Archiv des Themas ‘Medien‘

Die Welt: Falsche Blackout-Panikmache

Mittwoch, den 11. Januar 2012

Ui, was waren das für Schlagzeilen letzte Woche:

titelte die Welt. Und praktisch alle anderen Medien zogen nach, von Spiegel Online, Süddeutsche, FAZ bis hin zu unserem Mutter-Portal klimaretter.info.

Die deutsche Elektrizitätsversorgung, so klang es, habe an zwei Tagen Anfang Dezember kurz vor dem Zusammenbruch gestanden. Der Unterton war klar: Soweit haben uns diese Öko-Spinner mit ihrer Energiewende und ihrem Atomausstieg also schon gebracht, dass Deutschland sich vom Ausland helfen lassen muss! Das Ganze wirkt wie eine Neuauflage der „Stromlücken“-Kampagne. Doch recherchiert man die Geschichte nach, ergibt sich ein wenig spektakuläres Bild:

Stromtrassen von Nord nach Süd sind knapp, der Ausbau hinkt dem Ökostrom-Wachstum hinterher. Am 8. und 9. Dezember wehte in Norddeutschland Sturmtief „Ekkehard“, Windkraftanlagen speisten rund 20.000 Megawatt ins Netz ein. Die beiden Tage waren Werktage, weshalb in den industriellen Zentren in Süddeutschland der Energieverbrauch hoch war. Soweit, so richtig in allen Medienberichten. Weil es in Deutschland nach dem Atomausstieg und wegen des Widerstandes von Umweltschützern zu wenige Kohle- und Atomkraftwerke gebe, so dann aber die weitere Argumentation Suggestion, habe „ein altes Öl-Kraftwerk bei Graz wieder ans Netz gebracht werden“ müssen, um den Netzkollaps zu verhindern. Die Energiewende sei wahlweise Quatsch, Heuchelei oder gar eine Gefahr für Deutschland, werden sich nicht wenige Leser gedacht haben.

Doch bei all der Aufregung fielen wichtige Details unter den Tisch:

1. Die drei Reservekraftwerke, die diesen Winter in Deutschland für kritische Netzsituationen bereitgehalten werden, die sich nach der Schnellabschaltung von acht Atomreaktoren infolge der Fukushima-Katastrophe einstellen könnten – diese drei Reservekraftwerke in Mannheim, Mainz/Wiesbaden und Ensdorf hätten bereitgestanden an jenem am 8. und 9. Dezember! Sie waren in Bereitschaft, wurden aber nicht hochgefahren. Weil der zuständige Netzbetreiber Tennet entschied, lieber drei in Österreich gebuchte Reserveanlagen zu nutzen. Unbedingt nötig gewesen wäre das nicht. Der Grund war, so erklärt es eine Firmensprecherin auf Anfrage, dass die österreichischen Kraftwerke besser ans TenneT-Netz angebunden sind als die drei deutschen Reserveblöcke, die an den Netzen der Konkurrenz von RWE und EnBW hängen.

2. Es war überhaupt nicht überraschend, dass bei einer hohen Beanspruchung des deutschen Stromnetzes österreichische Kraftwerke einspringen – im Gegenteil: Dies ist als Normalfall vorgesehen. Dass rund 1.000 Megawatt im Nachbarland als „Kaltreserve“ für diesen Winter gebucht worden sind, hatte die Bundesnetzagentur schon vor Monaten bekanntgegeben. Und bereits im Frühjahr warnte Agenturchef Matthias Kurth vor einer „Blackout-Panik“.

3. Ein wesentlicher Grund für den Netzengpass waren – so paradox es klingt - Stromexporte! Das große Windenergieaufkommen ließ nämlich am 8. und 9. Dezember die Preise purzeln, weshalb etwa italienische Kunden billigen Windstrom in Deutschland einkauften. Neben dem Strom für Süddeutschland sollte also durch die knappen Nord-Süd-Trassen auch noch Energie für Südeuropa fließen. „Für solch eine Doppelbelastung sind Deutschlands Leitungen nicht ausgelegt“, so ein Tennet-Experte . Die Stromexporte habe man aber nicht stoppen wollen, weil dann Vertragsstrafen in Millionenhöhe fällig geworden wären. Offenbar also war es schlicht billiger, kurzzeitig Strom in Österreich hinzuzukaufen, um die Lieferungen nach Italien und die Versorgung in Deutschland zu gewährleisten. Der Stromeinkauf im Ausland war also direkte Folge eines Stromverkaufs ins Ausland – wurde also eher vom Markt verursacht also von Energiewende und Atomausstieg. Im Ernstfall, so steht es in § 13 des Energiewirtschaftsgesetzes, dürfen Netzbetreiber Stromexporte natürlich kappen, um einen Zusammenbruch des Netzes zu verhindern.

Von einem Kollaps war die deutsche Stromversorgung am 8. und 9. Dezember jedenfalls noch ein ganzes Stück entfernt. Die zuständigen Leute blieben denn auch ziemlich entspannt. Die Netzsituation sei derzeit schon kritischer als früher, aber beherrschbar, erklärte Tennet. Und die Bundesnetzagentur ergänzte: Die Sache sei „eine ganz normale Inanspruchnahme“ des Netzes gewesen.

Danke an Andreas L. für den Hinweis

P.S. vom 13. 01.: Heute hat die Deutsche Umwelthilfe eigene Recherchen zum Thema veröffentlicht – demnach seien an den fraglichen Dezembertagen mehrere betriebsbereite Eon-Kraftwerke nicht angefahren worden, der Strom aus Österreich war offenbar günstiger. Fazit der DUH: „Nicht Knappheit bestimmte den Kraftwerkseinsatz, sondern Betriebswirtschaft“


Entega: Klimakampagne mit bezahlten Bloggern

Montag, den 5. Dezember 2011

Der Markt für Ökostrom ist mittlerweile hart umkämpft. Fast 200 Anbieter mit mehr als 350 verschiedenen „Ökostrom“-Produkten buhlen laut einer aktuellen Umfrage um Kundschaft. Zu denen, die am lautesten klappern, gehört Entega. Das ist die Vertriebstochter des südhessischen Regionalversorgers HSE und nach eigenen Angaben Deutschlands zweitgrößter Ökostrom-Lieferant (40 Prozent an der HSE aber hält noch der Atom- und Kohleriese Eon).

Jedenfalls versucht Entega seit Jahren, mit – nunja – eigenwilligem Marketing auf sich aufmerksam zu machen. Mal lässt man Schneemänner für Klimaschutz demonstrieren (und karrt dafür Kunstschnee und bezahlte Hostessen heran), mal ein Atommüll-Fass durchs Land rollen (wobei der Versorger bis 2008 auch Akw-Strom verkaufte und somit am Endlagerproblem nicht ganz unschuldig ist).

„Wir waren Teil des Problems“, gibt Entega zu und verspricht, „jetzt wollen wir Teil der Lösung sein“. Das PR-Budget eines etablierten Großunternehmens ist da natürlich ein hübsches Hilfsmittel. So sponsert Entega den Fußball-Bundesligisten Mainz 05 ebenso wie den deutschen Werbeagenturverband ADC. Zum Klimagipfel in Durban hat die Firma nun ungefragt die CO2-Emissionen von Angela Merkel durch ein Aufforstungsprojekt kompensiert – und damit auch möglichst viele Leute davon erfahren, hat Entega ein Trickfilmchen produziert.

Soweit, so platt. Wir wollen hier auch nicht – nochmal - darauf hinweisen, dass Waldprojekte zur CO2-Kompensation unter Experten und Umweltverbänden umstritten sind. Sondern mal schauen, wie Entega sich seine Kampagne unter die Leute bringt. Deutschlandweit wurden die Betreiber von Blogs (darunter auch wir) von dem Vermarkter E-Buzzing angeschrieben. Ob wir nicht, so die Frage, über die Aktion berichten wollen. Wollten wir natürlich und fragten nach Details.

Das Angebot folgte prompt: Wer den Entega-Spot auf seinem Blog poste, bekomme 6 Cent für jeden Klick auf das Filmchen. Reihenweise haben sich bereits Blogger offenbar darauf eingelassen. Oft ohne die bezahlte Werbung zu kennzeichnen. Auffällig ist zudem, wie positiv der Tenor der Blogtexte zum Film ist. Die Erklärung dafür könnte dieser Passus in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) von E-Buzzing sein: Der Blogger solle

Gern hätten wir das Briefing zur Entega-Kampagne gelesen. Und dann vielleicht verstanden, wo genau der Klimanutzen der ganzen Aktion liegt. Oder ob es vor allem um Aufmerksamkeit für Entega geht. Und warum es vielleicht moralisch vertretbar sein könnte, dass Blogger sich für Texte bezahlen lassen, die sie nach Vorgaben von Kunden verfassen – ohne dies transparent zu machen. Gekaufte Blogposts sind nämlich ebenso weit verbreitet wie umstritten, in den USA hat bereits der Gesetzgeber darauf reagiert.

Um aber das Briefing zur Kampagne zu bekommen, hätten wir uns erst bei E-Buzzing registrieren und die zitierten AGB bestätigen müssen. Das – bzw. uns an irgendwelche Vorgaben halten – wollten wir dann doch nicht. Genauso wenig wie ein Honorar von Entega für diesen Text.

Danke an Anika S. aus Aachen für den Hinweis

P.S.: Von unseren Leserinnen und Lesern hingegen lassen wir uns gern bezahlen, Details gibt es hier.


Die Welt: Blick für das Besondere

Montag, den 24. Oktober 2011

Die Welt ist einfach wunderbar. Und vor allem: Sie wird immer besser. Dieses Wochenende hieß es in der 

Ausriss mit Zeitungskopf, der Unterzeile "Sonderausgabe Ökologische Verantwortung" und der Headline "Warum jeder ein bisschen öko sein sollte"

In der Unterzeile schrieb das Springer-Blatt: „Verantwortung für die Umwelt übernehmen, kann ganz einfach sein. Wichtig ist, dass möglichst viele Menschen Ökologie auch im Alltag leben – das beginnt beim Einkaufen oder beim Kaffeetrinken.“

Oder beim „Blattmachen“. So nennen Printjournalisten das alltägliche oder -wöchentliche Zusammenstellen einer Zeitung. Und die Blattmacher – nicht nur, aber auch sehr bei der Welt – sind regelmäßig empört, wenn Politiker ihren moralischen Ansprüchen nicht genügen. Wenn etwa ein Bündnisgrüner bei der Lufthansa dienstlich Bonusmeilen sammelt und sie dann privat nutzt. Oder sich ein Verteidigungsminister in Damenbegleitung planschend auf Mallorca ablichten lässt, während „seine“ Soldaten zu einem Auslandseinsatz aufbrechen. Oder wenn sich ausgerechnet ein CDU-Spitzenkandidat in ein minderjähriges Mädchen verliebt.

Wie schaut es bei der Welt am Sonntag (WamS) selbst aus? Ist sie wenigstens „ein bisschen öko“? Auf Seite 3 – nach der Titelseite ja die prominenteste einer Zeitung – lautet diesen Sonntag die Überschrift: „Aus weniger wird besser“. Obwohl es nicht dabei steht, handelt es sich offenbar um eine Anzeige für den Audi Q3, den neuesten Stadtgeländewagen der Ingolstädter – mit einem CO2-Ausstoß von bis zu 179 Gramm pro Kilometer kein wirkliches Öko-Mobil.

Im Politikteil geht es auf den Seiten 4 bis 7 um die Rettung des Euro und Europas Zukunft. Der Wirtschaftsteil stellt die drängende Frage

Ausriss mit Zitat "Was wird aus den Banken?"

und versucht, auf den Seiten 29 bis 35 Antworten zu geben. Es folgt ein Finanzteil, der erklärt, warum der Kapitalismus eine feine Sache ist. Es folgt das Feuilleton mit „Tim und Struppi“ und einer Lady-Di-Biografie, dann die Abteilung Stil mit Edelrestaurants und „Uhren nach Maß“ – zu 1095 Euro das Stück. Im beiliegenden „Stil-Magazin“ namens Icon schließlich wird für jene Dinge geworben, die das Leben wirklich lebenswert machen:

Ausriss mit Zitat: "Wer Großes schafft, hat den Blick für das Besondere. Der Bentley Mulsanne ... CO2-Emissionen 393 g/km"

25,3 Liter Kraftstoff pro 100 Kilometer, 393 Gramm Kohlendioxid je Kilometer. Wow! Das kann sich wirklich sehen lassen.

Sieht man von einer kleinen Kolumne über „Ökoterror“ ab, kommt auf den 98 Seiten vor der Öko-Beilage das Thema Umwelt kein bisschen vor. Zugegeben, in dem einmaligen Umwelt-Sonderteil geben sich die Autoren und Redakteure dann durchaus Mühe. Es geht um die globale Artenvielfalt, Stadtgärten in Berlin oder auch die Regenwälder Brasiliens. Die Werbeannoncen aber lassen den grünen Lack gleich wieder abplatzen: Ausgerechnet Tetrapak darf sich dort präsentieren, und das gleich dreimal. Jener Verpackungsmulti, der bei uns auch schon Thema war und den die Deutsche Umwelthilfe gerade wegen „Verbrauchertäuschung“ vor Gericht gezerrt hat.

PS: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherchequalität adäquat zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Und weiter geht’s: Bilds Ökostrom-Bashing

Samstag, den 8. Oktober 2011

So, da sind wir wieder. Der Klima-Lügendetektor macht weiter – Bild sei „Dank“. Zwar war unser Rettungsaufruf vom Sommer nicht ganz erfolgreich (obwohl, etwas hat er schon gebracht – mehr dazu nächste Woche). Doch als wir heute morgen die Schlagzeile von Springers Schlachtschiff sahen, war klar: Wir müssen weitermachen.

Denn wir bringen es einfach nicht übers Journalistenherz, diese Schlagzeile und den zugehörigen Text auf Seite 2 unwidersprochen zu lassen.

„Bild erklärt den Irrsinn“? Nein, das Blatt erklärt wenig, sondern macht vor allem Stimmung. Das fängt an bei der unterschwelligen Fremdenfeindlichkeit: Mehrfach betont das Boulevardblatt, „deutscher“ Strom werde „ins Ausland verschenkt“. Ginge es Bild nur um Aufklärung über ein (echtes oder vermeintliches) „Energie-Chaos“, wäre das keiner Erwähnung wert – denn für Netzstabilität und Versorgungssicherheit ist es reichlich irrelevant, ob überschüssiger Strom zu negativen Preisen an Abnehmer im In- oder Ausland geht.

Aber es kommt noch schöner tendenziöser in dem Text der Bild-Redakteure Stefan Ernst und Christin Martens:

Der erste Absatz ist gelinde gesagt unvollständig: An den meisten „schönen Sommertagen“ liegen „die Menschen“ nämlich nicht „am Strand oder im Schwimmbad“, sondern schwitzen in Büros. Wo dann zum Beispiel die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen. Und gerade mittags der Stromverbrauch am größten ist. Dass Solaranlagen just während dieser „Mittagsspitze“ den meisten Strom einspeisen, ist eher ein Vorteil für die Versorgungssicherheit. Die größten Diskrepanzen zwischen Ökostrom-Erzeugung und Elektrizitätsnachfrage gibt es weniger an Sommertagen, sondern eher nachts und an Wochenenden und vor allem im Herbst und Winter. Richtig hätte der Absatz etwa so lauten müssen: „In windigen Herbstnächten liegen die Leute im Bett, und viele Industrieanlagen stehen still – gleichzeitig speisen Windkraftanlagen jede Menge Energie ein.“

Regelrecht falsch ist dann der erste Satz des zweiten Absatzes: In der Klammer müsste stehen „z.B. Kohle, Atom“, nicht „Gas“. Denn Erdgaskraftwerke sind gerade nicht das Problem – sie können flexibel an- und abgeschaltet werden, um auf die fluktuierende Einspeisung der Erneuerbaren Energien zu reagieren. Die eigentliche Ursache für das „Energie-Chaos“ sind große, träge Kohle- und Kernkraftwerke, die künftig nicht mehr ins Energieversorgungssystem passen, wenn es auf sauberen, aber eben schwankenden Erneuerbaren basieren soll. Etwas verschämt wird dies im folgenden „Auch“-Satz eingeräumt: Für Eon, RWE & Co. ist es schlicht billiger, ihre Großmeiler weiterlaufen zu lassen, wenn die zur Nachfragedeckung eigentlich gar nicht gebraucht werden. Das Stromaufkommen von Wind- oder Solaranlagen macht nur deshalb Probleme, weil die Netze allzu oft mit Kohle- und Atomstrom aus unflexiblen Großkraftwerken verstopft sind. Bild müsste also nicht nur den Ökostrom, sondern auch die Kohle- und Atom-Konzerne zumindest mit-verantwortlich machen für Stromüberschüsse, Netzbelastungen und empörende Geschenke ans Ausland.

Stattdessen darf am Schluss des Textes ausgerechnet RWE-Chef Jürgen Großmann zu Wort kommen:

Genau, jener Herr, der vor zweieinhalb Jahren in Bild noch dramatisch davor warnen durfte, dass im Sommer hierzulande Strommangel drohe. Und dessen Unternehmen mit gerade 2,6 Prozent Ökostrom-Anteil den grünen Energie-Boom verpennt hat.

Bleibt die Frage, warum Bild ausgerechnet jetzt das Ganze hochzieht – wo doch das Thema Netzbelastung und negative Preise seit langem bekannt ist. Vielleicht weil am kommenden Freitag voraussichtlich der nächste Anstieg bei der Ökostrom-Umlage bekanntgegeben wird? Da kann man ja schonmal ein bisschen Stimmung machen.


ADAC: Brüllen für Mercedes

Mittwoch, den 8. Juni 2011

Stolz vermeldet der Allgemeine Deutsche Automobilclub  (ADAC) 494.000 neue Mitglieder,  die er im vergangenen Jahr gewonnen habe. Macht nunmehr 17,4  Millionen Beitragszahler.  Damit ist der ADAC der zweitgrößte Automobilclub der Welt (nach dem US-amerikanischen), und damit ist die Verbandszeitschrift das auflagenstärkste Druck-Organ, das es in der Bundesrepublik überhaupt gibt.

Auch wenn es ein wenig angestaubt klingt: „Druck-Organ“ ist die genau richtige  Bezeichnung für die „Motorwelt“, wie das ADAC-Blatt heißt. Nach eigenen Angaben erreicht es mit einer Gesamtauflage von monatlich 13.970.057 Exemplaren mehr als ein Viertel aller Deutschen. Nach dem Motto „Es steht in der Motorwelt, also stimmt es“ versucht der ADAC, die Meinung des motorisierten Deutschlands zu prägen.

In der Juni-Ausgabe heißt es beispielsweise:

Wie jetzt:  Mercedes verteidigt Platz 1? Der ADAC schreibt: Mercedes habe es geschafft, „durch neu entwickelte sparsame Diesel, Start-Stopp-Automatik, Hybridtechnik und das Ersetzen großvolumiger Motoren durch kleinere die CO2-Werte der Flotte drastisch zu senken“. Und weiter: „Die C-Klasse kommt nach ihrem Face-Lifting auf einen CO2-Ausstoß von rund 147 g/km und hat damit die Hauptkonkurrenten Audi A4 (170 g) und BMW Dreier (172 g) klar überholt. In der Umweltwertung des AutoMarxX punktet Mercedes mit der Traumnote von 1,5.“ Der Automobilclub urteilt:

Das aber ist wirklich sehr verwunderlich. Der EU-Internetdienst Europe’s Energy Portal kommt nämlich zu ganz anderen Schlüssen in der C-Klasse: Beispielsweise stoßen C-Klasse-Wagen des Typs 63 AMG 319 Gramm je Kilometer aus. Der 350er Elegance ist mit 232 Gramm genauso Klimasünder wie das 350er Coupe. Das CL-Klasse-Coupe 63 AMG sorgt für 355 Gramm je Kilometer, der Geländewagen ML 63 AMG sogar für sagenhafte 390 Gramm, und und und …

Aber wie sieht eigentlich die ADAC-Wertung für kleinere Autos aus, etwa Fiat? „Weil die Umweltbewertung nach Fahrzeugklassen erfolgt, hat Fiat hier eine vergleichsweise schlechte Note (2,7)“, so das ADAC-Organ. „Zwar stellen die Turiner fast nur kleinere Fahrzeuge her und haben absolut gesehen keine so hohen CO2-Werte. Von Kleinwagen erwartet der ADAC aber deutlich bessere Zahlen, das Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft.“ Die Italiener kommen im ADAC-Ranking gerade so auf Platz 29.

Schräg nur, dass just diese Woche die französischen Behörde für Umwelt und Energiesicherheit ADEME einen Bericht über den Kohlendioxid-Ausstoß der europäischen Autoflotten vorgestellt hat. Europas klimafreundlichster Autobauer bringt es – die gesamte Produktpalette in die Berechnung einbezogen – auf durchschnittlich 122 Gramm je Kilometer. Das sind heute schon acht Gramm weniger, als die EU für das Jahr 2015 als Grenzwert festgelegt hat. Der Name des Autobauers: Fiat.

Das Motto des ADAC lautet also offenbar: Man muss nur mit der knalligsten Überschrift laut und auflagenstark genug fürs grüne Image von Mercedes brüllen, dann glaubt es die Auto-Nation Nr. 1 auch irgendwann!

P.S.: Die französische Untersuchung hat übrigens auch Länderwerte ermittelt. Den geringsten CO2-Ausstoß je Kilometer haben demnach die Portugiesen (mit 129 g), der europäische Durchschnitt lag 2010 bei 141 Gramm – die deutschen Autofahrer (und ADAC-Mitglieder) gehören mit durchschnittlich 152 Gramm je Kilometer zu den Schlusslichtern.


Focus: Können die kein Englisch?

Montag, den 29. November 2010

Eigentlich war ja klar, dass der Focus diese Woche mit einem solchen Titel erscheint: Ein Eisbär ist darauf zu sehen mit (schlecht aufretuschierter) Sonnenbrille – und unter der Schlagzeile „Prima Klima!“ die Behauptung: „Die globale Erwärmung ist gut für uns“. Wieso man sich das hatte denken können? Nun, der neue Chefredakteur Wolfram Weimer hat Ende September als Ressortleiter „Forschung & Technik“ ausgerechnet Michael Miersch berufen, jenen Journalisten, der gemeinsam mit seinem Kollegen Dirk Maxeiner schon seit vielen Jahren davon lebt, provokante Thesen zum Beispiel über (vermeintliche) „Öko-Irrtümer“ in flotten Worten aufzuschreiben.

In der Woche, in der in Cancún der nächste UN-Klimagipfel beginnt, kann man bei der konservativen Focus-Leserschaft (und sicherlich weit darüber hinaus) mit einer klimaskeptischen Cover-Story bestimmt Auflage machen. Wie schon vor knapp einem Jahr verbirgt sich dahinter aber ein halbgewalkter Text, der die vollmundige Titelankündigung nicht deckt. Die globale Erwärmung sei „gut für uns“ steht dort pauschal. Bereits auf Seite 4 im Inhaltsverzeichnis wird diese Allgemeinbehauptung relativiert:

Und auf Seite 78 im Vorspann des zugehörigen Artikels heißt es:

Schaut man sich den folgenden Text näher an, so verkauft er (bei Weglassen wichtiger, anderer Fakten) lediglich eine Binsenweisheit in sensationsheischenden Worten. Denn selbstverständlich gibt es weltweit AUCH Gegenden, die von der Erderwärmung profitieren – die Klimaforschung hat daraus nie einen Hehl gemacht. Deshalb hätte der Focus bzw. Artikelautor Christian Pantle auch keine „neuen Studien“ zitieren müssen. Wir jedenfalls brauchten gerade dreieinhalb Minuten, um im letzten IPCC-Sachstandsbericht von 2007 zwei Stellen zu finden (es gibt unzählige weitere!), in denen der Weltklimarat begrenzte Vorteile der Erderwärmung benennt. Dies ist ein Auszug aus Teil 2 des IPCC-Reports, Kapitel 9.4.4 zu Afrika:

Und hier aus Kapitel 12.4.7.1 zu Europa:

Hier steht Schwarz auf Weiß (und unter Verweis auf bis zu acht Jahre alte Studien), dass etwa in Teilen Afrikas und Europas die Landwirtschaft auch profitiert und beispielsweise Weizen- oder Zuckerrübenerträge wachsen. Verstehen Redakteure, Ressortleiter und Chefredakteure beim Focus etwa kein Englisch? Oder welche (noch schlimmeren) Annahmen können erklären, dass sich zu Beginn des „Prima Klima!“-Textes dieser Absatz findet:

Donnerwetter! Den IPCC-Bericht von 2007 (siehe oben) haben wohl „Provokateure“ geschrieben? Oder wie? Oder was?

Nein, der zitierte Focus-Absatz ist natürlich Blödsinn – nur braucht ihn das Magazin, um über elf Seiten eine Pseudosensationsgeschichte stricken zu können. Der Hauptgrund, warum Klimaforscher, Politiker und (seriöse) Medien nicht so sehr auf die Vorzüge des Klimawandels schauen, ist nämlich ganz einfach: Bei einer vernünftigen Gesamtbetrachtung fallen die Nachteile der Erderwärmung schlicht stärker ins Gewicht als ihre Vorteile. So mag es ja sein, dass der Klimawandel die Weizenerträge in Europa oder Asien steigen lässt – nur sinken sie gleichzeitig in Afrika viel stärker, just dort, wo schon heute die Hungersnöte am größten sind (was im Focus-Text denn auch beiläufig zugegeben wird). Bezeichnend für das Niveau des Gesamtartikels ist der Umstand, dass als Fachmann für künftige Verschiebungen der menschlichen Siedlungsgebiete nicht etwa ein Klimatologe oder Geograph zitiert wird, sondern ein Physik-Professor, dessen Spezialgebiet Nanotechnologie ist und der keinerlei Fachveröffentlichungen zum Klima vorweisen kann.

Dieser Focus-Artikel liegt also schon in seiner Grundthese gründlich daneben – weshalb wir keine Lust haben, im Text noch nach Detailquatsch zu suchen. Aber wenn Sie mögen, liebe Leserinnen und Leser, schicken Sie uns Ihre Fundstücke! Wir veröffentlichen sie gern. (Tipp: Garantiert fündig werden Sie auf den Seiten 81, 84, 86 und 89.)

Danke an Franz K. für den Hinweis


Sindelfinger Zeitung: Verdeckte Daimler-PR

Donnerstag, den 3. Juni 2010

In der Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung erschien Anfang Februar ein Artikel über ein Forschungsprojekt in Indien, wo die deutschen Konzerne Bayer und Daimler den Anbau von Jatropha förderten. Die Pflanze (auf Deutsch: Purgiernuss) galt und gilt bei etlichen Unternehmen als die Zukunftshoffnung im Agrosprit-Sektor. szbz_jatropha

In dem Text, laut Autorenzeile „von unserem Mitarbeiter Werner Eberhardt“, wird das Projekt sehr ausführlich und sehr wohlwollend geschildert: Jatropha stehe nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion, habe „eine positive co2-Bilanz“ und „einen ökologischen Vorteil gegenüber fossilem Dieselkraftstoff“. Daimler unterstütze mit dem Projekt „sozial schwache Regionen dieser Erde“ und habe die indischen Bauern sogar noch durch Bürgschaften fünf Jahre lang gegen Ernterisiken abgeschirmt. Der Umweltbeauftragte des Konzerns, Herbert Kohler, wird mit den Worten zitiert:

szbz_jatropha1

Auch die Bayer AG, heißt es weiter, beteilige sich: Sie gebe „Wissen und Produkte zur effektiven Schädlings- und Krankheitsbekämpfung bei Jatropha-Pflanzen“ an die Bauern weiter.

Moment, spätestens hier sollte man als Leser stutzig werden. Denn der Satz ist typisches PR-Sprech, mit dem wolkig umschrieben wird, dass sich der Chemieriese unter Jatropha-Bauern einen neuen Absatzmarkt zu erschließen versucht. Und was der Daimler-Mann im Text – ohne jegliche Relativierung oder Einordnung – sagen durfte, ist ebenfalls reichlich grünfärberisch. Die aktuelle Produktpalette des Autokonzerns ist angesichts ihres überdurchschnittlichen Kohlendioxid-Ausstoßes weder nachhaltig noch zukunftsfähig. Zudem zeigen die weltweiten Erfahrungen mit der Purgiernuss, dass Jatropha im großflächigen Anbau alles andere ist als eine ökologische WunderpflanzeSie braucht demnach viel mehr Wasser als andere Energiepflanzen - für die typischen Anbauländer in Afrika oder Asien ist das ein riesiges Problem.  In Ghana zeigte sich, dass Jatropha entgegen der Versicherungen vieler Unternehmen doch auf fruchtbarem Ackerland angebaut wird - und deshalb Lebensmittelpreise in die Höhe treiben oder Hungersnöte verstärken könnte. Dasselbe berichtet die Nachrichtenagentur AFP auch aus Indien – übrigens in einem Text über exakt dasselbe Bayer/Daimler-Projekt, um das es in der Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung ging!

szbz_jatropha2Die Erklärung für die wundersame Distanzlosigkeit des Lokalblattes: Dessen Artikel stammte in Wahrheit von Daimler selbst, auf der Website des Konzerns ist er noch immer nachzulesen. Der Internet-Link zum Zeitungstext hingegen funktioniert seit einigen Tagen nicht mehr – offenbar hat ihn die Redaktion aus dem Netz genommen, nachdem sie letzte Woche vom Deutschen Presserat gerügt wurde: Die im Pressekodex geforderte „Sorgfalt im Umgang mit PR-Material“, urteilte das Selbstkontrollorgan der deutschen Journalisten und Verlage, „wurde bei dieser Veröffentlichung grob missachtet“.

Danke an die Coordination gegen Bayer-Gefahren für den Hinweis


taz: Blackout bei Energiesparlampen

Freitag, den 23. April 2010

Unter Politik- und Wirtschaftsjournalisten gibt es ein Schimpfwort: „Feuilleton“. Jedenfalls rümpfen die tendenziell herablassenden Schreiber aus den „harten“ Ressorts gern die Nase, wenn sich Kultur-Kollegen in flanierend-lockerem Ton zu ernsten Themen äußern. Angesichts des Textes, der diese Woche im Feuilleton der alternativen tageszeitung erschien, kann man die Arroganz fast verstehen. taz_gluehlampe1Unter der Überschrift „Da geht uns ein Licht aus“ schrieb die Feuilletonistin Brigitte Werneburg über einen Aufruf von rund 90 Künstlern, Designern und Galeristen in der neuen Ausgabe der Kunstzeitschrift Monopol. Die Petition richtet sich gegen das Verbot von Glühbirnen, das seit vergangenem September in der EU schrittweise eingeführt wird. „Auf die Vielfalt des künstlichen Lichts“ und auf Halogenlampen können die rund 90 Unterzeichner nach eigenen Angaben „unmöglich verzichten“, so der Aufruf, „traditionelle Glühbirnen“ seien „essenzieller Teil unserer Beleuchtungskultur“. Das klingt reichlich alarmistisch – aber natürlich wäre auch wenig dagegen einzuwenden, wenn als Ausnahme vom Verbot in der einen oder anderen Galerie auch künftig noch eine alte Lampen leuchten sollte. Dabei haben die Künstler in ihrem Furor offenbar übersehen, dass zumindest die gewohnten Halogenlampen weiter erlaubt sind.

Die taz-Journalistin Brigitte Werneburg aber hat sich vom Gezeter der Petition anstecken lassen. Und führt in ihrem Artikel einige der beliebtesten Gruselmärchen an, die an Kneipentischen und in Internet-Blogs kursieren. Die Sparlampen würden aufgrund „gefühlter“ Kälte mehr Heizenergie benötigen und wegen aufgrund ihres Quecksilbergehalts die Umwelt schädigen.

taz_gluehlampe2

Laut der Studie werde das 1,4-Fache der eingesparten Energie wieder rückinvestiert. Schon dabei hätte jeder Journalist und jede Journalistin stutzig werden müssen: Wieso soll eine Heizung fast anderthalb mal so viel Energie zum Heizen brauchen wie eine Glühlampe? Doch es geht noch weiter:

taz_gluehlampe3Donnerwetter! Sind wir etwa alle von den Lobbyisten der Energiesparlampenindustrie oder totalitären EU-Bürokraten betrogen worden? Ist das Glühlampenverbot in Wahrheit eine heimliche Maßnahme zur Energieverschwendung? Komisch nur, dass die von Brigitte Werneburg zitierte Behörde auf ihrer Website schreibt:

taz_gluehlampe4

Zu deutsch: „Durch das Ausmustern traditioneller Glühlampen werden wir alle weniger Energie und dadurch weniger Elektrizität brauchen.“ Des Rätsels Lösung: Die im taz-Text zitierte Studie existiert überhaupt nicht. Zwar haben sich tatsächlich mehrere Untersuchungen der Defra mit dem sogenannten Heat-Rebound-Effekt befasst, also der Frage, wieviel Heizenergie kompensiert werden muss, wenn energiesparende Geräte weniger Abwärme erzeugen. Die Untersuchung, auf die sich die taz indirekt bezieht, ist beim britischen Market Transformation Programme (MTP) unter dem Titel BNXS29 zu finden. Doch die genannten Aussagen über einen 1,4-fachen Verbrauch an Heizenergie oder „gefühlte“ Temperaturen durch veränderte Lichtfarben finden sich darin nicht.

Ursprung der Zeitungsente ist ein Artikel im Magazin Professional Lighting Design wo die Studie erwähnt und im weiteren über den psychologischen Faktor kalten Lichts spekuliert wurde. Hierzulande griff die Zeitschrift Öko-Test dies im Oktober 2008 auf und schrieb die Aussage direkt der Defra-Studie zu. Die Firma Megaman, einer der führenden Hersteller von Energiesparlampen, ging der Sache daraufhin nach. „Das MTP wurde darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Veröffentlichung BNXS29 in deutschen Medien zu kaltem Licht und seinen psychologischen Effekten zitiert wurde“, erklärte einer der Studienautoren, Arani Mylvaganam, gegenüber Megaman. „Aber diese Information kommt nicht vom MTP und BNX29 wurde bedauerlicherweise falsch zitiert.“

Und was ist mit dem zweiten Punkt im taz-Text, dem Quecksilber? Dieses hochgiftige Schwermetall ist tatsächlich in Energiesparlampen enthalten – pro Stück etwa 3 bis 4 Milligramm. Allerdings wird es nur frei, wenn die Lampe kaputtgeht oder nicht fachgerecht entsorgt wird. Und selbst dann noch ersparen die modernen Lampen der Umwelt Quecksilber. Grund für dieses Paradoxon ist die Tatsache, dass Kohlekraftwerke erhebliche Mengen Quecksilber durch den Schlot freisetzen – und durch den eingesparten Strom werden diese vermieden.

Das hätte Brigitte Werneburg übrigens auch auf der Website der von ihr zitierten Defra nachlesen können.


Focus: Fakten, Fakten, Fakten??

Freitag, den 15. Januar 2010

Die Erderwärmung hat für Journalisten einen großen Nachteil: Während Themen wie Arbeitslosigkeit oder politische Stimmung durch ihr Auf und Ab laufend Nachrichtenstoff liefern, geht es beim Klima im Großen und Ganzen in die gleiche Richtung, seit der Mensch seine Finger im Spiel hat. Schlagzeilen und Auflage aber macht man bekanntlich eher mit Neuigkeiten.

Und so hat der Focus (Werbeslogan: „Fakten, Fakten, Fakten“) diese Woche – passenderweise ist das Wetter grad ziemlich kalt – eine drohende „Kalt-Zeit“ auf den Titel gehievt. In waschechtem Klimaskeptiker-Jargon steht da:

Das macht neugierig und reizt vermutlich wirklich viele Kunden zum Kauf. Aber das Fragezeichen am Ende der knalligen Schlagzeile sollte einen schon stutzig machen.

Über mehrere Seiten breitet das Münchner Nachrichtenmagazin aus, dass es in den vergangenen Monaten eine ungewöhnlich lange Phase ohne Sonnenflecken gab und angeblich einen Stillstand bei der Erderwärmung. Da werden Experten  zitiert, die schon immer der Ansicht waren, die Sonne und nicht der Mensch sei der bestimmende Faktor für das Erdklima: Horst Malberg etwa, Ex-Direktor des Instituts für Meteorologie der FU Berlin, der inzwischen nicht mehr unter deren Namen publizieren darf, Horst-Joachim Lüdecke vom klimaleugnerischen  Europäischen Institut für Klima und Energie e.V. – EIKE (offizielles Motto: „Nicht das Klima ist bedroht, sondern unsere Freiheit!“) oder Khabibullo Abdusamatow, Astronom am Observatorium von St. Petersburg.

Doch der gesamte Text wirkt, als glaube Focus-Autor Michael Odenwald den drei Experten selbst nicht. Zu Recht: Natürlich bestimmt die Sonne das Erdklima mit, aber längst ist erwiesen, dass ihr Einfluss auf den derzeitigen Klimawandel deutlich kleiner ist als die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen. Der Focus lässt dann auch mehrere Experten zu Wort kommen, die diese von der großen Mehrheit der Sonnen- und Klimaforscher geteilte Sicht erklären: „Die fleckenlosen Perioden sind zu kurz, um signifikant auf das Erdklima zu wirken“, sagt etwa Wolfgang Schmidt vom Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik in Freiburg. „Die Strahlungswirkung der Treibhausgase ist inzwischen um ein Mehrfaches stärker“, resümiert Manfred Schüssler vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau. Eine Grafik am Rande des Artikels zeigt denn auch, wie in den letzten Jahrzehnten die Erdtemperatur kräftig steigt – bei gleichzeitig sinkender Sonnenhelligkeit.

Kurz gesagt: Die Sache mit der Sonne ist eigentlich ein alter Hut, und das weiß auch der Focus-Autor. Doch in der Top Ten der beliebtesten Klimaskeptiker-Argumente der BBC rangiert diese „Theorie“ auf Rang 6.

Und auch die Behauptung, der Klimawandel stagniere, entkräftet der Focus schließlich selbst. Zwar fragt die Redaktion im Inhaltsverzeichnis noch: „Legt die Erderwärmung nur eine Pause ein, oder droht gar eine globale Abkühlung?“ Im Artikel aber wird dann mit Stefan Rahmstorf ein Klimaforscher zitiert, der eine dritte – und wahrscheinlich zutreffende – These vertritt: Dass nämlich von einer Pause keine Rede sein kann, weil der geringere Temperaturanstieg der letzten paar Jahre im Bereich natürlicher Schwankungen liege. 2009 war nach den vorläufigen Daten das fünftwärmste Jahr seit Beginn der Messungen, 2010 könnte nach einer Prognose des britischen Hadley Centers sogar noch heißer werden als das bisherige Rekordjahr 1998.

Ganz am Ende des Artikels – aber eben erst dort – kommt dann der endgültige  Storykiller: Die Sonne habe sich kurz vor Weihnachten (also Wochen vor Redaktionsschluss des Heftes) „eindrucksvoll“ zurückgemeldet, es kam zu einer „mächtigen Eruption“. Zum Jahresende tauchten dann auch wieder Sonnenflecken auf – die inzwischen kräftig gewachsen sind. Auf dem Cover steht trotzdem noch etwas von „fehlender Sonnenaktivität“.

Die sensationsheischende Frage des „Nachrichtenmagazins“, ob die Klimakatastrophe ausfalle, lässt sich also kurz und bündig beantworten: Leider nein!

P.S.: Die NASA hat gerade die Temperaturdaten für 2009 analysiert – es war das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, auf der Südhalbkugel gar das wärmste überhaupt.


IZ Klima: Kohlepropaganda schon in der Schule

Donnerstag, den 3. Dezember 2009

izklima_zeitbildcoverKennen Sie das IZ Klima? Dieses „Informationszentrum“ mit Sitz in Berlin hat vor ein paar Wochen gemeinsam mit dem Münchner Bildungsverlag Zeitbild eine Broschüre „Klimaschutz und CCS“ für den Schulunterricht veröffentlicht. Auf der verlagseigenen Internet-Plattform „Lehrerwink“ gibt es das Material zum kostenlosen Download.

CCS ist die Abkürzung für die umstrittene Technologie zur Abtrennung und unterirdischen Ablagerung von Kohlendioxid. Doch Wörter wie „umstritten“ oder „Kritik“ finden sich in der 36-seitigen Broschüre nicht ein einziges Mal. Stattdessen wird – in einer professionell gemachten Infografik – erklärt, woher die Welt derzeit ihre Energie bezieht (erneuerbare Quellen und Energiesparen kommt dabei nur ganz am Rande vor). Ebenso anschaulich werden der Kohlenstoffkreislauf der Erde und das CCS-Prinzip erläutert, welche verschiedenen Varianten eventuell möglich sind und so weiter.

Glatt gelogen ist nichts in der Broschüre. Aber äußerst geschickt wird suggeriert, eine Energieversorgung sei hierzulande ohne CCS nicht möglich – „denn noch basieren in Deutschland über 80 Prozent des Primärenergieverbrauchs auf fossilen Energieträgern“, wie es auf Seite 9 der Broschüre heißt. Um den Anteil fossiler Energieträger wie Kohle besonders hoch erscheinen zu lassen, wird hier die Primärenergiestatistik bemüht und so auch alles Heizöl und sämtlicher Sprit einbezogen – an der Stromversorgung (und nur dafür könnte CCS, wenn überhaupt, je brauchbar sein) ist der Kohleanteil mit 42 Prozent gerade halb so groß.

Systematisch spielt die Broschüre Kosten und Risiken von CCS herunter. Dass die Technologie die ohnehin ineffizienten Kohle-Großkraftwerke noch ineffizienter macht, wird nur ganz beiläufig erwähnt. Und dass die Nachrüstung bestehender Kraftwerke mit „CO2-Waschanlagen“ in der Praxis aus Kostengründen vermutlich niemals stattfinden wird, verstecken die Autoren in diesem feinziselierten Satz:

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Zu den bislang ungeklärten Risiken der CO2-Verpressung gibt es in der Broschüre nur ein paar Absätze unter der großen Überschriftizklima_zeitbild3

Und völlig ignoriert wird in diesem „Unterrichtsmaterial“, dass der Platz im Boden sehr begrenzt ist und die geologischen Formationen, die eventuell für eine Verpressung von CO2 aus Kohlekraftwerken geeignet sind, nur wenige Jahre oder Jahrzehnte ausreichen würden und im Übrigen für andere Optionen einer wirklich zukunftsfähigen Energieversorgung gebraucht werden, für die Gewinnung von Erdwärme etwa oder als Kavernen für Wasserstoff und Methan, die als Speichermedien für Windstrom in Frage kommen.

Komisch, dass von alledem in einer Broschüre des IZ Klima nicht die Rede ist. Naja, vielleicht ist die Erklärung dafür auch ganz einfach. Klitzeklein auf dem Deckblatt ist erkennbar, wofür die Abkürzung steht:
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Dass dieses „Informationszentrum“ von so klimafreundlichen Unternehmen wie Eon, RWE, EnBW oder Vattenfall getragen wird, müssen  interessierte Lehrer oder Schüler anderswo recherchieren. (Übrigens findet sich auch auf dem staatlichen Bildungsserver Berlin-Brandenburg, wo das Material inzwischen angeboten wird, kein Hinweis dazu.)

Am Ende der Broschüre steht der „methodische und didaktische Hinweis“:

izklima_zeitbild5In der kohlelobby-gesponserten Unterrichtsbroschüre werden die Schüler schwerlich Contra-Argumente finden.

Danke an Mike K. aus Berlin für den Hinweis