Der Spiesser: Nicht vertretbar

„Es geht eben doch, eine glaubwürdige Jugendzeitschrift zu machen“, schrieb die taz 2005. Und interviewte Frank Haring, Herausgeber der Zeitschrift Spiesser: 1994 in Dresden als Schülerzeitung gegründet, machte sich der Spiesser gerade auf, das Bravo-Land aufzumischen – also Westdeutschland.

Herausgeber Haring sagte damals zum Erfolgsrezept der Dresdner Schülerzeitschrift: „Bei Spiesser definieren Jugendliche selbst, was sie im Heft sehen wollen. Klar, mit fachlicher Begleitung. Aber am Ende ist das eben selbst gemacht.“

Mittlerweile liest faktisch jeder deutsche Schüler in den oberen Klassenstufen den kostenlosen Spiesser, die Auflage liegt bei 500.000 Stück. In der aktuellen Ausgabe wollten die Jugendlichen beispielsweise auf Seite 46 das hier sehen:

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„Es ist Wahljahr – und damit Wahlkampf“, heißt es im Kleingedruckten: „Manche Inhalte kommen dabei traditionell zu kurz.“

Und dann stellen der Spiesser respektive seine Macher oder die Jugendlichen eine sehr wichtige Frage: „Doch ist dies“ – also das Zu-kurz-Kommen – „im Falle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) vertretbar? Und wo wir schon dabei sind: Ist das EEG in seiner jetzigen Form überhaupt vertretbar?“

Zu Wort kommt der Jugendliche Thomas (25), der „Hände weg vom EEG!“ sagt: 200 Milliarden Euro müssten her, um die Erneuerbaren auszubauen. „Mit der EEG-Umlage finanzieren wir alle die Energiewende mit. Ich mach das gerne.“

Zu Wort kommt auch Maria (22), die das nicht so gerne macht und auf der nächsten Seite Kontra gibt:

Darf ich mal kurz in die Runde fragen: Ist das fair? Wer ein Windrad oder eine Solaranlage besitzt, bekommt immer Geld – auch im tiefsten, dunkelsten Winter, wenn das Zeug gar keinen Strom produziert.

Und wo wir schon einmal dabei sind: „Für Verbraucher – also für mich! – wird der Strom gleichzeitig ganz schön teuer. Und das verdanken wir dem EEG.“ Maria lässt voll schülerzeitungsmäßig ihren Taschenrechner sprechen. Der sagt: „Das entspricht einem Anstieg von 50 Prozent.“

Die überfällige Reform des EEG sei verschoben worden, schreibt Maria. „Mich macht das fassungslos. Denn die Liste der Probleme ist lang“, so die 22-Jährige. Die dann Beispiele für all die Probleme gibt: „Bis das EEG reformiert wird, produzieren Photovoltaik und Windkraftanlagen munter weiter grünen Strom, der von Marktpreisen unabhängig ist und sogar dann teuer eingekauft werden muss, wenn man ihn gar nicht braucht – wie zum Beispiel am sonnigen Pfingstmontag, an dem viele Fabriken stillstehen.“

Was für ein Satzbau! Welch phantastisches Mäandertum!! Und was für eine energiewirtschaftliche Detailkenntnis!!!

Maria (22) kennt sich sogar mit den Marktpreisen beim Strom im komplizierten Börsengeflecht aus!!!!!!!!

Oder vielleicht doch nicht? Weiter unten heißt es im Text des Spiesser nämlich:

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Und wer jetzt genau nachschaut, der wird ganz oben in der Ecke ein graues, verstecktes Wort finden: „Anzeige“. Weder Thomas (25) noch Maria (22) gibt es wirklich, sondern nur eine Werbeagentur von RWE, die bei Deutschlands Oberschülern mal ein bisschen auf Panik in Sachen Energiewende macht. Was Maria behauptet, stimmt alles nicht so richtig, aber es bringt der Spiesser-Redaktion gemäß Anzeigenpreis-Liste satte 49.800 Euro netto ein.

So gedruckt würden Thomas (25) oder Maria (22) in echt natürlich niemals lügen. Das tut schon weh, aber RWE zahlt gerne: Deutschlands Oberschüler könnten ja die Konterrevolutionäre der Energiemarkt-Revolution werden. Man muss nur zeitig genug anfangen, die falsche Fährte richtig zu legen.

Wir wollten von Eva Weber, Chefredakteurin des Spiesser, wissen, ob die Arbeit ihrer Redaktion in der „jetzigen Form überhaupt vertretbar“ ist, wie es in der Anzeige von RWE so moralisch schwergewichtig heißt.

Diese Frage solle doch bitte per Mail an die für Presseanfragen zuständige Mitarbeiterin des Verlages eingereicht werden, hieß es als Antwort aus der Chefredaktion in Dresden.

Vielen Dank an Björn O. aus Berlin für den Hinweis

PS: Beim Spiesser definieren zum Thema Energie übrigens NICHT die Jugendlichen selbst, was sie im Heft lesen wollen – das tut die Firma RWE für sie.