Der Spiegel: Im Quotenwahn

„Luxus Strom“ titelt Der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe. Unter dieser Überschrift heißt es:

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In einer neunseitigen Titelgeschichte erklären fünf Autoren die Probleme der Energiewende: die Unrentabilität von Gaskraftwerken, die Rentabilität alter Braunkohlekraftwerke, die fehlende Anbindung von Offshore-Windkraftwerken …

Und natürlich die industriestandortzerstörende Explosion der Förderung für Regenerativkraftwerke – fachdeutsch EEG-Umlage genannt. Die Spiegel-Realität in den letzten 16 Jahren stellt sich folgendermaßen dar:

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Umgotteswillen: Das sind ja fast 1.000 Prozent mehr, die Kuno Stromkunde 2014 im Vergleich zu 2004 abdrücken muss! Das kann doch nicht sein, und schon gar nicht beim Spiegel, der ja auch titelt: „Was die Politik dagegen tun muss“.

Weg mit dem seit Jahren bewährten EEG, her mit einer Ökostrom-Quote: Anders als die Einspeisevergütung gibt ein Quotensystem nicht feste Preise für Sonne, Wind und Co vor. Sondern Strom-Mengen: Jeder Stromanbieter müsste dann auf dem Strommarkt X Prozent Ökostrom einkaufen. Das X legt die Regierung fest.

Als Paradebeispiel dient dem Spiegel Schweden, das 2003 die Quote eingeführt hat:

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Klingt nicht schlecht, oder? Einer der größten Befürworter der Quote in Deutschland ist übrigens Rainer Brüderle. Der FDP-Spitzenkandidat lässt kaum eine Gelegenheit verstreichen, um die Mengenlösung anzupreisen. Auch die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, laut Lobbypedia eine marktliberale Lobbyorganisation der Metall- und Elektroindustrie, macht sich für die Quote stark. Genauso wie die Lobby von RWE, Eon, Vattenfall und Co.

Das unterschlägt der Spiegel. Aber vor allem auch, was GEGEN ein Quotenmodell spricht.

1. Das Beispiel Schweden (Quote ab 2003): In der Tat decken hier erneuerbare Energien mehr als die Hälfte des Strommixes ab. Das ist hier aber schon lange so: Dank Schwedens Geografie liefern die Wasserkraftwerke an den Flüssen 44 Prozent. Unter den zehn restlichen Prozent Erneuerbaren ragt die Biomasse heraus, die in konventionellen Anlagen verbrannt wird – Schwedens Wald, beziehungsweise die Reste der Holzwirtschaft. Der Ausbau von Wind- oder Solarkraft? Fehlanzeige! Schwedens Quotenmodell brachte es gerade mal auf vier Prozent Wind-Anteil. Zum Vergleich: Nachbar Dänemark deckt inzwischen 30 Prozent seines Stromverbrauchs durch die Windkraft – dank Einspeisevergütung.

2. Das Beispiel Großbritannien (Quote ab 2002): Die Stromanbieter waren hier eher bereit, die Strafe bei Nichterfüllung der Quote zu zahlen, als in Wind, Sonne und Biomasse zu investieren. Deshalb kamen die Erneuerbaren im Vereinigten Königreich einfach nicht voran. Großbritannien hat sich deshalb 2010 von der Quote verabschiedet – und schrittweise eine Einspeisevergütung nach deutschem Vorbild eingeführt.

3. Das Quotensystem führt dazu, dass Stadtwerke und Energiekonzerne auf den billigsten erneuerbaren Energieträger setzen – große Windparks an Land. Andere Technologien wie die Photovoltaik und die Offshore-Windenergie würden so abgewürgt. Aber niemand kann heute sagen, ob die Solarkraft Effizienzschübe erreicht, die Strom aus Sonne irgendwann billiger machen als Windstrom.

4. Das Quotenmodell hat Grünstrom nicht billiger, sondern teurer gemacht. Untersuchungen haben auch den Grund gefunden: Weil Investoren die Sicherheit verlieren, dass sie immer und uneingeschränkt ihren Strom zu einem festen Preis ins Stromnetz einspeisen können – wie bei der Einspeisevergütung –, haben sie einen Risikoaufschlag in ihre Kalkulation eingepreist – und das verteuert die Kilowattstunde aus Sonne oder Wind.

Eine Handwerksregel für guten Journalismus besagt: Immer auch die Gegenseite befragen, immer auch die Nachteile schildern. Gegen das Quotenmodell lässt sich noch viel vorbringen. Zum Beispiel über Italien, wo es nach einer teilweisen Abschaffung des Quotenmodells zu einem Solarkraftboom kam. Aber das interessiert den Spiegel nicht. Obwohl es in Schweden überhaupt keinen Ausbau der Erneuerbaren gegeben hat, urteilen die Autoren:

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„Bei meinem früheren Arbeitgeber war die Verbreitung von Behauptungen zum Schutz der Interessen der betroffenen Konzerne die offizielle Blattlinie.“ Das sagte der ehemalige Spiegel-Redakteur Harald Schumann in seiner Laudatio, als 2012 der Klima-Lügendetektor mit dem Otto-Brenner-Preis ausgezeichnet wurde. Schumann hatte 2004 aus Protest gegen Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust gekündigt, weil Aust eine negative Windkraft-Geschichte bei einem Autor bestellt hatte. Schumann sagte zu dieser Spiegel-Verbreitung von Behauptungen zum Schutz der Interessen der betroffenen Konzerne: „Das gilt teilweise auch heute.“

PS: Einer der Autoren der 2004 bestellten negativen Windkraft-Geschichte – Frank Dohmen – hat wieder an der Nummer „Luxus Strom“ mitgeschrieben. Ein anderer ist Alexander Neubacher, Autor des Buches „Ökofimmel: Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten“. Beteiligt war außerdem Gerald Traufetter, der 2012 die Vattenfall-Lesetage moderiert hat, eine Greenwash-Veranstaltung, von der sich immer mehr Autoren abwenden.