Gero Hocker (FDP): Ein Klimairrer im Landtag

Diesmal behandeln wir einen faustdicken Skandal. Es geht um neun Millionen Euro, die das Land Niedersachsen im kommenden Jahr in den Klimaschutz stecken will. Neun Millionen Euro, in einem Küstenland, das den schweren Folgen des Meeresspiegel-Anstiegs Tribut wird zahlen müssen. Ein Land, das von SPD und den Bündnisgrünen regiert wird! Dieses Land will 2014 ganze 1,16 Euro pro Niedersachsen-Kopf in den Kampf gegen die Erderwärmung investieren? Was für ein Skandal!

Findet auch Gero Hocker von der neuen Splitterpartei FDP. Allerdings meint der das anders: Es gibt auf Hockers politischer Agenda nämlich keinen Klimawandel. Alles bloß eine ideologische Lüge, mit der die „Mehrheitsfraktionen“ die Bevölkerung in deren persönlicher Freiheit beschneiden wollen. Statt in den Klimaschutz, forderte Hocker kürzlich im Niedersächsischen Landtag, sollte das Geld lieber in den Hochwasserschutz gesteckt werden.

hocker

Hocker sagte in seiner Rede: „Der IPCC ist nun wirklich kein guter Ratgeber mehr beim Thema Klimaschutz!“ Die Experten hätten noch vor sechs Jahren prognostiziert, dass „das Weltklima pro Jahr um durchschnittlich 0,2 Grad steigt“. Und nur sechs Jahre später müssten die Experten zurückrudern und anerkennen, dass sich die Globaltemperatur nur um 0,05 Grad in den letzten zehn Jahren erwärmt habe. „Und diejenigen wollen uns nun über Jahrzehnte Maßgaben machen, und wir sollen politisch handeln?“ Und dann vergaloppiert sich der – ja, tatsächlich! – umweltpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion völlig: „Grönland war vor 1.000 Jahren eisfrei – zu einer Zeit, in der es keinen CO2-Ausstoß menschengemacht gegeben hat“, sagte Hocker.

Seufz.

Grönland war vor 1.000 Jahren natürlich nicht eisfrei. Der forsche Herr Hocker müsste sich nur mal die Mühe machen, sich aus seinem Wahlkreis Verden nach Bremerhaven aufzumachen und das Alfred-Wegener Institut zu besuchen. Dort gibt es Eisbohrkerne, die bis zu 200.000 Jahre zurückreichen, ohne „eisfreie“ Unterbrechung. Das mit dem eisfreien Grönland behauptete übrigens vor einiger Zeit auch Fritz Vahrenholt (immerhin mit der Einschränkung „fast“), vermutlich hat Klimaexperte Hocker diesen Blödsinn beim Klimaexperten Vahrenholt abgeschrieben.

Aber Herr Hocker kann offenbar ja nicht mal lesen. Denn der IPCC hat nicht prognostiziert, dass „das Weltklima pro Jahr um durchschnittlich 0,2 Grad steigt“. Abgesehen davon, dass „das Weltklima“ gar nicht „steigen“ kann (alle Zahlen beziehen sich in Wahrheit auf die bodennahen Lufttemperaturen), irrt sich Gero Hocker hier um den Faktor Zehn! Im Vierten IPCC-Sachstandsbericht von 2007 nämlich war von einem Anstieg um 0,2 Grad pro JahrZEHNT die Rede gewesen.

Korrekt ist immerhin, dass der jüngst vorgestellte Fünfte Sachstandsbericht den tatsächlich zwischen 1998 und 2012 eingetretenen Temperaturanstieg auf lediglich 0,04 Grad bezifferte. Dieser geringere Anstieg (im englischen Fachjargon „hiatus“ genannt oder „slowdown“) beschäftigt die Forscher sehr. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von plausiblen Erklärungen, Herr Hocker könnte sie in Kapitel 9 des aktuellen IPCC-Reports nachlesen (Box 9.2 ab Seite 28 im verlinkten PDF): Demnach ist ein Großteil der Wärme in den vergangenen 15 Jahren aus der Atmosphäre in die Ozeane abgeflossen, außerdem haben natürliche Schwankungen der Sonnen- und Vulkanaktivität den menschengemachten Erwärmungstrend kurzzeitig überlagert. Nach Redaktionsschluss des Reports kamen noch weitere Erkenntnisse hinzu – einer aktuellen Studie zufolge ist ein Großteil des „Slowdown“ auch mit einer schlichten Messlücke zu erklären: Weil es in der Arktis wenige Wetterstationen gibt, ist der dort besonders stark ausfallende Erwärmungstrend nicht erfasst worden und damit nicht in die Berechnung des weltweiten Durchschnitts eingeflossen.

Aber die Welt der wirklichen Wissenschaft nimmt Gero Clemens Hocker nicht zur Kenntnis: Ob der Mensch überhaupt Einfluss auf das Klima besitzt, sei „höchst umstritten“, schrieb Hocker in einer Pressemeldung. „Nur etwa 2–4 % des freigesetzten CO2 ist menschenverursacht, der größte Anteil stammt aus natürlichen Prozessen, die seit Jahrmillionen auf der Erde passieren, Vulkanausbrüche, Waldbrände etc. Aus diesem Grunde ist es höchst fraglich, ob Einsparungen bei von durch Menschen freigesetztem CO2 tatsächlich Einfluss auf unser Klima haben können.“ Hocker konstatiert entfesselte Ängste vor „dem Klimawandel, der bislang noch lange nicht bewiesen ist“.

Und von solchen Leuten werden wir nun im Parlament vertreten…

Herzlichen Dank an Martin M. für seinen Tipp!