Archiv des Themas ‘Umwelt‘

Siemens: Öko-Image aus der Schneekanone

Montag, den 7. Februar 2011

Siemens legt Wert auf sein Image. Und das kann derzeit gar nicht grün genug sei. Konzernchef Peter Löscher lässt keine Gelegenheit aus, das „Umweltportfolio“ des Münchener Technologiekonzerns anzupreisen, für das man – ganz ohne Quote! – eigens eine Frau in den Vorstand berufen hat. Sie heißt Barbara Kux und trägt den wirklich prachtvollen Titel „Chief Sustainability Officer“.

Und damit in München wirklich jeder Depp merkt, wie ökomäßig Siemens jetzt drauf ist, hat das Unternehmen der Stadt ein tolles Geschenk gemacht: die „Siemens Snow City“. Anlässlich der Ski-WM, die noch bis zum 20. Februar in Garmisch-Partenkirchen stattfindet, wurde direkt vor der Konzernzentrale am noblen Wittelsbacherplatz eine künstliche Skipiste aus dem Boden gestampft. Die maschinell beschneite Rampe ist 42,5 Meter lang, zwölf Meter hoch und soll zu einem „Wintervergnügen der besonderen Art im Herzen der Stadt“ einladen. Bobs, Skier und Skischuhe werden vor Ort verliehen, ein Lift befördert die Winderfreunde an die Spitze der Rampe – von wo man schon nach wenigen Sekunden wieder unten sind.

Drumherum hat Siemens von einer Eventagentur ein ganzes Winterdorf errichten lassen, inklusive rustikaler Almhütte mit trendiger Eisbar. Eröffnet wird der „Mega-Event“ mit einer Licht- und Lasershow, an deren Ende ein „Pyrofeuerwerk“ (sic!) steht. Süße Kinder schlittern mit energiesparenden „Osram LED-Stäben“ und den Fahnen der WM-Teilnehmerstaaten die kurze Rampe herunter. Beiläufig sollen die Besucher in einem künstlichen Iglu mit den Meisterleistungen der Siemens Alpine Technology bekannt gemacht werden. Dazu zählen so dunkelgrüne Sachen wie Schneekanonen, Sessellifte mit Sitzheizung oder eine Maschine namens „Snowbox“, die sogar noch bei 35 Grad Plus einen Schnee produziert, der sich durch „hohes Kältepotential sowie seine strahlend weiße Farbe und firnähnliche Konsistenz“ auszeichnet.  Die Maschine verhilft auch der Münchner „Snow City“ zu einem angeblich ökologischen Belag – und zwar, wie Siemens betont – ganz „ohne jegliche chemischen oder biologischen Zusätze“. Nur Strom und Wasser brauche man.

Tja, genau dies ist der Haken: Der Kunstschnee-Wahn in den Alpen frisst längst gigantische Mengen an Strom und Wasser. Schon vor vier Jahren schätzten Wissenschaftler den Wasserbedarf der beschneiten Pisten auf jährlich 95 Millionen Kubikmeter – das entspricht dem Verbrauch einer Großstadt mit 1,5 Millionen Einwohnern. Einzelne Flüsse in den französischen Alpen führen deshalb schon bis zu 70 Prozent weniger Wasser. Doch für Siemens zählen die Geschäfte, die sich mit Snowboxen und anderem Pisten-Equipment machen lassen. Rund 15 Milliarden Euro, schätzt der Konzern, würden im kommenden Jahrzehnt weltweit in den Neu- und Ausbau von Skigebieten investiert – ein Gutteil davon fließt in die Bemühungen traditioneller Skigebiete, sich gegen die klimawandelbedingte Schneearmut zu wehren.

Siemens betont bei seiner „Snow City“ sehr das Thema Nachhaltigkeit. Die Stromversorgung erfolge zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energiequellen, die gesamte Veranstaltung werde durch den Kauf von CO2-Zertifikaten klimaneutral. Der Müll werde getrennt, beim Catering auf die „Verarbeitung regionaler und saisonaler Produkte“ geachtet, die Gäste aus „Politik, Wirtschaft und Showbiz“ chauffiere man mit umweltfreundlichen „Hybrid-Limousinen“. Doch der Alltag in Ischgl, Sölden und all den anderen Kommerz-Skiorten ist ein völlig anderer.

Die grüne Tünche am Siemens-Event wirkt wie die Ökoversprechen, mit denen sich München und Garmisch derzeit für die Olympischen Winterspiele 2018 bewerben – deren sogenanntes Nachhaltigkeitskonzept haben bayerische Umweltverbände als Schönfärberei und „olympische Lügen“ verdammt.


Compo Blumenerde: Moorleiche mit Bio-Stempel

Donnerstag, den 8. April 2010

compo_bioerde_grNun, endlich, ist der Frühling da. Auf Balkonen und in Gärten wird gewerkelt, was das Zeug hält. In den Bau- und Gärtenmärkten wimmelt es vor Kundinnen und Kunden. „Wow“, freuen die sich, neuerdings gibt es sogar Blumenerde in Bio-Qualität! Jedenfalls liegen diese Plastesäcke der Münsterschen Firma Compo, einer Tochter des Düngemittelgiganten K+S, in etlichen Baumärkten, beispielsweise bei der „toom“-Kette.

„Bio Universal-Erde“ also prangt auf den Säcken, dazu ein possierlicher Pinguin. Und vielleicht erinnern sich die Gartenfreunde, dass sie schon irgendwann einmal gehört hatten, dass die übliche Blumenerde ein ziemlicher Umweltfrevel ist – denn sie besteht größtenteils aus Torf, der in Mooren gestochen wird. Rund zehn Millionen Kubikmeter Torf werden nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Deutschland jährlich verbraucht – ein Großteil davon wandert in Hobbygärten, Blumentöpfe oder Balkonkästen. Von hierzulande einst 500.000 Hektar Hochmoorflächen, so die Umweltstiftung WWF, existieren heute noch 30.000. Beim Torfabbau gehen nicht nur Lebensräumen seltener Tier- und Pflanzenarten verloren, etwa von Birkhuhn, Kreuzotter oder Sonnentau, einer fleischfressenden Pflanze. Moore sind außerdem ein wichtiger Speicher für Kohlendioxid - weltweit binden sie mehr von dem Treibhausgas als alle Wälder zusammengenommen. Wird der Torf gestochen und der Luft ausgesetzt, wird das Kohlendioxid wieder frei. Wer wirklich einen grünen Daumen hat, kauft also keine torfhaltige Blumenerde.

Doch auf der Rückseite des Compo-Sacks dann die Überraschung – bei „Ausgangsstoffe“ steht: „75 % Hochmoortorf wenig bis stark zersetzt“. Die vermeintliche Bio-Erde ist also in Wahrheit ein Biotop-Killer. compo_bioerde_logoWohl um darüber hinwegzutäuschen, schmückt die Rückseite des Sacks gleich noch ein freundlich und grün wirkendes Logo. Und in einem langen Text (der sich wortgleich auf der Compo-Website findet) versucht man, die negativen Folgen des Torfabbaus kleinzuschreiben. Von „selbstverständlicher Verantwortung“ für die Natur ist da die Rede und von „klaren“ Naturschutzgesetzen. Hierzulande werde Torf „ausschließlich auf bereits seit Jahrzehnten degenerierten,
trockengelegten Flächen“ abgebaut, heißt es da. Das mag ja stimmen – doch wurden die Flächen eben doch vom Menschen trockengelegt. Und längst werden Millionen Tonnen Torf aus Osteuropa importiert, über die Zustände dort spricht die deutsche Garten- und Erden-Industrie ungern. Und nach dem Torfabbau, schreibt Compo, werde sowieso renaturiert, also die „natürliche Moorlandschaft“ wiederhergestellt:

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Heidrun Heidecke, die beim BUND in Berlin für den Moorschutz zuständig ist, kann darüber nur lachen. „Compo verschweigt relevante Dinge“, sagt sie. Ein bisschen Wasser auf abgetorfte Böden zu kippen, das ergebe noch keine Moorlandschaft. „Frühestens in ein paar Jahrzehnten könnte man davon sprechen.“ Torfschichten wachsen nämlich nur um etwa einen Millimeter pro Jahr. Den Klimaschaden schließlich, den mache keine Renaturierung wett: Denn die Torfförderung bringt nun einmal Kohlenstoffmengen wieder an die Oberfläche, die besser im Boden geblieben wären. Für umweltbewusste Kunden hat der BUND deshalb einen Einkaufsführer erarbeitet, der torffreie Blumenerden empfiehlt.

Aber was hat denn dann das „Bio“ auf dem Compo-Sack zu suchen? Anruf bei der Firmen-Pressestelle: Die Rezeptur der Erde sei so gewählt, erklärt die Sprecherin, „dass sie für den ökologischen Landbau geeignet ist“. Aha, die Erde ist also kein Bio-Produkt, sondern sie ist für Bio-Produkte gedacht! „Compo darf das tatsächlich da draufschreiben“, sagt auch Umweltschützerin Heidecke. „Anders als etwa bei Lebensmitteln ist der Begriff ‚bio‘ bei Erden und Pflanzsubstraten nicht gesetzlich geschützt.“


Olympia: Grüngefärbte Spiele in Vancouver

Montag, den 15. Februar 2010

Das hatten die Olympia-Organisatoren wohl nicht gemeint, als sie dieses Jahr in Vancouver „grüne Spiele“ versprachen: Wegen des ungewöhnlich warmen Winters waren Wälder und Pisten bis vor wenigen Tagen tatsächlich noch ziemlich grün, mit Hubschraubern und 170 Lastwagen wurde Schnee herangeschafft – bis gerade noch rechtzeitig zum Start der Spiele natürlicher Schneefall einsetzte.

Nein, das örtliche Organisationskomittee VANOC hatte eine umwelt- und klimaschonende Großveranstaltung versprochen.

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„Nachhaltigkeit stand im Zentrum all unseres Handelns“, erklärte etwa VANOC-Chef John Furlang, „so haben wir eine neue Stufe nachhaltigen Auftretens erklommen.“ Auf der Olympia-Website werden etliche Einzelmaßnahmen gefeiert: Sportstätten in Energiespar-Architektur zum Beispiel oder das „Carbon Managment Program“ zur Senkung und Kompensation von CO2-Emissionen, die Sieger-Medaillen wurden teilweise aus Altmetall gefertigt. Doch alle Sparmaßnahmen zusammen haben den „CO2-Fußabdruck“ des Großereignisses um gerade einmal 15 Prozent reduziert, wie sogar die Organisatoren einräumen. In der Werbung ist zwar von „CO2-neutralen“ Spielen die Rede, doch die Organisatoren gleichen nur die direkten Treibhausgas-Emissionen an anderer Stelle aus – für die schätzungsweise 130.000 Tonnen Kohlendioxid, die allein durch die Anreise Zehntausender Zuschauer entstehen, sollen diese selbst sorgen.

„Die Spiele in Vancouver sind nicht so grün, wie sie hätten sein können“, kritisiert deshalb David Suzuki, einer der diesjährigen Träger des Alternativen Nobelpreises. Seine Stiftung hat die Öko-Bemühungen detailliert bewertet und VANOC lediglich eine Bronzemedaille zugebilligt. Reihenweise verschenkten die Organisatoren ökologische Möglichkeiten: Zwar werden durchaus Busse und Bahnen genutzt, zugleich aber für Milliardensummen Autobahnen neu- und ausgebaut – das hat führt langfristig zu mehr Autoverkehr und CO2-Emissionen. Die Organisatoren feiern sich für die Verwendung von Recycling-Papier, ließen aber für Straßen und Sportstätten Zehntausende von Bäumen fällen. Im Internet haben Olympia-Kritiker ökologische Vor- und Nachteile der Spiele zusammengestellt – ihre Ökobilanz kommt auf drei Plus- und 29 Minuspunkte.

olympia_vancouver2Besonders peinlich ist – wie schon beim UN-Klimagipfel in Kopenhagen – die Auswahl der Sponsoren. So darf sich beispielsweise Petro-Canada in Vancouver als Förderer präsentieren – und ein grünes Image hat die Firma auch wirklich nötig: Im vergangenen Jahr nämlich fusionierte sie mit dem Konzern Suncor, gemeinsam ist man nun der weltgrößte Förderer von Öl aus Teersanden. Diese besonders dreckige Technologie ist nach Ansicht etwa des WWF eine Klimasünden ohne Gleichen. Ein zweiter Hauptsponsor, die Royal Bank of Canada (RBC), ist nach Angaben von Umweltschützern einer der größten Finanziers der Teersand-Ausbeutung.

Auch die olympische Autoflotte wird von Sponsor General-Motors schamlos zur Grünfärberei genutzt: Um die Spiele „so grün wie möglich“ zu machen, habe man „nur die besten“ Fahrzeuge nach Vancouver gebracht.

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Doch unter den mehr als 4.000 gesponserten Autos sind nur ein paar Hundert Elektro-, Hybrid-, Wasserstoff- oder Biodiesel-Fahrzeuge. Das Fachblatt Auto-Bild hat genau nachgezählt: 2.398 der vermeintlich klimaschonenden Olympia-Autos sind ganz normale, benzinfressende Riesen-Geländewagen.