Archiv des Themas ‘Medien‘

Jetzt im Handel: Das Buch zum Blog

Montag, den 25. Mai 2009

Als der Klima-Lügendetektor Anfang 2008 startete, da gingen wir zwar davon aus, dass uns nie langweilig wird. Aber dass es dann so viele Fälle von Grünfärberei geben würde, dass es häufig sogar mehrmals pro Woche neuen Stoff für diesen Blog geben würde und wir oft gar nicht hinterherkämen mit dem Recherchieren und Schreiben – das war dann doch eine Überraschung.

Dass es irgendwann ein Buch zum Thema geben könnte, war gleich gar nicht geplant. Doch seit heute liegt es in den Buchläden: „Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen“ lautet der Titel. Auf 272 Seiten versammelt es aktualisierte, überarbeite und oft auch erweiterte Blogbeiträge, außerdem neue Artikel und einen gründlichen Text darüber, wie Grünfärberei funktioniert und warum sie ein Problem ist. Das Buch ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 8,95 Euro. 

Hier können Sie es gleich online bestellen.


Jetzt wählen: Wer ist der größte Grünfärber?

Montag, den 18. Mai 2009

Was haben BP, Shell und Vattenfall gemeinsam? Sie sind weltweit führend bei der Produktion von Kohlendioxid. Sie sind erfahrene Grünfärberer (mit denen wir uns auch beschäftigen mussten). Und sie sind – gemeinsam mit dem Stahlkonzern ArcelorMittal, dem dänischen Staatskonzern Dong Energy und dem Ölriesen Repsol – Kandidaten für den „Climate Greenwash Award“.

Den Preis vergeben die dänischen Sektionen von Attac und Friends of the Earth gemeinsam mit dem lobbykritischen Brüsseler Verband Corporate Europe Observatory und anderen Organisationen. Anlass ist ein hochmögender „World Business Summit on Climate Change“, zu dem sich Al Gore, UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und die Spitzen zahlreicher multinationaler Konzerne in Kopenhagen treffen. Man wolle „Empfehlungen vorbringen für das künftige Welt-Klimaabkommen“, heißt es offenherzig in der Einladung. Angesichts des bisherigen Verhaltens von BP, Dong, Shell, Vattenfall & Co. darf man das getrost als Drohung verstehen. Denn die vorgeschlagenen „Lösungen“ fürs Klimaproblem sind ziemlich bequem für die Firmen.

Freundliche Fernsehbilder und Medienberichte wird das Treffen den Unternehmen trotzdem bescheren – da wollen die Veranstalter des „Climate Greenwash Awards“ auf die dunklen Seiten der Klimabilanzen der Unternehmen hinweisen. Mit den sechs nominierten Firmen stünden einige der „empörendsten Beispiele für Klima-Grünfärberei“ zur Abstimmung.

Hier geht es zur – leider nur englisch- oder dänischsprachigen – Wahl-Website.


ARD Plusminus: Lautsprecher der Autolobby

Mittwoch, den 6. Mai 2009

Arme deutsche Industrie! Auch ihr oberster Lobbyist, Matthias Wissmann, kann einem echt leidtun. Nie darf der Vorsitzende des Verbands der deutschen Autoindustrie (VDA) sich äußern, ohne Kritik zu ernten. Alle hacken auf ihm rum. Greenpeace macht böse Kampagnen. Und in Berlin werden insbesondere die guten, deutschen Limousinen nachts abgefackelt. Zwar hat Greenpeace mit den vermutlich linksautonomen Brandstiftern nichts zu tun – aber beides ist echt voll gemein, oder?

Im ARD-Magazin „Plusminus“ widerfuhr Audi, BMW, Mercedes & Co. gestern abend endlich einmal Gerechtigkeit. „Feindbild: Luxusklasse-Autos“, war der Titel des fünfeinhalb Minuten langen Beitrags. Einer der Autoren war übrigens Sebastian Hanisch, Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, der uns schon im letzten Jahr mit einem Propagandastück für die Kohlelobby aufgefallen war. Blöd nur, dass auch diesmal wieder einiges verkehrt war an dem Beitrag – und an den Aussagen des Ex-Verkehrsministers Wissmann sowieso.

Die bedauernswerten deutschen Hersteller müssten den Kohlendioxid-Ausstoß ihrer Neuwagen-Flotten auf Druck der EU auf 120 Gramm pro Kilometer senken, heißt es in dem Beitrag. Falsch. Auf massiven Druck der deutschen Autolobby wurden gewichtsabhängige Grenzwerte erlassen – für die deutschen Hersteller mit ihren überschweren Autos liegen sie deshalb teils deutlich über den bejammerten 120 Gramm.

Zutreffend weist Plusminus darauf hin, dass von der umweltpolitisch zweifelhaften Abwrackprämie am stärksten die Hersteller von Kleinwagen profitieren. Was völlig unterschlagen wird: Durch das Dienstwagenprivileg werden teure deutsche Oberklasse-Limousinen mit hunderten Millionen von Euro subventioniert – auch lange nach Ablauf der einmaligen „Umweltprämie“.

Die ARD-Journalisten machen sich Wissmanns These zu eigen, dass in Deutschland (wegen hoher Lohnkosten) keine Kleinwagen gebaut werden können. Doch das widerlegen Opel mit dem Corsa und Ford mit Fiesta und Fusion. Auch vielverkaufte und relativ teure Kompaktwagen wie VW Golf oder die 1er BMW werden profitabel in Bayern, Sachsen oder Niedersachsen montiert.

Der Hinweis auf den Umzug der Produktion kleiner Autos in die Slowakei ist pure Heuchelei. Die deutschen Geländewagen von Audi Q7 über Porsche Cayenne bis VW Touareg laufen ebenfalls dort vom Band. Auch die Klimaschweine Mercedes ML und BMW X5 werden nicht in Deutschland gebaut. Luxusautos erhalten also keineswegs Arbeitsplätze zwischen Rhein und Neiße.

Selbst die immer gleiche Mär von Innovationen, die nur über die Oberklasse bis zum Kleinwagen finden, wird durch Wiederholung nicht wahrer. Ein paar Beispiele für die umgekehrte Entwicklungsrichtung: Fiat hat die Common-Rail-Einspritzung für den Diesel erfunden, die inzwischen von Mercedes in der S-Klasse übernommen wurde. Frontantrieb und Quermotor gab es zuerst im britischen Mini. Die Heckklappe, heute selbstverständlich, wurde im französischen Renault 16 geboren. Und ein Hybridauto wird nur von Kunden der Luxusklasse bezahlt? Toyota Prius und Honda Insight beweisen das Gegenteil. Wenn nächstes Jahr der japanische Mitsubishi iMiEV kommt, ist es übrigens wieder ein Kleinwagen und wieder einer aus dem Ausland, der als Erster vollelektrisch fährt.

Besonders kritikwürdig ist die Rolle des ersten Programms der ARD. Dass es der Bayerische Rundfunk aus dem Mutterland von Audi und BMW ist, der diesen Plusminus-Beitrag produzierte, dürfte kein Zufall sein. Nach der penetranten Autoschleichwerbung in den Tatort-Krimis des benachbarten SWR (Sitz von Mercedes und Porsche) wollte man offenbar nicht hintenanstehen. Die Leidtragenden könnten die Arbeiter in der Produktion sein: Wenn die Innovationskraft von Audi, BMW, Mercedes & Co. in Sachen Klimaschutz weiter so schwach bleibt, werden davon mehr Arbeitsplätze vernichtet als von jeder Finanzkrise.

P.S.: Auf unserem Lügendetektor, übrigens, kriegen alle Autohersteller ihr Fett weg, nicht nur die von Luxuskarossen.


AutoBild Greencars: Werbeblatt für Klimasäue

Dienstag, den 7. April 2009

Für alle, die an „blitzsaubere Autos voller Technik-Faszination“ glauben, gibts jetzt AutoBild Greencars. Nach dem Vorbild von Schwesterblättern wie AutoBild Sportscars versucht der Axel-Springer-Verlag nun also ein Heft für Fahrer mit grünem Herz. Leider ist das Blatt aber nur Ausweis der Untätigkeit der Autohersteller – und der doch sehr begrenzten Öko-Kompetenz von AutoBild.

Da macht sich etwa Redakteurin Margret Hucko zur Lautsprecherin der deutschen Autoindustrie, indem sie die EU-Vorgaben zum künftigen Kohlendioxidausstoß verbiegt. Diese seien für

Das ist gleich zweifacher Quatsch. Denn der Grenzwert, den einzelne Hersteller erreichen müssen, bemisst sich dank des Drucks der deutschen Autolobby am Leergewicht der Fahrzeuge – mit der Folge, dass Produzenten kleiner Autos deutlich unter den EU-Zielwert von 120 g/km kommen müssen. Die sogenannten „Premium-Marken“ wie Audi, BMW und Mercedes mit ihrer Ausrichtung auf große und schwere Autos dürfen dagegen deutlich mehr emittieren. Und für Porsche gibt es sogar ein Sondergesetz, wonach der Sportwagenbauer seinen exorbitanten Flottenverbrauch (284 g/km im Jahr 2008) bis 2015 nur um ein Viertel senken muss. Quatsch ist auch, dass VW bloß auf Diesel zu setzen bräuchte – beim derzeitigen Angebot zu großer und zu schwerer und ineffizienter Autos wird das nie ausreichen.

Kompletter Blödsinn ist auch dieser Versuch, die Klimaschweinerei durchs Porsche-Fahren kleinzureden:

Erstens müsste es „Rindfleisch“ heißen, denn die Methanausdünstungen von Wiederkäuern tragen am meisten zur Treibhauswirkung der Tierzucht bei. Zweitens sollte jemand mit wirklich grünem Herz natürlich beides vermeiden: zuviel Fleisch und zu große Autos.

Wie wenig ernst es AutoBild meint, zeigen auch die Testberichte. Erdgasautos werden dort als Öko-Alternative gepriesen, dabei sind sie allenfalls eine Scheinlösung: Fahren mit Gas senkt zwar die CO2-Emissionen schlagartig um 25 Prozent, aber damit versuchen sich viele Autohersteller nur um die Entwicklung von wirklich sparsamen Modellen herumzudrücken. Auch Fahrzeuge, die neben Benzin Ethanol-Gemische (E85) vertragen, gelten der Redaktion undifferenziert als Umweltschoner – trotz zweifelhafter Klimabilanz, hohem Wasser- und Pestizidverbrauch beim Anbau und schlimmen Arbeitsbedingungen etwa auf brasilianischen Zuckerrohrplantagen.

Selbst für die scheinheiligen Geländewagen mit Hybridantrieb oder Start-Stopp-Automatik findet AutoBild Greencars lobende Worte. Trotz satter 185 Gramm Kohlendioxid-Ausstoß pro Kilometer bekommt etwa der Mercedes ML 450 Hybrid das grüne Blättchen aufgepappt.

Ensprechend grotesk sieht die Empfehlungsliste für „alle aktuellen Sparmodelle“ aus – hier ein Ausriss für BMW-Modelle (CO2-Werte in der rechten Spalte):

Alle diese „Sparmodell“ emittieren mehr als 200 Gramm Kohlendioxid!

Zum Schluss noch ein Gesundheits-Tipp an AutoBild-Reporter Claudius Maintz: Der hat sich fotografieren lassen, wie er am Auspuff eines BMW Hydrogen 7 schnüffelt. Lieber Kollege, das sollten Sie besser nicht tun! Dieser Prototyp, den die Münchner gern zu Showzwecken nutzen, verbrennt den getankten Wasserstoff nämlich nicht in einer Brennstoffzelle, sondern in einem umgerüsteten Zwölfzylinder. Und dabei entsteht nicht nur Wasserdampf, sondern auch atemwegsschädigendes Stickoxid.

Aber dass es mit Sachkompetenz in der AutoBild Greencars nicht so weit her ist, hatten wir ja schon verstanden. Im übrigen gehört der ökologische Gedanke nicht in eine irgendeine Sonderausgabe, sondern ins vielhunderttausendfach verkaufte Standard-Heft!


Saubere Kohle: Dies ist die Realität

Dienstag, den 24. März 2009

Vor ein paar Wochen haben wir in die USA geschaut und darauf, wie die dortige Kohleindustrie und der Kraftwerksbauer General Electric in Internet- und TV-Werbespots gut Wetter zu machen versuchen für „Clean Coal“.

Nun versuchen vier große US-Umweltverbände mit denselben Mitteln zurückzuschlagen, denn gute Argumente sind wichtig, aber nicht allesUnter dem Motto „This is reality“ haben sie eine Website ins Netz gestellt und ebenfalls witzige Werbefilmchen produziert. Den vorerst letzten produzierten die Oscar-Preisträger Ethan and Joel Coen („No Country for Old Men“, „The Big Lebowski“ u.a.). „Wir sind begeistert“, so die Coen-Brüder in der Los Angeles Times, „Teil dieses wichtigen Projekts zu sein und eine andere Seite der Geschichte von der ’sauberen Kohle‘ zu zeigen.“

Hier ist der Spot:

„Es ist so sauber“, freut sich der Familienvater am Anfang des Spots. Darauf der gelackte Verkäufer: „Ist gewöhnliches ’sauber‘ für Ihre Familie sauber genug?“ Und überreicht das neue „Clean Coal Clean“, den neuen „Saubere Kohle-Reiniger“. Die Stimme aus dem Off erklärt: „Die Bezeichnung ‚Saubere Kohle‘ macht sich die wunderbare Stärke des Wortes ’sauber‘ zunutze – um es als sauberstes ’sauber‘ überhaupt erscheinen zu lassen.“ Und dann nochmal der Verkäufer: „Clean Coal wird unterstützt von der Kohleindustrie, der vertrauenswürdigsten Stelle in Sachen Kohle.“ – „In Wahrheit gibt es so etwas wie ’saubere Kohle‘ nicht“, schließt der Abspann.


Johannes B. Kerner: Kein gutes Beispiel

Freitag, den 13. März 2009

Johannes B. Kerner hat gestern eine „ökologisch verträgliche Sendung“ zum Thema Klima gemacht und ist damit laut ZDF-Internetseite „mit gutem Beispiel“ vorangegangen. Das Catering war „Bio, aus der Region und jahreszeitgemäß“, und als besonderen Clou schaltete die Studiotechnik nach zehn Minuten die Studiobeleuchtung auf Neonröhren um, womit der Energieverbrauch angeblich auf ein Zweihundertstel des Üblichen sank.

Kerner wirkte fortan, ebenso wie seine Gäste, etwas bläulich. Mit Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, dem Klimaforscher Mojib Latif und dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer plauderte der nette Talkmaster dann darüber, was jeder Einzelne für den Klimaschutz tun kann – zum Beispiel Ökostrom beziehen, über Atmosfair die Klimaschäden von Flugreisen kompensieren und weniger Fleisch essen, weil für den Anbau von Soja als Futtermittel Regenwälder in Südamerika abgeholzt werden.

Eine schöne Idee, solch eine Sendung zu machen! Deshalb nur ein kleiner Hinweis: Wenn Kerner das mit dem Klima auch nur ein bisschen ernst nimmt und einigermaßen glaubwürdig sein möchte, möge er doch künftig darauf verzichten, sein ohnehin ordentliches ZDF-Gehalt mit Werbung für ökologisch fragwürdige Firmen und Produkte aufzustocken, wie zum Beispiel für

- Air Berlin, Deutschlands zweitgrößte Fluglinie, das die Einbeziehung des klimaschädlichen Luftverkehrs in den Emissionshandel ebenso ablehnt wie Angebote an seine Passagiere, zumindest freiwillig einen Teil der beim Flug entstehenden Klimaschäden zu kompensieren,

- den Geflügelwursthersteller Gutfried, der an seine Puten Soja verfüttert, das vermutlich nicht in Deutschland angebaut wird (es stamme aus „deutschen Futtermühlen“, versichert Gutfried auf seiner bunten Firmenhomepage, aber angebaut und geerntet wird es sicher ganz woanders)

oder

- das Tafelwasser Bonaqa vom Coca-Cola-Konzern. Dieses aber ist gewöhnliches Leitungswasser der regionalen Wasserwerke, das von dem Konzern lediglich in zentralen Anlagen in Plasteflaschen gefüllt und mit dieselverschwendenden Liefer-Lkw zum Kunden gebracht wird, der dafür dann teures Geld bezahlt – weshalb das Manager-Magazin Bonaqa als „großen Schmu“ bezeichnet.


B.Z.: Lügen über Lügen

Donnerstag, den 19. Februar 2009

Titelbild mit Windrädern und der Zeile \Dass das umstrittene Windrad-Bashing von SpiegelOnline Kreise ziehen würde, war klar. Aber dass es so schnell ging, überraschte dann doch: Die B.Z., Springers Krawallblatt für die Hauptstadt, hob diese Woche „Die zehn größten Öko-Lügen“ auf den Titel.

Nun gehört die Umwelt- Berichterstattung sicher nicht zu den Kernkompetenzen der B.Z. (nicht zu verwechseln mit der seriöseren Berliner Zeitung). Und manche Kritiker lehnen es rundheraus ab, sich mit dem Wahrheitsgehalt von Boulevardmedien überhaupt zu befassen. Weil aber die B.Z. – laut Eigenwerbung „Berlins größte Zeitung“ – mit einer Auflage von 185.000 Stück eine gewisse Wirkung hinterlässt, schauen wir sie uns trotzdem mal genauer an.

Der Text der B.Z.-Redakteurin Bettina Irion ist eine bunte Mischung aus Fakten, Halb- und Unwahrheiten – und durch geschickte Kombination entsteht dann, was man eigentlich nur Lügen über Lügen nennen kann. Manche Formulierung klingt, als solle sie gezielt falsche Assoziationen auslösen, ohne etwas wirklich Unzutreffendes zu sagen. Typisch beispielsweise „Märchen 4″ zum Thema Energiesparlampen.

Ja, natürlich gibt es Modelle, die weniger als 80 Prozent Strom sparen. Auch mögen 6,50 Euro weniger auf der jährlichen Stromrechnung keine Riesensumme sein. In der Tat kosten Energiesparlampen „ein Vielfaches“ – aber eben nicht der im vorherigen Satz genannten Zahl von 6,50 Euro, sondern vom Preis konventioneller Glühbirnen. Natürlich verbraucht ihre Herstellung auch mehr Energie – aber über die Gesamtlebensdauer gerechnet sparen sie trotzdem. Ja, Energiesparlampen enthalten Quecksilber, weshalb sie nach Gebrauch in den Sondermüll gehören. Aber das giftige Schwermetall wird auch in Kohlekraftwerken freigesetzt, die in Deutschland (noch) die Stromerzeugung dominieren – und durch ihren niedrigeren Stromverbrauch vermeiden Energiesparlampen mehr Quecksilber, als sie selbst enthalten.

So geht das in fast jedem „Öko-Märchen“ der B.Z.: Als vermeintlich schlagendes Argument gegen das Heizen mit Holzpellets wird der Energieverbrauch bei deren Trocknung angeführt – doch sagt dieser allein herzlich wenig darüber, ob die Gesamtbilanz des Kohlendioxid-Ausstoßes besser ist als etwa bei Ölheizungen. Ist sie natürlich. Bei den Themen Wärmedämmung und Heizen mit Erdwärme macht die B.Z. (zweifelhafte) Kostenrechnungen auf – dabei ist Kostenersparnis etwas anderes als Öko-Nutzen. Bio-Gemüse serviert das Boulevardblatt auch flott ab: Es gebe „keinen wissenschaftlichen Beweis“ dafür, dass es „gesünder ist“. Aber darum geht es beim biologischen Landbau nicht (jedenfalls nicht in erster Linie). Öko-Bauern praktizieren eine umweltschonende Produktionsweise, die besser ist für Böden, Pflanzen, Tiere und auch fürs Klima – wenn die Produkte am Ende besser schmecken und weniger Giftstoffe enthalten, ist das ein willkommener Nebeneffekt.

Während B.Z.-Redakteurin Irion bei den meisten vermeintlichen „Öko-Lügen“ immerhin noch Daten zusammengetragen hat, schrieb sie in Sachen Windkraft ganz offensichtlich nur bei SpiegelOnline ab:

Wie in einem Brühwürfel hat die B.Z. den SpiegelOnline-Text und dessen falsche These konzentriert. Weshalb hier auch die Korrektur ganz kurz ausfallen kann (anders als letzte Woche unsere SpiegelOnline-Kritik): Die Zahl der europaweiten Kohlendioxid-Zertifikate bleibt NICHT gleich, sondern sinkt über die Jahre.

Immerhin bei zwei ihrer zehn „Öko-Märchen“ liegt die B.Z. richtig – wo sie auf negative Folgen des Agrosprit-Booms hinweist und die Abwrackprämie der Bundesregierung kritisiert. Zumindest 20 Prozent Wahrheit – vielleicht gar keine schlechte Quote für ein Springer-Blatt…

Danke an Marian B. aus Berlin für den Hinweis

P.S.: Die Energieexperten von der Kampagne „Klima sucht Schutz“ haben auf ihrer Website vier der zehn B.Z.-“Lügen“ en detail widerlegt.


In eigener Sache: P.S. zur SpiegelOnline-Kritik

Samstag, den 14. Februar 2009

Selten hat ein Text auf diesem Blog so viele Reaktionen ausgelöst wie in dieser Woche unsere Kritik am SpiegelOnline-Artikel über die vermeintliche Sinnlosigkeit von Windrädern. Danke für die zahlreichen Zuschriften. Drei Ergänzungen:

1. Inzwischen gibt es weitere Kritiken des Spiegel-Textes – beispielsweise bei den Ärzten für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) oder vom Solarenergie-Förderverein) gepostet in diesem Forum – dort runterscrollen bis zum Beitrag #146 vom 12.02.).

2. Wir möchten klarstellen, dass der Klima-Lügendetektor kein begeisterter Fan des EU-Emissionshandels ist. Dieser ist ein ziemliches Bürokratie-Monster und hat zahlreiche Mängel. Beispielsweise öffnet er riesige Schlupflöcher durch großzügige Möglichkeiten, Klimaschutz-Projekte im Ausland auf die CO2-Bilanzen hiesiger Unternehmen anrechnen zu lassen („CDM“). Und es ist wahnwitzig, dass Großverursacher von Kohlendioxid durch Sonderregeln geschont werden. All dies sind Argumente, die gerade FÜR das Erneuerbare-Energien-Gesetz sprechen – und nicht gegen dieses, wie es im Spiegel-Beitrag hier und da anklingt.

3. Unser/e Leser/in „aloa5″ merkte (zu Punkt 3 des ursprünglichen Textes) an, dass der Börsenpreis für CO2-Zertifikate im Keller sei und sandte diese Grafik, in der (als gelbe Linie) die Preisentwicklung an der European Climate Exchange dargestellt ist.

In der Tat ist der Zertifikatepreis in den letzten Monaten von über 30 auf unter 10 Euro eingebrochen. Doch hat das weniger mit einem plötzlichen Boom der Windkraft im Herbst 2008 zu tun (im Gegenteil, der Ausbau beispielsweise in Deutschland stagnierte im vergangenen Jahr), sondern mit der Finanz- und Wirtschaftskrise. Dadurch sinken Industrieproduktion und Energieverbrauch und damit auch der Kohlendioxid-Ausstoß – was die politisch kalkulierte Zertifikateverknappung über den Haufen werfen könnte. Doch Beobachter berichten, dass der Preisverfall zum Teil damit zu tun habe, dass Unternehmen in der Krise sich durch den Verkauf der Zertifikate kurzfristig Liquidität verschaffen wollen – und sich später wieder eindecken müssen. Jedenfalls sind – auch um solche Schwankungen besser ausgleichen zu können – die Handelsperioden im EU-Emissionshandel nicht auf ein Jahr, sondern auf vier Jahre festgelegt worden. Und wenn sich zum Ende der laufenden Periode 2012 tatsächlich wieder ein Überschuss an Zertifikaten ergeben sollte, ist das eher ein Argument GEGEN den EU-Emissionshandel und FÜR das erfolgreiche deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz.

So, wir hoffen, dass wir Sie diese Woche nicht mit komplizierten Detail-Debatten gelangweilt haben. Kommende Woche nehmen wir uns ein ganz einfaches Thema vor: das neueste Motiv der RWE-Imagekampagne „voRWEggehen“.


SpiegelOnline: Wie Don Quijote gegen Windräder

Mittwoch, den 11. Februar 2009

Das „Nachrichtenmagazin“ Der Spiegel und die Windkraft – das ist eine lange und komplizierte Geschichte. Vor fünf Jahren druckte das Blatt, damals noch unter Chefredakteur Stefan Aust, eine Titelgeschichte mit dem Slogan „Der Windmühlen-Wahn“, die gegen eine „Verspargelung der Landschaft“ und „hoch subventionierte Landschaftszerstörung“ polemisierte. Zwei hochgelobte Fachredakteure, Gerd Rosenkranz und Harald Schumann, schmissen daraufhin ihre Jobs. Aust habe die „Propaganda“-Geschichte gewollt, hieß es hinterher, weil er sich „beim Pferdezüchten im Elbeflachland bei Stade“ über „viele Windräder in der Nähe“ geärgert habe.

Gestern nun präsentierte SpiegelOnline, immerhin Deutschlands meistgelesene Nachrichten-Website, einen vermeintlichen Knüller: Windkraftanlagen seien klimapolitisch sinnlos, denn der Kohlendioxid-Ausstoß werde durch sie gar nicht gesenkt.

Das Kernargument ist nicht neu, in der Szene wird es spätestens seit dem letzten Buch des industriefreundlichen Münchner Ökonomen Hans-Werner Sinn („Das grüne Paradoxon“) debattiert: Wenn hierzulande Kohlendioxid eingespart werde, bringe das im großen Maßstab gar nichts – weil der EU-Emissionshandel erlaube, dass die hierzulande nicht mehr benötigten CO2-Verschmutzungszertifikate ins Ausland vertickt werden. „Polnische oder slowakische Kohlekraftwerke“, heißt es bei SpiegelOnline, würden dann eben mehr von dem Klimagas ausstoßen.

Das klingt erstmal einleuchtend, ist aber Humbug. Spiegel-Redakteur Anselm Waldermann hätte das mit einer einzigen Nachfrage beim UN-Klimasekretariat in Bonn, bei der EU-Kommission in Brüssel oder der Deutschen Emissionshandelsstelle in Berlin erfahren können. Stattdessen zitiert er – oho, was für ein journalistischer Scoop! – aus irgendwelchen E-Mails namenloser Referenten der Grünen-Bundestagsfraktion. Ein ebenso anonymer Vertreter des Bundesverbands Erneuerbare Energien tritt bei SpiegelOnline mit der Binsenweisheit auf, zwischen dem deutschen Einspeisegesetz und dem europäischen Emissionshandel bestehe „eine gewisse Widersprüchlichkeit“. Darüber ist schon lang und breit gestritten worden, beispielsweise als die EU im vergangenen Jahr über konkrete Klimaschutz-Vorgaben für die Mitgliedsstaaten feilschte.

Alle Unkorrektheiten und falschen Zusammenhänge des SpiegelOnline-Textes können wir in der hier gebotenen Kürze nicht ausbreiten, nur zum Kern des Ganzen (sorry, ganz leicht verständlich ist es trotzdem nicht):

1. Der EU-Emissionshandel legt zwar eine Gesamtmenge an Kohlendioxid fest, die von den daran angeschlossenen Industrieanlagen und Kraftwerken europaweit ausgestoßen werden darf. Diese aber ist nicht „unveränderlich“, wie SpiegelOnline schreibt. Im Gegenteil, sie sinkt über die Jahre. EU-Kommission und nationale Regierungen legen dazu sogenannte „Allokationspläne“ fest. Langfristig kalkulierbar soll damit die Zahl der verfügbaren CO2-Zertifikate verringert werden. (Viel zu langsam, wie Klimaschützer beklagen. Viel zu schnell, wie beispielsweise die Kohlelobby zetert.) Ein Zubau von Windrädern hilft in diesem System dabei, dass der Preis für die zunehmend knapper werdenden Verschmutzungsrechte in vertretbarem Rahmen bleibt. Und die Verbraucherpreise für Strom nicht in astronomische Höhen steigen.

2. Der Verkauf deutscher CO2-Zertifikate nach Polen oder in die Slowakei ist blanke Theorie. In der Praxis verfügt die deutsche Energiewirtschaft derzeit nicht über zu viele, sondern über zu wenige Verschmutzungsrechte. Deshalb haben E.on, RWE, Vattenfall & Co. auch mit harten Bandagen gegen den Emissionshandel gekämpft. Aus dem „Nationalen Allokationsplan“ der „Handelsperiode 2008 bis 2012″, den die deutsche Emissionshandelsstelle als 70-seitige Tabelle ins Internet gestellt hat, geht beispielsweise hervor, dass das Vattenfall-Kraftwerk Jänschwalde jährlich gut 12 Millionen Zertifikate kostenlos zugeteilt bekommt – für den üblichen Betrieb aber braucht der Kohle-Riese etwa doppelt so viele. Die Differenz muss Vattenfall zukaufen, entweder bei anderen Anlagenbetreibern im Inland oder irgendwo im Ausland. Das politische Ziel: den Betrieb von CO2-intensiven Kohlekraftwerken verteuern. Für die nötigen Zertifikate gibt allein Vattenfall nach eigenen Angaben jährlich 716 Millionen Euro aus – auch deshalb investieren der Konzern wie auch seine Konkurrenten neuerdings verstärkt in Erneuerbare Energien.

3. Einen Überschuss an CO2-Zertifikaten gab es hierzulande tatsächlich – allerdings nur bis Ende 2007 und nicht wegen des Booms von Windrädern. Stattdessen war es der Industrie für die sogenannte erste Handelsperiode des EU-Emissionshandels durch massiven Druck und geschicktes Lobbying gelungen, von den Behörden viel mehr Verschmutzungsrechte geschenkt zu bekommen, als sie zum Betrieb ihrer Anlagen brauchten. Als das im Mai 2006 herauskam, brachen an einem „Schwarzen Freitag“ die Börsenpreise für Emissionsrechte ein. CO2-Zertifikate kosteten später nur noch wenige Cent. Die ganze Idee des Emissionshandels, der auf Knappheit basiert, war perdu. Mit Start der zweiten Handelsperiode 2008 wurde dieser Fehler korrigiert.

Fassen wir zusammen: In Deutschland herrscht derzeit (soweit bekannt) kein Überschuss an CO2-Zertifikaten – trotz Ausbaus der Erneuerbaren Energien und aller anderen Klimaschutzmaßnahmen. Deshalb kann es auch keinen (Netto-)Verkauf von überschüssigen Verschmutzungsrechten nach Polen oder sonstwohin geben. CO2-Einsparungen durch deutsche Windräder sorgen folglich nicht dafür, dass im Ausland mehr Klimagas ausgestoßen werden darf – im Gegenteil, sie dämpfen den Preis für die (gewollt) knappen Zertifikate und helfen somit bei der Erreichung der deutschen und europäischen Klimaziele.

Zugegeben, einfach ist diese ganze Sache nicht. Und der EU-Emissionhandel hat etliche Mängel. An dessen weitgehender Nutzlosigkeit in den vergangenen Jahren waren aber nicht Windräder, Solarzellen oder das Erneuerbare-Energien-Gesetz schuld, sondern die Macht der überkommenen Energiewirtschaft und die Nachgiebigkeit der Politik.

Aber vielleicht ist das eine zu komplizierte Geschichte für SpiegelOnline.


auto, motor und sport: Werbung für die Werbung

Dienstag, den 13. Januar 2009

Motorjournalisten, so das böse Vorurteil, sind bloß der verlängerte Arm der Marketingabteilungen der Autohersteller. Auf Kosten der Konzerne jetten sie durch die Welt, um bei der Premiere neuer Modelle Schampus zu trinken. Die aktuelle Ausgabe des Vorzeigeblatts der Dienstwagenfahrer, auto, motor und sport, bestätigt dies Vorurteil auf erschreckende Weise: Die Autohersteller hätten längst verstanden, schreibt Chefredakteur Bernd Ostmann da in seinem Editorial, dass Umweltfreundlichkeit ein Wettbewerbsargument sei. Sein Beleg dafür: schlicht zwei Anzeigen von BMW und Audi. Und deren Inhalt wird in der redaktionellen Bildzeile kritiklos übernommen:

Das Peinliche an der linken Werbung ist: Alle Neuwagen sind momentan von der Kfz-Steuer befreit – und damit natürlich auch alle Audis. Und BMWs Selbstlob in der rechts abgebildeten Annonce, es gebe bereits ein paar Autos mit einem geringerem CO2-Ausstoß als 140 Gramm pro Kilometer, ist bei genauem Blick ebenfalls ziemlich daneben: Nach einer zehn Jahre alten Selbstverpflichtung der Autoindustrie hatte schon 2008 der Durchschnitt ALLER Neuwagen bei diesem Wert liegen sollen. Tut er aber nicht.

Auch direkt in seinem Text macht der Chefredakteur plumpe Öffentlichkeitsarbeit für die Konzerne:

Leider erklärt Ostmann in seinem ganzen Editorial nicht, warum der Flottenverbrauch (nicht nur von BMW) heute trotz dieser Wundertechniken noch weiter über der einstigen Selbstverpflichtung liegt. Dabei beweisen Autojournalisten seit Jahren, dass sie durchaus kritisch sein können: Die Fortschritte bei der passiven und aktiven Fahrsicherheit sowie die immer komfortableren, schnelleren und dickeren Autos gehen wesentlich auf ihr Drängen zurück. Wären die deutschen Autoschreiber bei Umweltschutz und Verbrauch genau so hartnäckig wie bei Leistung, Komfort und Sicherheit, würden Autos heute mit Sicherheit viel weniger verbrauchen und viel weniger Kohlendioxid emittieren.