Spiegel Online, IPCC & Kritik: Noch ein Update

Grad haben wir gesehen, dass Spiegel-Online-Kollege Axel Bojanowski sich doch nochmal aus seinem Urlaub gemeldet hat. Und zwar mit diesem Tweet:

spon_ipcc_bojatweet21Junge, Junge, der Kollege ist selbstbewusst!

Wir wollen hier nicht nochmal den (ewig langen) Blogpost von gestern wiederholen. Aber, hüstel, wenn sein Text so fehlerfrei ist wie die Korrekturanmerkung unter seinem Text

spon_ipcc_zitat12

Doch die Sache ist zu ernst für kleine Späße. Deshalb wiederholen (und erweitern) wir hier doch zumindest nochmal einen Punkt aus unserer Detailkritik von gestern (zu keinem unserer Kritikpunkte haben sich, soweit wir es überblicken, Axel Bojanowski oder seine Redaktion inhaltlich geäußert). Keine Angst, dieser Text ist kürzer und auch für Laien verständlich 😉

Also, an einer Stelle des Spiegel-Online-Artikels, ziemlich am Ende, heißt es:

spon_ipcc_zitat21

Wir hatten vermutet, dass dies die Übersetzung einer gekürzten Aussage von Seite 14 des Syntheseberichts ist, Bojanowski bestätigt es durch die nachträglich eingefügte Seitenzahl. Das Original lautet so (klicken Sie auf den Ausriss, um ihn zu vergrößern):

spon_ipcc_zitatSYRs14

Wir hatten gestern schon geschrieben, dass Bojanowskis Übersetzung schlicht falsch ist. Und als Ursache vermutet, dass der Kollege den Unterschied zwischen den Verben „attribute“ und „contribute“ nicht ganz verstanden hat (beziehungsweise deren Verwendung durch den IPCC), also zwischen „kann darauf zurückgeführt werden“ und „trägt dazu bei“. Zweifellos korrekt wäre die von Bojanowski verwendete Phrase „hat eine Rolle gespielt“, wenn im Original „contribute“ gestanden hätte. Stand da aber nicht.

(Die Feinheiten von „Attribution“, also der Zuschreibung von Wirkungen des Klimawandels, sind natürlich diffizil – wie sollte es bei Wissenschaft anders sein. Die Arbeitsgruppe 2 des IPCC hat zum Thema „Attribution“ ein ganzes Kapitel geschrieben, 59 eng bedruckte Seiten ist es lang, hier als PDF zum Herunterladen. Denn streng genommen ist es natürlich so, dass keine einzige Veränderung der Welt zu hundert Prozent auf den Klimawandel zurückgeführt werden kann – er findet ja nicht im luftleeren Raum statt und die Welt ist komplex. Der IPCC unterscheidet zwischen „major role“ und „minor role“, und formal korrekte Attributions-Studien sind eine Wissenschaft für sich. Wir empfehlen Axel Bojanowski dieses Kapitel 18 als Urlaubslektüre.)

Aber noch etwas ganz anderes ist verkehrt an dieser Textstelle, wirklich falsch. Selbst wenn wir die Ungenauigkeit bei der Übersetzung von „attribute“ und „contribute“ beiseite lassen und uns hier auf die Rolle-gespielt-haben-Formulierung von Bojanowski einlassen, dann bleibt doch dieser Punkt:

Was der IPCC im Synthesebericht wirklich sagt, ist: „Nur beim Aussterben weniger Arten konnte bislang nachgewiesen werden, dass der Klimawandel eine Rolle gespielt hat.“

Der Satz in seinem Artikel lässt offen, ob es bei anderen ausgestorbenen Arten überhaupt untersucht wurde. Ob bei ihnen andere Gründe als der Klimawandel wichtiger waren für das Aussterben. Oder ob es bisher aus irgendwelchen Gründen nicht hinreichend zweifelsfrei gelang, die große oder kleine Rolle des Klimawandels wissenschaftlich exakt nachzuweisen. Oder, oder, oder.

Bojanowski aber übersetzt, der IPCC halte es nur bei wenigen ausgestorbenen Arten für möglich („könnte“), dass der Klimawandel eine Rolle gespielt hat. Und das ist, lieber Kollege Bojanowski, jedenfalls alles andere als fehlerfrei. Man könnte es auch eine Verzerrung nennen. Sieht so Wissenschaftsjournalismus à la Spiegel Online aus?

P.S.: Wie die Geschichte weiter- und ausgeht, lesen Sie hier.

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Spiegel Online: Verzerrung und Unterschlagung
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 1

Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 2
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 3