Archiv des Schlagwortes ‘Atomkraft’

Volkswagen: Pack das Akw in den Tank

Mittwoch, den 3. Dezember 2008

Was noch vor Kurzem in der Autobranche mit breitem Gähnen quittiert wurde, elektrisiert heute alle: Fahren mit Strom. Mercedes-Benz und BMW haben bereits mit großem Auftritt in Berlin Modellprojekte vorgestellt (die aber erst irgendwann im kommenden Jahr starten sollen). Da will sich auch Volkswagen nicht lumpen lassen. Eine Blockbatterie mit digital angepinseltem Zapfhahn ist das neueste Motiv der VW-Anzeigenkampagne „driving ideas“, zu Deutsch etwa: „fahrende Ideen“ oder auch „Ideen vorantreiben“.

Im Annoncentext verspricht der Wolfsburger Konzern für die Zukunft

Dann folgt ein doppeldeutiger Satz: „Klar ist aber auch, dass es noch eine Weile dauern wird, bis es so weit ist.“ Moment, bis was so weit ist? Die Deckung des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien oder die Produktion eines Elektro-Volkswagen?

Was VW wirklich meint, zeigt ein Interview, das Konzernchef Martin Winterkorn vor ein paar Monaten der Bild gab. „Die Zukunft gehört dem Elektroauto“, sagte er auch da. Um daraus zu folgern: „Deshalb sollten wir über Atomkraft neu nachdenken“, weil der Strom ja „nicht vom Himmel“ falle.

Ehrlicherweise hätte die VW-Werbeabteilung also die Zapfpistole nicht an einen 9-Volt-Block, sondern an ein gelbes Atommüllfass kleben müssen. Das hätte aber wohl nicht so gut ausgesehen.

P.S.: Der Strom für Elektroautos kann natürlich sehr wohl vom Himmel fallen. Für die wetterabhängige und damit schwankungsanfällige Sonnen- und Windkraft wären die Batterien von Elektroautos ein idealer Speicher.


GEO: Versteckte Atomkraft-Propaganda

Freitag, den 17. Oktober 2008

Bisher hielten wir GEO für ein seriöses Magazin, die neueste Marketingaktion des Monatsblatts aus dem Hause Gruner+Jahr lässt uns zweifeln. Doch vermutlich ist diese Art des Buhlens um Abonnenten heutzutage normal: Man suggeriert „Hey, liebe Leser, wir sind echt sowas von supergespannt auf Eure Meinung!!“ Glaubt das eigentlich irgendjemand? Für wie naiv halten die ihr Publikum? Aber andere Blätter verschicken ja auch Briefe, die wie persönliche Schreiben des Chefredakteurs daherkommen; und würde es sich nicht rechnen, täten sie’s vermutlich nicht.

Die große GEO-Online-Umfrage“ ist noch aus ganz anderem Grunde ärgerlich. Gleich die erste Frage lautet:

Natürlich hat sich das Klima in der Erdgeschichte stets verändert, nur sagt das wenig aus über den gegenwärtigen Klimawandel. GEO übernimmt in der Fragestellung eine bei den sogenannten Klimaskeptikern sehr beliebte Argumentationsschiene. Die zweite Antwort ist jedenfalls genauso korrekt wie die erste – ankreuzbar aber ist nur eine von beiden.

Es folgen Fragen zu Naturkatastrophen und Autoemissionen, und dann – beim Thema Stromversorgung – kommt es ganz dicke:

Die Fragestellung enthält falsche Informationen, denn natürlich entstehen „bei der Stromherstellung mit Atomkraftwerken“ Emissionen: Im Normalbetrieb eines AKW werden Niedrigstrahlung und auch einige Spurengase frei, und unter anderem die Herstellung der Brennelemente ist so energieintensiv, dass jede Kilowattstunde aus einem Atomkraftwerk die Erdatmosphäre unterm Strich mit (je nach Studie) fünf bis 120 Gramm Kohlendioxid belastet.

Offenbar ist GEO – oder zumindest seine Marketingabteilung – auf die Propaganda der Atomlobby hereingefallen, die ihre riskanten Kraftwerke in teuren Kampagnen als co2-frei anpreist.

Danke an Gregor W. für den Hinweis


N24: Falsche Nachrichten zur Atomkraft

Dienstag, den 5. August 2008

Berlin Hauptbahnhof, Gleis 8, heute, 9:16 – Auf einer jener Werbetafeln, die Reisende neuerdings auch mit bewegten Bildern belästigen, meldet der Nachrichtensender N24:

Zwei Fehler – um nicht Lügen zu sagen – verstecken sich darin. Haben Sie die bemerkt?

1. Klar, die Überschrift: Nochmal 40 Jahre Reaktorlaufzeit – das will trotz aller Atomseligkeit seines Vorsitzenden Erwin Huber nicht mal CSU-Wirtschaftsminister Michael Glos. Eine Expertengruppe in seinem Haus, so meldete es heute der Tagesspiegel, schlage eine Verlängerung der Gesamtlaufzeit UM acht Jahre AUF dann vierzig Jahre vor.

2. Deutschland importiert keinen Strom, deshalb kann sich da auch nichts verdoppeln. Zwar sind die deutschen Elektrizitätsnetze mit denen der Nachbarländer verbunden, immer wieder fließt – je nach Bedarf – Strom über die Grenzen hin und her. Aber unterm Strich ist Deutschland ein Stromexporteur. Seit 2003 liegen die Stromaus- über den -einfuhren, wie aus einer Broschüre des Statistischen Bundesamtes (siehe S. 14) oder Grafiken der Deutschen Umwelthilfe hervorgeht. Im vergangenen Jahr konnten die deutschen Energiekonzerne nach Angaben des Focus 14 Terawattstunden Strom im Ausland zu Geld machen, das entspreche der „Jahresleistung von vier bis fünf Großkraftwerken“. Und das, obwohl mehrere deutsche Atomkraftwerke über Monate stillstanden.

Trotzdem ventilieren die Stromriesen immer und immer wieder das Wort „Stromlücke“ – obwohl regierungsamtliche Berechnungen belegen, dass eine solche nicht droht. E.on, RWE, Vattenfall & Co. versuchen so Akzeptanz zu schaffen für neue Kohlekraftwerke oder längere Laufzeiten für ihre hochprofitablen Akw. Und der „Nachrichtensender“ N24 macht mit.


Erwin Huber (CSU): Lügen für die Atomkraft

Montag, den 28. Juli 2008

CSU-Chef Erwin Huber hat am Wochenende der Bild am Sonntag ein Interview, äh, „Heimatgespräch“ gegeben.

Passend zur Überschrift ließ sich Huber von Starfotograf André Rival vor einem Akw ablichten. „Vergleichbares hat sich seit der Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 kein deutscher Spitzenpolitiker getraut“, kommentierte Spiegel Online. In dem Interview geht es erst um Hubers „harte Kindheit“ und seine Zeit in der Freiwilligen Feuerwehr – und schließlich um die Atomkraft:

Huber gelingt hier das Kunststück, in drei Sätzen vier Lügen bzw. Halbwahrheiten über die Atomkraft unterzubringen:

Erstens sind (auch wenn es bisher keine Katastrophe wie in Tschernobyl gab) die deutschen Akw nicht sicher - Listen von gravierenden Störfällen gibt es auf den Internetseiten von Greenpeace und den Ärzten für die Verhütung des Atomkriegs.

Zweitens ist Atomstrom nicht „CO2-frei“ – eine Studie im Auftrag des Bundesumweltministeriums ermittelte 31 bis 61 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde, je nach Herkunft des Urans.

Drittens ist Atomstrom keine „heimische Energiequelle“ – sämtliches Uran für die deutschen Akw muss importiert werden.

Viertens ist Atomstrom nicht der „preisgünstigste, den es auf der Welt gibt“ – sondern nur durch milliardenschwere Subventionen und die Freistellung der Betreiber von den Risiken überhaupt konkurrenzfähig (eine Übersicht findet sich beispielsweise bei Eurosolar oder in einem englischsprachigen Greenpeace-Papier).

Auf die Bitte nach Belegen für Hubers Behauptungen bat die CSU-Pressestelle erstmal um schriftliche Einreichung der Fragen. Am Nachmittag kamen dann die – ebenfalls schriftlichen – Antworten: Erstens habe Erwin Huber in dem Interview doch auch gesagt, dass die Risiken der Kernkraft „beherrschbar“ seien, „der Treibhauseffekt ist es nicht“. Zweitens, ja, es gebe schon Kohlendioxid-Emissionen bei der Atomkraft, aber eben weniger als bei anderen Arten der Energieerzeugung. Etwas komplizierter ist die CSU-Logik zu Punkt 3: Weil Akw (rein volumenmäßig) weniger Brennstoffe bräuchten als Kohlekraftwerke, stehe bei der Atomkraft „die Technologie der Energiegewinnung im Vordergrund“ – und „die Technologie der deutschen Kernkraftwerke stammt aus heimischer Produktion“. Viertens schließlich seien die deutschen Akw längst  abgeschrieben, deshalb fielen – anders als bei neu zu bauenden – Kohlekraftwerken oder Windparks auch keine „Amortisationskosten“ mehr an.

Toll. Dann sollte man die deutschen Akw doch am besten noch tausend Jahre laufen lassen!

Danke an Roland S. für den Hinweis


Bild & RWI: Windige Zahlen für die Atomkraft

Mittwoch, den 9. Juli 2008

7 Wahrheiten

Man sollte grundsätzlich misstrauisch sein, wenn die Bild-Zeitung „Wahrheiten“ ankündigt. Aber was sich heute auf Seite 2 von Deutschlands größter Boulevard-Zeitung fand, war schon ein besonderes Werk: „Kernkraft ist sicher“, lautete Wahrheit Nummer 1, sie befinde sich weltweit „im Aufschwung“ hieß es unter Punkt 2. Ersteres wird regelmäßig durch kleine oder größere Störfälle widerlegt. Zu zweitem bräuchte man eigentlich nur sagen, dass die derzeit in Bau befindlichen Neu-AKW die altersbedingt in den nächsten Jahren nötigen Abschaltungen nicht ausgleichendie Zahl der Atomkraftwerke weltweit also eher im Abschwung ist.

Bild-Wahrheit Nummer 3 war zumindest neu – und wurde deshalb auch von der Deutschen Presseagentur und, nochmals zugespitzt, von focus.de weiterverbreitet.

Doch wahr ist diese „Wahrheit“ deshalb noch lange nicht. Denn die Erzeugungskosten einer Kilowattstunde Strom haben nur mittelbar etwas damit zu tun, wieviel der Endkunde dafür zahlen muss. Dessen Preis orientiert sich viel stärker an den Kursen der Strombörse in Leipzig. Die Differenz zwischen dem dort erzielbaren Preis und den Erzeugungskosten fließt als Gewinn in die Kassen der Energiekonzerne.

Der von Bild zitierte Experte Dr. Manuel Frondel vom RWI, dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, tritt in den Medien regelmäßig als Kritiker auf, wenn es beispielsweise gegen das Erneuerbare-Energien-Gesetz und dessen Förderung für Solarstrom geht. Wir haben Manuel Frondel angerufen und nach den Details seiner Rechnung gefragt. Leider hat er uns die im Gespräch gefallenen Zitate nicht autorisiert, weshalb wir sie hier nur indirekt wiedergeben dürfen. Klar, er habe die Zahl nur sehr überschlägig ermittelt, so Frondel, nämlich indem er die Differenz der Erzeugungskosten von Atom- und Kohlestrom – ca. zwei Cent pro Kilowattstunde – mit der Menge des im vergangenen Jahr hierzulande erzeugten Atomstroms (140 Mrd. kWh) multiplizierte und über 20 Jahre aufaddierte.

In der Tat, räumt Frondel ein, haben die Erzeugungskosten erstmal nichts mit dem Endpreis des Stroms zu tun. Die errechnete Ersparnis fällt also bei den Stromkonzernen an, und natürlich müssten die ihre Ersparnisse nicht an die Verbraucher weitergeben. Dies habe er so auch nie gesagt.

Die Bild-Zeitung allerdings zitierte ihn mit der Aussage, durch die Verschiebung des Atomausstiegs blieben „uns“ Kosten von 50 Milliarden Euro erspart. Wieso sagt Frondel „wir“, wenn es um Einsparungen auf Seiten der Energieerzeuger geht? Vielleicht, weil sein Institut mit der Energiewirtschaft verbändelt ist? Weil der langjährige Präsident der Gesellschaft der Freunde und Förderer des RWI Dietmar Kuhnt heißt? Der Dietmar Kuhnt, der vorher Vorstandschef des Akw-Betreibers RWE AG war?

P.S.: Für BILDblog ist einer der Autoren der Bild-“Wahrheiten“, Oliver Santen, übrigens kein unbekannter, schön öfter ist er durch ungemein wohlwollende Texte aufgefallen.


Atom-Lobby: CO2 und reich dabei

Sonntag, den 25. Mai 2008

Die für ihre Grünfärberei preisgekrönte Werbekampagne des Deutschen Atomforums läuft wieder:

ftd_akw_kl.jpgIn der Financial Times Deutschland zum Beispiel erschien am Samstag eine viertelseitige Annonce – ein liebliches Foto vom AKW Neckarwestheim, darüber der Slogan „Deutschlands ungeliebte Klimaschützer“ und die Behauptung „CO2-Ausstoß: Null“. Es sei „ein Rückschritt im Kampf gegen den Klimawandel“, so das Kleingedruckte, die „sichersten und zuverlässigsten Kernkraftwerke der Welt“ abzuschalten. Denn Atomstrom gebe es „ohne CO2-Ausstoß

Das ist verkehrt: Zwar haben Akw keine Schlote, aus denen Kohlendioxid quillt. Aber ganzheitlich betrachtet – wenn man beispielsweise die Emissionen beim aufwändigen Kraftwerksbau oder der Uranförderung, bei Brennelemente-Herstellung und Atommüll-Entsorgung einrechnet – verursacht Atomstrom natürlich CO2: laut internationalen Studien zwischen zehn und 120 Gramm pro Kilowattstunde, das Darmstädter Öko-Institut ermittelte 8 bis 65 Gramm.

Mit Verweis auf das Klima versucht die Akw-Lobby den Atomausstieg zu kippen und zumindest längere Restlaufzeiten zu erreichen. Dabei würde ein Weiterbetrieb, argumentiert etwa Umwelt-Staatssekretär Michael Müller (SPD), den Umbau der Energieversorgung verzögern – das heute ohnehin bestehende Überangebot an Strom würde verstärkt, der Anreiz zum Bau neuer, effizienter Anlagen verringert.

Für die Energiekonzerne aber haben Reaktoren, die kurz vor der Abschaltung stehen, einen großen Vorzug: Sie sind längst abgeschrieben, produzieren Strom zu niedrigen Kosten. Jedes dieser Akw spült dem Betreiber eine Million Euro Gewinn in die Kasse – und zwar pro Tag. Eine Viertelseite in der FTD kostet 9.700 Euro (plus MwSt). Grob überschlagen bräuchte solch ein Akw nur drei Tage zu laufen, um ein ganzes Jahr lang den Platz für diese Anzeige zu kaufen.


Brown & Sarkozy: Die Zukunft endet in 50 Jahren

Donnerstag, den 27. März 2008

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ist auf Staatsbesuch in Großbritannien, und das Hauptthema – neben seiner frischvermählten Frau Carla Bruni natürlich – ist die künftige Zusammenarbeit beider Länder im Bereich der Atomkraft. Sarkozy und Premierminister Gordon Brown vereinbarten die Entwicklung einer „neuen Generation“ von Reaktoren – und begründeten das mit dem Kampf gegen den Klimawandel. Zuletzt vor ein paar Tagen hatte der britische Wirtschaftsminister die Atomkraft als „klimaschonende Technologie“ gepriesen.

Die „Renaissance der Atomkraft“ ist trotz der britischen und französischen Ankündigungen ein modernes Märchen – um die Zahl der laufenden Reaktoren weltweit auch nur stabil zu halten, müssten nach Berechnungen der FU Berlin in den kommenden sieben Jahren 90 neue Meiler ans Netz gehen. Was nahezu unmöglich ist.

Noch verkehrter ist es, Kernkraftwerke als Lösung des Klimaproblems zu präsentieren. Abgesehen davon, dass die Atomkraft – ganzheitlich betrachtet – mitnichten CO2-frei ist, je nach Herkunft der Brennstoffe werden laut einer Studie des Öko-Instituts 30 bis 60 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde Strom freigesetzt. (Nicht nur Wind- und Wasserkraft, sondern auch Erdgas-Blockheizkraftwerke liegen darunter.) Die weltweiten Uranvorräte reichen nur für einige Jahrzehnte – und je mehr Reaktoren laufen, desto schneller gehen die Lagerstätten zur Neige. Fieberhaft wird bereits nach neuen Uran-Vorkommen gesucht. Die Investitionen in neue Energietechnologien sollten daher besser in wirklich dauerhafte Lösungen fließen.

Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages prognostizierte vor zwei Jahren, dass die weltweit sicher bekannten Uranvorräte in etwa 25 Jahren ausgeschöpft seien. Seitdem ist der Marktpreis stark gestiegen, und dadurch können weitere Lagerstätten profitabel ausgebeutet werden – aber selbst bei 130 Dollar pro Tonne würden die „hinreichend gesicherten Vorräte“ („reasonably assured resources“) bloß für 47 Jahre Laufzeit genügen. Und auch das nur, wenn die Zahl der Reaktoren weltweit nicht steigt. Die Autoren kommentieren das nüchtern:

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Klingt echt nach einer zukunftsweisenden Technologie, oder?

Wenn man neben den gesicherten auch noch die geschätzten Vorräte hinzurechnet, erhöht sich die mögliche Laufzeit der Reaktoren auf 67 Jahre. Die von Atombefürwortern gern versprochene Reichweite von mehr als hundert Jahren ergibt sich nur, wenn noch weitere, „spekulative“ Lagerstätten in die Rechnung einbezogen werden.

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Das Fazit des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages lautet:

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Wir finden, bei Fragen des Klimawandels kann der „politische Zeithorizont“ kaum lang genug sein.


Klein, aber oho (3): Südwest-Presse Ulm

Dienstag, den 25. März 2008

Die Südwest-Presse aus Ulm verkauft in Bayern und Baden-Württemberg täglich mehr als 300.000 Zeitungen. Und „seit vielen Jahren“, schreibt das Blatt auf seiner Internet-Seite, „veranstalten wir … unsere beliebten Kulturfahrten“. Zu den Bregenzer Festspielen kann man sich da fahren lassen oder zu Barockkirchen in Oberbayern. „Ein großes Stammpublikum“, so die Werbe-Homepage weiter, „schätzt bereits unsere perfekte Organisation, die versierten Reiseleiter, die umsichtige und kompetente Betreuung, die Harmonie in der Gruppe und die interessanten Besichtigungen.“

swp1_kl_sh.jpgIm Februar warb die Südwest-Presse im eigenen Blatt für eine „Kulturfahrt“ zu einem ungewöhnlichen Reiseziel. Für 33 Euro pro Person ging es unter der Reiseleitung von Dipl.-Ing. Manfred Hekeler zum leistungsstärksten AKW Deutschlands, betrieben von RWE und Eon. Der Ankündigungstext war, äh, sagen wir: atomkraftfreundlich. Darin hieß es zum Beispiel:

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Ja, Kernkraftwerke sind sicherlich faszinierend. Aber sie erhitzen nicht deshalb die Gemüter, weil Deutschland Energie importiert, sondern weil sie risikoreiche „technische Einrichtungen“ sind, die bei einem Störfall gigantische Schäden anrichten können. Die Anzeige verschweigt, dass der Verweis auf Energieimporte im Fall der Atomkraft besonders irreführend ist, weil der Brennstoff Uran zu praktisch hundert Prozent importiert werden muss. Und ein Anstieg des Stromverbrauchs um 75 Prozent ist krass übertrieben – der Elektro-Branchenverband VDE schätzt in einer aktuellen Studie, dass er bis 2025 unter „Annahme realistischer Verbrauchs- bzw. Effizienzprognosen … voraussichtlich um rund 30 Prozent zulegen“ werde. Aber wir wollen den wirklich eindrucksvollen Wortlaut der Annonce gar nicht weiter mit Detailkritik unterbrechen.

swp3_kl_sh.jpgEr klingt nicht nur wie ein Werbetext der Atomlobby, die Formulierung „Deutschlands ungeliebte Klimaschützer“ verweist auch auf die Quelle der meisten im Text verwendeten Angaben: die letztjährige Werbekampagne des Deutschen Atomforums. Die übrigens als „beste Grünfärberei“ des Jahres 2007 ausgezeichnet wurde. Dass AKW gefährliche Anlagen sind, klingt allenfalls ganz am Schluss der Annonce an: Da werden die Teilnehmer darauf hingewiesen, dass an der Pforte des Kraftwerks Personalausweis oder Reisepass vorzuzeigen seien.

Zugunsten der Südwest-Presse sei vermerkt: Nach Erscheinen der Anzeige protestierte eine örtliche Anti-AKW-Gruppe bei der Redaktion, woraufhin diese die Annonce als „sehr bedauerlichen Fehler“ bezeichnet habe.

(Danke an Raimund K. aus Augsburg für den Hinweis)


Stromlücke (4): Geheime Zahlen bei der Dena

Freitag, den 21. März 2008

Die „Stromlücke“ wird immer größer – bzw. die Lautstärke, in der über sie geredet wird. Nach Energielobby und RWE warnte diese Woche nun die dena, die Deutsche Energieagentur, vor drohendem Strommangel. Die Agentur gehört mehrheitlich dem Staat, ihr laufender Haushalt – so berichtete vor ein paar Wochen die taz – wird aber zur Hälfte von den großen Energiekonzernen finanziert.

Am Montag saßen im Bundeskanzlerinnenamt die Chefs der Energieriesen beisammen; am Dienstag titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Strom wird 2012 in Deutschland knapp“. Das Blatt berief sich im zugehörigen Text auf „eine Untersuchung“ der dena, die der Runde am Montag „vorgelegt“ worden sei. Die Kurzstudie habe den künftigen Strombedarf mit der „gesicherten Kraftwerksleistung“ verglichen. Ergebnis: Ab 2012 stehe zu wenig Erzeugungskapazität zur Verfügung, um Verbrauchsspitzen abzudecken. Bis 2020 summiere sich diese Lücke auf knapp 12.000 Megawatt, was etwa 15 großen Kraftwerksblöcken entspreche. Ebenfalls am Dienstag berichtete das Handelsblatt im selben Tenor, auch die Wirtschaftszeitung hatte also ein Exemplar des Papiers erhalten. Am Gründonnerstag bekräftigte dena-Chef Stefan Kohler in der Braunschweiger Zeitung die Angaben noch mal und warb für Kraftwerksneubauten.

Die Deutsche Energie-Agentur steht mit ihren Zahlen in Widerspruch zur Bundesregierung und zum Umweltbundesamt, und gern hätten wir die Berechnung geprüft und nachvollzogen. Ein dena-Sprecher teilte allerdings mit, dass die Studie intern sei und Herr Kohler im Urlaub – versprach aber, die Zahlen in Kürze zu veröffentlichen.

Die Erneuerbare-Energien-Branche kritisierte am Donnerstag, die dena habe das Ausbautempo von Wasser-, Wind- und Sonnenenergie krass unterschätzt, wenn sie zwischen 2010 und 2030 von einer Stagnation der regenerativen Erzeugungskapazitäten ausgehe. In der Tat wurden offizielle Prognosen zu Öko-Strom regelmäßig von der Wirklichkeit überholt: Rot-Grün hatte einst 12,5 Prozent bis 2010 angepeilt – und war dafür der Phantasterei gescholten worden. Diese Marke aber wurde schon 2007 (mit 14 Prozent) überboten.

Laut Handelsblatt und FAZ macht die dena in ihrer Kurzstudie einen Vorschlag zur Deckung der „Stromlücke“: Aufschub des Atomausstiegs – nun kann man sich zusammenreimen, wie das dena-Papier wohl an die beiden Redaktionen gelangt sein wird. Zur Erinnerung: Rot-Grün hatte sich mit den vier großen Energieversorgern auf verkürzte Laufzeiten für deren Atomreaktoren geeinigt und für jeden sogenannte „Reststrommengen“ vereinbart, die bis zur Abschaltung noch erzeugt (und höchst profitabel verkauft) werden dürfen. Just die Meiler, die unter der gegenwärtigen Regierung an ihre Grenzen gelangt wären, standen nun monatelang wegen „Wartungsarbeiten“ still. Kritiker vermuteten, die Konzerne wollten sich damit über die nächste Bundestagswahl retten – in der Hoffnung, dass dann Schwarz-Gelb regiere und der Atomausstieg kippt. Diese Unterstellung war bisher von den Konzernen zurückgewiesen worden.

Nun aber schreibt die FAZ offenherzig: „Die Chefs von E.on, RWE, Vattenfall und EnBW sicherten im Kanzleramt … zu, man werde kein Kernkraftwerk vor der Wahl im Herbst 2009 schließen. Sie würden vielmehr so betrieben, dass die jeweils zugestandene Reststrommenge einen Betrieb über den Wahltermin hinaus erlaube.“ Wegen der drohenden „Stromlücke“ soll die Öffentlichkeit also auch noch dankbar sein, dass die bekanntermaßen riskante Atomtechnologie weiterläuft.


Moderne Märchen (1): Die Renaissance der Atomkraft

Donnerstag, den 7. Februar 2008

Walter Hohlefelder, der Präsident des Deutschen Atomforums, des Lobbyverbandes der deutschen AKW-Branche, hat „die Politiker vor ‚Isolierung‘ in der umstrittenen Frage der Kernenergie-Nutzung gewarnt“. So meldet es heute die Nachrichtenagentur dpa. Weltweit sei, so Hohlefelder bei der Wintertagung seines Verbandes, „nach allen Plänen mit einem erheblichen Ausbau der Atomenergie zu rechnen“.

Natürlich wünschen sich Herr Hohlefelder und die deutschen AKW-Betreiber einen „erheblichen Ausbau“ (für seine Klima-Werbekampagne wurden sie übrigens mit dem Worst Lobby Award 2007 geehrt). Und das Atomforum ist auch nicht der einzige, der von einer „Renaissance der Atomkraft“ spricht, Frankreichs Präsident Nicholas Sarkozy und zahlreiche Medien tun es auch.

Doch ein Blick auf die nüchternen Zahlen des „World Nuclear Industry Status Report“ belegt: Die Renaissance (franz.: „Wiedergeburt“) leidet unter einer beängstigend niedrigen, wenn nicht gar rückläufigen Geburtenrate. Zwischen 1987 und 2007 sind ganze 16 neue Reaktoren ans Netz gegangen. Ihre Gesamtzahl stieg damit auf heute 439 – trotzdem liegt 2008 schon um fünf Kraftwerke unter dem „Rekordjahr“ 2002.

Gern verweisen Atomkraft-Befürworter darauf, dass sich 32 weitere Reaktorblöcke im Bau befänden. Stimmt – aber gut ein Drittel davon sind unendliche Geschichten wie Atucha-2 in Argentinien (Baubeginn 1981) oder Busheer im Iran (Baubeginn 1975). In den USA, wo Präsident Ronald Reagan 1981 schon einmal eine Renaissance der Atomkraft ankündigte, ist seit 1973 kein Atomkraftwerk mehr fertiggebaut worden.

„Es gibt keinen Boom“, stellte kürzlich Lutz Mez, Geschäftsführer der Forschungsstelle Umweltpolitik an der FU Berlin, in einem ZEIT-Interview fest. Er verweist darauf, dass bei einer angenommenen Betriebszeit von 40 Jahren bis 2015 insgesamt 90 Reaktoren und bis 2025 sogar deren 192 vom Netz gehen werden. Selbst wenn die 32 Dauerbaustellen bis dahin wider Erwarten alle fertiggestellt sein sollten, so Mez, müssten „immer noch zusätzlich 250 Reaktorblöcke… gebaut und in Betrieb genommen werden“.

Und das europäische Vorzeigeprojekt Olkiluoto-3 in Finnland? Es wird frühestens 2011 und nicht, wie geplant, 2009 seinen Betrieb aufnehmen – sechs Mal wurde der Starttermin bereits verschoben, bislang sind Mehrkosten von bislang 1,5 Milliarden Euro aufgelaufen. An der ausbleibenden Renaissance ändern auch Ankündigungen wie jüngst der britischen Regierung nichts, den AKW-Kraftwerkspark zu erneuern.

„Warum bauen Unternehmen denn überhaupt Kernkraftwerke?“, lautete eine Frage in dem bereits zitierten ZEIT-Interview. Lutz Mez: „Weil ein Atomkraftwerk für den Betreiber sehr profitabel sein kann. Margen von 25 Prozent sind da keine Seltenheit. Bei den Erneuerbaren Energien liegt die Rendite gerade mal bei zehn Prozent.“