Archiv des Themas ‘Wohnen‘

Entega: Klimakampagne mit bezahlten Bloggern

Montag, den 5. Dezember 2011

Der Markt für Ökostrom ist mittlerweile hart umkämpft. Fast 200 Anbieter mit mehr als 350 verschiedenen „Ökostrom“-Produkten buhlen laut einer aktuellen Umfrage um Kundschaft. Zu denen, die am lautesten klappern, gehört Entega. Das ist die Vertriebstochter des südhessischen Regionalversorgers HSE und nach eigenen Angaben Deutschlands zweitgrößter Ökostrom-Lieferant (40 Prozent an der HSE aber hält noch der Atom- und Kohleriese Eon).

Jedenfalls versucht Entega seit Jahren, mit – nunja – eigenwilligem Marketing auf sich aufmerksam zu machen. Mal lässt man Schneemänner für Klimaschutz demonstrieren (und karrt dafür Kunstschnee und bezahlte Hostessen heran), mal ein Atommüll-Fass durchs Land rollen (wobei der Versorger bis 2008 auch Akw-Strom verkaufte und somit am Endlagerproblem nicht ganz unschuldig ist).

„Wir waren Teil des Problems“, gibt Entega zu und verspricht, „jetzt wollen wir Teil der Lösung sein“. Das PR-Budget eines etablierten Großunternehmens ist da natürlich ein hübsches Hilfsmittel. So sponsert Entega den Fußball-Bundesligisten Mainz 05 ebenso wie den deutschen Werbeagenturverband ADC. Zum Klimagipfel in Durban hat die Firma nun ungefragt die CO2-Emissionen von Angela Merkel durch ein Aufforstungsprojekt kompensiert – und damit auch möglichst viele Leute davon erfahren, hat Entega ein Trickfilmchen produziert.

Soweit, so platt. Wir wollen hier auch nicht – nochmal - darauf hinweisen, dass Waldprojekte zur CO2-Kompensation unter Experten und Umweltverbänden umstritten sind. Sondern mal schauen, wie Entega sich seine Kampagne unter die Leute bringt. Deutschlandweit wurden die Betreiber von Blogs (darunter auch wir) von dem Vermarkter E-Buzzing angeschrieben. Ob wir nicht, so die Frage, über die Aktion berichten wollen. Wollten wir natürlich und fragten nach Details.

Das Angebot folgte prompt: Wer den Entega-Spot auf seinem Blog poste, bekomme 6 Cent für jeden Klick auf das Filmchen. Reihenweise haben sich bereits Blogger offenbar darauf eingelassen. Oft ohne die bezahlte Werbung zu kennzeichnen. Auffällig ist zudem, wie positiv der Tenor der Blogtexte zum Film ist. Die Erklärung dafür könnte dieser Passus in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) von E-Buzzing sein: Der Blogger solle

Gern hätten wir das Briefing zur Entega-Kampagne gelesen. Und dann vielleicht verstanden, wo genau der Klimanutzen der ganzen Aktion liegt. Oder ob es vor allem um Aufmerksamkeit für Entega geht. Und warum es vielleicht moralisch vertretbar sein könnte, dass Blogger sich für Texte bezahlen lassen, die sie nach Vorgaben von Kunden verfassen – ohne dies transparent zu machen. Gekaufte Blogposts sind nämlich ebenso weit verbreitet wie umstritten, in den USA hat bereits der Gesetzgeber darauf reagiert.

Um aber das Briefing zur Kampagne zu bekommen, hätten wir uns erst bei E-Buzzing registrieren und die zitierten AGB bestätigen müssen. Das – bzw. uns an irgendwelche Vorgaben halten – wollten wir dann doch nicht. Genauso wenig wie ein Honorar von Entega für diesen Text.

Danke an Anika S. aus Aachen für den Hinweis

P.S.: Von unseren Leserinnen und Lesern hingegen lassen wir uns gern bezahlen, Details gibt es hier.


Öko-Test: „Geniaal“ daneben

Montag, den 16. Mai 2011

„Guter Rat ist teuer“, lautet ein altes Sprichwort. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert, guter Rat kostet heute nur 5,90 Euro, zumindest wenn er von der hochseriösen Zeitschrift Öko-Test kommt. Zum Beispiel wenn es um die Energiewende geht: Nie war das Interesse am persönlichen Atomausstieg größer als derzeit, nie die Bereitschaft den Stromanbieter zu wechseln verbreiteter. Allerdings gab es auch noch nie so viele Anbieter von Strom, der angeblich die Energiewende befördert. Deshalb also lag es nahe, dass sich die Öko-Tester mit dem vielfältigen Angebot auseinandersetzen:

Zunächst liefern die Zeitschriftenmacher dem Leser eine theoretische Abhandlung. „Der Begriff  Öko-Strom ist rechtlich nicht definiert“, sagt darin Peter Kafke, Energieexperte der Verbraucherzentralen und warnt: „Diese Grauzone nutzen viele Energieanbieter und schichten lediglich vorhandene Strommengen um“. Das ist natürlich wenig sinnvoll, soll doch die persönliche Energiewende dazu beitragen, dass weitere, neue Grünstrom-Kraftwerke gebaut werden.

Öko-Test weist auch auf einen alten Trick hin, mit denen die großen Energiekonzerne die Energiewende zu bremsen versuchen: sogenannte RECS-Zertifikate. In ihrem Ratgeber „Bauen, Wohnen & Renovieren“ heißt es auf Seite 110: „Diese Zertifikate gelten als Herkunftsnachweis für erneuerbare Energien und stammen überwiegend von Wasser-Kraftwerken aus Skandinavien und den Alpenländern.“ Und die Tester zitieren noch einmal den Verbraucherexperten Kafke: „So lässt sich deutscher Kohle- oder Atomstrom ganz legal in Öko-Strom umetikettieren. “ Zu Wort kommt dann auch noch Professor Uwe Leprich, der die zahlreichen Gütesiegel für Strom beleuchtet und die ernüchternde Aussage trifft: „Kein Kunde kann heute sicher sein, dass er grünen Strom fördert, wenn er grünen Strom bezahlt.“

So langsam wird man ungeduldig, schließlich wollte der Leser doch einfach nur wissen, zu welchem Öko-Strom-Anbieter er am besten wechselt, um die Energiewende voranzutreiben. „Der beste Öko-Strom ist der Strom, der gar nicht verbraucht wird“, schreiben die Tester – und wenn man jetzt ob solcher Platitüde verzweifelt und einfach umblättert, ist man endlich am Ziel: Eines der besten Öko-Angebote sei der „Geniaale Strom“ von Lekker-Energie. Natürlich stutzt jetzt der geneigte Leser, Lekker-Energie war doch erst kürzlich vom Lügendetekor geprüft worden – mit negativem Ergebnis. Trotzdem findet sich auf Zeile 4 der Tabelle der „Geniaale Strom“ – in schmeichelhafter Nachbarschaft mit Ökostrom-Pionieren wie Lichtblick, Greenpeace Energy oder Naturstrom.

Anruf also bei der Redaktion, vielleicht handelt es sich bei der Empfehlung ja um einen bedauerlichen Fehler, der korrigiert werden muss. Die Anfrage sei schriftlich einzureichen, und in der Antwort von Chefredakteur Jürgen Stellpflug heißt es knapp: „Die Testkriterien sind im Heft veröffentlicht.“

Also lesen wir noch einmal im Öko-Test-Ratgeber nach:

Äh, Moment: Bei Lekker-Energie heißt es in der Selbstauskunft zum „Unternehmensmix über alle Produkte“28 Prozent fossiler Strom, 16 Prozent Atomstrom.

Die Zeiten haben sich also doch noch nicht geändert: Guter Rat ist teuer – jedenfalls ist er für 5,90 bei Öko-Test „Bauen, Wohnen & Renovieren“ nicht zu haben.

Danke an Thomas W. für den Hinweis


Naturenergie: Alter Strom mit neuem Marketing

Donnerstag, den 24. März 2011

Werber glauben offenbar, Recyclingpapier sei immer noch schmutzigbraun. Diese Grundfarbe hat sich jedenfalls die Firma Naturenergie verpassen lassen – für ihre Internetseite, für Infobroschüren oder auch für die Werbebanner, die derzeit zum Beispiel auf SpiegelOnline laufen.

Durch „die Verwendung von Naturpapier als Gestaltungselement“ und einen insgesamt „ungeschminkten Look“ werde ein „glaubwürdiger Markenauftritt“ geschaffen, erklärt die Stuttgarter PR-Agentur Strichpunkt ihr Werk. Aber wie glaubwürdig ist das Produkt?

Naturenergie verspricht „Strom aus 100 % Wasserkraft“, komplett ohne CO2-Emissionen, und es entstünden auch „keine radioaktiven Abfälle“. Wer zu Naturenergie wechsle, der leiste einen „Beitrag zum Klimaschutz“. Nun, der Strom stammt tatsächlich aus Wasserkraft. Doch was das Angebot fürs Klima bringt, ist fraglich. Denn die Kraftwerke von Naturenergie (übrigens nicht zu verwechseln mit der Marke Naturstrom, die von Umweltverbänden empfohlen wird) gehören zu den ältesten Europas, teilweise gingen sie bereits 1898 in Betrieb. Die Energie aus solchen Altanlagen gehört seit Jahrzehnten zum normalen deutschen Strommix. Wenn er plötzlich unter einem eigenen Markenzeichen (und mit Aufpreis) an Öko-Kundschaft verkauft wird, bringt das der Umwelt nichts – denn die Energie, die die restlichen Kunden in Deutschland bekommen, wird durch das Ausgliedern des Wasserstroms schlicht ein Stückchen dreckiger.

Ein besonderes G’schmäckle bekommt das Angebot dadurch, dass Naturenergie eine Tochter von EnBW ist, dem viertgrößten deutschen Stromkonzern. Kein Versorger, schrieb kürzlich der Energiewissenschaftler Uwe Leprich in einer Studie für Greenpeace, setze so sehr auf Atomkraft. Mehr als die Hälfte des EnBW-Gewinns stamme allein aus dem Betrieb der vier konzerneigenen Akw, zweitwichtigstes Standbein sei die klimaschädliche Kohleverstromung. Dagegen hinke das Unternehmen bei erneuerbaren Energien hinterher, gerade 0,4 Prozent seines Stroms stamme derzeit aus „neuen“ Ökostromanlagen, etwa aus Solar- oder Windparks, aus Biomasse- oder Erdwärmekraftwerken.

Man könnte meinen, in einer solchen Lage (und bei einem solchen Marketingauftritt) müsse ein Konzern besonders stark in Erneuerbare Energien investieren. Was aber kündigte Vorstandschef Hans-Peter Villis auf der letzten Bilanzpressekonferenz an?


Siemens: Öko-Image aus der Schneekanone

Montag, den 7. Februar 2011

Siemens legt Wert auf sein Image. Und das kann derzeit gar nicht grün genug sei. Konzernchef Peter Löscher lässt keine Gelegenheit aus, das „Umweltportfolio“ des Münchener Technologiekonzerns anzupreisen, für das man – ganz ohne Quote! – eigens eine Frau in den Vorstand berufen hat. Sie heißt Barbara Kux und trägt den wirklich prachtvollen Titel „Chief Sustainability Officer“.

Und damit in München wirklich jeder Depp merkt, wie ökomäßig Siemens jetzt drauf ist, hat das Unternehmen der Stadt ein tolles Geschenk gemacht: die „Siemens Snow City“. Anlässlich der Ski-WM, die noch bis zum 20. Februar in Garmisch-Partenkirchen stattfindet, wurde direkt vor der Konzernzentrale am noblen Wittelsbacherplatz eine künstliche Skipiste aus dem Boden gestampft. Die maschinell beschneite Rampe ist 42,5 Meter lang, zwölf Meter hoch und soll zu einem „Wintervergnügen der besonderen Art im Herzen der Stadt“ einladen. Bobs, Skier und Skischuhe werden vor Ort verliehen, ein Lift befördert die Winderfreunde an die Spitze der Rampe – von wo man schon nach wenigen Sekunden wieder unten sind.

Drumherum hat Siemens von einer Eventagentur ein ganzes Winterdorf errichten lassen, inklusive rustikaler Almhütte mit trendiger Eisbar. Eröffnet wird der „Mega-Event“ mit einer Licht- und Lasershow, an deren Ende ein „Pyrofeuerwerk“ (sic!) steht. Süße Kinder schlittern mit energiesparenden „Osram LED-Stäben“ und den Fahnen der WM-Teilnehmerstaaten die kurze Rampe herunter. Beiläufig sollen die Besucher in einem künstlichen Iglu mit den Meisterleistungen der Siemens Alpine Technology bekannt gemacht werden. Dazu zählen so dunkelgrüne Sachen wie Schneekanonen, Sessellifte mit Sitzheizung oder eine Maschine namens „Snowbox“, die sogar noch bei 35 Grad Plus einen Schnee produziert, der sich durch „hohes Kältepotential sowie seine strahlend weiße Farbe und firnähnliche Konsistenz“ auszeichnet.  Die Maschine verhilft auch der Münchner „Snow City“ zu einem angeblich ökologischen Belag – und zwar, wie Siemens betont – ganz „ohne jegliche chemischen oder biologischen Zusätze“. Nur Strom und Wasser brauche man.

Tja, genau dies ist der Haken: Der Kunstschnee-Wahn in den Alpen frisst längst gigantische Mengen an Strom und Wasser. Schon vor vier Jahren schätzten Wissenschaftler den Wasserbedarf der beschneiten Pisten auf jährlich 95 Millionen Kubikmeter – das entspricht dem Verbrauch einer Großstadt mit 1,5 Millionen Einwohnern. Einzelne Flüsse in den französischen Alpen führen deshalb schon bis zu 70 Prozent weniger Wasser. Doch für Siemens zählen die Geschäfte, die sich mit Snowboxen und anderem Pisten-Equipment machen lassen. Rund 15 Milliarden Euro, schätzt der Konzern, würden im kommenden Jahrzehnt weltweit in den Neu- und Ausbau von Skigebieten investiert – ein Gutteil davon fließt in die Bemühungen traditioneller Skigebiete, sich gegen die klimawandelbedingte Schneearmut zu wehren.

Siemens betont bei seiner „Snow City“ sehr das Thema Nachhaltigkeit. Die Stromversorgung erfolge zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energiequellen, die gesamte Veranstaltung werde durch den Kauf von CO2-Zertifikaten klimaneutral. Der Müll werde getrennt, beim Catering auf die „Verarbeitung regionaler und saisonaler Produkte“ geachtet, die Gäste aus „Politik, Wirtschaft und Showbiz“ chauffiere man mit umweltfreundlichen „Hybrid-Limousinen“. Doch der Alltag in Ischgl, Sölden und all den anderen Kommerz-Skiorten ist ein völlig anderer.

Die grüne Tünche am Siemens-Event wirkt wie die Ökoversprechen, mit denen sich München und Garmisch derzeit für die Olympischen Winterspiele 2018 bewerben – deren sogenanntes Nachhaltigkeitskonzept haben bayerische Umweltverbände als Schönfärberei und „olympische Lügen“ verdammt.


Infrarot-Heizungen: Alles andere als grün

Freitag, den 28. Januar 2011

Dass Elektroheizungen und insbesondere Nachtspeicheröfen echte Öko-Schweinereien sind, ist mittlerweile allgemein bekannt. Aber Unternehmen sind ja erfinderisch. Auf Handzetteln in Baumärkten preist beispielsweise die britische Firma Tansun ihre „Quarzheizungen mit neuester Kurzwellen-Technologie“ an.

Oder Redwell aus Österreich, die ihre Infrarot-Heizkörper zum Beispiel als freihängende Kugeln liefert oder mit Bildern bedruckt, damit sie Wände verzieren können. Eine „Innovation“ sei das, „effektiv“ und „energiesparend“, sogar „wohltuend“ und „gesundheitsfördernd“.

Phänomenal, oder? Dabei ist das Heizen mit Infrarot-Strahlern ein ziemlich alter Hut, in Ställen oder Gewerbehallen zum Beispiel seit Jahrzehnten üblich. Infrarot-Heizungen haben den Vorteil, dass ihre Strahlen nicht die Raumluft erwärmen, sondern direkt die Körper, auf die sie treffen. Das Prinzip ist vom Gletschersonnenbad bekannt: Trotz frostiger Luft ist es in der Sonne angenehm warm.

Dieses direkte Erwärmen spare eine Menge Energie, behaupten nun die Hersteller. Als „kostengünstig und äußerst ökonomisch“, bewirbt etwa Tansun seine Produkte, sie seien „40 Prozent effektiver als herkömmliche Systeme“. Verbraucherschützern stehen dabei die Haare zu Berge. Allenfalls im Vergleich zu anderen Elektroheizungen sind die Infrarot-Strahler vielleicht effizienter – doch selbst daran habe er „große Zweifel“, sagt Peter Kafke vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). Theoretische Vorteile der Strahler seien in der Praxis wenig bedeutsam. Denn um in Wohnungen ein behagliches Raumklima zu schaffen, würden Nutzer immer auch die Luft indirekt miterwärmen müssen. „Der reale Stromverbrauch dürfte deshalb kaum unter dem konventioneller Elektroheizungen liegen.“ Und weil die Strahler teuren Tagstrom verbrauchen, lägen die Betriebskosten „sogar über denen von Nachtspeicheröfen“.

Um Kritiker zu kontern, hat Redwell sich von einer griechischen Universität eine Studie erstellen lassen. Die Heizer aus Österreich, heißt es darin vollmundig, seien „sämtlichen sonstigen Heizsystemen … unter Berücksichtigung aller wirtschaftlichen, ökologischen und ökonomischen Aspekte eindeutig überlegen“. Doch liest man das 24-seitige Papier genau, dann fällt auf, dass selbst in dieser Auftragsarbeit moderne Erdgasheizungen deutlich ökologischer abschneiden als die Infrarot-Heizer. Ein Vorteil für die Redwell-Produkte ergab sich nur, als in dem fiktiven Testhaus die Heizstrahler mit Solarkollektoren und einer Photovoltaik-Anlage kombiniert wurden.

Tansun behauptet auf seiner Internetseite sogar, seine Heizstrahler lieferten „CO2-freie“ Wärme. Das ist natürlich gelogen. Sie verursachten „keine direkten CO2-Emissionen“, heißt es präziser auf den Werbezetteln aus dem Baumarkt. Denn indirekt verursachen Elektroheizungen sehr wohl Kohlendioxid, ein Großteil des Stroms kommt hierzulande schließlich aus klimaschädlichen Kohlekraftwerken. Unterm Strich liegen die CO2-Emissionen von Elektroheizungen pro Kilowattstunde mehr als doppelt so hoch wie bei modernen Erdgasheizungen. Außerdem ist es Quatsch, Stromheizer als „effizient“ zu bezeichnen. Selbst wenn das einzelne Gerät nahezu hundert Prozent des eingesetzten Stroms in Wärme umwandelt, bleibt das Gesamtsystem extrem ineffizient – denn selbst moderne Großkraftwerke haben Wirkungsgrade von unter 50 Prozent, d.h. dort geht mehr als die Hälfte der eingesetzten Primärenergie verloren. Heizen mit Strom sei daher unverantwortlich, sagt Peter Mellwig von der Energieberatungsgesellschaft co2online, auch ein Wechsel zu Ökostrom ändere daran nichts. „Elektrizität ist eine aufwändig erzeugte Energieform, die zur Wärmeerzeugung einfach zu schade ist.“

Und das gilt für konventionelle wie unkonventionelle Elektroheizer gleichermaßen.


Lekker Energie: Nur 56 Prozent Ökostrom

Mittwoch, den 15. Dezember 2010

Mit dem Slogan „lekker Strom“ stürmte vor ein paar Jahren der holländische Energiekonzern Nuon auf den deutschen Markt, durchaus mit Erfolg. Bald hatte das Unternehmen hierzulande knapp 300.000 Kunden und außerdem ein freches Image. 2009 schluckte Vattenfall die ganze Firma. Auf Druck der EU-Wettbewerbsbehörde musste der schwedische Energieriese aber das deutsche Nuon-Geschäft verkaufen. Es gehört nun der Enervie-Gruppe aus NRW (Anteilseigner u.a. RWE) und tritt unter dem Firmennamen „lekker Energie“ auf.

„Ich bin lekker“ steht auf den Plakaten der aktuellen Werbekampagne. Dazu Fotos von (gutaussehenden) Kunden. Und jeweils ein Satz, der mit „Weil ich…“ beginnt. „Weil ich mitdenke“, sagt da etwa eine junge Frau. „Weil mir die Zukunft wichtig ist“, erklärt eine etwas ältere. Daneben prangt als Versprechen „100 % Ökostrom“ bzw. „100 % atomstromfrei“.

Auf der Firmenwebsite werden diese Zusagen wiederholt. Doch wer genau liest, der stolpert. Für den Tarif „lekker Strom“ beispielsweise wird nirgends erwähnt, woher genau die Energie stammt. Man kaufe dafür lediglich RECS-Zertifikate ein, räumt auf Nachfrage die Firmensprecherin ein – die aber sind unter Umwelt- und Verbraucherschützern sehr umstritten. Der Tarif „geniaale Strom“ hingegen ist mit dem renommierten „o.k. power“-Label zertifiziert, weshalb sich nachvollziehen lässt, dass dieser Strom aus drei norwegischen Wasserkraftwerken stammt.

Wirklich stutzig aber macht ein Blick auf die gesetzlich vorgeschriebene Stromkennzeichnung: Groß und signalgelb unterlegt steht da für alle Produkte „100 % Erneuerbare Energien“. Unauffällig unter der Tabelle jedoch finden sich Angaben zum Gesamt-Strommix der Firma:

Wie kann das sein? Alle Tarife enthalten 100 Prozent Ökoenergie, für die gesamte Firma beträgt die Grünstrom-Quote aber nur 56 Prozent? Die Antwort findet sich im Geschäftskundenbereich der Firmenwebsite:

Großabnehmer bekommen bei lekker Energie nicht nur Ökostrom, sondern auch dreckigen Kohle- oder riskanten Atomstrom. Der Geschäftskundentarif „dekkel Strom“ ist alles andere als „100 % atomstromfrei“, sondern enthält mit 30 % sogar mehr Kernkraft als der bundesweite Durchschnittsmix. „Industriekunden bekommen bei uns, was sie haben wollen“, erklärt Firmensprecherin Heike Klumpe. Und das sei „leider nicht immer“ Ökostrom.

Was stand nochmal auf den Plakaten? „Weil mir die Zukunft wichtig ist“. Wem die Zukunft so wichtig ist, dass er einen Energieversorger wählt, der wirklich nur Ökostrom vertreibt, für den ist lekker Energie gar nicht lecker.

Danke für den Hinweis an Christian B.


REWE/toom: Nachhaltige Startschwierigkeiten

Mittwoch, den 24. November 2010

Das Hauptmotiv der neuen Anzeigenkampagne der Rewe-Handelsgruppe ist ganz hübsch: Eine Kleinfamilie steht da mit ihrem gefüllten Einkaufswagen auf einem Waldweg, vor ihr ein großer Holzlaster, die Trucker gucken verblüfft: „Unsere Kunden bewegen mehr als ihren Einkaufswagen“, lautet der Slogan dazu. Der zweitgrößte Lebensmittelhändler Deutschlands will sich so als Adresse für „verantwortungsvollen Einkauf“ empfehlen. Nachhaltigkeit, heißt es auf der Firmenwebsite, sei bei Rewe „fest in der Unternehmensphilosophie“ verankert.

Im Anzeigentext erfährt man dann leider, dass die „verantwortungsvollen“ Produkte nur einen Teil des Sortiments ausmachen. An einem neuen Label namens „Pro Planet“ sollen sie bei Rewe, toom und Penny ab sofort zu erkennen sein, es geht beispielsweise um Schreibblöcke aus Recyclingpapier oder Wandfarben ohne Lösungsmittel. „Dabei kombinieren wir Imagewerbung intelligent mit Verkaufsimpulsen“, erklärte Rewe-Vorstandschef Alain Caparros.

Die Realität bei Rewe sieht allerdings nicht ganz so glänzend aus wie die von der Edel-Agentur Scholz&Friends betreute PR-Kampagne. So wählte man als Partner für die Elektroauto-Ladestationen in Berliner Märkten ausgerechnet Vattenfall - jenen Konzern, dessen Braunkohlekraftwerke Unmengen von Kohlendioxid ausstoßen und der mit 890 Gramm CO2 pro erzeugter Kilowattstunde laut Greenpeace „Deutschlands klimaschädlichster Stromanbieter“ ist.

Zudem ging bei Rewes Baumarkttochter toom der Start der Öko-Offensive gründlich daneben, dort hat man Imagewerbung und Kaufimpulse tatsächlich sehr intelligent miteinander verbunden. Mit billigen Energiesparlampen lockte toom Kunden in die Filialen, schaltete dazu auf Seite 1 der Bild eine große Annonce. Für 99 Cent wurden da Lampen aus „Energieeffizienzklasse A“ angepriesen – doch tatsächlich zeigte und verkaufte toom schlechtere Energiesparlampen der Klasse B. Daraufhin ging die Deutsche Umwelthilfe (DUH) juristisch gegen Rewe und die Bild vor. „Mit falschen Angaben wurden die Verbraucher getäuscht und zum Kauf niederwertiger Energiesparlampen verleitet“, kritisiert DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. „Unter dem Deckmantel des Klimaschutzes wird mit solchen Aktionen eine grundsätzlich positive Technologie wie die Energiesparlampe diskreditiert.“

Vor einigen Tagen fiel toom zum zweiten Mal negativ auf: Die Kette verkaufte Energiesparlampen mit überhöhten Quecksilberwerten. Bereits seit Juli 2006 beschränkt die RoHS-Richtlinie der EU die Menge dieses gefährlichen Schwermetalls auf höchstens fünf Milligramm pro Lampe, die DUH fand bei Testkäufen jedoch 5,7 und 6,35 Milligramm. Rewe rechtfertigte das gegenüber der DUH mit den Worten, man habe die beanstandeten Lampen schon im Mai 2002 eingekauft – dieses Datum sei juristisch der Zeitpunkt des Inverkehrbringens, mithin fielen die fraglichen Lampen auch heute noch nicht unter den EU-Grenzwert. Nachhaltig sei bei Rewe, so DUH-Mann Resch, „nur das Streben nach Gewinnmaximierung, notfalls auch zu Lasten der Gesundheit der Verbraucher und der Umwelt“.

„Das ist zweimal wirklich blöd gelaufen“, sagt Rewe-Sprecher Andreas Krämer hörbar zerknirscht. Im ersten Fall sei einem Mitarbeiter der Werbeabteilung schlicht ein Fehler passiert, im zweiten Fall habe es sich um „eine minimale Restmenge“ alter Lampen gehandelt – und die Antwort des Firmenjuristen sei mit der Unternehmensspitze nicht abgestimmt gewesen. Krämer versichert, dass man es tatsächlich ernst meine mit dem Nachhaltigkeitsengagement. Die Vorfälle seien Rewe bzw. toom „wirklich unangenehm“ – und sollten nicht nochmal vorkommen.

Nun, wir werden ein Auge drauf haben.

Danke an Christian B. und Christoph S. für die Hinweise


Tchibo: Grüner Strom mit einem Fragezeichen

Montag, den 8. November 2010

Nun also auch Tchibo: Deutschlands größter Kaffeeröster steigt ins Ökostrom-Geschäft ein. In ganzseitigen Zeitungsannoncen und im Internet wirbt die Firma für „Grünen Strom“ aus „100 Prozent Wasserkraft“. Der Preis liegt vielerorts unter den Basistarifen der örtlichen Grundversorger, die großteils Atom- und Kohlestrom liefern. Also, alles super?

Naja, wie wir schon öfter schrieben, bringen Ökotarife nur dann etwas für die Umwelt (Experten sprechen vom „zusätzlichen Umweltnutzen“), wenn der Strom nicht aus alten Erzeugungsanlagen stammt, die ohnehin seit langem an Netz sind. Konsumenten sollten deshalb darauf achten, dass ihr Anbieter zumindest einen Teil seiner Einnahmen in neue Windräder, Solarparks oder ähnliches steckt.

Der Tchibo-Ökostrom kommt nach Unternehmensangaben aus Wasserkraftwerken des norwegischen Konzerns Statkraft. Und im Unterschied zu vielen der oft zweifelhaften Billiganbieter betont die Kaffeefirma, dass sie dabei nicht nur die umstrittenen RECS-Zertifikate einkauft, sondern tatsächlich Strom aus Skandinavien bezieht. Dass ein Teil davon garantiert aus Neuanlagen stammt, lässt sich Tchibo durch den Tüv und das renommierte „o.k. power“-Label bescheinigen. Bei der Stiftung Warentest kommt das Angebot denn auch ziemlich gut weg.

Bei einem genauem Blick bleibt dennoch ein Fragezeichen. Denn anders als üblich, finden sich auf der „o.k. power“-Website zu Tchibo keine Angaben zu Namen und Standorten der Wasserkraftanlagen. Dort heißt es lediglich:

Bei Tchibo bleibt also – bislang – leider offen, woher genau der Strom kommt und was mit den Erlösen passiert. Wer als Kunde die Tchibo-Hotline anruft, wird auch nicht schlauer. Die freundliche Frauenstimme weiß bloß, dass der Lieferant ein norwegisches Wasserkraftwerk ist. Doch zum vollmundigen Versprechen der Firma, „dass kontinuierlich neue Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien errichtet werden“, kann sie nichts sagen. Sie verspricht den Rückruf eines „Kollegen aus der Fachabteilung“. Aber auch der erklärt später nur, dass man die norwegischen Wasserkraftanlagen noch ausbauen wolle. Vielleicht investiere man später aber auch in Windkraft. Genau wisse man das noch nicht, „wir haben ja erst angefangen“. Erst der Tchibo-Pressesprecher klärt das Versprechen auf: Die Neuanlagen errichte man nicht selbst – sondern die Kundengelder flössen an Statkraft, und der Konzern baue damit seine Wasserkraftwerke weiter aus. Ob Statkraft das nicht vielleicht ohnehin vorgehabt hat, egal ob Tchibo nun Ökostrom abnimmt, bleibt leider offen… 

Die vier bundesweiten, unabhängigen Öko-Anbieter, die von Umweltverbänden empfohlen werden, arbeiten jedenfalls deutlich nachvollziehbarer. Bei ihnen können Kunden genau erfahren, aus welchen Anlagen ihr Strom stammt oder auch in genau welche neuen Projekten ihr Geld fließt. Zwar ist Tchibo im Vergleich zu diesen Anbietern meist etwas günstiger – arbeitet aber eben auch weniger transparent.

Danke an C. aus Berlin für die Hinweise


Telekom und Utopia.de: Kuscheln im Grünen

Freitag, den 30. April 2010

„Changemaker“, wow, was für ein Titel! Die Internet-Plattform Utopia.de verleiht ihn an Firmen, die ein „Manifest“ zur „nachhaltigen Unternehmensführung“ unterschreiben. Die Utopia.de-Gründerin kommt aus der Werbebranche, und da muss es offenbar für alles ganz große, glänzende Begriffe geben. Neuerdings dürfen sich nicht nur anerkannte Öko-Vorreiter wie die GLS-Bank oder der Büroausstatter Memo „Veränderungsmacher“ nennen, sondern auch die Deutsche Telekom. Der Konzern freute sich so sehr darüber, dass er das sofort in riesigen Zeitungsannoncen publik machte. Zum Beispiel in der Süddeutschen Zeitung wurden die zehn Kernpunkte des Manifests abgedruckt, dazu ein aus vielen kleinen Menschen zusammengesetztes Telekom-Logo:

telekom_utopia1

Doch liest man die „Commitments“ (Utopia-Deutsch für „Zusagen“) genau, dann entpuppen sie sich als ziemlich luftig. Man mache „Nachhaltigkeit zur Chefsache“ heißt es dort etwa. Oder: „Wir vermeiden Abfall und optimieren unsere Stoffkreisläufe.“ Konkrete Zahlen, an denen sich Fortschritte messen ließen, gibt es nur wenige. Völlig schleierhaft ist zudem, wie Utopia.de die Einhaltung der Zusagen kontrollieren will. Man sei „gerade dabei“ sich dazu etwas zu überlegen, erklärt Utopia.de-Vorstand Meike Gebhard auf unsere Nachfrage. Die Firmen sollten jährliche Berichte schreiben, die dann vom Kuratorium der Utopia-Stiftung geprüft würden. Neben prominenten Fernsehgesichtern sitzen da zwar auch ein paar Professoren – aber ob sich hochmögende Kuratoriumsmitglieder wirklich durch Details eines Nachhaltigkeitsberichts ackern und diese dann auch noch mit der Realität vergleichen, das ist doch sehr zu bezweifeln. „Wir sind keine Prüforganisation“, gibt Meike Gebhard zu, sondern „ein kleiner Laden“ mit gerade zwölf Leuten, die Gutes tun wollten. „Unsere Community“ aber, also die rund 65.000 bei Utopia.de registrierten Nutzer, die werde ganz sicher ganz scharfe Blicke auf die Firmenberichte werfen. Und man könne sicher sein, dass es da zu jedem Spezialthema ein paar „Freaks“ gebe. Ein reichlich wackliges Fundament für den großen Titel „Changemaker“.

„Uns interessiert es, etwas in Bewegung zu bringen“, sagt die Utopia.de-Frau noch. Man erwarte nicht, dass Firmen schon ökologisch perfekt seien – sondern dass sie sich permanent verbessern. Schauen wir deshalb noch kurz auf eines der Telekom-“Commitments“:

telekom_utopia2

Das klingt prima. Doch in den Erläuterungen dazu heißt es, man beziehe bereits hundert Prozent Ökostrom und zwar – wie wir hier im Blog schon im vergangenen September schriebenauf der Basis umstrittener RECS-Zertifikate aus alten, skandinavischen Wasserkraftwerken. Wir fragten nun nochmal bei der Telekom nach, ob man als „Changemaker“ denn bei diesem Punkt vielleicht ein bisschen vorangekommen sei im Laufe des letzten halben Jahres. Oder zumindest beabsichtige, wirklich zum Ausbau der Erneuerbaren Energien beitragen – statt bloß Ökostrom zu verwenden, der ohnehin seit Jahrzehnten produziert wird. Nein, es habe sich nichts geändert, antwortete Ignacio Campino, der Nachhaltigkeits-Beauftragte der Telekom. „Die Kosten für direkten Bezug von Ökostrom mit Förderung des Aufbaus von neuen Windparks (oder ähnliche Anlagen für die Stromerzeugung) sind z.Z. einfach zu hoch“, so Campino. „Wir sind in einem extrem kompetitiven Markt tätig, und wir können niemals die Kosten aus den Augen verlieren. Es bleibt dabei: Nachhaltigkeit muss im Alltag die Balance zwischen den drei Dimensionen finden: Ökologie, Ökonomie und Soziales.“

Kurz gesagt: Ökostrom, der wirklich die Welt verändert, ist der Deutschen Telekom zu teuer. Und hier bewegt sich das Unternehmen offenbar kein bisschen.

P.S.: In einem umfangreichen Schreiben, das wir hier gern auszugsweise widergeben, hat Utopia.de auf unseren Beitrag reagiert (die Original-Stellungnahme von Meike Gebhard findet sich auch auf ihrem eigenen Blog – ebenso durchaus kontroverse Reaktionen der Utopia.de-Community): Wir hätten fälschlicherweise den Eindruck erweckt, „Utopia vergebe leichtfertig einen großen Titel und definiere erst ex post das Verfahren“, heißt es da, „das Gegenteil ist richtig“. Es gebe vier Bausteine zur Umsetzung des „Changemaker-Prozesses“, nämlich 1. die Formulierung „konkreter Ziele und Maßnahmen“, 2. einen jährlichen „Fortschrittsbericht“, und den schaue sich Utopia.de „genau an“. Es folge als dritter Schritt: „Ziele und Maßnahmen“ der Firmen „werten wir aus“, und dabei solle die Utopia.de-Community einbezogen werden. Viertens schließlich lade man die Unternehmen „zu einem Austauschforum ein, bei dem wir über diese Erkenntnisse und Fragestellungen kritisch und konstruktiv diskutieren werden“.

Oberstes Ziel sei „Dialog“, betont Gebard. „Wir sind keine Zertifizierer und keine ‚Richter‘, sondern verstehen uns als Mittler zwischen den Unternehmen und der Zivilgesellschaft. … Wir sind überzeugt, dass wir mit dem Changemaker Manifest eine neue Qualität für den Dialog zwischen Unternehmen und Zivilgesellschaft geschaffen haben, der es ermöglicht, Fortschritte der Unternehmen bei der Erreichung ihrer Nachhaltigkeitsziele ebenso zu erkennen wie Stillstand oder nicht gehaltene Versprechungen. … Es geht Utopia darum, eine Plattform für kritische Öffentlichkeit zu bieten, gleichzeitig geht es auch darum, die größten Hebel zu finden, mit denen man am Schnellsten Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft erreichen kann. Wenn sich ein großes DAX-Unternehmen wie die Deutsche Telekom in Bewegung setzt, dann ist das aus unserer Sicht so ein Hebel.“

Anmerkung der Redaktion: In ihrem Blog schreibt Meike Gebhard übrigens noch, die Mitarbeiter der jeweiligen Firmen seien „eine zentrale Instanz“ (!) der Kontrolle. Sie kündigt Verbesserungen im „Changemaker-Prozess“ an, genaue Kriterien aber fürs Bewerten der „Fortschritte“ fehlen offenbar weiterhin. Im übrigen sehen wir nicht, dass sich die Telekom etwa beim Thema Ökostrom „in Bewegung setzt“.


taz: Blackout bei Energiesparlampen

Freitag, den 23. April 2010

Unter Politik- und Wirtschaftsjournalisten gibt es ein Schimpfwort: „Feuilleton“. Jedenfalls rümpfen die tendenziell herablassenden Schreiber aus den „harten“ Ressorts gern die Nase, wenn sich Kultur-Kollegen in flanierend-lockerem Ton zu ernsten Themen äußern. Angesichts des Textes, der diese Woche im Feuilleton der alternativen tageszeitung erschien, kann man die Arroganz fast verstehen. taz_gluehlampe1Unter der Überschrift „Da geht uns ein Licht aus“ schrieb die Feuilletonistin Brigitte Werneburg über einen Aufruf von rund 90 Künstlern, Designern und Galeristen in der neuen Ausgabe der Kunstzeitschrift Monopol. Die Petition richtet sich gegen das Verbot von Glühbirnen, das seit vergangenem September in der EU schrittweise eingeführt wird. „Auf die Vielfalt des künstlichen Lichts“ und auf Halogenlampen können die rund 90 Unterzeichner nach eigenen Angaben „unmöglich verzichten“, so der Aufruf, „traditionelle Glühbirnen“ seien „essenzieller Teil unserer Beleuchtungskultur“. Das klingt reichlich alarmistisch – aber natürlich wäre auch wenig dagegen einzuwenden, wenn als Ausnahme vom Verbot in der einen oder anderen Galerie auch künftig noch eine alte Lampen leuchten sollte. Dabei haben die Künstler in ihrem Furor offenbar übersehen, dass zumindest die gewohnten Halogenlampen weiter erlaubt sind.

Die taz-Journalistin Brigitte Werneburg aber hat sich vom Gezeter der Petition anstecken lassen. Und führt in ihrem Artikel einige der beliebtesten Gruselmärchen an, die an Kneipentischen und in Internet-Blogs kursieren. Die Sparlampen würden aufgrund „gefühlter“ Kälte mehr Heizenergie benötigen und wegen aufgrund ihres Quecksilbergehalts die Umwelt schädigen.

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Laut der Studie werde das 1,4-Fache der eingesparten Energie wieder rückinvestiert. Schon dabei hätte jeder Journalist und jede Journalistin stutzig werden müssen: Wieso soll eine Heizung fast anderthalb mal so viel Energie zum Heizen brauchen wie eine Glühlampe? Doch es geht noch weiter:

taz_gluehlampe3Donnerwetter! Sind wir etwa alle von den Lobbyisten der Energiesparlampenindustrie oder totalitären EU-Bürokraten betrogen worden? Ist das Glühlampenverbot in Wahrheit eine heimliche Maßnahme zur Energieverschwendung? Komisch nur, dass die von Brigitte Werneburg zitierte Behörde auf ihrer Website schreibt:

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Zu deutsch: „Durch das Ausmustern traditioneller Glühlampen werden wir alle weniger Energie und dadurch weniger Elektrizität brauchen.“ Des Rätsels Lösung: Die im taz-Text zitierte Studie existiert überhaupt nicht. Zwar haben sich tatsächlich mehrere Untersuchungen der Defra mit dem sogenannten Heat-Rebound-Effekt befasst, also der Frage, wieviel Heizenergie kompensiert werden muss, wenn energiesparende Geräte weniger Abwärme erzeugen. Die Untersuchung, auf die sich die taz indirekt bezieht, ist beim britischen Market Transformation Programme (MTP) unter dem Titel BNXS29 zu finden. Doch die genannten Aussagen über einen 1,4-fachen Verbrauch an Heizenergie oder „gefühlte“ Temperaturen durch veränderte Lichtfarben finden sich darin nicht.

Ursprung der Zeitungsente ist ein Artikel im Magazin Professional Lighting Design wo die Studie erwähnt und im weiteren über den psychologischen Faktor kalten Lichts spekuliert wurde. Hierzulande griff die Zeitschrift Öko-Test dies im Oktober 2008 auf und schrieb die Aussage direkt der Defra-Studie zu. Die Firma Megaman, einer der führenden Hersteller von Energiesparlampen, ging der Sache daraufhin nach. „Das MTP wurde darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Veröffentlichung BNXS29 in deutschen Medien zu kaltem Licht und seinen psychologischen Effekten zitiert wurde“, erklärte einer der Studienautoren, Arani Mylvaganam, gegenüber Megaman. „Aber diese Information kommt nicht vom MTP und BNX29 wurde bedauerlicherweise falsch zitiert.“

Und was ist mit dem zweiten Punkt im taz-Text, dem Quecksilber? Dieses hochgiftige Schwermetall ist tatsächlich in Energiesparlampen enthalten – pro Stück etwa 3 bis 4 Milligramm. Allerdings wird es nur frei, wenn die Lampe kaputtgeht oder nicht fachgerecht entsorgt wird. Und selbst dann noch ersparen die modernen Lampen der Umwelt Quecksilber. Grund für dieses Paradoxon ist die Tatsache, dass Kohlekraftwerke erhebliche Mengen Quecksilber durch den Schlot freisetzen – und durch den eingesparten Strom werden diese vermieden.

Das hätte Brigitte Werneburg übrigens auch auf der Website der von ihr zitierten Defra nachlesen können.