Stahlwirtschaft: Mit Fischedick gegen die Energiewende

Diesen Donnerstag kommt das vom SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel zusammengestutzte Erneuerbare-Energien-Gesetz zur ersten Lesung in den Bundestag. Und wie üblich wird auch diesmal der Gesetzgebungsvorgang vom Rasseln der Lobbyisten begleitet. Zum Beispiel von der Wirtschaftsvereinigung Stahl, die eine üppige zwölfseitige Beilage in den Spiegel hat drucken lassen.

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Ohne Stahl gehe nichts, wird da beispielsweise behauptet – und dass die Energiewende viel zu teuer und vielvielviel zu gefährlich sei:

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Um Gottes Willen! Das Industrieland Deutschland schlittert direkt in das ungemütliche Entwicklungslanddasein, weshalb doch ganz bestimmt auch die ganzen deutschen Arbeitsplätze gefährdet sind, oder?

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Tut Sie das denn? Die Politik? Leichtfertig?

In der Broschüre steht:

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Also tut sie es doch, die Politik, mit ihrem ganzen Klimaschutz, dem Emissionshandel, der EEG-Umlage und diesem ganzen Zukunfts-Quatsch. Ulrich Grillo, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, fragt in der Stahl-Beilage deshalb ganz besorgt:

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Erst im März hatte sich der Klima-Lügendetektor mit den Lügen der Stahl-Branche befasst, und weil Wiederholungen langweilen, hier nur eine kurze Zusammenfassung:

1. Die Stahlindustrie ist überhaupt nicht von „steigenden Stromkosten“ durch das EEG betroffen: Als „energieintensive Unternehmen“ (vulgo: Großverbraucher) zahlen ihre Betriebe nur eine symbolische EEG-Umlage von 0,05 Cent pro Kilowattstunde – Sie als Haushaltskunde zahlen derzeit 6,24 Cent, also rund das Hundertzwanzigfache! Und weil immer mehr Unternehmen die üppigen Rabatte bei der Ökostrom-Umlage bekommen, ist das Solidarprinzip bei der Finanzierung der Energiewende längst ausgehebelt. Nicht mehr alle beteiligen sich, sondern einige immer mehr.

2. Die Stahlbranche hat (wie auch andere Industriezweige) längst Wege gefunden, die EEG-Umlage zu umgehen: Zum Beispiel einfach ein Kraftwerk mieten, dadurch den Status „Eigenstromerzeuger“ sichern und – schwupps – über das „Eigenstrom-Privileg“ von der EEG-Zahlung befreit werden. Sie und die anderen Leserinnen und Leser zahlen dann dafür – Kosten in Höhe von 1,8 Milliarden Euro, jährlich.

3. Es geht der Stahlwirtschaft gar nicht um die Zukunft Deutschlands – sondern um die eigenen Pfründen. Der Weltklimarat hat gerade festgestellt, dass sich in allen Bereichen der Kohlendioxid-intensiven Lebenswelt etwas ändern muss, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Und es wäre ja noch schöner, wenn plötzlich diejenigen die Oberhand erhielten, die nachgewiesen haben, dass Stahl durch Holz ersetzt und so Klimaschutz betreiben werden kann!

Aber so würde das die Stahlwirtschaft natürlich niemals formulieren. Ganz im Gegenteil! In ihrer Werbung heißt es auf der vorletzten Seite:

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Sieh da, die Stahlwirtschaft ist also gar nicht „Problem“ – sondern „Lösung“, wie sie selbst sagt? Obiges Zitat wird in der Broschüre Professor Manfred Fischedick zugeschrieben, dem Vizepräsidenten des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Fischedick ist hoch seriöser Energiewissenschaftler und engagierter Klimaschützer, von ihm stammen Bücher wie „Erneuerbare Energien“ oder „Nach dem Ausstieg: Zukunftskurs Erneuerbare Energien“.

Und Professor Fischedick hat das wirklich so gesagt – und sich damit der Stahlwirtschaft als Kronzeuge dafür angedient, dass die Energiewende zu teuer und Klimaschutz nicht beherrschbar ist? „Das ist von mir korrekt übernommen und autorisiert“, teilt Fischedick dem Klima-Lügendetektor mit, er finde die „Kuppelgasnutzung aus Klimaschutzsicht sinnvoll“. Hier müssen wir kurz etwas erklären: Von „Kuppelgasnutzung“ wird gesprochen, wenn die in Hochöfen prozessbedingt entstehenden Gase (zum Beispiel Kohlenmonoxid) zur Stromerzeugung verwendet werden, statt sie beispielsweise ungenutzt zu verbrennen oder gar in die Atmosphäre zu entlassen. Gegen diese „Kuppelgasnutzung“ ist natürlich wenig zu sagen, doch wird nur ein kleiner Teil des Eigenstroms, mit dem sich die deutsche Schwerindustrie aus dem EEG herausstiehlt, aus Kuppelgas gewonnen. Viel häufiger sind ganz normale Kohle- oder Erdgaskraftwerke. Im Klartext: Aus einem winzigen Teilaspekt bastelt sich die Stahllobby einen generellen Persilschein.

Manfred Fischedick schrieb uns noch: „Ich kenne oder kannte andere Beiträge nicht, mein Beitrag ist sicherlich kein Lügenpamphlet, sondern wissenschaftlich abgedeckt.“ Für den Wortlaut seines Zitats mag das stimmen. Aber sind nicht die geschicktesten Lügner jene, die mit Wahrheiten eine Unwahrheit sagen?

 Vielen Dank an Henriette P. ,  Julian W. und Lars S. für die Hinweise!