Yahoo, n-tv & Co: Maxi-Quatsch zur ‚Mini-Eiszeit‘

Hach, wäre das nicht toll, wenn uns die Sonne den Klimaschutz abnähme? Wenn ein Sinken der Sonnenaktivität die Erderwärmung ausbremsen würde, ja, dann könnten RWE und Vattenfall weiterhin fröhlich Braunkohle verfeuern, dann könnten alle Menschen einen dieser bulligen SUV-Stadtgeländewagen fahren, und wir könnten weiterhin jeden Sommer hemmungslos riesige Fleischbatzen auf den Grill legen, die dank Sojafütterung aus abgeholzten Regenwäldern geilbillig sind.

Diese Woche ist unser Wunsch in Erfüllung gegangen. Jedenfalls den Schlagzeilen von Yahoo-News

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… oder focus.de

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… oder auch n-tv nach zu urteilen.

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Blöd nur: Dass es auf der Erde „klirrend kalt wird“ und wir bald „zittern müssen“ wegen der „Mini-Eiszeit“ – das ist alles Maxi-Quatsch.

Die Berichte gehen zurück auf eine Pressemitteilung der britischen Royal Astronomical Society (RAS) vom Donnerstag vergangener Woche. „Ungleichmäßiger Herzschlag der Sonne getrieben von Doppel-Dynamo“, lautete die wenig spektakuläre Überschrift. In der Mitteilung ging es um einen Vortrag, den Valentina Zharkova, eine Mathematik-Professorin an der Northumbria-University in Newcastle, auf der RAS-Jahrestagung im walisischen Seebad Llandudno hielt.

Dort referierte sie also ihre Erkenntnisse über die künftige Sonnenaktivität. Dass diese schwankt und mit ihr dieZahl der Sonnenflecken, ist in der Wissenschaft lange bekannt. Eine Reihe von Forschern hält es für ziemlich wahrscheinlich, dass die nächsten beiden Sonnenzyklen (in der Wissenschaft als 25 und 26 nummeriert) deutlich schwächer ausfallen als das langjährige Mittel. Valentina Zharkova gehört zu ihnen. Und laut Pressemitteilung prognostiziert sie, dass „während der 2030er Jahre die Sonnenaktivität um 60 Prozent fallen wird auf einen Stand, wie er zuletzt während der ‚Mini-Eiszeit‘ beobachtet wurde, die 1645 begann“.

Huh, das klingt in der Tat frostig. Während jener „Kleinen Eiszeit“ nämlich fror beispielsweise die Themse in London wochenlang zu. Damals war die Sonnenaktivität sehr schwach, als „Maunder-Minimum“ wird diese Phase bezeichnet. Eine etwas weniger ausgeprägte Schwächephase, das „Dalton-Minimum“, folgte übrigens im frühen 19. Jahrhundert, die wiederum mit einer Temperaturabkühlung auf der Erde zusammenfiel.

Doch die reißerischen Berichte haben gleich mehrere Haken:

1. Zwar beziffert Zharkova die Sicherheit ihrer Prognose zur schwächeren Sonnenaktivität auf 97 Prozent – doch viele andere Forscher bezweifeln, dass solche Aussagen mit so großer Sicherheit seriös getroffen werden können. Die Aktivität der Sonne sei „derart komplex, dass niemand in der Lage ist, eine zuverlässige Prognose für die nächsten 15 Jahre zu treffen“, sagt beispielsweise Sami Solanki vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen. „Eine Abnahme der solaren Aktivität über die nächsten Dekaden ist nicht auszuschließen, aber die Vorhersagen dieser Entwicklung sind generell als sehr unsicher eingestuft“, sagt Reto Knutti von der ETH Zürich.

2. Die „Kleine Eiszeit“ war laut neuester Forschung kein weltweites Phänomen, sondern auf die nördliche Halbkugel begrenzt. Außerdem waren die Ursachen der Kältephasen nicht allein das Maunder- oder Dalton-Minimum – auch Vulkanausbrüche spielten eine Rolle, bei der Partikel in die Atmosphäre geschleudert werden, die die Sonneneinstrahlung verringern.

3. Vor allem aber haben die Journalistenkollegen von n-tv, focus.de und vielen anderen Medien die Pressemitteilung nicht richtig gelesen. (Falls sie die überhaupt gelesen haben.) Dort steht nämlich kein einziges Wort darüber, welche Folgen die von Valentina Zharkova prognostizierte schwächere Sonnenaktivität für das Erdklima hätte. (Was man ihr kaum vorwerfen kann, weil sie ja keine Klimatologin ist.) Kurz gesagt: 60 Prozent weniger Sonnenflecken bedeuten nicht 60 Prozent weniger Sonnenstrahlung und erst recht nicht 60 Prozent weniger Erderwärmung.

Aber was würde denn ein neues Maunder- oder Dalton-Minimum (wenn es denn käme) wirklich für den Klimawandel bedeuten?

Genau diese Frage ist in den vergangenen Jahren von zahlreichen Klimaforschern untersucht worden, hier eine Auswahl der Studien zum Thema: Rahmstorf/Feulner 2010, Jones et al. 2012, Anet et al. 2013, Meehl et al. 2013, Zhao et al. 2014, Ineson et al. 2015. Alle diese Studien kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis: Die Abkühlung infolge sinkender Sonnenaktivität werde bis Ende des Jahrhunderts nicht mehr als 0,3 °C betragen – bei einer (laut IPCC) insgesamt erwarteten Erwärmung von bis zu 4,8 °C. 

Zwar könne es gut sein, heißt es etwa in dem Aufsatz von Ineson et al., der vor gerade vier Wochen in Nature Communications erschienen ist, dass eine neue „Mini-Eiszeit“ regional spürbar wird (wie eben vor Jahrhunderten beim Zufrieren der Themse) – doch weltweit betrachtet und im Vergleich zum Klimaeffekt der menschengemachten Treibhausgase falle sie kaum ins Gewicht:

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Einfach (und in einer Autofahrer-Analogie) zusammengefasst: Ein Sinken der Sonnenaktivität hülfe ungefähr so viel, wie wenn Sie mal kurz auf die Bremse tippen, während auf dem Gaspedal ein Backstein liegt.

Aber weil ein Bild mehr sagt als tausend Worte, zeigen wir hier noch eine Grafik, in der die Kollegen von der Website skepticalscience.com die Ergebnisse der Forschung visualisiert haben:

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Die schwarze Zick-Zack-Kurve zeigt die real gemessene Erdmitteltemperatur seit dem Jahr 1900. Die rote und die blaue Linie zeigen, wie es laut Klimamodellrechnungen bei einem bestimmten Niveau menschengemachter Treibhausgasemissionen mit der Erwärmung wohl weitergeht – einmal bei einer Sonnenaktivität auf bisherigem Niveau (rot) und einmal im Falle eines Großen Solarminimums (blau).

Sieht insgesamt irgendwie nicht nach „klirrend kalt“ oder einer Eiszeit aus, oder?