Archiv des Themas ‘Energie‘

Naturenergie: Alter Strom mit neuem Marketing

Donnerstag, den 24. März 2011

Werber glauben offenbar, Recyclingpapier sei immer noch schmutzigbraun. Diese Grundfarbe hat sich jedenfalls die Firma Naturenergie verpassen lassen – für ihre Internetseite, für Infobroschüren oder auch für die Werbebanner, die derzeit zum Beispiel auf SpiegelOnline laufen.

Durch „die Verwendung von Naturpapier als Gestaltungselement“ und einen insgesamt „ungeschminkten Look“ werde ein „glaubwürdiger Markenauftritt“ geschaffen, erklärt die Stuttgarter PR-Agentur Strichpunkt ihr Werk. Aber wie glaubwürdig ist das Produkt?

Naturenergie verspricht „Strom aus 100 % Wasserkraft“, komplett ohne CO2-Emissionen, und es entstünden auch „keine radioaktiven Abfälle“. Wer zu Naturenergie wechsle, der leiste einen „Beitrag zum Klimaschutz“. Nun, der Strom stammt tatsächlich aus Wasserkraft. Doch was das Angebot fürs Klima bringt, ist fraglich. Denn die Kraftwerke von Naturenergie (übrigens nicht zu verwechseln mit der Marke Naturstrom, die von Umweltverbänden empfohlen wird) gehören zu den ältesten Europas, teilweise gingen sie bereits 1898 in Betrieb. Die Energie aus solchen Altanlagen gehört seit Jahrzehnten zum normalen deutschen Strommix. Wenn er plötzlich unter einem eigenen Markenzeichen (und mit Aufpreis) an Öko-Kundschaft verkauft wird, bringt das der Umwelt nichts – denn die Energie, die die restlichen Kunden in Deutschland bekommen, wird durch das Ausgliedern des Wasserstroms schlicht ein Stückchen dreckiger.

Ein besonderes G’schmäckle bekommt das Angebot dadurch, dass Naturenergie eine Tochter von EnBW ist, dem viertgrößten deutschen Stromkonzern. Kein Versorger, schrieb kürzlich der Energiewissenschaftler Uwe Leprich in einer Studie für Greenpeace, setze so sehr auf Atomkraft. Mehr als die Hälfte des EnBW-Gewinns stamme allein aus dem Betrieb der vier konzerneigenen Akw, zweitwichtigstes Standbein sei die klimaschädliche Kohleverstromung. Dagegen hinke das Unternehmen bei erneuerbaren Energien hinterher, gerade 0,4 Prozent seines Stroms stamme derzeit aus „neuen“ Ökostromanlagen, etwa aus Solar- oder Windparks, aus Biomasse- oder Erdwärmekraftwerken.

Man könnte meinen, in einer solchen Lage (und bei einem solchen Marketingauftritt) müsse ein Konzern besonders stark in Erneuerbare Energien investieren. Was aber kündigte Vorstandschef Hans-Peter Villis auf der letzten Bilanzpressekonferenz an?


Vattenfall: Grün nur in der Werbung

Mittwoch, den 5. Januar 2011

Nach RWE versucht nun auch Vattenfall, sich mittels Autostrom als fortschrittlichen Energieversorger hinzustellen. In der Neujahrsausgabe der ZEIT erschien jedenfalls diese Annonce:

„Mit grünem Strom wird Fahrspaß umweltfreundlich“, steht da in großen Lettern – und diese Schlagzeile ist (wieder einmal) präzise mehrdeutig formuliert. Erstmal spricht der Satz ja nur eine Binsenweisheit aus. Aber im Zusammenhang mit dem Foto legt er nahe, dass Vattenfall tatsächlich solchen Grünstrom für Elektroautos liefert. Doch stimmt das auch?

Misstrauisch geworden, stolpert man ebenso über das Kleingedruckte:

Ist es Ihnen aufgefallen? Auch hier wird, im zweiten Satz, genau genommen NICHT behauptet, Vattenfall liefere grünen Strom. Der schwedische Staatskonzern sagt lediglich, dass er in Berlin Ladesäulen aufstelle, an denen saubere Elektrizität „getankt werden kann“. Und dass er „die Infrastruktur für eine emissionsfreie automobile Zukunft liefert“. Nicht aber den Strom? Komisch, oder?

Ein genauer Blick auf das Berliner Pilotprojekt von Vattenfall und BMW ergibt dann auch einen weniger strahlenden Eindruck als die ZEIT-Annonce. Der „große Alltagstest“ zum Beispiel, von dem hier gesprochen wird, läuft momentan gar nicht – sondern ist schon vor vier Monaten beendet worden. Ein zweiter Durchgang soll zwar in diesem Jahr starten, aber im Moment gibt es (außer 50 chic-blauen Ladesäulen) tatsächlich nichts zu bewerben.

Und was ist nun mit grünem Autostrom? Für das Berliner E-Mini-Pilotprojekt im vergangenen Jahr lieferte Vattenfall auch Energie und ließ sich diese vom renommierten o.k.-power-Label zertifizieren. Der Strom aber stammte von ziemlich weit her, nämlich aus einem (nicht näher spezifizierten) norwegischen Wasserkraftwerk. Auch das wirkt komisch. Hat Deutschlands drittgrößter Energieversorger denn keine inländischen Erzeugungskapazitäten für grünen Strom?

Offenbar nicht. Vattenfall bietet auf seiner Website ein Gesamtverzeichnis der konzerneigenen Kraftwerke. Nach ein paar Klicks ergibt sich hier, dass das Unternehmen in Deutschland zwar sechs „Wasserkraftwerke“ betreibt – aber alle sechs sind Pumpspeicheranlagen, die gar keine Energie erzeugen, sondern lediglich zwischenspeichern. Noch trauriger ist das Bild bei der Windkraft: Einen einzigen (!) Windpark im brandenburgischen Jänschwalde verzeichnet die Liste (daneben hat Vattenfall noch einige Kleinanlagen und ein Testprojekt in der Nordsee). Bleibt die „Biomasse“ – doch unter diesem Punkt nennt Vattenfalls größtenteils Müllverbrennungsanlagen.

Den ganzen Jammer des deutschen Vattenfall-Strommixes zeigt die Statistik weiter unten auf der Seite (die Daten beziehen sich auf das Jahr 2009): Der Anteil von Wasserkraft beträgt null, der von Windenergie 0,1 Prozent – dagegen stammen mehr als 90 Prozent der hierzulande von Vattenfall erzeugten Elektrizität aus Kohlekraft, vor allem aus besonders dreckigen Braunkohle-Blöcken.

Kein Wunder also, dass der Konzern vor gut zwei Jahren von Greenpeace zum „klimaschädlichsten Stromanbieter“ Deutschlands gekürt wurde. Kein anderer Energieversorger stößt pro erzeugter Kilowattstunde (kWh) so viel Kohlendioxid aus wie Vattenfall. Die Zahl, die der Konzern hierzu auf der Website veröffentlicht, ist übrigens komplett verkehrt:

Gut 67 Gramm pro kWh werden da genannt – was sensationell wenig und mit Kohlekraftwerken nie zu erreichen wäre. Schlägt man in der angegebenen Quelle nach, in Vattenfalls CSR-Bericht 2009, so ergibt sich: Die Zahl 67,6 ist in Wahrheit der absolute CO2-Ausstoß in Millionen Tonnen. Die sogenannte „spezifische“ CO2-Emission, also den Ausstoß pro kWh,  zeigt in dieser Grafik aus dem Report (Seite 57) der hellblaue Balken:

Sie liegt also in Wahrheit bei gigantischen 1.020 Gramm pro Kilowattstunde. Zurück zur ZEIT-Annonce: „Mit grünem Strom wird Fahrspaß umweltfreundlich“, heißt es da zutreffend. Nur: Bei Vattenfall in Deutschland gibt es grünen Strom praktisch nicht.

P.S.: Die Vattenfall-Pressestelle erklärte auf Anfrage, dass sich die ZEIT-Annonce tatsächlich auf den oben erwähnten zweiten Durchgang des Berliner Mini-Projekts bezieht; derzeit laufe die Bewerbungsphase, in der sich Testfahrer melden können. Der eigene Autostrom,  betont das Unternehmen, stamme zu hundert Prozent aus neu errichteten Anlagen, dies habe der Tüv Nord bestätigt. Lieferant sei das vier Jahre alte Wasserkraftwerk Blåfalli Vik in Westnorwegen.

Anm. d. Red.: Der letzte Punkt macht die Sache mit dem Vattenfall-Autostrom noch komischer. Betreiber von Blåfalli Vik ist nämlich nicht Vattenfall, sondern ein kleiner Regionalversorger, die Sunnhordland Kraftlag (SKL). Der Konzern nutzt also für sein imageförderndes Autostromprojekt Elektrizität der Konkurrenz!


Lekker Energie: Nur 56 Prozent Ökostrom

Mittwoch, den 15. Dezember 2010

Mit dem Slogan „lekker Strom“ stürmte vor ein paar Jahren der holländische Energiekonzern Nuon auf den deutschen Markt, durchaus mit Erfolg. Bald hatte das Unternehmen hierzulande knapp 300.000 Kunden und außerdem ein freches Image. 2009 schluckte Vattenfall die ganze Firma. Auf Druck der EU-Wettbewerbsbehörde musste der schwedische Energieriese aber das deutsche Nuon-Geschäft verkaufen. Es gehört nun der Enervie-Gruppe aus NRW (Anteilseigner u.a. RWE) und tritt unter dem Firmennamen „lekker Energie“ auf.

„Ich bin lekker“ steht auf den Plakaten der aktuellen Werbekampagne. Dazu Fotos von (gutaussehenden) Kunden. Und jeweils ein Satz, der mit „Weil ich…“ beginnt. „Weil ich mitdenke“, sagt da etwa eine junge Frau. „Weil mir die Zukunft wichtig ist“, erklärt eine etwas ältere. Daneben prangt als Versprechen „100 % Ökostrom“ bzw. „100 % atomstromfrei“.

Auf der Firmenwebsite werden diese Zusagen wiederholt. Doch wer genau liest, der stolpert. Für den Tarif „lekker Strom“ beispielsweise wird nirgends erwähnt, woher genau die Energie stammt. Man kaufe dafür lediglich RECS-Zertifikate ein, räumt auf Nachfrage die Firmensprecherin ein – die aber sind unter Umwelt- und Verbraucherschützern sehr umstritten. Der Tarif „geniaale Strom“ hingegen ist mit dem renommierten „o.k. power“-Label zertifiziert, weshalb sich nachvollziehen lässt, dass dieser Strom aus drei norwegischen Wasserkraftwerken stammt.

Wirklich stutzig aber macht ein Blick auf die gesetzlich vorgeschriebene Stromkennzeichnung: Groß und signalgelb unterlegt steht da für alle Produkte „100 % Erneuerbare Energien“. Unauffällig unter der Tabelle jedoch finden sich Angaben zum Gesamt-Strommix der Firma:

Wie kann das sein? Alle Tarife enthalten 100 Prozent Ökoenergie, für die gesamte Firma beträgt die Grünstrom-Quote aber nur 56 Prozent? Die Antwort findet sich im Geschäftskundenbereich der Firmenwebsite:

Großabnehmer bekommen bei lekker Energie nicht nur Ökostrom, sondern auch dreckigen Kohle- oder riskanten Atomstrom. Der Geschäftskundentarif „dekkel Strom“ ist alles andere als „100 % atomstromfrei“, sondern enthält mit 30 % sogar mehr Kernkraft als der bundesweite Durchschnittsmix. „Industriekunden bekommen bei uns, was sie haben wollen“, erklärt Firmensprecherin Heike Klumpe. Und das sei „leider nicht immer“ Ökostrom.

Was stand nochmal auf den Plakaten? „Weil mir die Zukunft wichtig ist“. Wem die Zukunft so wichtig ist, dass er einen Energieversorger wählt, der wirklich nur Ökostrom vertreibt, für den ist lekker Energie gar nicht lecker.

Danke für den Hinweis an Christian B.


Tchibo: Grüner Strom mit einem Fragezeichen

Montag, den 8. November 2010

Nun also auch Tchibo: Deutschlands größter Kaffeeröster steigt ins Ökostrom-Geschäft ein. In ganzseitigen Zeitungsannoncen und im Internet wirbt die Firma für „Grünen Strom“ aus „100 Prozent Wasserkraft“. Der Preis liegt vielerorts unter den Basistarifen der örtlichen Grundversorger, die großteils Atom- und Kohlestrom liefern. Also, alles super?

Naja, wie wir schon öfter schrieben, bringen Ökotarife nur dann etwas für die Umwelt (Experten sprechen vom „zusätzlichen Umweltnutzen“), wenn der Strom nicht aus alten Erzeugungsanlagen stammt, die ohnehin seit langem an Netz sind. Konsumenten sollten deshalb darauf achten, dass ihr Anbieter zumindest einen Teil seiner Einnahmen in neue Windräder, Solarparks oder ähnliches steckt.

Der Tchibo-Ökostrom kommt nach Unternehmensangaben aus Wasserkraftwerken des norwegischen Konzerns Statkraft. Und im Unterschied zu vielen der oft zweifelhaften Billiganbieter betont die Kaffeefirma, dass sie dabei nicht nur die umstrittenen RECS-Zertifikate einkauft, sondern tatsächlich Strom aus Skandinavien bezieht. Dass ein Teil davon garantiert aus Neuanlagen stammt, lässt sich Tchibo durch den Tüv und das renommierte „o.k. power“-Label bescheinigen. Bei der Stiftung Warentest kommt das Angebot denn auch ziemlich gut weg.

Bei einem genauem Blick bleibt dennoch ein Fragezeichen. Denn anders als üblich, finden sich auf der „o.k. power“-Website zu Tchibo keine Angaben zu Namen und Standorten der Wasserkraftanlagen. Dort heißt es lediglich:

Bei Tchibo bleibt also – bislang – leider offen, woher genau der Strom kommt und was mit den Erlösen passiert. Wer als Kunde die Tchibo-Hotline anruft, wird auch nicht schlauer. Die freundliche Frauenstimme weiß bloß, dass der Lieferant ein norwegisches Wasserkraftwerk ist. Doch zum vollmundigen Versprechen der Firma, „dass kontinuierlich neue Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien errichtet werden“, kann sie nichts sagen. Sie verspricht den Rückruf eines „Kollegen aus der Fachabteilung“. Aber auch der erklärt später nur, dass man die norwegischen Wasserkraftanlagen noch ausbauen wolle. Vielleicht investiere man später aber auch in Windkraft. Genau wisse man das noch nicht, „wir haben ja erst angefangen“. Erst der Tchibo-Pressesprecher klärt das Versprechen auf: Die Neuanlagen errichte man nicht selbst – sondern die Kundengelder flössen an Statkraft, und der Konzern baue damit seine Wasserkraftwerke weiter aus. Ob Statkraft das nicht vielleicht ohnehin vorgehabt hat, egal ob Tchibo nun Ökostrom abnimmt, bleibt leider offen… 

Die vier bundesweiten, unabhängigen Öko-Anbieter, die von Umweltverbänden empfohlen werden, arbeiten jedenfalls deutlich nachvollziehbarer. Bei ihnen können Kunden genau erfahren, aus welchen Anlagen ihr Strom stammt oder auch in genau welche neuen Projekten ihr Geld fließt. Zwar ist Tchibo im Vergleich zu diesen Anbietern meist etwas günstiger – arbeitet aber eben auch weniger transparent.

Danke an C. aus Berlin für die Hinweise


Chemieindustrie: Klimaschutz gewünscht

Sonntag, den 31. Oktober 2010

Gleich mehrere Missverständnisse räumt die Chemieindustrie in ihrer neuen Werbekampagne aus. Bislang dachte man ja, Unternehmen gehörten ihren Anteilseignern, Aktiengesellschaften beispielsweise den jeweiligen Aktionären. Aber nein, die deutschen Chemiefirmen gehören uns allen! „Ihre Chemie“, heißt jedenfalls die großangelegte Kampagne. Und wer bisher meinte, Wirtschaftsunternehmen hätten das Ziel, Gewinne zu erwirtschaften, wird ebenfalls eines Besseren belehrt: Das Ziel der deutschen Chemieindustrie ist nämlich, „die 10 wichtigsten Wünsche der Deutschen“ zu erfüllen.

In der Annonce treten zehn Menschen auf, in den zugehörigen Textchen geht es um „Wünsche“ wie soziale Gerechtigkeit, Gesundheit oder Wohlstand.

Und Wunsch Nr. 6 ist dieser:

Emissionsminderung um mehr als Drittel klingt prima, oder? Doch ein Großteil dieser Senkung hat weniger mit der Sorge der Chemiebranche ums weltweite Klima zu tun als mit dem  Zusammenbruch der DDR-Industrie nach der Wiedervereinigung.

Wir fragten die Pressestelle des Verbandes der Chemischen Industrie, um welche absoluten Mengen an Treibhausgasen es in der Annonce eigentlich geht und wie sich die gefeierte Emissionsminderung im Detail zusammensetzt. Als Antwort bekamen wir ein buntes Faltblatt und eine hübsche Broschüre, die aber zu unseren Fragen wenig aussagen. Deshalb müssen wir uns hier auf andere Quellen stützen: Laut einem Bericht des Bundesumweltministeriums hat die Chemiebranche zugesagt, ihre Klimagas-Emissionen zwischen 1990 und 2012 von gut 91 Millionen Tonnen auf höchstens 50 Millionen Tonnen zu reduzieren, um gut 40 Millionen Tonnen also. Und in einer Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) über die Umweltfortschritte in der Ex-DDR aus dem Jahr 2000 findet sich dieser Satz:

Um rund 30 Millionen Tonnen sank demnach der jährliche Kohlendioxid-Ausstoß der ostdeutschen Chemiebranche, vor allem durch Werksschließungen und die Abschaltung alter Braunkohlekraftwerke – was allein bereits knapp drei Viertel der von der gesamten Chemieindustrie zugesagten Emissionsenkungen entspricht!

Überhaupt tritt die Branche jenseits bunter Annoncen wenig vorbildlich auf: Als vor rund zehn Jahren der EU-Emissionshandel eingeführt werden sollte, wehrte sich der Verband der Chemischen Industrie (VCI) mit Händen und Füßen. Wann immer es seitdem um Details des Emissionshandels geht, fordert die Chemie großzügige Sonderregelungen – und malt dabei schonmal das Schreckgespenst einer „Deindustrialisierung unseres Landes“ an die Wand.

Auch die Klimabilanz der einzelnen Unternehmen ist weniger rosig: BASF wurde vom Umweltverband Germanwatch vor einigen Jahren zum „Klimasünder des Monats“ gewählt. Und Bayer hat nach Angaben der Coordination gegen Bayer-Gefahren bei seinen Klimaaussagen phantasievoll getrickst; vermeintliche Senkungen des CO2-Ausstoßes gingen „größtenteils auf den Verkauf einer Unternehmensbeteiligung und den gestiegenen Fremd-Bezug von Energie“ zurück.

Nunja, zu unseren 10 Wünschen an die Chemieindustrie gehören mehr Wahrhaftigkeit in Sachen Klimaschutz – und mehr (echte) Erfolge.

P.S.: Nach Erscheinen unseres Textes erhielten wir vom Verband der Chemieindustrie (VCI) noch weitere Zahlen. Demnach sanken die energiebedingten Emissionen deutschlandweit zwischen 1990 und 2008 von 65,4 auf 46,6 Millionen Tonnen (daneben wurden auch Emissionen von Lachgas deutlich gemindert). In der Tat, so der Verband, habe man einen Großteil der Senkung durch die Abschaltung alter Braun-, aber auch Steinkohle-Kraftwerke erreicht. Zur ostdeutschen Chemie nennt der VCI weiterhin keine Emissionsdaten – es heißt lediglich, man habe „15,4 Mrd. Euro auf dem Gebiet der ehemaligen DDR“ investiert; die „Energieeffizienz bei bestehenden Anlagen wurde so verbessert, und effiziente neue Anlagen ersetzten veraltete Produktionsstätten“. Und der VCI betont: „Die Minderung in Ostdeutschland wurde aber nicht wie in vielen Regionen Osteuropas dadurch erreicht, dass die Produktion einfach stillgelegt wurde: Teilweise übernahmen die effizienten westdeutschen Betriebe Kapazitäten. Zudem wurde die ostdeutsche Chemie auf dem neuesten Stand der Technik wieder auf- und sogar ausgebaut: Heute produziert die Chemie insgesamt und auch die ostdeutsche Chemieindustrie wieder deutlich mehr als 1990.“


Ökostromförderung: Einseitige Zahlen

Samstag, den 16. Oktober 2010

Es ist Jahr für Jahr dasselbe: Mitte Oktober legen die Betreiber der Strom-Übertragungsnetze die sogenannte EEG-Umlage fest – also den Betrag, mit dem Stromkunden im Folgejahr den Ausbau der Erneuerbaren Energien fördern. Laut Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erhalten ja Wind-, Solar- oder Biogas-Anlagen von den Netzbetreibern feste Abnahmetarife für ihren Strom, die Kosten werden dann auf (die meisten) Stromkunden umgelegt. Diese Woche war es wieder soweit, und so sahen die Schlagzeilen (Financial Times Deutschland, Süddeutsche Zeitung, Hamburger Abendblatt, n-tv) aus:

Was war passiert? Die EEG-Umlage soll von aktuell 2,047 Cent pro Kilowattstunde auf 3,53 Cent im kommenden Jahr steigen. Das ist tatsächlich ein Plus von rund 70 Prozent – doch weil die Umlage nur einen kleinen Teil des Strompreises ausmacht, steigt dieser durch die höhere EEG-Umlage nur um ein paar Prozentpunkte. Naja, unter „explodieren“ oder „drastisch“ verstehen wir eigentlich etwas anderes.

Aber gut, der Strom wird 2011 teurer – für einen durchschnittlichen Haushalt mit 4.000 kWh Verbrauch um etwa fünf Euro im Monat bzw. 60 Euro im Jahr. Doch verglichen mit den allgemeinen Preiserhöhungen der vergangenen Jahre, so der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE), ist das ziemlich moderat. Zudem unterschlägt der Blick ausschließlich auf die EEG-Umlage, dass im Gegenzug Wind- und Sonnenkraft den Börsenpreis für Strom drücken. Experten nennen dies den „Merit-Order-Effekt“: An der Börse nämlich wird der Strompreis durch das teuerste Kraftwerk bestimmt, das gerade noch zur Deckung der Gesamtnachfrage benötigt wird. An windreichen Tagen oder im Sommer zur Mittagszeit, wenn Windräder oder Solaranlagen viel Strom liefern, verdrängen sie auch viele teure Kraftwerke. Eon hat dazu schon vor Jahren Gutachten erstellen lassen, und Vattenfall ärgerte sich vor ein paar Wochen öffentlich, dass Windkraft die Profite schmälert. Laut einer Studie der Forschungsstelle für Energiewirtschaft in München sorgten die Erneuerbaren Energien beispielsweise 2008 für Preisdämpfungen von bis zu 5,4 Milliarden Euro. Der gemeine Stromkunde aber merkt davon wenig, weil die Konzerne niedrigere Börsenpreise nur selten an private Endverbraucher weitergeben.

„Zu einer sachlichen Debatte gehört auch, den Nutzen der Erneuerbaren Energien transparent zu machen“, fordert Jörg Mayer, Geschäftsführer der halbstaatlichen Agentur für Erneuerbare Energien. Der EEG-Umlage stünden nämlich (siehe Grafik) viel größere Vorteile gegen- über, etwa die rund 340.000 Jobs in der Ökostrom-Branche oder vermiedene Umweltschäden etwa durch das Abschalten von Kohlekraftwerken.

Ohnehin würden Stromkunden sich die Augen reiben, wenn die gesamten Kosten von Atom- und Kohlekraftwerken auf der Energierechnung auftauchten. Um rund vier Cent pro Kilowattstunde, hat Greenpeace Energy ausrechnen lassen, müssten die Tarife steigen, wenn alle offenen und verdeckten Subventionen der konventionellen Energien auf den Strompreis umgelegt würden.

Und außerdem, betont das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie in einer Studie, sei die EEG-Umlage nur vorübergehend so hoch. Der starke Anstieg in diesem Jahr lasse sich „im Wesentlichen auf mehrere einmalige oder zumindest außergewöhnliche Effekte zurückführen“, etwa einen Extra-Boom bei Solaranlagen, den Schwarz-Gelb durch ein langes Hin und Her um die Kürzung der Einspeisevergütung noch angeheizt hatte. Auf etwa drei Cent pro Kilowattstunde, so das Institut, dürfte die Umlage künftig noch steigen – dann aber zwischen 2016 und 2020 wieder zu sinken beginnen.

Aber erstmal, in den kommenden Wochen, werden die Stromversorger die EEG-Umlage für saftige Preiserhöhungen nutzen – und damit nebenbei versuchen, die Verbraucher gegen die Ökostrom-Förderung aufzubringen. Vorsorglich meldete sich bereits Matthias Kurth zu Wort, der Chef der Bundesnetzagentur: Die Endkunden dürften „nicht in vollem Umfang mit der erhöhten EEG-Umlage belastet werden“, forderte er – auch Kostensenkungen, etwa durch die geringeren Börsenpreise, müssten an die Verbraucher weitergegeben werden. Malsehen, wie viele Stromversorger dieser Forderung nachkommen.


Atomlobby: Der Mythos vom globalen Akw-Boom

Freitag, den 1. Oktober 2010

Immer wieder beschäftigen uns hier diverse Behauptungen der Atomlobby, zuletzt in der vergangenen Woche. Heute schauen wir mal dreizehn Jahre zurück, genauer in die Ausgabe 32/1997 des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Denn im Rückblick lässt sich vielleicht am überzeugendsten beurteilen, wie verlässlich Aussagen der Akw-Lobby sind.

Atomkraft sei „im Vormarsch“, hieß es damals in einer Annonce des „Informationskreises Kernenergie“ (und allein diese Formulierung wäre bereits einen Grammatik-Sonderpreis wert gewesen). Die Atomstromproduktion in den Mitgliedsstaaten der OECD, so ging es vollmundig weiter, werde „bis zum Jahr 2010 voraussichtlich weiter um rund 13 Prozent zunehmen“. Kernenergie sei also voll der Trend, wollte man damit suggerieren.

Und, stimmte das? Die Zahlenangaben der Spiegel-Annonce aus dem Jahr 1997 lassen sich ja inzwischen an harten OECD-Daten überprüfen. Die Atomagentur der Organisation, die Nuclear Energy Agency (NEA) in Paris, veröffentlichte kürzlich ihre 2010-er Statistik zu Nuklearkapazitäten der 28 Mitgliedsstaaten. Und dort hieß es:

Zu Jahresbeginn 2010 waren also in den OECD/NEA-Mitgliedsstaaten 340 Reaktoren mit einer Kapazität von genau 308.800 Megawatt am Netz – mithin 17 Meiler weniger als 1997! Und der Leistungszuwachs betrug nicht 13 Prozent, sondern lediglich knapp drei Prozent. Selbst wenn man die Kraftwerke mitbetrachtet, die in Bau oder Planung sind, ändert sich nichts an diesem Bild: Ende 2009 waren laut NEA 14 Akw in Bau (exakt so viele wie 1997), 24 Reaktoren (und damit sogar weniger als vor 13 Jahren) werden in den Statistiken als „fest vereinbart“ geführt. Diese Bilanz wäre übrigens noch peinlicher ausgefallen, hätten nicht osteuropäische Atomstromländer wie die Slowakei durch ihre OECD-Beitritte zusätzliche Reaktoren in die Statistik eingebracht.

Und heute? Schwadronieren Atomfans wieder (oder immer noch) von einer Renaissance dieser hochriskanten Technologie. Die Kernenergie sei „international im Aufwind“, behauptet Ralf Güldner, der neue Präsident des Deutschen Atomforums und verweist dabei auf Länder wie Schweden, Großbritannien, die USA oder China. „Weltweit wird es ein Comeback der Atomkraft geben“, prophezeit Welt-Redakteur Ulli Kulke. Bundeskanzlerin Angela Merkel formuliert es so: „Wenn ich sehe, wie viele Kernkraftwerke weltweit gebaut werden, wäre es jammerschade, wenn Deutschland aussteigen würde.“

In einem Jahrzehnt wird man auf diese Worte vermutlich mit demselben Ergebnis zurückblicken wie auf die Spiegel-Annonce von 1997. Bereits heute liegt eine detaillierte Studie des Prognos-Instituts vor, das im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz den Mythos vom globalen Akw-Boom untersucht hat. Ergebnis:

Prognos war übrigens eines der Institute, von dem sich Merkel die umstrittenen Szenarien für ihr Energiekonzept hat rechnen lassen. Umso bemerkenswerter ist der lapidare Satz der Gutachter, sie sähen keine Zunahme von Kernkraftwerken, sondern bloß


Deutsches Atomforum: Flexibel tricksen

Donnerstag, den 23. September 2010

Gerade hat die Bundesregierung die heißesten Träume der Atomlobby verwirklicht, für die längst abgeschriebenen und deshalb hochprofitablen Reaktoren von Eon, RWE, Vattenfall und EnBW soll es satte Verlängerungen der Laufzeiten geben. Wohl um diesen Erfolg zu feiern, hat das Deutsche Atomforum – etwa im Spiegel - ein weiteres Motiv seiner berühmt-berüchtigten „Klimaschützer-Kampagne“ geschaltet.

Ein paar Windräder sind dort neben einem Reaktor zu sehen, dazu der Spruch: „Kernkraftwerk Unterweser und Windenergie: CO2-Ausstoß = Null“. Diese offenkundige Lüge übergehen wir heute mal (sie wurde bereits hier widerlegt), sondern schauen ins Kleingedruckten der Annonce:

Dies ist ein ziemlich neues Argument der Atomlobby, vor wenigen Jahren noch versuchte sie die Erneuerbaren als Gutmenschen-Spinnerei abzutun. Und weiter:

Komisch, dass Umweltverbände, Wissenschaftler und die Branche der Erneuerbaren Energien das glatte Gegenteil sagen. Erst diese Woche wieder betonte der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung: „Kernkraftwerke können aufgrund ihrer technischen Eigenschaften nur bedingt zum Lastfolgebetrieb eingesetzt werden, können also die schwankende Einspeisung aus erneuerbaren Energien nicht flexibel genug ergänzen.“

Was stimmt denn nun?

Wie so oft bei gekonnter Grünfärberei: Es stimmt beides! Denn in der Tat können Atomkraftwerke ihre Stromproduktion dem Bedarf anpassen, wie es das Atomforum behauptet, die Eignung für diesen sogenannten „Lastfolgebetrieb“ wurde bei der Konstruktion berücksichtigt. Die spannende Frage ist aber, wie stark und wie schnell lassen sich Kernreaktoren hoch- und runterregeln?

Hierzu hat das Institut für Energiewirtschaft (IER) der Universität Stuttgart im Oktober 2009 im Auftrag von Eon eine ausführliche Studie vorgelegt. Detailliert wird darin die Regelbarkeit von Druckwasser- und Siedewasserreaktoren erörtert – mit dem Ergebnis, die Kritik an mangelnder Regelbarkeit sei „aus technisch-betrieblicher Sicht nicht haltbar“. Doch schaut man genau hin, dann bestätigt die Studie (siehe dort Seite 24) sogar, dass Gaskraftwerke schneller und dynamischer regelbar sind als Atomkraftwerke und deshalb besser geeignet sind als Stütze für die stark schwankende Windkraft. Die Reaktoren von Eon & Co. könnten laut Gutachten zwar um 40 bis 80 Prozent gedrosselt werden – wenn dies aber nicht genügt und sie wegen eines reichlichen Angebots von Ökostrom ganz abgeschaltet werden müssen, dann brauchen Atomkraftwerke mehrere Tage, um wieder angeworfen zu werden.

Genau solche Situationen, das hat im Auftrag des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE) das Fraunhofer-Instituts IWES in Kassel simuliert, werden bei starkem Ausbau der Erneuerbaren Energien nicht mehr die Ausnahme sein, sondern die Regel. Schon im Jahr 2020 müssten die deutschen Atomkraftwerke 629-mal vom Netz genommen werden, errechnete die Universität Flensburg in einer Studie im Auftrag des Ökostrom-Anbieters Lichtblick (siehe dort Seite 17).

Die Eon-Auftragsstudie hingegen verneint derartige Probleme. Ihr kategorisches Fazit steht jedoch in gewissem Widerspruch zum Gutachtentext; die dortige Schilderung nämlich (ab Seite 33), wie bei hoher Windkrafteinspeisung doch noch Reaktoren am Netz gehalten werden könnten, klingt reichlich kompliziert und wirkt eher wie ein Beleg für die erwartbaren Schwierigkeiten. Und offenbar funktioniert das Eon-Szenario auch nur dann, wenn Pumpspeicherwerke überschüssigen Strom aus inflexiblen Kohle- und Kernkraftwerke puffern – doch diese Pumpspeicherwerke werden dafür nicht zur Verfügung stehen, in allen offiziellen Energieszenarien sind sie nämlich bereits als Puffer für Windkraftanlagen fest verplant!

Noch weitere Unstimmigkeiten fallen am Eon-Gutachten auf; der wichtigste Punkt ist, wie so oft, eine Rahmenannahme. Die Autoren schreiben (auf Seite 12):

Dies aber sind falsche Zahlen! Die Bundesregierung geht für 2020 schon von 38,6 Prozent Ökostrom-Anteil aus (die Branchenlobby BEE hält gar 47 Prozent für möglich), als Ziel für 2030 nennt die Regierung in ihrem neuen Energiekonzept 50 Prozent. Das Eon-Gutachten geht also von zu niedrigen Ökostrom-Anteilen an, dadurch sind auch die Einspeise-Schwankungen im Netz kleiner – und damit der Regelbedarf der Kernkraftwerke, mithin das Problem, das die Studie eigentlich untersuchen sollte.

Vielleicht sollte man doch eher auf den Sachverständigenrat für Umweltfragen hören – also auf Leute, deren Arbeiten nicht von Eon bezahlt wurden?

P.S.: Kommende Woche schauen wir uns einmal an, welche Behauptungen die Atomlobby vor gut zehn Jahren in ihren Anzeigen aufstellte – und was daraus wurde.


Eon & Co.: Energievergangenheit für Deutschland

Samstag, den 21. August 2010

Sie müssen wirklich mächtig Fracksausen haben, die Herren in den Chefetagen der vier Akw-Betreiber Eon, RWE, Vattenfall und EnBW. Sie sind enttäuscht von Schwarz-Gelb – versprochen waren ihnen satte Laufzeitverlängerungen für die hochprofitablen Alt-Reaktoren, doch die wackeln; stattdessen soll nun erstmal eine milliardenschwere Brennelementesteuer kommen. bdi_energiepolappell1Letzte Woche drohten die Konzerne, ihre Meiler einfach abzuschalten (und wunderten sich, dass dies kaum jemanden schreckte – im Gegenteil). Nun hat die Atomlobby eine beispiellose PR-Kampagne gestartet: In ganzseitigen Zeitungsanzeigen lässt man 40 mehr oder weniger alte Männer aus Wirtschaft, Politik und High Society für sich auftreten (es ist tatsächlich nicht eine einzige Frau dabei!) – darunter sind Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und Fußballer Oliver Bierhoff. Dahinter stehen der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und ein eigens gegründeter Verein „Energiezukunft für Deutschland“, der in Essen unter der Eon-Adresse residiert.

Der Anzeigentext unter der Überschrift „Mut und Realismus für Deutschlands Energiezukunft“ ist ein gekonnter Mix aus scheinbar wohlwollenden Öko-Phrasen und clever gequirlten Unwahrheiten. Schauen wir uns einige Passagen genauer an:

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Gleich im ersten Satz der Annonce beginnt die geschickte Besetzung von Begriffen: Stünde das Wörtchen „sicher“ für die garantierte Abwesenheit unbeherrschbarer Risiken, dann schiede die Atomkraft sofort aus. Selbst die Bedeutung „verlässlich“ ist für Akw weit hergeholt – denn selbst die vermeintlich so zuverlässigen deutschen Reaktoren stehen immer wieder wegen Störfällen still, zudem müssen solche Großkraftwerke in den zunehmend heißen Sommern gedrosselt oder abgeschaltet werden (also genau dann, wenn große Mengen Strom für Klimaanlagen gebraucht werden), weil in den Flüssen das Kühlwasser knapp wird. Was also meinen die Stromkonzerne mit „sicher“? Offenbar nur, dass ihre Großanlagen rund um die Uhr dieselbe Menge Strom liefern. Wenn aber künftig mehr und mehr Strom aus fluktuierenden Quellen wie der Windkraft ins Netz fließt, dann sind die schwer regelbaren Atom- oder Kohlekraftwerke keine „sichere“ Energiequelle, sondern eine Gefahr für die Stabilität der Stromnetze.

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Klingt super, oder? Dieser Aussage können auch wir zustimmen. Doch Atomstrom ist – bei vollständiger Betrachtung und Einbeziehung beispielsweise der Emissionen aus Uranförderung und -anreicherung – überhaupt nicht CO2-frei. Laut einer Studie des Öko-Instituts werden für jede Kilowattstunde Strom aus den Reaktoren von Eon, RWE & Co. rund 32 Gramm Kohlendioxid freigesetzt. Dies lassen die Initiatoren der Annonce unter den Tisch fallen, sie wollen mit der Formulierung ihre riskanten und strahlenden Akw grünwaschen.

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Solches Eigenlob ist hierzulande üblich, aber völliger Quatsch. Der deutsche Treibhausgas-Ausstoß liegt mit mehr als zehn Tonnen pro Kopf deutlich über dem europäischen Durchschnitt von knapp neun Tonnen – und beträgt etwa das Zweieinhalbfache des weltweiten Durchschnitts von gut vier Tonnen. Ein Grund dafür sind die vielen, besonders klimaschädlichen Braunkohlekraftwerke von RWE und Vattenfall. Und der Rückgang der deutschen Emissionen seit 1990 geht neben dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft vor allem auf das Erneuerbare-Energien-Gesetz und die Ökosteuer zurück – beides sind rot-grünen Projekte und wurden von kaum jemandem so heftig bekämpft wie von den vier Stromriesen und dem BDI.

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Diese Passage ist der demagogische Höhepunkt der Annonce. Energiekonzerne wie Eon und RWE machen jedes Quartal Milliardengewinne – nicht zuletzt wegen großzügiger Ausnahmen im CO2-Emissionshandel und Steuervorteilen für die Atomkraft. Eine Brennelementesteuer würde der Kernenergie zumindest einen Teil ihrer finanziellen Privilegien nehmen. Und ökonomisch ist die Sache natürlich genau andersherum als in der Anzeige suggeriert: Steuern und Abgaben auf umweltschädliche Brennstoffe wie Kohle oder Uran sorgen dafür, dass Investitionen in Erneuerbare Energien rentabler werden. Sie lenken Investitionen in die ökologisch richtige Richtung. Wenn die Konzerne weiter in alte Energien investieren wollen, bitteschön. Dafür staatliche Unterstützung einzufordern, ist reichlich frech.

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Hier sehen wir einen altbekannten Propagandatrick: Man picke mit der Solarkraft die allerteuerste Erneuerbare Energie heraus und verschweige, dass etwa Windstrom längst so billig ist, dass er – zum Nutzen der Endkunden – die Börsenpreise für Strom drückt. Zudem werden die Milliardensubventionen ausgeblendet, mit denen hierzulande die Kernforschung gefördert wurde und wird – und milliardenschwere Folgekosten etwa für die Sanierung des abgesoffenen Atomlagers Asse verschweigt man sowieso. Schließlich: Kernenergie mag in der Erzeugung relativ billig sein – aber die niedrigen Betriebskosten der Alt-Akw erhöhen vor allem die Gewinnspanne von Eon, RWE & Co., bei den Endkundenpreisen kommt davon praktisch nichts an.

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Dies ist die Schlusspassage der Annonce – und deshalb besonders reich an Verdrehungen und Lügen. Natürlich, von heute auf morgen ist eine hundertprozentige Versorgung mit Ökostrom nicht zu machen. Es geht aber viel schneller, als Energiekonzerne und Großindustrie behaupten - das zeigen unter anderem Studien des Umweltbundesamtes, des Sachverständigenrates der Bundesregierung zu Umweltfragen, des Bundesumweltministeriums oder auch von McKinsey. Große Kohle- und Atomkraftwerke sind – wie schon erwähnt – gerade keine „flexiblen Partner“ für die Erneuerbaren, vielmehr werden als Back-up etwa für die Windkraft künftig schnell regelbare Gaskraftwerke gebraucht. Die deutschen CO2-Minderungsziele sind gut und preiswert auch ohne Akw erreichbar - mit Atomkraft könnte es in der Tat etwas billiger werden, dafür würde man sich aber die Risiken dieser Technologie einhandeln.

Und der letzte Satz vermischt schlicht Betriebs- und Volkswirtschaft: Es mag im Eigeninteresse der Stromkonzerne sein, die abgeschriebenen Atommeiler länger laufen zu lassen, mit dem Gemeininteresse hat das herzlich wenig zu tun. Ein baldiger Ausstieg aus der Atomkraft würde nicht gesellschaftliches Kapital, sondern private Profite in Milliardenhöhe vernichten. Um das zu verhindern, kann man schonmal ein paar Milliönchen Euro für ganzseitige Anzeigen springen lassen und darin die Wahrheit verdrehen.


Horst Seehofer: Der Ökoenergie-Hochstapler

Donnerstag, den 5. August 2010

Für die CSU-Spitze gehört Atom-Hurra-Patriotismus offenbar zur Staatsräson. Beim Tauziehen um das schwarz-gelbe Energiekonzept macht sich nun (nach Ex-Parteichef Erwin Huber und Medien-Darling Karl-Theodor zu Guttenberg) Horst Seehofer zum politischen Lautsprecher von RWE, Eon, Vattenfall und EnBW: „Unbegrenzten Laufzeiten“ für die alten, deutschen Atomkraftwerke verlangt der bayerische Ministerpräsident.seehofer_atom1 Sein Land bezieht derzeit noch rund zwei Drittel des Stroms aus Atomkraftwerken (mehr als Doppelte des Bundesdurchschnitts). Doch selbst Atomfundi Seehofer weiß, dass die übergroße Mehrheit der Bürger auf Erneuerbare umsteigen will. Wohl um bei ihnen glaubwürdiger zu sein, garnierte er am Wochenende in der ARD und im Bayerischen Fernsehen seine Atomforderungen mit der Behauptung: „Wir Bayern sind an erster Stelle in Deutschland bei der Nutzung der regenerativen Energien.“

Klingt gut, doch bei Strom aus erneuerbaren Quellen ist Bayern überhaupt nicht deutscher Spitzenreiter. Zwar liegt der Freistaat im Ländervergleich des Umweltbundesamtes mit rund 25 Prozent Öko-Anteil am Strommix auf einem der vorderen Plätze – allerdings deutlich hinter Mecklenburg-Vorpommern, der tatsächlichen Nummer 1. Auch in einem Ranking der Erneuerbare-Energien-Agentur (EEA) findet sich Bayern in der Spitzengruppe. Doch ist der Grund dafür nicht gute Politik, sondern Bayerns bergige Landschaft und die dadurch möglichen Wasserkraftwerke, die teilweise schon seit dem 19. Jahrhundert in Betrieb sind. Zuletzt boomte im Freistaat auch die Photovoltaik, was sich aber noch kaum auf den Strommix auswirkt. Bei der Windenergie hingegen hinkt Bayern weit, weit hinterher – im ganzen Freistaat stehen nach Angaben des Deutschen Windinstituts schlappe 396 Windkraftanlagen (und können lediglich 0,9 Prozent des Strombedarfs decken). Andere Länder (auch fernab der Küsten!) sind demnach viel weiter, etwa Brandenburg, Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt.

seehofer_atom2Lügt Seehofer also? Nein, betonte auf Anfrage die Staatskanzlei in München – und machte eine kreative  Zwei-Stufen-Rechnung auf: Der Herr Ministerpräsident habe sich erstens auf Statistiken zum Primärenergieverbrauch bezogen. Und betrachte man da, zweitens, die absoluten Zahlen, dann liege Bayern bundesweit mit Abstand an der Spitze.

Nun, die Vermischung von Primärenergie- und Stromverbrauch ist ein beliebter Trick in der Energiedebatte. Bei ersterem wird beispielsweise auch die gesamte Heizenergie bilanziert – durch diesen Kniff kann Seehofer die in Bayern besonders beliebten Holzpellet- und Hackschnitzel-Heizungen mitzählen. Die aber haben mit Stromerzeugung wenig bis gar nichts zu tun. Doch nur um diesen Teilmarkt der Energieversorgung geht es, wenn über Akw-Laufzeiten gestritten wird. (Auch Seehofer redete im Rest der beiden Fernsehinterviews immer nur von Strom.) Redlicherweise sollte man deshalb auch nur Stromstatistiken verwenden.

Doch selbst beim Primärenergieverbrauch liegt Bayern nicht „an erster Stelle“. Als das Bundesumweltministerium vor ein paar Jahren eine genaue Länder-Studie fertigen ließ, schnitt der Freistaat mit 9,7 Prozent Regenerativ-Energie am Gesamtverbrauch ziemlich gut ab – doch mit 10,8 und 11,4 Prozent waren Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen noch deutlich besser. Dass das große Bayern in absoluten Zahlen mehr regenerativ erzeugte Primärenergiemenge (196 Gigawattstunden pro Jahr) vorweisen kann als als die beiden viel kleineren Länder (mit 19 GWh bzw. 27 GWh), ist wenig verwunderlich.

„Des baun wir weiter aus“, hatte Seehofer im Bayerischen Fernsehen in Bezug auf die Öko-Energien gesagt. Schauen wir zum Schluss also noch einmal in das bereits erwähnte Länderranking der Erneuerbare-Energien-Agentur. Das relativ gute Abschneiden des Freistaats, so die Experten, sei „im Wesentlichen historisch bedingt“. Beim Zubau neuer Ökostrom-Kapazitäten hingegen ist die bayerische Bilanz ziemlich bescheiden. Und vergleicht man, was die einzelnen Bundesländer an Anstrengungen unternehmen für einen technologischen Wandel der Energieversorgung, dann ergibt sich dieses Bild:

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Nicht bei regenerativen Energien liegt Bayern also „an erster Stelle“ – eher beim Kampf für die Interessen der Atomindustrie.

Danke an Stefan B. aus Kehl und Raimund K. aus Augsburg
für die Hinweise