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Bild: Sechs Lügen für die Atomkraft

Mittwoch, den 8. Juli 2009

Nach dem wiederholten Störfall im AKW Krümmel sind die hochprofitablen Reaktoren von Eon, RWE, Vattenfall und EnBW unter Druck geraten – passend dazu präsentiert Deutschlands größte Boulevardzeitung heute auf Seite 2 in großen Lettern „Die 7 Wahrheiten über unsere Energie“. Sechs davon sind – nunja – blanke Propandalügen:

„Weltweit werden derzeit 42 Kernkraftwerke gebaut“, lautet Bild-Wahrheit Nr. 1. „Weitere 81 sind beantragt oder geplant – auch in unseren Nachbarländern Frankreich, Polen, Schweiz und Tschechien.“ – Die wahre Wahrheit ist: Von den gut 40 weltweiten AKW-Baustellen kommen manche seit Jahrzehnten nicht voran. Andere machen vor allem Schlagzeilen dadurch, dass Sicherheitsprobleme auftreten oder die Kosten explodieren. Selbst wenn alle diese Reaktoren ans Netz gehen, werden sie die gleichzeitig aus Altersgründen stillzulegenden AKW nicht ersetzen können. Und was ist mit Polen? Tatsächlich sieht das Regierungsprogramm „Die Energiepolitik Polens bis 2025“ einen Reaktorneubau vor. Nach einem Standort wird gesucht, unter anderem in unmittelbarer Nähe zum uckermärkischen Nationalpark Unteres Odertal. Doch weil 80 Prozent der Polen gegen Atomstrom sind, erwägt die Regierung, sich lieber an einem neuen Reaktor in Litauen zu beteiligen.

Bild-Wahrheit Nr. 2: „Unsere Stromversorgung bricht ohne Atomkraft zusammen!“ – Das hat man besonders gut im vergangenen Jahr beobachten können: Obwohl sieben Atomkraftwerke längere Zeit stillstanden, exportierten Deutschlands Stromkonzerne 22,5 Milliarden Kilowattstunden Strom. Das ist etwa so viel, wie vier mittlere AKW im Jahr produzieren.

„Experten sagen voraus, dass sich der weltweite Strombedarf bis 2030 verdoppeln wird“, lautet Bild-Wahrheit Nr. 3. „Ohne Atomkraft ist die gigantische Energienachfrage nicht zu stillen.“ – Auch das ist Quatsch. Um den wachsenden Energiehunger weltweit mit AKW decken zu können, müssten Tausende neue Reaktoren gebaut werden – auch in vielen Ländern, die heute noch nicht über AKW verfügen. Das aber würde nicht nur die Gefahr eines katastrophalen Störfalls und der unkontrollierten Weiterverbreitung von Atomwaffen vervielfachen, auch der Brennstoff Uran würde in wenigen Jahrzehnten zur Neige gehen.

Bild-Wahrheit Nummer 4: „Sonne und Wind können Atomkraft nicht ersetzen. Gerade mal 11 Prozent unseres Stromes stammen aus Wind, Wasser und Sonne.“ – Die Wahrheit jenseits von Bild: Der Anteil aller erneuerbaren Energien an der deutschen Stromerzeugung lag nach den Erhebungen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) 2008 bei 15,1 Prozent. Vermutlich wäre er noch größer gewesen, wenn die Netze nicht ständig mit Atomstrom blockiert wären: Bläst beispielsweise im Norden der Wind kräftig, müssen dort die Windräder abgeschaltet werden, weil die Stromnetze das Mehr an grüner Energie nicht fassen können.

„Atomstrom gehört zu den günstigsten Energiearten“, heißt es bei Bild als Wahrheit Nr. 5. „Die Herstellung einer Kilowattstunde kostet 2 Cent, bei Braunkohle sind es 5 Cent, bei Solarstrom 40 Cent.“ – Das mag stimmen, aber über niedrige Erzeugungskosten freuen sich vor allem die Konzerne. Beim Endkunden kommt davon wenig an. Und die Windkraft, die Bild geflissen verschweigt, ist mit rund neun Cent Erzeugungskosten bereits fast konkurrenzfähig.

„Der Ausstieg gefährdet den Standort Deutschland“, lautet Bild-Wahrheit Nr. 6. „Für energieintensive Branchen wie Auto, Stahl und Maschinenbau ist eine sichere und bezahlbare Stromversorgung von großer Bedeutung.“ – Wie „sicher“ die Stromversorgung aus den pannenanfälligen deutschen AKW ist, hat der Fall Krümmel gerade wieder gezeigt. Ingroßen Teilen von Hamburg brach die Strom- und Wasserversorgung zeitweise zusammen. Was Bild verschweigt: Der größte Jobmotor des vergangenen Jahrzehnts waren die erneuerbaren Energien. Seit 1998 nahm die Zahl der Arbeitsplätze in dieser Branche um 332 Prozent zu (auf 285.000 im Jahr 2008). In der AKW-Branche sank sie um 21 Prozent (auf 30.000). Und auch die viel gelobte Autoindustrie stagnierte bei einem Plus von fünf Prozent (745.000 Jobs 2008). 2020 werden die Ökoindustrien, so eine Prognose der Roland-Berger-Unternehmensberatung, satte 14 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes erwirtschaften – doppelt so viel wie heute.

Einzig der Wahrheit Nr. 7 können wir zustimmen: „Das Problem Atomabfall ist ungelöst“, so Bild endlich einmal zutreffend. „Es gibt nach wie vor kein Endlager für den hoch radioaktiven Atomabfall (pro Jahr 400 Tonnen) in Deutschland.“

Bild schreibt immer die Wahrheit. Wer ihr mögliche Rücksichtnahme auf die Interessen von Großkonzernen unterstellt, den fährt Springer-Chef Mathias Döpfner schon mal brüsk an: „Also, jetzt wird’s ungemütlich. Sie stellen die redaktionelle Integrität der Bild-Zeitung infrage.“

Danke an Elias P. aus Berlin und Volker U. aus Aurich für die Hinweise


Moderne Märchen (2): Die Stromlücke

Donnerstag, den 14. Februar 2008

Einst wollte die (Energie-)Wirtschaft den Ausstieg aus der Atomkraft verhindern, indem sie das Horrorbild einer „Stromlücke“ an die Wand malte. Heute ist es der wachsende Widerstand gegen neue Kohlekraftwerke, dem die Lobbyisten mit der Warnung begegnen, in Deutschland gingen bald die Lichter aus. Wolfgang Clements Wahlaufruf gegen die hessische SPD war das bisher schrillste Beispiel. Viel wirksamer dagegen sind beispielsweise vertrauliche Hintergrundgespräche mit Journalisten – seit Wochen raunen Lobbyisten in solchen Runden in Berlin und anderswo vom drohenden Strommangel durch Klimaschutzauflagen.

Was dabei herauskommt, lasen wir beispielsweise gestern im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung. Die Überschrift fragte: „Droht ein Engpass bei der Versorgung?“ Im Text schimpfte dann beispielsweise ein hoher RWE-Manager: „Der Neubau von Kohlekraftwerken wird zu einem ökonomisch kaum kalkulierbaren Investitionsrisiko.“ Und Alfred Tacke, der Chef des Mischkonzerns Evonik, klagte: „Die Pläne der EU-Kommission zum Klimaschutz gefährden die Wettbewerbsfähigkeit von Kohlekraftwerken.“ Ja, natürlich! Genau das ist von der EU auch gewollt. Denn solche Anlagen stoßen – selbst bei modernster Technik – pro erzeugter Kilowattstunde Strom mehr Kohlendioxid aus alle anderen Kraftwerke. Und exakt deshalb sollen sie mit marktwirtschaftlichen Instrumenten – nämlich einer Verteuerung des Betriebs – weniger attraktiv gemacht werden.

Die zentrale Passage des Textes ist diese:

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Fällt Ihnen etwas auf daran?

Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Nämlich neu gebaute Kraftwerke mit Anlagen, deren Planungen aufgegeben wurden.

Wenn überhaupt, ließe sich eine „Stromlücke“ anders belegen: mit einem Vergleich von neu gebauten Kraftwerken mit stillgelegten. Eine Übersicht des BDEW führt 53 Anlagen auf, die seit 2001 neu gebaut oder erweitert wurden – Leistung in Megawatt: mehr als 8.600. Erst auf Nachfrage verrät der Verband, dass im gleichen Zeitraum 31 Anlagen vom Netz gingen: Gesamtkapazität: etwa 7.500 Megawatt. Es gab also in den vergangenen Jahren einen deutlichen Zubau im Kraftwerkspark. Zudem erfasst der BDEW nur Anlagen ab 20 MW, weshalb in der Übersicht nur wenige Biogas-Anlagen auftauchen und nicht ein einziges der so zahlreich in Betrieb gegangenen Windräder.

Das Gerede von der „Stromlücke“ konterkariert auch eine andere Zahl: Im vergangenen Jahr haben die deutsche Energieversorger 14 TWh Strom exportiert (und zwar netto, also abzüglich aller Importe), das entspricht der Leistung von zwei bis drei großen Kohlekraft- oder Akw-Blöcken. Und das, obwohl über Monate mehrere Atomreaktoren stillstanden.

„Es wird keine Probleme geben, wenn sich alle an das Klima- und Energieprogramm der Bundesregierung halten, das eine starke Steigerung der Energieeffizienz vorsieht“, zitiert der genannte SZ-Bericht Andreas Troge, den Chef des Umweltbundesamtes (übrigens CDU-Mitglied). Für die Frage, ob das Land neue Kohlekraftwerke braucht, ist Troge sicherlich eine verlässlichere Quelle als jene Unternehmen, die mit Kohlekraftwerken eine Menge Geld verdienen.


Strom-Industrie: Hurra, neue Kraftwerke!

Samstag, den 2. Februar 2008

Bundesweit planen Stromversorger etwa zwei Dutzend neue Kohlekraftwerke, und bundesweit regt sich dagegen Protest. Im saarländischen Ensdorf beispielsweise ließ ein Bürgerentscheid eine Milliarden-Investition von RWE platzen. Es sei „vermehrt Widerstand gegen Bauvorhaben zu beobachten“, klagte gestern Michael Feist, der Präsident des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). „Jedes neue Kraftwerk ist ein Gewinn für den Klimaschutz“, versuchte er die Öffentlichkeit zu mehr Investitionsfreundlichkeit zu ermahnen, „da es wesentlich effizienter arbeitet als die Vorgänger.“

So pauschal aber stimmt das nicht. Natürlich haben neue Kohlekraftwerke in der Regel einen höheren Wirkungsgrad als völlig veraltete Anlagen aus den sechziger und siebziger Jahren, die vielerorts noch immer am Netz sind. Pro erzeugter Kilowattstunde (kWh) Strom stoßen neue Kohleblöcke deshalb etwas weniger klimaschädliches Kohlendioxid aus.

Aber erstens sind kleine, flexible Erdgas-Kraftwerke, die zugleich Strom und Wärme erzeugen, noch effizienter. Pro kWh wird dort nur etwa halb so viel CO2 frei, wie in den modernsten Kohlekraftwerken. Von regenerativen Energien wie Wind- oder Wasserkraft ganz zu schweigen.

Und zweitens sollen für die derzeit geplanten, neuen Kohlekraftwerke – wenn überhaupt – nur viel kleinere Vorgängeranlagen vom Netz gehen. Thorben Becker, Klima-Experte beim BUND, hat sich die Mühe gemacht, sämtliche Neubauvorhaben durchzugehen und mit versprochenen oder angekündigten Stilllegungen zu vergleichen. Fazit: den 33 geplanten neuen Kohleblöcken stehen zwar 39 alte gegenüber, die Gesamtleistung der alten Anlagen liegt mit 6.917 Megawatt aber bei gerade einem Viertel der geplanten Kapazitäten (zusammen 27.720 Megawatt). Selbst bei einem etwas höheren Wirkungsgrad der neuen Kohlekraftwerke erhöht sich unterm Strich deshalb der Ausstoß an Kohlendioxid: von jetzt 43,1 Millionen Tonnen auf dann 164,8 Millionen Tonnen.

Werden die derzeit geplanten Kohlekraftwerke wirklich gebaut, warnt auch das Umweltbundesamt (UBA), sind die Klimaschutzziele der Bundesregierung nicht zu erreichen. Die entsprechende Studie wurde übrigens auf Bitten des Umweltministeriums von der UBA-Homepage genommen – mit einem Klick hier können Sie sie trotzdem lesen.