Archiv des Schlagwortes ‘Akw’

Atomlobby: Ein vergiftetes Angebot

Montag, den 7. Dezember 2015

Die World Nuclear Association, so etwas wie die Weltlobby für die Atomkraft, fordert von den Klimadiplomaten in Paris ein „ambitioniertes Klimaabkommen“. Agneta Rising ist als Generaldirektorin sozusagen die oberste Lobbyistin der Weltlobby für die Atomkraft. Sie erklärt: 

002Interessant! Um die Ziele eines ehrgeizigen Klimavertrages zu erreichen, müsse die Politik „Investitionen besonders in die Kernenergie“ fördern. Agneta Rising: Wir brauchen 1.000 Gigawatt neuer Kernkraftkapazitäten bis zum Jahr 2050, um den Klimawandel zu bekämpfen.“

Um eine Vorstellung zu bekommen: 1.000 neue Gigawatt entsprechen mindestens 1.000 neuen Atomkraftwerken. Das sind mehr als doppelt so viele, wie derzeit am Netz sind.  Nach Angaben der Internationalen Atomenergieorganisation IAEA liefern derzeit 438 Reaktoren in 31 Ländern mit einer installierten elektrischen Gesamtnettoleistung von rund 379 Gigawatt Strom. Und weil viele Reaktoren älter als 40 Jahre sind, werden in den kommenden Jahren etliche AKWs abgeschaltet.

Dankenswerteweise hat uns die World Nuclear Association auch eine Website mitgeliefert, die die klimafreundlichen Details zur Forderung „1.000 Gigawatt Atomkraft zusätzlich bis 2050″ liefert:

001Huups. Bei Minute 1:15 hat sich doch glatt eine kleine Lüge eingeschlichen! Dort heißt es: „Atomkraft sorgt nur für 16 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde mit einer kleinen Menge Müll, der mit größter Obacht behandelt wird.“

Nein, liebe Atomlobby! Der Müll wird eben gar nicht behandelt. Es gibt nach nunmehr 60-jähriger Nutzung der Atomkraft weltweit nicht ein einziges Endlager für den Hunderttausende Jahre strahlenden Müll. Es gibt in manchen Staaten noch nicht einmal eine Idee, wie dieses Problem in den Griff zu bekommen ist.

Stattdessen gibt es verseuchte Gebiete, die trotz viel Aufwand und jeder Menge Energie nicht in den Griff zu bekommen sind. Und: Es lohnt sich wirtschaftlich gar nicht, wie der Bau des AKW Olkiluoto in Finnland zeigt. Ursprünglich sollte der 1.600-Megawatt-Koloss drei Milliarden Euro teuer werden und 2009 ans Netz gehen. Inzwischen ist 2018 als Startdatum geplant – und mehr als das Doppelte an Kosten.

Die Investitionskosten wird das Kraftwerk niemals einspielen.

Vielen Dank an Verena K. für den Hinweis.


Deutsches Atomforum: Strahlende Propaganda

Sonntag, den 1. Februar 2009

Strahlen gehört zum Geschäft beim Deutschen Atomforum, einem eingetragenen Verein, der unermüdlich für die „ungeliebten Klimaschützer“ schwerreicher Atomkraftwerksbetreiber trommelt – und für diesen Dienst mit Brosamen aus den Milliardengewinnen der Wortbrecher von EnBW, E.on, RWE und Vattenfall belohnt wird. Die hatten den Atomausstieg bekanntlich im Jahr 2000 mit der rot-grünen Regierung ausgehandelt und schriftlich versichert, „ihren Teil“ dazu beizutragen, „dass der Inhalt dieser Vereinbarung dauerhaft umgesetzt wird“. Heute bekämpfen sie diesen Atomkonsens auf allen politischen und publizistischen Ebenen und mit den bei den Stromkunden kassierten Millionen.

Zu Jahresbeginn wird traditionell besonders fröhlich gestrahlt – so wie diese Woche bei der Wintertagung des Atomforums in Berlin (die Umweltschützer mit einer Demonstration „umzingeln“ wollen). Bereits im Vorfeld wertet die Branche jeweils die Statistiken des Vorjahres aus und freut sich daran, wie man wieder einmal erfolgreich gegen das geltende Atomausstiegsgesetz angetrickst hat. „Steigerung der Stromerzeugung in deutschen Kernkraftwerken“, verkündeten die Atomstromer Mitte Januar. Die Bruttostromerzeugung aus deutschen Kernkraftwerken sei 2008 um satte 5,9 Prozent auf 148,8 Mrd. kWh gegenüber 2007 emporgeschnellt, jubilierte es aus der Atomzentrale.

Wohl wahr, die Zahlen. Nur belegen sie gerade nicht „einmal mehr den herausragenden Beitrag der CO2-freien Stromerzeugung aus Kernenergie zur Versorgungssicherheit Deutschlands“ – sondern das Gegenteil. Zum einen ist Atomkraftwerk natürlich nicht CO2-frei. Zum anderen handelte es sich um die zweitniedrigste Atomstromproduktion seit rund zwei Jahrzehnten. Und dieser Einbruch bewies vor allem, dass die Branche angesichts einer Mischung aus Altersschwäche und Technik-Chaos in ihren Meilern das desaströse Jahr 2007 auch 2008 noch nicht bewältigt hatte. Die Kraftwerke Brunsbüttel und Krümmel standen 2008 ganzjährig still, weil nach teils spektakulären Unfällen im Sommer 2007 (Trafo-Brand, falsch montierte Dübel, Ermüdungsrisse in Rohrleitungen…) die Kette der technischen Probleme bis heute nicht abreißen will. Versorgungssicherheit sieht anders aus.

2007 war die Stromproduktion der deutschen Atomkraftwerke auf den niedrigsten Stand seit 1987 gefallen und hatte mit 140,5 Terawattstunden gerade noch 22,5 Prozent zur Stromerzeugung in Deutschland beigetragen. Die Erneuerbaren erreichten 14,5 Prozent (2008: 15,3 Prozent). Der Abstand zwischen neuer und alter Energie schrumpft immer weiter. Gejubelt wird 2008 trotzdem: „Sechs deutsche Anlagen unter den Top Ten“, dichtete das Atomforum und gemeint waren nicht die sechs Meiler, die im Jahr 2007 zeitweise den Dienst versagt hatten. Immerhin, mit dieser Schlagzeile gelang der Pressestelle, gemessen an den Vorjahren, geradezu ein Feuerwerk der Phantasie – getreu der deutschen Weisheit „Not macht erfinderisch“.

Sie sind nun neugierig auf die Jubel-Meldungen der fünf vorherigen Jahre? Bitteschön:

„2006 erneut erfolgreiches Jahr für deutsche Kernkraftwerke“

„2005 wieder erfolgreiches Jahr für deutsche Kernkraftwerke“

„2004 erneut erfolgreiches Jahr für deutsche Kernkraftwerke“

„Bilanz 2003: Erfolgreiches Jahr für Deutschlands Kernkraftwerke“

„Deutsche Kernkraftwerke erzielen 2002 wieder gutes Ergebnis“


GEO: Versteckte Atomkraft-Propaganda

Freitag, den 17. Oktober 2008

Bisher hielten wir GEO für ein seriöses Magazin, die neueste Marketingaktion des Monatsblatts aus dem Hause Gruner+Jahr lässt uns zweifeln. Doch vermutlich ist diese Art des Buhlens um Abonnenten heutzutage normal: Man suggeriert „Hey, liebe Leser, wir sind echt sowas von supergespannt auf Eure Meinung!!“ Glaubt das eigentlich irgendjemand? Für wie naiv halten die ihr Publikum? Aber andere Blätter verschicken ja auch Briefe, die wie persönliche Schreiben des Chefredakteurs daherkommen; und würde es sich nicht rechnen, täten sie’s vermutlich nicht.

Die große GEO-Online-Umfrage“ ist noch aus ganz anderem Grunde ärgerlich. Gleich die erste Frage lautet:

Natürlich hat sich das Klima in der Erdgeschichte stets verändert, nur sagt das wenig aus über den gegenwärtigen Klimawandel. GEO übernimmt in der Fragestellung eine bei den sogenannten Klimaskeptikern sehr beliebte Argumentationsschiene. Die zweite Antwort ist jedenfalls genauso korrekt wie die erste – ankreuzbar aber ist nur eine von beiden.

Es folgen Fragen zu Naturkatastrophen und Autoemissionen, und dann – beim Thema Stromversorgung – kommt es ganz dicke:

Die Fragestellung enthält falsche Informationen, denn natürlich entstehen „bei der Stromherstellung mit Atomkraftwerken“ Emissionen: Im Normalbetrieb eines AKW werden Niedrigstrahlung und auch einige Spurengase frei, und unter anderem die Herstellung der Brennelemente ist so energieintensiv, dass jede Kilowattstunde aus einem Atomkraftwerk die Erdatmosphäre unterm Strich mit (je nach Studie) fünf bis 120 Gramm Kohlendioxid belastet.

Offenbar ist GEO – oder zumindest seine Marketingabteilung – auf die Propaganda der Atomlobby hereingefallen, die ihre riskanten Kraftwerke in teuren Kampagnen als co2-frei anpreist.

Danke an Gregor W. für den Hinweis


Erwin Huber (CSU): Lügen für die Atomkraft

Montag, den 28. Juli 2008

CSU-Chef Erwin Huber hat am Wochenende der Bild am Sonntag ein Interview, äh, „Heimatgespräch“ gegeben.

Passend zur Überschrift ließ sich Huber von Starfotograf André Rival vor einem Akw ablichten. „Vergleichbares hat sich seit der Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 kein deutscher Spitzenpolitiker getraut“, kommentierte Spiegel Online. In dem Interview geht es erst um Hubers „harte Kindheit“ und seine Zeit in der Freiwilligen Feuerwehr – und schließlich um die Atomkraft:

Huber gelingt hier das Kunststück, in drei Sätzen vier Lügen bzw. Halbwahrheiten über die Atomkraft unterzubringen:

Erstens sind (auch wenn es bisher keine Katastrophe wie in Tschernobyl gab) die deutschen Akw nicht sicher - Listen von gravierenden Störfällen gibt es auf den Internetseiten von Greenpeace und den Ärzten für die Verhütung des Atomkriegs.

Zweitens ist Atomstrom nicht „CO2-frei“ – eine Studie im Auftrag des Bundesumweltministeriums ermittelte 31 bis 61 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde, je nach Herkunft des Urans.

Drittens ist Atomstrom keine „heimische Energiequelle“ – sämtliches Uran für die deutschen Akw muss importiert werden.

Viertens ist Atomstrom nicht der „preisgünstigste, den es auf der Welt gibt“ – sondern nur durch milliardenschwere Subventionen und die Freistellung der Betreiber von den Risiken überhaupt konkurrenzfähig (eine Übersicht findet sich beispielsweise bei Eurosolar oder in einem englischsprachigen Greenpeace-Papier).

Auf die Bitte nach Belegen für Hubers Behauptungen bat die CSU-Pressestelle erstmal um schriftliche Einreichung der Fragen. Am Nachmittag kamen dann die – ebenfalls schriftlichen – Antworten: Erstens habe Erwin Huber in dem Interview doch auch gesagt, dass die Risiken der Kernkraft „beherrschbar“ seien, „der Treibhauseffekt ist es nicht“. Zweitens, ja, es gebe schon Kohlendioxid-Emissionen bei der Atomkraft, aber eben weniger als bei anderen Arten der Energieerzeugung. Etwas komplizierter ist die CSU-Logik zu Punkt 3: Weil Akw (rein volumenmäßig) weniger Brennstoffe bräuchten als Kohlekraftwerke, stehe bei der Atomkraft „die Technologie der Energiegewinnung im Vordergrund“ – und „die Technologie der deutschen Kernkraftwerke stammt aus heimischer Produktion“. Viertens schließlich seien die deutschen Akw längst  abgeschrieben, deshalb fielen – anders als bei neu zu bauenden – Kohlekraftwerken oder Windparks auch keine „Amortisationskosten“ mehr an.

Toll. Dann sollte man die deutschen Akw doch am besten noch tausend Jahre laufen lassen!

Danke an Roland S. für den Hinweis


Bild & RWI: Windige Zahlen für die Atomkraft

Mittwoch, den 9. Juli 2008

7 Wahrheiten

Man sollte grundsätzlich misstrauisch sein, wenn die Bild-Zeitung „Wahrheiten“ ankündigt. Aber was sich heute auf Seite 2 von Deutschlands größter Boulevard-Zeitung fand, war schon ein besonderes Werk: „Kernkraft ist sicher“, lautete Wahrheit Nummer 1, sie befinde sich weltweit „im Aufschwung“, hieß es unter Punkt 2. Ersteres wird regelmäßig durch kleine oder größere Störfälle widerlegt. Zu Zweitem bräuchte man eigentlich nur zu sagen, dass die derzeit in Bau befindlichen Neu-AKW die altersbedingt in den nächsten Jahren nötigen Abschaltungen nicht ausgleichendie Zahl der Atomkraftwerke weltweit also eher im Abschwung ist.

Bild-Wahrheit Nummer 3 war zumindest neu – und wurde deshalb auch von der Deutschen Presseagentur und, nochmals zugespitzt, von focus.de weiterverbreitet.

Doch wahr ist diese „Wahrheit“ deshalb noch lange nicht. Denn die Erzeugungskosten einer Kilowattstunde Strom haben nur mittelbar etwas damit zu tun, wie viel der Endkunde dafür zahlen muss. Dessen Preis orientiert sich viel stärker an den Kursen der Strombörse in Leipzig. Die Differenz zwischen dem dort erzielbaren Preis und den Erzeugungskosten fließt als Gewinn in die Kassen der Energiekonzerne.

Der von Bild zitierte Experte Dr. Manuel Frondel vom RWI, dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, tritt in den Medien regelmäßig als Kritiker auf, wenn es beispielsweise gegen das Erneuerbare-Energien-Gesetz und dessen Förderung für Solarstrom geht. Wir haben Manuel Frondel angerufen und nach den Details seiner Rechnung gefragt. Leider hat er uns die im Gespräch gefallenen Zitate nicht autorisiert, weshalb wir sie hier nur indirekt wiedergeben dürfen. Klar, er habe die Zahl nur sehr überschlägig ermittelt, so Frondel, nämlich indem er die Differenz der Erzeugungskosten von Atom- und Kohlestrom – ca. zwei Cent pro Kilowattstunde – mit der Menge des im vergangenen Jahr hierzulande erzeugten Atomstroms (140 Mrd. kWh) multiplizierte und über 20 Jahre aufaddierte.

In der Tat, räumt Frondel ein, haben die Erzeugungskosten erst mal nichts mit dem Endpreis des Stroms zu tun. Die errechnete Ersparnis fällt also bei den Stromkonzernen an, und natürlich müssten die ihre Ersparnisse nicht an die Verbraucher weitergeben. Dies habe er so auch nie gesagt.

Die Bild-Zeitung allerdings zitierte ihn mit der Aussage, durch die Verschiebung des Atomausstiegs blieben „uns“ Kosten von 50 Milliarden Euro erspart. Wieso sagt Frondel „wir“, wenn es um Einsparungen auf Seiten der Energieerzeuger geht? Vielleicht, weil sein Institut mit der Energiewirtschaft verbändelt ist? Weil der langjährige Präsident der Gesellschaft der Freunde und Förderer des RWI Dietmar Kuhnt heißt? Der Dietmar Kuhnt, der vorher Vorstandschef des AKW-Betreibers RWE AG war?

P.S.: Für BILDblog ist einer der Autoren der Bild-“Wahrheiten“, Oliver Santen, übrigens kein unbekannter, schön öfter ist er durch ungemein wohlwollende Texte aufgefallen.


Atom-Lobby: CO2 und reich dabei

Sonntag, den 25. Mai 2008

Die für ihre Grünfärberei preisgekrönte Werbekampagne des Deutschen Atomforums läuft wieder:

ftd_akw_kl.jpgIn der Financial Times Deutschland zum Beispiel erschien am Samstag eine viertelseitige Annonce – ein liebliches Foto vom AKW Neckarwestheim, darüber der Slogan „Deutschlands ungeliebte Klimaschützer“ und die Behauptung „CO2-Ausstoß: Null“. Es sei „ein Rückschritt im Kampf gegen den Klimawandel“, so das Kleingedruckte, die „sichersten und zuverlässigsten Kernkraftwerke der Welt“ abzuschalten. Denn Atomstrom gebe es „ohne CO2-Ausstoß

Das ist verkehrt: Zwar haben Akw keine Schlote, aus denen Kohlendioxid quillt. Aber ganzheitlich betrachtet – wenn man beispielsweise die Emissionen beim aufwändigen Kraftwerksbau oder der Uranförderung, bei Brennelemente-Herstellung und Atommüll-Entsorgung einrechnet – verursacht Atomstrom natürlich CO2: laut internationalen Studien zwischen zehn und 120 Gramm pro Kilowattstunde, das Darmstädter Öko-Institut ermittelte 8 bis 65 Gramm.

Mit Verweis auf das Klima versucht die Akw-Lobby den Atomausstieg zu kippen und zumindest längere Restlaufzeiten zu erreichen. Dabei würde ein Weiterbetrieb, argumentiert etwa Umwelt-Staatssekretär Michael Müller (SPD), den Umbau der Energieversorgung verzögern – das heute ohnehin bestehende Überangebot an Strom würde verstärkt, der Anreiz zum Bau neuer, effizienter Anlagen verringert.

Für die Energiekonzerne aber haben Reaktoren, die kurz vor der Abschaltung stehen, einen großen Vorzug: Sie sind längst abgeschrieben, produzieren Strom zu niedrigen Kosten. Jedes dieser Akw spült dem Betreiber eine Million Euro Gewinn in die Kasse – und zwar pro Tag. Eine Viertelseite in der FTD kostet 9.700 Euro (plus MwSt). Grob überschlagen bräuchte solch ein Akw nur drei Tage zu laufen, um ein ganzes Jahr lang den Platz für diese Anzeige zu kaufen.


Moderne Märchen (1): Die Renaissance der Atomkraft

Donnerstag, den 7. Februar 2008

Walter Hohlefelder, der Präsident des Deutschen Atomforums, des Lobbyverbandes der deutschen AKW-Branche, hat „die Politiker vor ‚Isolierung‘ in der umstrittenen Frage der Kernenergie-Nutzung gewarnt“. So meldet es heute die Nachrichtenagentur dpa. Weltweit sei, so Hohlefelder bei der Wintertagung seines Verbandes, „nach allen Plänen mit einem erheblichen Ausbau der Atomenergie zu rechnen“.

Natürlich wünschen sich Herr Hohlefelder und die deutschen AKW-Betreiber einen „erheblichen Ausbau“ (für seine Klima-Werbekampagne wurden sie übrigens mit dem Worst Lobby Award 2007 geehrt). Und das Atomforum ist auch nicht der einzige, der von einer „Renaissance der Atomkraft“ spricht, Frankreichs Präsident Nicholas Sarkozy und zahlreiche Medien tun es auch.

Doch ein Blick auf die nüchternen Zahlen des „World Nuclear Industry Status Report“ belegt: Die Renaissance (franz.: „Wiedergeburt“) leidet unter einer beängstigend niedrigen, wenn nicht gar rückläufigen Geburtenrate. Zwischen 1987 und 2007 sind ganze 16 neue Reaktoren ans Netz gegangen. Ihre Gesamtzahl stieg damit auf heute 439 – trotzdem liegt 2008 schon um fünf Kraftwerke unter dem „Rekordjahr“ 2002.

Gern verweisen Atomkraft-Befürworter darauf, dass sich 32 weitere Reaktorblöcke im Bau befänden. Stimmt – aber gut ein Drittel davon sind unendliche Geschichten wie Atucha-2 in Argentinien (Baubeginn 1981) oder Busheer im Iran (Baubeginn 1975). In den USA, wo Präsident Ronald Reagan 1981 schon einmal eine Renaissance der Atomkraft ankündigte, ist seit 1973 kein Atomkraftwerk mehr fertiggebaut worden.

„Es gibt keinen Boom“, stellte kürzlich Lutz Mez, Geschäftsführer der Forschungsstelle Umweltpolitik an der FU Berlin, in einem ZEIT-Interview fest. Er verweist darauf, dass bei einer angenommenen Betriebszeit von 40 Jahren bis 2015 insgesamt 90 Reaktoren und bis 2025 sogar deren 192 vom Netz gehen werden. Selbst wenn die 32 Dauerbaustellen bis dahin wider Erwarten alle fertiggestellt sein sollten, so Mez, müssten „immer noch zusätzlich 250 Reaktorblöcke… gebaut und in Betrieb genommen werden“.

Und das europäische Vorzeigeprojekt Olkiluoto-3 in Finnland? Es wird frühestens 2011 und nicht, wie geplant, 2009 seinen Betrieb aufnehmen – sechs Mal wurde der Starttermin bereits verschoben, bislang sind Mehrkosten von bislang 1,5 Milliarden Euro aufgelaufen. An der ausbleibenden Renaissance ändern auch Ankündigungen wie jüngst der britischen Regierung nichts, den AKW-Kraftwerkspark zu erneuern.

„Warum bauen Unternehmen denn überhaupt Kernkraftwerke?“, lautete eine Frage in dem bereits zitierten ZEIT-Interview. Lutz Mez: „Weil ein Atomkraftwerk für den Betreiber sehr profitabel sein kann. Margen von 25 Prozent sind da keine Seltenheit. Bei den Erneuerbaren Energien liegt die Rendite gerade mal bei zehn Prozent.“


EnBW: Zahlenspiele mit Atom- und Wasserkraft

Donnerstag, den 10. Januar 2008

Die „German Times“ ist eine englischsprachige Monatszeitung, die seit Frühjahr 2007 in Berlin erscheint. Sie richtet sich an die politische Klasse Europas. Ein guter Teil der Auflage (nach eigenen Angaben 50.000 Stück) wird kostenlos an alle Abgeordneten des Europaparlaments verteilt, außerdem an alle Parlamentarier und Regierungen der Mitgliedsstaaten, an die EU-Kommission und, wie der Verlag beim Start des Blattes mitteilte, „nicht zuletzt an die wichtigsten europäischen Entscheider der Wirtschaft“.

Ein höchst attraktives Medium also für die Imagewerbung von Großunternehmen. Und so findet sich in der Ausgabe 1/2008 eine ganzseitige Anzeige von EnBW, dem viertgrößten Energiekonzern Deutschlands. Unter einem riesigen Foto von der Baustelle des Wasserkraftwerkes Rheinfelden steht da: Do we have...

 

 

 

 

(Zu deutsch etwa: „Haben wir die Energie, neue Energien zu entwickeln?“) Und weiter: „EnBW hat mehr CO2-freie Energie als jeder andere deutsche Energieversorger. Vor allem Wasserkraft. Aber auch Atomenergie. Das hilft uns, Erneuerbare Energiequellen zu entwickeln. Ohne dass uns in der Gegenwart die Energie ausgeht.“

Das alles ist mit Bedacht formuliert, denn will EnBW nicht lügen. Denn natürlich gibt es Anbieter, die pro Kilowattstunde (kWh) erzeugten Stroms weniger Kohlendioxid ausstoßen als EnBW. Oder bei denen der Anteil von klimaschonendem Strom am Gesamtabsatz größer ist. Die sogar zu hundert Prozent CO2-freien Strom verkaufen. (Im EnBW-Konzern beträgt der Anteil Erneuerbarer Energien laut eigener Homepage nur 17 Prozent.) Aber diese Öko-Konkurrenten sind viel kleiner als EnBW, in absoluter Menge gerechnet „haben“ sie deshalb tatsächlich weniger CO2-freie Energie als der Branchenriese aus Karlsruhe.

Mehr als die Hälfte der Anzeige füllt ein Bild des Wasserkraftwerkes. Und auch im Anzeigentext heißt es, man habe „vor allem Wasserkraft“. Das aber darf man nun nicht mengenmäßig verstehen. Denn der Anteil von Atomstrom am EnBW-Konzernmix ist mit 51 Prozent dreimal so hoch wie alle Erneuerbaren Energien zusammengenommen. Und höher als bei allen anderen deutschen Stromkonzernen – weshalb pro kWh EnBW-Strom fast doppelt so viel Atommüll anfällt als im Bundesdurchschnitt.

Da fällt der offensichtlichste Fehler Schnitzer fast nicht mehr ins Gewicht: Atomkraftwerke mögen zwar weniger Kohlendioxid ausstoßen als Kohlekraftwerke, doch „CO2-frei“ sind sie nicht. Das Öko-Institut hat für deutsche AKW einen Ausstoß von mindestens 31 Gramm Kohlendioxid pro erzeugter Kilowattstunde ermittelt (wenn das Uran aus Russland kommt, erhöht sich der Wert wegen des dort wenig ökologischen Brennstoffgewinnung schon auf 62 Gramm).