Energien laut eigener Homepage nur 17 Prozent.) Aber diese Öko-Konkurrenten sind viel kleiner als EnBW, in absoluter Menge gerechnet „haben“ sie deshalb tatsächlich weniger CO2-freie Energie als der Branchenriese aus Karlsruhe.

Mehr als die Hälfte der Anzeige füllt ein Bild des Wasserkraftwerkes. Und auch im Anzeigentext heißt es, man habe „vor allem Wasserkraft“. Das aber darf man nun nicht mengenmäßig verstehen. Denn der Anteil von Atomstrom am EnBW-Konzernmix ist mit 51 Prozent dreimal so hoch wie alle Erneuerbaren Energien zusammengenommen. Und höher als bei allen anderen deutschen Stromkonzernen – weshalb pro kWh EnBW-Strom fast doppelt so viel Atommüll anfällt als im Bundesdurchschnitt.

Da fällt der offensichtlichste Fehler Schnitzer fast nicht mehr ins Gewicht: Atomkraftwerke mögen zwar weniger Kohlendioxid ausstoßen als Kohlekraftwerke, doch „CO2-frei“ sind sie nicht. Das Öko-Institut hat für deutsche AKW einen Ausstoß von mindestens 31 Gramm Kohlendioxid pro erzeugter Kilowattstunde ermittelt (wenn das Uran aus Russland kommt, erhöht sich der Wert wegen des dort wenig ökologischen Brennstoffgewinnung schon auf 62 Gramm).