Spiegel Online: Sturm im IPCC-Wasserglas

Ui, was für einen eindrucksvollen Aufmacher Spiegel Online am Sonntagabend zu bieten hatte! Eine knallige Schlagzeile über angebliche „Unstimmigkeiten“ im jüngst erschienenen 5. Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC, dazu ein Hammerfoto dunkler Unwetterwolken. Wirklich ein Hingucker.

spiegelonline_ipcc1

Auch wir haben natürlich gleich auf den Text geklickt, das Klima interessiert uns ja – und etwaige Klimalügen umso mehr, erst recht, wenn sie sich in einem Bericht des IPCC finden sollten. Dann lasen und lasen wir und, äh, tja, hüstel … Waren wir enttäuscht? Ein bisschen schon, weil wir nach der Aufmachung etwas Großes erwartet hatten. Irgendwie eine Fortsetzung von Climategate, einen veritablen Fehler im neuen IPCC-Report, irgendsowas. Aber dann kam nichts, jedenfalls wenig, dem wir im Detail nachgehen konnten. (Andererseits sind wir natürlich nicht enttäuscht, wenn sich herausstellt, dass der neueste IPCC-Bericht bis auf Weiteres als akkurat gelten kann.)

Also, was sind denn nun die „widersprüchlichen Prognosen“ und „Unstimmigkeiten“, die von „Forschern“ im IPCC-Report „entdeckt“ worden sein sollen? Spiegel-Online-Redakteur Axel Bojanowski fasst in seinem Text angeblich fünf „Kritikpunkte“ und „Vorwürfe“ von „renommierten“ Wissenschaftlern zusammen:

Gleich beim ersten gibt es eine große Überraschung: Nach Ansicht „einer Fraktion“ (was immer das sein mag, namentlich zitiert werden hier Michael Mann von der Pennsylvenia State University und Kevin Schaefer von der University of Colorado in Boulder, beide USA) sei der IPCC-Report „zu optimistisch“ – zum Beispiel werde der künftige Anstieg des Meeresspiegels in Wahrheit höher ausfallen als vom Weltklimarat prognosiziert. Donnerwetter, bisher war dem IPCC – auch vom Spiegel – eher Panikmache und Übertreibung der Klimarisiken vorgeworfen worden. Doch es stimmt wohl tatsächlich eher das Gegenteil, erst letzte Woche mahnten Meeresforscher, den Ozeanen gehe es viel schlechter, als der IPCC schreibe. Dies ist in der Tat ein gravierender Vorwurf – aber ein ganz anderer, als er durch die Blogs der Klima“skeptiker“ und Teile der Öffentlichkeit wabert.

Der zweite Vorwurf laut Bojanowski: Der neue Report enthalte einen nur „vorgetäuschten Erkenntnisgewinn“. Drei Wissenschaftler werden in diesem Absatz namentlich erwähnt. Doch der erste, Martin Claußen vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, kritisiert gar nichts. Der zweite ist Michael Oppenheimer von der Princeton University in den USA, mit etwas Mühe haben wir das PBS-Interview gefunden, aus dem Bojanowski offenbar zitiert hat – aber auch hier kein böses Wort über den IPCC. Die dritte Forscherin schließlich ist Judith Curry vom Georgia Institute for Technology, sie hat ihre Klimatologenkollegen tatsächlich schon oft kritisiert. Dies ist die entsprechende Textpassage:

Ausriss mit Zitat: "Andere Forscher zweifeln an der Präzision: Wie könne sich die Wissenschaft sicherer über den menschengemachten Anteil sein, wo in den letzten 15 Jahren natürliche Einflüsse überraschenderweise die Erwärmung der Luft zum Erliegen gebracht haben, fragt sich die Klimaforscherin Judith Curry vom Georgia Institute of Technology, Vorsitzende des Climate Forecast Applications Network.  Der Einfluss von Ozeanströmungen, der Sonne und Vulkanaschewolken aufs Klima sei in den vergangenen Jahren größer gewesen als angenommen, konstatiert zwar auch der Uno-Klimareport. Gleichwohl ist der IPCC sicherer als zuvor, dass hauptsächlich Abgase das Klima seit 1950 verändert haben. "

Gern hätten hätten wir Currys Argument genauer geprüft – aber der Link, den Bojanowski dort eingefügt hat, führt nicht etwa zu einem Beitrag von Curry, sondern nur zu einem alten Bojanowski-Text, in dem Curry auch nicht auftaucht. So können wir nur mutmaßen, was Curry (und mit ihr Bojanowski?) wohl meinen: Der IPCC sei unter Berufung auf zusätzliche Daten aus sechs Jahren heute sicherer als in seinem letzten Bericht von 2007, dass der Mensch Hauptverursacher des Klimawandels ist – das könne doch aber nicht sein, weil in den letzten 15 Jahren natürliche Klimafaktoren stärker gewirkt hätten als zuvor vom IPCC angenommen.

Das aber scheint uns ein Fehlschluss zu sein. Nicht wegen Daten aus den letzten sechs Jahren ist der IPCC heute sicherer in seiner Einschätzung zum menschengemachten Klimawandel, sondern wegen Studien aus den letzten sechs Jahren – und die beziehen sich mitnichten (nur) auf die letzten paar Jahre, sondern auf die Gesamtheit der Erdgeschichte. Salopp gesagt: Selbstverständlich kann die Forschung seit 2007 Dinge herausgefunden haben, die die Verlässlichkeit der klimawissenschaftlichen Erkenntnisse erhöhen – welches Wetter in diesen sechs Jahren herrschte, ist ziemlich unerheblich.

Punkt 3 des Textes ist der bekannte Vorwurf, Deutschland habe zusammen mit anderen Staaten die Kurzfassung des Reports manipuliert. In der 35-seitigen „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ komme das englisch Wort „hiatus“ (zu deutsch: „Lücke, Pause“) nicht mehr vor – der Begriff wird oft für die Verlangsamung der Lufterwärmung in den vergangenen 15 Jahren benutzt. Zwei Forscher zitiert Bojanowski in diesem Abschnitt, Roger Pielke junior von der University of Colorado in Boulder (USA) und Eduardo Zorita vom Helmholtz-Institut für Küstenforschung in Geesthacht bei Hamburg.

Nun kann man trefflich debattieren, ob der Begriff „hiatus“ in die Kurzzusammenfassung gehört oder nicht. Verschwiegen wird das Thema jedenfalls nicht. Auf Seite 10 unter Punkt D1 gibt es dort zwei Absätze über die „beobachtete Reduzierung des Trends der Oberflächenerwärmung zwischen 1998 und 2002″, dazu explizite Verweise auf den ausführlichen Bericht, etwa auf Abschnitt 9.4. und den Kasten 9.2, wo der „hiatus“ und seine möglichen Ursachen auf mehr als zwei Dutzend Seiten behandelt werden. Wie gesagt, man kann gern über die Wortwahl streiten – aber geht es hier um eine „Unstimmigkeit“, einen Fehler, einen „Widerspruch“ im Bericht?

Auch der vierte Abschnitt ist knallig überschrieben: „Gute PR statt sauberer Wissenschaft“. Doch dann tritt erstmal wieder ein Forscher auf – Heinrich Miller vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven –, der den IPCC überhaupt nicht angreift. Und Bojanowskis zweiter Kronzeuge in diesem Abschnitt, Reiner Grundmann, Wissenschaftssoziologe an der Universität Nottingham, stößt sich offenbar lediglich daran, dass der IPCC einer Jahreskurve des Anstiegs der Lufttemperatur seit 1850 eine zweite Grafik beigefügt hat, in der die Durchschnittswerte der jeweiligen Dekaden verzeichnet sind (im Ausriss unten):

spiegelonline_ipcc3

Was aber ist schlimm an dieser Grafik? Wir halten den unteren Teil nicht für Betrug, sondern eher für eine sinnvolle Ergänzung, die Laien zeigt, worauf es in der Klimaforschung ankommt: Mehr auf langjährige Durchschnittswerte denn auf die Daten einzelner Jahre. Und dass der Langfristtrend der Erwärmung trotz eines 15-jährigen „hiatus“ (noch) nicht unterbrochen ist. Bezeichnenderweise geht nur der erste Teil der in Anführungszeichen gesetzten Kapitelüberschrift auf den Wissenschaftler zurück, Grundmann spricht tatsächlich von „guter PR“ – der zweite Teil „statt sauberer Wissenschaft“ ist eine scharfe Zuspitzung, die offenbar von Bojanowski stammt (oder von jemand anderem bei Spiegel Online).

Und was ist mit Vorwurf 5? Der IPCC, heißt es hier, nehme Warnungen oder Prognosen aus früheren Berichten, die sich als falsch oder überzogen herausgestellt haben, nicht explizit zurück, sondern ersetze sie lediglich durch neue Einschätzungen (auf der Basis der nun letztverfügbaren Studien). Hier zitiert Bojanowski zwei Forscher, die schon vorher im Text aufgetreten waren: Grundmann und Pielke jr. Doch zumindest letzterer lobt den IPCC eigentlich, wenigstens teilweise. „Hut ab vor dem IPCC“, sagt Pielke jr. Und sein Vorwurf „Zombie-Wissenschaft“ trifft den IPCC nicht mehr, weil er ja seine Aussagen korrekt an den aktuellen Forschungsstand angepasst hat. Wirkliche Fehler des IPCC in diesem Abschnitt? Fehlanzeige. Allenfalls geht es hier um andere Erwartungen an die Form seiner Berichte.

Fassen wir zusammen:
Im Text findet sich wenig von dem, was die Aufmachung ankündigt.
„Widersprüchliche Prognosen“? „Unstimmigkeiten“? Wo denn?? „Renommierte Forscher kritisieren diverse Ungereimtheiten im Report“, hieß es im Vorspann des Artikels. „Sie erheben fünf Vorwürfe gegen den Welt-Klimarat.“ Zählen wir nochmal schnell nach: Insgesamt neun Wissenschaftler lässt Axel Bojanowski in seinem Text auftreten. Doch drei von ihnen (Claußen, Oppenheimer, Miller) kritisieren überhaupt nichts – immerhin ein Drittel! Von den restlichen sechs stoßen sich drei (Pielke, Zorita, Grundmann) vor allem an Formulierungen und Grafiken im IPCC-Bericht, also eher an dessen Darstellungsweise. Von den verbleibenden dreien kritisieren zwei (Mann, Schaefer), dass der IPCC zu zurückhaltend sei mit seinen Warnungen. Lediglich eine einzige Forscherin (Curry) greift die wissenschaftlichen Bewertungen des Weltklimarates als falsch und übertrieben an – doch ihre Kritik scheint (siehe oben) auf einem Fehlschluss zu basieren.

Ui, was für einen eindrucksvollen Aufmacher Spiegel Online da zu bieten hatte!