Archiv des Themas ‘Forschung‘

INSM: Der Schwindel vom grünen Wachstum

Freitag, den 27. Januar 2012

Die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) ist eine Lobbyorganisation, die vor gut zehn Jahren vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall gegründet wurde. Mit einem Jahresetat von – nach eigenen Angaben – derzeit gut sieben Millionen Euro versucht sie Stimmung zu machen für eine marktliberale Wirtschaftspolitik. Und geht dabei wenig zimperlich vor, zum Beispiel ist sie durch Schleichwerbung in der TV-Fernsehserie „Marienhof“ aufgefallen. Als „Lautsprecher des Kapitals“ titulierte die ZEIT vor ein paar Jahren die INSM.

In ihrer aktuellen Anzeigenkampagne versucht die „Initiative“ nun, das Dogma von der unbedingten Notwendigkeit wirtschaftlichen Wachstums zu retten, das bekanntlich aus der Finanzkrise arg ramponiert hervorgegangen ist. Bildung, Gleichberechtigung, Fortschritt – quasi alles SchöneEdleGute hänge am Wirtschaftswachstum, versucht die INSM der Öffentlichkeit einzutrichtern. Eines der Anzeigenmotive behauptet gar:

Im Kleingedruckten heißt es: „Wachstum schützt das Klima. Denn technischer Fortschritt schont Rohstoffe, senkt den Energieverbrauch und macht Umweltschutz bezahlbar.“

Steile Thesen sind das – von denen die INSM-Leute offenbar selbst wissen, dass sie falsch sind. Auf der zugehörigen Kampagnenwebsite nämlich formulieren die Wachstumsfetischisten (bzw. ihre Werbeagentur Serviceplan) viel zurückhaltender. Schon im Vorspann einer großen Infografik wird die vollmundige Pauschalaussage der Annonce gleich viermal relativiert:

Ja, klar, Wachstum kann heute oder künftig möglicherweise etwas ressourcenschonender stattfinden als es das früher einmal tat. Seit Jahrzehnten schon wird darüber geredet, gerade mal wieder in einer Enquete-Kommission des Bundestages. Üblicherweise wird dann hervorgehoben, wie sehr der Energieverbrauch bzw. der Ausstoß an Treibhausgasen doch in den letzten Jahren gesunken sei. Gemessen wird dabei in der Regel relativ zum erzeugten Produkt – also der Energieverbrauch pro Tonne Stahl oder der CO2-Ausstoß pro erwirtschaftetem Euro. Doch im Jahr 2010, ergab kürzlich eine Analyse der Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers, kehrte sich selbst dieser bescheiden-positive Trend in den Industriestaaten wieder um. Und dass 2011 der deutsche Energieverbrauch trotz Wirtschaftswachstum sank, lag vor allem am milden Wetter und dadadurch verringertem Heizwärmebedarf.

Sowieso fällt bei der Betrachtung von Effizienzfortschritten meist der sogenannte Rebound-Effekt unter den Tisch, den Ökonomen seit langem kennen: Wenn ein Produkt billiger wird, wird in der Regel mehr davon konsumiert. Wenn beispielsweise die Leute zu Energiesparlampen wechseln, lassen sie die dann häufiger brennen. Relative Effizienzgewinne werden deshalb in der Praxis mindestens teilweise aufgefressen, oft steigt unterm Strich absolute Energieverbrauch sogar.

Die wichtige Frage für das Weltklima, liebe INSM, ist deshalb nicht, wie Wirtschaftswachstum vielleicht aussehen könnte – sondern ob es tatsächlich und absolut betrachtet ressourcenschonend geworden ist. Und da sieht es trübe aus. Eine Studie für die bereits erwähnte Enquete-Kommission des Bundestags hat gerade den aktuellen Stand der Forschung zusammengefasst – ihr Fazit: „So gut wie nirgends“ auf der Welt gab es bisher Wachstum mit sinkendem (absoluten) Ressourcen- verbrauch.

Diese traurige Wahrheit muss auch die INSM in ihrer eigenen Infografik einräumen. In sieben von zehn Industriestaaten, die dort aufgeführt werden, ist der Kohlendioxid-Ausstoß zwischen 1990 und 2008 eben nicht gesunken, sondern meist deutlich gestiegen (der deutsche Sonderfall geht zu einem Gutteil auf den Zusammenbruch der dreckigen DDR-Industrie nach der Wiedervereinigung zurück).

Wahr ist also eher das Gegenteil dessen, was die Annonce behauptet: Weniger CO2 braucht weniger Wachstum. Jedenfalls von dem Wachstum, wie wir es heute kennen.

Danke an Joachim W. aus Viersen für den Hinweis


Markus Pieper (CDU): Toller Temperaturrückgang

Freitag, den 4. November 2011

Sie sorgen sich um die Klimawandel? Wirklich? Wie blöd sind Sie denn? Lesen Sie doch mal die tolle Nachricht, die der Münsterländische CDU-Europaparlamentarier Markus Pieper auf seiner Facebook-Seite gepostet hat:

Wie, was, Erderwärmung? Gibts vielleicht auf der ganzen Erde, aber nicht bei uns! Ungefähr dies, vermuten wir, wollte Pieper durch seine lapidare Aufreihung der letzten zwölf Temperatur- Jahresmittelwerte für Deutschland sagen.

Markus Pieper scheint ein echter Klima-Experte der CDU zu sein. So vertrat er seine Fraktion im „Nichtständigen Ausschuss Klimawandel“ des Europaparlaments. Nach eigenen Angaben setzte er sich dort unter anderem dafür ein, „unterschiedliche wissenschaftliche Befunde“ zur Erderwärmung zu berücksichtigen. (Gleichlautend meldete er sich im Plenum zu Wort, als es um Empfehlungen für die EU-Klimapolitik ging -  siehe Video, ab 10:42.) Herr Pieper meint also, „große Teile“ der Wissenschaft würden „ausgegrenzt“, vor allem jene, die sich dem Klimawandel „positiv“ nähern. Aha.

Gern hätten wir Markus Pieper gefragt, wen genau er denn da im Auge hat. Und was sein Facebook-Posting wirklich bedeuten soll. Doch auf mehrfache Anfrage teilte sein Büro leider mit: „Wir wollen dazu kein Interview geben.“ So müssen wir mutmaßen, dass der Klimaskeptikerpolitiker Pieper ein Problem mit der Logik hat. Er kann ja einerseits nicht ernsthaft irgendjemanden zu einem Thema anhören wollen, das es andererseits eigentlich gar nicht gibt. Beide Spielarten des Klimaleugnens – „Klimawandel gibts nicht“ und „Klimawandel ist ne gute Sache“ – gehen logisch schlecht zusammen.

Ganz abgesehen davon, dass beide Positionen Quatsch sind:

Erstens gibt es keine „großen Teile“ der Forschung, die sich dem Klimwandel „positiv“ nähern und deshalb „ausgegrenzt“ werden – es ist wissenschaftlicher Konsens, dass der Klimawandel existiert und er menschengemacht ist und die negativen Folgen deutlich überwiegen.

Zweitens ist eine Temperturreihe über zwölf Jahre schlicht zu kurz, um verlässlich etwas über Klimatrends auszusagen. Üblicherweise betrachtet die Klimaforschung Zeiträume von mindestens 30 Jahren. Und wenn man langfristig auf die deutschen Temperatur-Durchschnittswerte schaut (sagen wir mal, auf die Dekadenmittel von 1880 bis 2010), ergibt sich diese Zahlenreihe:

7,3/7,7/7,7/8,0/7,9/8,1/8,3/8,1/7,9/8,2/8,5/8,9/9,2

Temperaturrückgang in Deutschland??

Für Markus Pieper und alle anderen selbsternannten Klimaexperten deshalb hier eine Erläuterung des (ja auch von Pieper zitierten) Deutschen Wetterdienstes:


FAZ: Prominenter Platz für Klima“skeptiker“

Mittwoch, den 9. März 2011

Herrje, heute sind die sogenannten „Klimaskeptiker“ im deutschen Bürgertum angekommen. Dieter Ameling, einst Chef der Wirtschaftsvereinigung Stahl und inzwischen Berater des bizarren Jenaer Klima“skeptiker“-Vereins EIKE, darf im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter der Überschrift „Das Klima kann man nicht schützen“ zusammenfassen, was die Gemeinde so glaubt.

Schon früher als Industrielobbyist griff Ameling gern Klimaschutz-Instrumente wie den EU-Emissionshandel an. Von ihm ist zudem überliefert, dass er seinen Dienstwagen, einen 7er BMW, gern schnell fuhr, nämlich „zehn Prozent unter Höchstgeschwindigkeit“, was doch „ein guter Kompromiss“ sei. Und nun, im Ruhestand, zieht der Herr durch die Lande (unter anderem sprach er vergangenen Dezember auf einer „Skeptiker“-Tagung in Berlin) und versucht, dem Klimaschutz jegliche Grundlage zu entziehen – indem er auf eine vermeintlich wackelige wissenschaftliche Faktenbasis verweist. Nichts an Amelings Artikel ist neu oder spannend – neu ist lediglich, dass ein seriöses Blatt wie die FAZ ihm so viel Platz für so viel Quatsch einräumt.

Der Text ist eine Sammlung ebenso altbekannter wie längst widerlegter Thesen der „Klimaskeptiker“, allerdings rhetorisch durchaus geschickt aufbereitet. So schreibt Ameling beispielsweise:

Die Aussage ist ja durchaus korrekt. Nur dient sie Ameling dazu, den erdgeschichtlichen mit dem heutigen Klimawandel gleichzusetzen. Dabei vollzieht sich die gegenwärtige Erwärmung viel schneller als frühere, und vor allem ist sie nachweislich durch den Menschen verursacht. Amelings These ist zwar eingängig, aber ein Fehlschluss: Mit derselben Logik könnte man bestreiten, dass es Brandstifter gibt, nur weil es schon immer auch natürliche Waldbrände gab.

Dasselbe rhetorische Muster findet sich in diesem Satz:

Streng genommen stimmt auch er. Allerdings ist unter (seriösen) Forschern nur strittig, ob – salopp gesagt – der menschliche Einfluss groß, sehr groß oder sehr, sehr groß ist.

So geht das über insgesamt fünf FAZ-Spalten. Das perfide an Amelings Text ist, dass man für jeden Satz ein Vielfaches an Platz bräuchte, um ihn richtigzustellen. Genau dies ist der strategische Nachteil, den Klimatologen in der öffentlichen Debatte gegenüber „Skeptikern“ haben: Deren Thesen sind meist prägnant und kurz – ernsthafte Forscher hingegen formulieren kompliziert und langatmig. Aber weiter im Text:

Über all die natürlichen Klimafaktoren, die Ameling hier nennt, zerbricht sich die Wissenschaft seit Jahrzehnten den Kopf – dass sie in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle spielen, hat einen einfachen Grund: Diese Faktoren können den in den letzten Jahrzehnten beobachteten Temperaturanstieg auf der Erde einfach nicht erklären. Am beliebtesten unter Klima“skeptikern“ ist der Verweis auf die Sonne. Diese ist tatsächlich ein wichtiger Klimafaktor – aber er wird in jüngster Zeit immer mehr durch menschliche Einflüsse überlagert, etwa den anthropogenen CO2-Ausstoß oder die Vernichtung der Regenwälder. Im übrigen ist die Sonnenaktivität gerade auf einem historischen Tiefpunkt – und trotzdem war 2010 eines der wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen.

Ein letztes Beispiel:

Mag ja sein, dass man in der Wirtschaft nur in Vier-Jahres-Rhythmen denkt – beim Klima aber geht es um längere Trends, mindestens um 30-Jahres-Zeiträume. Und langfristig betrachtet schmilzt das arktische Meereis dramatisch. Das von Ameling erwähnte Jahr 2007 war ein historischer Tiefststand – dass darauf ein paar Jahre folgten, die zwar weniger katastrophal waren, liegt in der natürlichen Variationsbreite. Doch selbst in diesen „besseren“ Jahren war der Eispanzer auf dem Nordmeer kleiner als im langjährigen Mittel.

Am Schluss seines Textes fordert Ameling,

Das ist keine schlechte Idee – weshalb sie auch schon viele Leute vor ihm hatten. George W. Bush beispielsweise ließ 2001 den Dritten Sachstandsbericht des Weltklimarats von der US-Akademie der Wissenschaften überprüfen – sie bestätigte die Befunde. Im vergangenen Jahr schaute sich der Weltverband der Akademien, das InterAcademy Council, im Auftrag der UN den IPCC genauer an – Ergebnis: Die Arbeit ist im Grundsatz in Ordnung, allerdings sollte das Management und die Kommunikation des Weltklimarats verbessert werden. Wenn Ameling nun noch einmal eine Überprüfung verlangt, ist das Motiv durchschaubar: Jede Verzögerung beim Klimaschutz bedeutet beispielsweise für die Stahlwirtschaft, dass sie länger Profite auf Kosten des Klimas machen kann.


Holger Krahmer (FDP): Unsinn zum Klimawandel

Dienstag, den 7. Dezember 2010

Holger Krahmer ist ein junger FDP-Europaabgeordneter aus Leipzig. Als eines seiner politischen Ziele nennt er „pragmatischen, ideologiefreien Umweltschutz“, und seinen Blick auf den Klimawandel findet er vermutlich auch sehr pragmatisch und ideologiefrei. In Wissenschaft und Politik grassiere eine „Klimahysterie“, glaubt Krahmer, die Berichte des Weltklimarates IPCC nennt er „politisch motivierte Übertreibungen“, und sowieso ist nach Überzeugung des gelernten Bankkaufmanns erst „wenig“ über die Ursachen von Klimaveränderungen bekannt.

All dies steht in einer Broschüre, die Krahmer kürzlich veröffentlicht hat. Darin versucht er – ganz auf Linie mit konservativ-libertären Klima“skeptikern“ in den USA –, eine marktradikale Abneigung gegen Umweltauflagen durch Zweifel an der Erderwärmung pseudowissenschaftlich zu untermauern. „Unbequeme Wahrheiten“ und „Anregungen für neue liberale Grundsätze“, verspricht er. Doch die unbequeme Wahrheit für Krahmer ist, dass seine Broschüre voller Fehler, Irreführungen und offensichtlichem Unsinn steckt.

Das beginnt schon bei einfachsten Fakten. So mokiert sich Krahmer über die milliardenschweren Solarsubventionen in Deutschland und behauptet, mit dieser Förderung werde

In Wahrheit hat die Photovoltaik, so weist es die renommierte AG Energiebilanzen aus, bereits im Jahr 2009 rund 1,1 Prozent des deutschen Stroms produziert. An anderer Stelle schreibt Krahmer:

Auch hier ist offenbar der Wunsch Vater seines Gedanken: In Wahrheit haben sich die „Skandale“, die vor etwa einem Jahr durch den Blätterwald rauschten, fast völlig in Luft aufgelöst. Die Fälschungs- und Manipulationsvorwürfe gegen britische Klimaforscher wurden von mehreren Untersuchungskommissionen widerlegt, und reihenweise haben Zeitungen wie die Sunday Times, der Sunday Telegraph oder auch die Frankfurter Rundschau Artikel zurückgezogen.

Als Co-Autoren seiner 24-seitigen Broschüre hat Krahmer zwei promovierte Wissenschaftler gewonnen – allerdings beides auch keine Klimaforscher. Einen Kommentar zum Kopenhagener Klimagipfel hat Benny Peiser beigesteuert, Kulturwissenschaftler an der Fakultät für Sport- und Trainingswissenschaften der John-Moores-Universität in Liverpool. Peiser gilt unter Klima“skeptikern“ als Held, weil er angeblich eine vielzitierte Studie über den Konsens von Klimaforschern zum Klimawandel widerlegt habe – doch inzwischen hat Peiser eingeräumt, dass er dabei selbst falsch lag.

Der zweite Gastartikel stammt von Arman Nyilas, einem Metallurgen und Werkstoffwissenschaftler. Und sein Beitrag ist ein Lehrstück dafür, wie Klima“skeptiker“-Beiträge häufig funktionieren: Er raunt über „Scharlatanerie“ und „bewusste oder unwissentliche“ Fälschungen – und versucht dann selbst eine (wohl eher bewusste als unwissentliche) Täuschung des Lesers: Beispielsweise versucht Nyilas, die üblichen Forschungserkenntnisse über den CO2-Gehalt der Atmosphäre anzuzweifeln und beruft sich dabei auf

Doch überprüft man die zugehörige Fußnote, stößt man auf einen (!) Aufsatz des klima“skeptischen“ Biologielehrers Ernst-Georg Beck, der lediglich einzelne, bodennahe CO2-Messungen ausgewertet und sich in folgenden Forschungen selbst widerlegt hat.

Sodann bemüht Nyilas eine der beliebtesten Behauptungen der Szene: Seit 1998 gebe es beim Klimawandel

Wie sooft bei den Klima“skeptikern“ und -leugnern werden hier Wetter und Klima vermischt. Bekanntlich werden aus den Wetterdaten einzelner Jahre in der Klimawissenschaft langfristige Trends ermittelt, üblicherweise betrachtet man dafür 30-Jahres-Perioden. Der Zeitraum seit 1998 ist deshalb viel zu kurz für generalisierende Aussagen, und dass auf ein tatsächlich außergewöhnlich heißes Jahr 1998 einige kühlere Jahre folgten, ist wegen der natürlichen Schwankungsbreite wenig überraschend. Der langfristige Klimatrend ist dadurch mitnichten gebrochen, die Dekade 2000 bis 2009 war in Wahrheit die wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Nyilas‘ zentrales „Argument“ ist eine Zickzack-Kurve von Temperaturdaten in Zentral-Grönland, welche Wissenschaftler anhand von Eisbohrkernen rekonstruiert haben.

Die Grafik zeigt, dass es abrupte Klimaänderungen schon immer gab und es in der Erdgeschichte auch schon wärmer war als heute – beides ist allerdings unter Klimaforschern völlig unumstritten. Und anders als Krahmer wie Nyilas offenbar glauben, ist die gezeigte Kurve völlig unbrauchbar, um den Kenntnisstand der Klimaforschung zu widerlegen. Denn erstens zeigt sie den Temperaturverlauf an einem einzigen Ort – weil das Klima sich jedoch regional ganz unterschiedlich wandelt, rekonstruieren seriöse Wissenschaftlter die Erdmitteltemperatur aus Daten, die an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Methoden gewonnen wurden. Zweitens endet die gezeigte Kurve im Jahr 1920, denn neuere Daten liefert der  Bohrkern nicht. Der menschengemachte Klimawandel, um den sich Politik und Forschung drehen, kam aber erst danach richtig in Schwung. Völlig verkehrt ist deshalb Nyilas‘ Satz:

Dies kann aus der gezeigten Grafik gar nicht abgeleitet werden – wie gesagt: weil die Kurve schon 1920 endet und außerdem nur die Temperaturen an einem Punkt Grönlands zeigt.

Aber so geht das weiter und weiter in Nyilas‘ Text. Er schimpft, der IPCC zeige in seinen Berichten keine Temperaturkurven für die Zeit vor 1880 – dies ist kompletter Blödsinn, der 2007er IPCC-Report enthält ein ganzes Kapitel mit etlichen Grafiken zur Paläoklimatologie. Und auch Nyilas Aussagen zur Kontroverse um die berühmte „Hockeyschläger-Kurve“ von Michael Mann sind falsch: Die sei „bewusst manipuliert“ und schließlich 2007 vom IPCC aus seinem Bericht „entfernt“ worden. Die Quelle für Nyilas‘ erste Behauptung ist ein Text auf einer US-Website für Hobby-Lokalreporter, die zweite Behauptung kann wiederum mit einem Klick widerlegt werden: In Wahrheit enthält der 2007er IPCC-Report nämlich eine – verbesserte und überarbeitete – Fassung des „Hockeyschlägers“.

Fehler, zweifelhafte Quellen, kompletter Unsinn – wenn dies „Anregungen für neue liberale Ansätze“ sein sollen, dann steht es noch schlimmer um die FDP, als wir ohnehin schon dachten.


Focus: Können die kein Englisch?

Montag, den 29. November 2010

Eigentlich war ja klar, dass der Focus diese Woche mit einem solchen Titel erscheint: Ein Eisbär ist darauf zu sehen mit (schlecht aufretuschierter) Sonnenbrille – und unter der Schlagzeile „Prima Klima!“ die Behauptung: „Die globale Erwärmung ist gut für uns“. Wieso man sich das hatte denken können? Nun, der neue Chefredakteur Wolfram Weimer hat Ende September als Ressortleiter „Forschung & Technik“ ausgerechnet Michael Miersch berufen, jenen Journalisten, der gemeinsam mit seinem Kollegen Dirk Maxeiner schon seit vielen Jahren davon lebt, provokante Thesen zum Beispiel über (vermeintliche) „Öko-Irrtümer“ in flotten Worten aufzuschreiben.

In der Woche, in der in Cancún der nächste UN-Klimagipfel beginnt, kann man bei der konservativen Focus-Leserschaft (und sicherlich weit darüber hinaus) mit einer klimaskeptischen Cover-Story bestimmt Auflage machen. Wie schon vor knapp einem Jahr verbirgt sich dahinter aber ein halbgewalkter Text, der die vollmundige Titelankündigung nicht deckt. Die globale Erwärmung sei „gut für uns“ steht dort pauschal. Bereits auf Seite 4 im Inhaltsverzeichnis wird diese Allgemeinbehauptung relativiert:

Und auf Seite 78 im Vorspann des zugehörigen Artikels heißt es:

Schaut man sich den folgenden Text näher an, so verkauft er (bei Weglassen wichtiger, anderer Fakten) lediglich eine Binsenweisheit in sensationsheischenden Worten. Denn selbstverständlich gibt es weltweit AUCH Gegenden, die von der Erderwärmung profitieren – die Klimaforschung hat daraus nie einen Hehl gemacht. Deshalb hätte der Focus bzw. Artikelautor Christian Pantle auch keine „neuen Studien“ zitieren müssen. Wir jedenfalls brauchten gerade dreieinhalb Minuten, um im letzten IPCC-Sachstandsbericht von 2007 zwei Stellen zu finden (es gibt unzählige weitere!), in denen der Weltklimarat begrenzte Vorteile der Erderwärmung benennt. Dies ist ein Auszug aus Teil 2 des IPCC-Reports, Kapitel 9.4.4 zu Afrika:

Und hier aus Kapitel 12.4.7.1 zu Europa:

Hier steht Schwarz auf Weiß (und unter Verweis auf bis zu acht Jahre alte Studien), dass etwa in Teilen Afrikas und Europas die Landwirtschaft auch profitiert und beispielsweise Weizen- oder Zuckerrübenerträge wachsen. Verstehen Redakteure, Ressortleiter und Chefredakteure beim Focus etwa kein Englisch? Oder welche (noch schlimmeren) Annahmen können erklären, dass sich zu Beginn des „Prima Klima!“-Textes dieser Absatz findet:

Donnerwetter! Den IPCC-Bericht von 2007 (siehe oben) haben wohl „Provokateure“ geschrieben? Oder wie? Oder was?

Nein, der zitierte Focus-Absatz ist natürlich Blödsinn – nur braucht ihn das Magazin, um über elf Seiten eine Pseudosensationsgeschichte stricken zu können. Der Hauptgrund, warum Klimaforscher, Politiker und (seriöse) Medien nicht so sehr auf die Vorzüge des Klimawandels schauen, ist nämlich ganz einfach: Bei einer vernünftigen Gesamtbetrachtung fallen die Nachteile der Erderwärmung schlicht stärker ins Gewicht als ihre Vorteile. So mag es ja sein, dass der Klimawandel die Weizenerträge in Europa oder Asien steigen lässt – nur sinken sie gleichzeitig in Afrika viel stärker, just dort, wo schon heute die Hungersnöte am größten sind (was im Focus-Text denn auch beiläufig zugegeben wird). Bezeichnend für das Niveau des Gesamtartikels ist der Umstand, dass als Fachmann für künftige Verschiebungen der menschlichen Siedlungsgebiete nicht etwa ein Klimatologe oder Geograph zitiert wird, sondern ein Physik-Professor, dessen Spezialgebiet Nanotechnologie ist und der keinerlei Fachveröffentlichungen zum Klima vorweisen kann.

Dieser Focus-Artikel liegt also schon in seiner Grundthese gründlich daneben – weshalb wir keine Lust haben, im Text noch nach Detailquatsch zu suchen. Aber wenn Sie mögen, liebe Leserinnen und Leser, schicken Sie uns Ihre Fundstücke! Wir veröffentlichen sie gern. (Tipp: Garantiert fündig werden Sie auf den Seiten 81, 84, 86 und 89.)

Danke an Franz K. für den Hinweis


Focus: Fakten, Fakten, Fakten??

Freitag, den 15. Januar 2010

Die Erderwärmung hat für Journalisten einen großen Nachteil: Während Themen wie Arbeitslosigkeit oder politische Stimmung durch ihr Auf und Ab laufend Nachrichtenstoff liefern, geht es beim Klima im Großen und Ganzen in die gleiche Richtung, seit der Mensch seine Finger im Spiel hat. Schlagzeilen und Auflage aber macht man bekanntlich eher mit Neuigkeiten.

Und so hat der Focus (Werbeslogan: „Fakten, Fakten, Fakten“) diese Woche – passenderweise ist das Wetter grad ziemlich kalt – eine drohende „Kalt-Zeit“ auf den Titel gehievt. In waschechtem Klimaskeptiker-Jargon steht da:

Das macht neugierig und reizt vermutlich wirklich viele Kunden zum Kauf. Aber das Fragezeichen am Ende der knalligen Schlagzeile sollte einen schon stutzig machen.

Über mehrere Seiten breitet das Münchner Nachrichtenmagazin aus, dass es in den vergangenen Monaten eine ungewöhnlich lange Phase ohne Sonnenflecken gab und angeblich einen Stillstand bei der Erderwärmung. Da werden Experten  zitiert, die schon immer der Ansicht waren, die Sonne und nicht der Mensch sei der bestimmende Faktor für das Erdklima: Horst Malberg etwa, Ex-Direktor des Instituts für Meteorologie der FU Berlin, der inzwischen nicht mehr unter deren Namen publizieren darf, Horst-Joachim Lüdecke vom klimaleugnerischen  Europäischen Institut für Klima und Energie e.V. – EIKE (offizielles Motto: „Nicht das Klima ist bedroht, sondern unsere Freiheit!“) oder Khabibullo Abdusamatow, Astronom am Observatorium von St. Petersburg.

Doch der gesamte Text wirkt, als glaube Focus-Autor Michael Odenwald den drei Experten selbst nicht. Zu Recht: Natürlich bestimmt die Sonne das Erdklima mit, aber längst ist erwiesen, dass ihr Einfluss auf den derzeitigen Klimawandel deutlich kleiner ist als die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen. Der Focus lässt dann auch mehrere Experten zu Wort kommen, die diese von der großen Mehrheit der Sonnen- und Klimaforscher geteilte Sicht erklären: „Die fleckenlosen Perioden sind zu kurz, um signifikant auf das Erdklima zu wirken“, sagt etwa Wolfgang Schmidt vom Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik in Freiburg. „Die Strahlungswirkung der Treibhausgase ist inzwischen um ein Mehrfaches stärker“, resümiert Manfred Schüssler vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau. Eine Grafik am Rande des Artikels zeigt denn auch, wie in den letzten Jahrzehnten die Erdtemperatur kräftig steigt – bei gleichzeitig sinkender Sonnenhelligkeit.

Kurz gesagt: Die Sache mit der Sonne ist eigentlich ein alter Hut, und das weiß auch der Focus-Autor. Doch in der Top Ten der beliebtesten Klimaskeptiker-Argumente der BBC rangiert diese „Theorie“ auf Rang 6.

Und auch die Behauptung, der Klimawandel stagniere, entkräftet der Focus schließlich selbst. Zwar fragt die Redaktion im Inhaltsverzeichnis noch: „Legt die Erderwärmung nur eine Pause ein, oder droht gar eine globale Abkühlung?“ Im Artikel aber wird dann mit Stefan Rahmstorf ein Klimaforscher zitiert, der eine dritte – und wahrscheinlich zutreffende – These vertritt: Dass nämlich von einer Pause keine Rede sein kann, weil der geringere Temperaturanstieg der letzten paar Jahre im Bereich natürlicher Schwankungen liege. 2009 war nach den vorläufigen Daten das fünftwärmste Jahr seit Beginn der Messungen, 2010 könnte nach einer Prognose des britischen Hadley Centers sogar noch heißer werden als das bisherige Rekordjahr 1998.

Ganz am Ende des Artikels – aber eben erst dort – kommt dann der endgültige  Storykiller: Die Sonne habe sich kurz vor Weihnachten (also Wochen vor Redaktionsschluss des Heftes) „eindrucksvoll“ zurückgemeldet, es kam zu einer „mächtigen Eruption“. Zum Jahresende tauchten dann auch wieder Sonnenflecken auf – die inzwischen kräftig gewachsen sind. Auf dem Cover steht trotzdem noch etwas von „fehlender Sonnenaktivität“.

Die sensationsheischende Frage des „Nachrichtenmagazins“, ob die Klimakatastrophe ausfalle, lässt sich also kurz und bündig beantworten: Leider nein!

P.S.: Die NASA hat gerade die Temperaturdaten für 2009 analysiert – es war das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, auf der Südhalbkugel gar das wärmste überhaupt.


Steinkohleverband: Tricksen ist nachhaltig

Dienstag, den 9. Juni 2009

Mit diesen Worten hat der Gesamtverband Steinkohle (GVSt) die neueste Ausgabe seiner Info-, äh, Faltblatt-Reihe „Fakten – Analysen – Argumente“ überschrieben:

Donnerwetter!! Das ist ja ’ne dolle Nachricht!

So werden die Kohlelobbyisten auch gedacht haben, weshalb sie den gesamten Text gleich noch als bezahlte PR-Meldung von der Nachrichtenagentur dpa verschicken ließen. Kohlestrom, stand da weiter, habe „nachhaltig und langfristig geringere soziale Kosten“ als „viele erneuerbare Energien“. Zu diesem Ergebnis sei ein breites, EU-gefördertes und von 66 Universitäten, Instituten und Organisationen getragenes Forschungsprojekt namens NEEDS gekommen.

Das hat uns natürlich neugierig gemacht. Also suchten wir auf der Internetseite des Forschungsverbundes nach den Details zur Meldung. Details fanden wir tatsächlich zuhauf – NEEDS scheint ein wahres Mammutprojekt gewesen zu sein, mehr als vier Jahre wurde geforscht, mehr als zwei Dutzend, oft Hunderte Seiten dicke Berichte gibt es auf der Website – aber keine einzige Studie, die die spektakuläre Aussage der Kohlelobby unterfüttert.

Also, Anruf beim Verband in Essen. Der Sprecher bestätigt denn auch gleich: „Nein, Sie haben nichts übersehen.“ Es gebe keine Studie, die der Meldung zugrunde liegt. Man habe die Ergebnisse selbst „ausgewertet“, die auf dem Schlussworkshop von NEEDS in Brüssel vorgestellt wurden, vor allem einen Vortrag von Professors Rainer Friedrich von der Universität Stuttgart.

Ein weiterer Anruf, diesmal in Stuttgart, lässt dann die Propagandablase des GVSt platzen. Ja, ja, heißt es beim dortigen Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung, es hätten schon einige verwunderte Journalisten nachgefragt. Aber dass Kohle „nachhaltig“ sei, das „hat nie jemand gesagt“.

In der Tat handelte der Vortrag, den Professor Friedrich in Brüssel hielt, von den Kosten verschiedener Energieträger, da wurden Investitions- und Betriebs- und andere Ausgaben für Wind-, Atom-, Solar-, Kohle- und anderen Kraftwerken verglichen, und es wurden auch die sogenannten externen Kosten betrachtet – also Umwelt- oder andere Schäden, die bei der Stromerzeugung angerichtet werden, für die aber außer der Natur bisher niemand zahlt. Mit nebenstehenden Worten fasst der Steinkohleverband den ganzen Vortrag zusammen.

Und diese Formulierung deutet dann schon auf den wesentlichen Haken an der ganzen Sache: Die Kohlekraftwerke, die angeblich so supergut abschneiden, die gibt’s noch gar nicht – denn die Technologie zur Abscheidung und unterirdischen Lagerung von Kohlendioxid (CCS) ist noch längst nicht einsatzreif. Alle heutigen Kohlekraftwerke (und auch die gegenwärtig neu in Bau befindlichen) gehen bekanntlich ohne CCS ans Netz. Deshalb schneiden real existierende Kohlekraftwerke alles andere als „überdurchschnittlich gut“ ab.

Aus dem zwanzigminütigen Vortrag von Professor Friedrich hat sich der Steinkohleverband eine Grafik herausgepickt und auf seinem Faltblatt nachgedruckt (links). Beim Blick in das Originalmanuskript aber wird schnell klar, dass es das (für die Kohle) vorteilhafteste Häppchen aus der gesamten Arbeit ist. In einer anderen Grafik über externe Kosten beispielsweise schneidet die Kohle von allen Energieträgern am schlechtesten ab:

Und blickt man nicht auf das Jahr 2025, sondern auf 2050, dann sieht die Kohle miserabel aus. Selbst mit der hochgepriesenen CCS-Technologie liegt Kohlestrom auf dieser Grafik nur noch im Mittelfeld – und Braun- bzw. Steinkohlekraftwerke ohne CO2-Abscheidung landen ganz am linken Rand, also an vorletzter und letzter Stelle:

„Die Umweltschäden bei Kohlekraftwerken sind hoch“, sagte uns Professor Friedrich noch, und zwar „höher als bei allen anderen untersuchten Energieträgern.“ Außerdem werden Kohlekraftwerke selbst mit CCS noch größere Mengen an gesundheitsschädlichen Stoffen wie Feinstaub ausstoßen.

Aber wieso schneiden sie dann bei den „sozialen Kosten“, wie der Kohleverband schreibt, „überdurchschnittlich“ ab? Weil unter diesen wissenschaftlichen Begriff auch Betriebs- und Investitionskosten fallen – und da sind Kohlekraftwerke nunmal erheblich billiger als beispielsweise Solarzellen. Wenn die Kohlelobby das nachhaltig nennt, so Rainer Friedrich, dann „ist das natürlich problematisch“. Tatsächlich findet sich nirgends in Friedrichs Vortrag und auch nicht (wie der Gesamtverband Steinkohle in seiner Mitteilung suggeriert) im Namen des NEEDS-Projekts das Wort „nachhaltig“ (englisch: sustainable) – der Lobbyverband hat sich also offenbar einfach einen eigenen Nachhaltigkeitsbegriff kreiert. Das sollen dann wohl die Anführungszeichen in der Überschrift bedeuten – und nicht, wie man denken soll, äh, könnte, ein Zitat aus dem Forschungsprojekt kennzeichnen.

Letzter Anruf beim Gesamtverband Steinkohle: Ist denn der verbreitete Text oder die Überschrift mit Herrn Friedrich abgesprochen? Der Sprecher schweigt, atmet tief, sagt dann „Nein“. Aber für den Nachdruck von Friedrichs Grafik, betont er, dafür habe man selbstverständlich die Genehmigung eingeholt.

Danke an Hanjörg P. aus Leipzig für den Hinweis


RWE: „Fundierte Zweifel“ am Klimawandel

Mittwoch, den 1. April 2009

RWE ist ein verantwortungsbewusstes Unternehmen. Sagt RWE. Deshalb kümmert sich RWE echt ganz doll um die Minderung seines Treibhausgasausstoßes. Sagt RWE. Und damit die Öffentlichkeit das glaubt, investiert Europas größter Kohlendioxid-Verursacher viele Millionen in seine Werbung.

Doch wenn sie unter sich sind, dann reden die Leute von der Kohleindustrie – so scheint es – ganz anders. Matthias Hartung ist Vorstandsmitglied der RWE Power AG und dort zuständig für „Braunkohlengewinnung, -stromerzeugung und -veredelung“. Im Mai vergangenen Jahres hielt er auf dem 40. Delegiertentag des Rings Deutscher Bergingenieure in Essen einen sogenannten Festvortrag. Die Rede wurde im Juli 2008 in der Zeitschrift des Verbandes nachgedruckt. Dort kann man deshalb nachlesen, was Hartung im Kreise seiner Kohlekumpel zum Klimawandel sagte:

Der Anstieg des Ausstoßes von CO2 wird mit einer Veränderung des Weltklimas in Verbindung gebracht, von der jedenfalls eine Mehrheit der mit dem Thema befassten Wissenschaftler wohl überzeugt ist. Ich will an dieser Stelle die durchaus fundierten Zweifel an der These, dass die gemessenen Veränderungen des Klimas vorwiegend vom Menschen verursacht sind, nicht diskutieren. Das wäre ein eigener Vortrag. Es ist aber wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass es solche Zweifel gibt und vielleicht ganz andere Zusammenhänge zum Klimawandel führen. Das muss man sich vor allem dann vergegenwärtigen, wenn man abwägt, welcher Aufwand eigentlich angemessen ist, um den Klimawandel zu stoppen, wie es heißt. Es könnte ja sein, dass weltweit hunderte von Milliarden Dollar oder Euro ausgegeben werden, um Techniken und Verbrauchsgewohnheiten zu ändern, und am Ende stellt man fest: Das Klima wandelt sich weiter, weil wir die Ursache nicht richtig erkannt haben. Aber das wäre, wie gesagt, ein eigener Vortrag.

Gern hätten wir gewusst, welche „fundierten Zweifel“ am menschengemachten Klimawandel Matthias Hartung denn meint. Wie seine persönliche Abwägung dessen, was in Sachen Klimaschutz „eigentlich angemessen ist“, denn ausfällt. Oder wie dieser kaum verhohlene Klimaskeptizismus eines RWE-Spitzenmanagers zu den grünen Imagekampagnen der Kohlelobby und des Unternehmens passt. Die RWE-Pressestelle in Essen erklärte aber lediglich, man möge den Vortrag bitte „nicht zu ernst nehmen“. Man gehe „schon davon aus, dass der Klimawandel durch CO2 verursacht wird“. Wolle aber doch festhalten: „Es hat niemand den hundertprozentigen Beweis.“

Klar. Nun verstehen wir auch besser, warum RWE immer noch munter Kohlekraftwerke baut.

Danke an ein Mitglied des RDB für Überlassung der Zeitschrift


RWE: Die Wahrheit unterm Algenteppich

Dienstag, den 17. Februar 2009

Die Imagekampagne von Europas größtem Kohlendioxid-Verursacher läuft und läuft und läuft. Nun schmückt sich RWE mit einer launigen Anzeige voller Algen.

In der großformatigen Annonce geht es um ein klitzekleines Forschungsprojekt, das im November 2008 im RWE-Braunkohlekraftwerk Niederaußem nahe Köln startete – aber von „Forschungsprojekt“ oder „Pilotanlage“ oder „mögliche Zukunftsoption“ steht da nichts. Nur: „Im Innovationszentrum Kohle arbeiten Millionen Algen für ein besseres Klima.“ Und das kann alles bedeuten. In Wahrheit hängen dort auf etwa 600 Quadratmetern in einer Art Gewächshaus durchsichtige Plasteschläuche, in denen Salzwasseralgen schwimmen, die mit Kohlendioxid aus den Abgasen des Kraftwerks „gefüttert“ werden. Bescheidene 700.000 Euro lässt sich der Milliardenkonzern dieses Gemeinschaftsprojekt mit der Jacobs Universität Bremen und dem Forschungszentrum Jülich kosten. Auch eine bunte Werbebroschüre hat RWE dazu aufgelegt.

Das Einfangen von Kohlendioxid durch Algen ist gerade sehr angesagt unter den Energieriesen – auch BP, Eon und Shell haben ähnliche Projekte gestartet. Die Algenbiomasse soll in einem zweiten Schritt zu Treibstoffen verarbeitet werden. Nur ist das bisher dermaßen teuer, dass es sich laut Shell erst ab einem Rohöl-Preis von etwa 800 Dollar rechnet – dem Zwanzigfachen des gegenwärtigen Niveaus. Zudem wird der Klimanutzen des Alternativkraftstoffes durch die energieintensive Entwässerung und Trocknung der Algen geschmälert. „co2-frei“, wie die Konzerne gern behaupten, wird der Algensprit sowieso nicht: Denn in ihm wäre ja Kohlendioxid gebunden, das vorher im Kraftwerk aus fossiler Kohle freigesetzt wurde. Dank der Algen würde das Klimagas eben nur ein bisschen später frei.

Vor allem aber fehlt die wohl wichtigste Information zum Niederaußem-Projekt in der RWE-Anzeige: Wie groß das Ding überhaupt ist. In der Werbebroschüre findet sie sich, allerdings ziemlich klein auf Seite 6, rechts unten:

Zum Vergleich: Nach Angaben des WWF verursacht das Kohlekraftwerk Niederaußem jährlich mehr als 27 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Die 12 Tonnen, die von den großspurig beworbenen Algen innerhalb eines ganzen Jahres aufgefangen werden, stößt RWE in Niederaußem also in weniger als 20 Sekunden aus.


Steinkohleverband: Manipulative Energie

Donnerstag, den 18. Dezember 2008

Der Gesamtverband Steinkohle (GVSt), in dem die deutschen Grubenunternehmen zusammengeschlossen sind, gibt jedes Jahr eine dicke Hochglanzbroschüre heraus. „Kompetenz in Sachen Kohle“ steht in großen Lettern auf dem Titelblatt des Jahresberichtes 2008. Ein paar Zeilen des 88-seitigen Papiers widmen sich der Klimawissenschaft, und hier zeigt der GVSt vor allem Kompetenz im Tricksen.

Schon der erste Satz, dass „wieder Ruhe eingekehrt“ sei „in der klimawissenschaftlichen Diskussion“, ist eine schräge Behauptung – nach wie vor werden in Nature, Science und anderen Fachzeitschriften praktisch ununterbrochen neue Forschungsergebnisse präsentiert und diskutiert. Erst vor ein paar Tagen veröffentlichten Wissenschaftler wieder neue, alarmierende Befunde über den Rückgang des Eises in der Arktis. Von Beruhigung kann da keine Rede sein. Die globale Mitteltemperatur von „Mitte 2008″ habe sich gegenüber „Anfang 2007 … sogar um 0,5 Grad abgekühlt“, schreibt der GVSt – und suggeriert, das sei etwas Ungewöhnliches. Doch aus solchen Schwankungen „zeichnet sich“ überhaupt nichts „ab“, schon gar nicht „immer deutlicher“. In Wahrheit ist der langfristige Erwärmungstrend ungebrochen.

Im folgenden Satz kommt es dann ganz dicke. Die Behauptung, dass „treibhausbedingte Klimaänderungen … eher am unteren Ende“ der vom Weltklimarat IPCC genannten Prognosen „stattgefunden“ hätten „bzw. stattfinden werden“, versucht die Steinkohlelobby mit einer Tabelle zu belegen.

Damit alles überzeugender wirkt, gibt es auch noch eine Grafik dazu.

Was denn davon zu halten sei, haben wir Stefan Rahmstorf gefragt, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und einer der deutschen IPCC-Mitautoren. Die Szenarien der Wissenschaftler, sagt Rahmstorf, seien von der Kohlelobby „völlig falsch dargestellt“ worden, außerdem vergleiche man „Äpfel mit Birnen“. In der Tat: Ein Vergleich zurückliegender Messdaten mit Prognosen, die für die Zukunft abgegeben wurden, sagt herzlich wenig aus. Denn die IPCC-Prognosen beziehen sich ja gerade auf künftige Jahrzehnte, die anders sein werden als die zurückliegenden. In denen nämlich der erwartete (bzw. befürchtete) steigende Konzentration von Treibhausgasen zu einem weiteren Ansteigen der Temperaturen führen wird. Dass in der Vergangenheit (bei logischerweise weniger Treibhausgasen in der Atmosphäre) auch der Temperaturanstieg so niedrig war, dass er sich eher am unteren Ende der künftigen Prognosen bewegt, das ist so banal, dass wir uns schon fragen, wie die Steinkohlefritzenexperten überhaupt glauben konnten, daraus einen überzeugenden Beweis für die falsche Arbeit von Klimaforschern stricken zu können.

Stefan Rahmstorf weist auf seinem eigenen Klimablog noch auf weitere Fehler hin: Die Vorhersage aus dem 2001er IPCC-Bericht habe der GVSt schlicht falsch widergegeben (0,58 Grad pro Dekade statt der korrekten 0,53) – die Differenz klingt klein, macht aber über die Jahrzehnte das gelbe Feld in der Grafik deutlich größer. Zudem seien bei den Messwerten für die Vergangenheit Daten aus der Troposphäre gezeigt worden, die aber lägen stets niedriger als an der Erdoberfläche – durch diesen Trick liegen die blaue und die rote Linie besonders weit unten. „Der Steinkohleverband hatte zwei Möglichkeiten“ für seine Tricksereien, resümiert Rahmstorf, „die IPCC-Szenarien nach oben ‚pushen‘ oder die Messdaten nach unten. Beide hat er genutzt.“

Danke an Gerd R. aus Berlin für den Hinweis

P.S.: Wenn wir aus den vergangenen zwölf Monaten und den fast hundert bisher beleuchteten Fällen einen auswählen müssten als „Klima-Lügner 2008″ – dieser wäre unter den Favoriten. Denn die Grafik des Steinkohleverbandes ist keine der üblichen, der kleinen oder großen Politiker-, Lobbyisten- oder Werbe-Flunkereien. Für die oben beschriebene Grafik muss man sich nicht nur intensiv mit Klimatologie beschäftigen bzw. selbst Wissenschaftler sein, sondern auch eine ganze Menge manipulativen Ehrgeiz aufbringen.