FAZ: Klimaquatsch mit Dieter Ameling

Dinosaurier sterben zu sehen, macht schon ein bisschen traurig. Aber so ist halt das Leben: Ändert sich die Welt, müssen Arten sich anpassen – oder weichen. Man sollte bloß achtgeben, dass sie nicht noch irgendetwas zerdeppern, wenn sie verzweifelt im Todeskampf um sich schlagen …

Dieter Ameling war einmal ein wichtiger Wirtschaftslenker. Er war lange Jahre Manager bei Thyssen, Krupp und Saarstahl. Er war Präsident des Stahlwirtschaftsverbandes und Mitglied im Bundesverband der Deutschen Industrie. Man könnte noch viele Sätze über Dieter Ameling schreiben, die das Wörtchen „war“ enthalten. Aktiv werden kann er heute, so scheint es, fast nur noch beim Klimaesoterik-Verein EIKE, der Ameling auf seinen Konferenzen sprechen lässt. Nächste Woche feiert Dieter Ameling jedenfalls seinen 72. Geburtstag, und heute hat ihm die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk gemacht: Sie hat (wieder mal) einen Artikel von ihm gedruckt.

Zeitungsausriss mit Überschrift: "Freispruch für CO2 - Revision der Energiewende"

Der Inhalt lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Die Energiewende ist zu teuer und ruiniert die arme deutsche Wirtschaft, die noch stärker ins Ausland flüchten wird, wenn die grünen Chaoten weitermachen wie bisher. Das kann man natürlich so sehen, nicht umsonst steht über dem Artikel „Standpunkt“ – die FAZ-Redaktion kennzeichnet den Text also als Meinungsbeitrag. Trotzdem sollten gewisse journalistische Standards gelten. Westhalb man das zwar konservative, gleichwohl seriöse Blatt schon fragen muss: Sollten Redakteure nicht auch auf Meinungstexte einen kritischen Blick werfen? Und zumindest grobe sachliche Fehler oder Irreführungen verhindern. Okay, der Text stand auf den Wirtschaftsseiten der FAZ, aber Fakten prüfen, das sollte man auch dort können. Oder?

Als Startrampe für seine Suada hat sich Ameling nämlich ein paar Sätze gebastelt, die vorgeben, etwas über die Klimawissenschaft auszusagen. Schauen wir sie uns einzeln an:Ausriss mit Zitat: "Der renommierte Meteorologe Hans von Storch hat jüngst im "Spiegel" sehr klar bekannt, dass eine Erderwärmung seit 15 Jahren nicht mehr stattfindet."

Korrekt an dem Satz ist, dass Hans von Storch ein „renommierter Meteorologe“ ist und dem Spiegel kürzlich ein Interview gegeben hat. Doch hat er – wie sich hier nachlesen lässt – eben nicht „sehr klar bekannt, dass eine Erderwärmung seit 15 Jahren nicht mehr stattfindet“. Das wäre auch Quatsch. Diese Worte hat nur die Spiegel-Redaktion in ihrer Titelei zum Interview gewählt. Korrekt ist, dass die weltweite Durchschnittstemperatur an der Erdoberfläche in den vergangenen 15 Jahren weniger stark gestiegen ist als in den Jahrzehnten zuvor. Doch jeder Wissenschaftler – so auch von Storch – weiß, dass diese sogenannte Erdmitteltemperatur nur ein Indikator für die Erderwärmung ist. Und dass ein 15-Jahres-Zeitraum zu kurz ist, um verlässliche Aussagen über Klimatrends zu treffen – dafür nimmt man in der Regel 30 Jahre. Bei allen kürzeren Zeitspannen überlagern natürliche Klimaschwankungen den Langfristtrend. Und langfristig ist der Trend weiterhin klar, die Erde erwärmt sich. Nur eben, zugegeben, an der Erdoberfläche in den vergangenen 15 Jahren langsamer als zuvor und auch weniger stark, als es Klimamodelle vermuten ließen. Es lohnt ein genauer Blick auf die Worte, die von Storch im Interview wählte: Er sprach von „Stagnation“ der Erderwärmung oder von „Pause“ – aber eben nicht davon, wie Ameling, dass diese „nicht mehr stattfindet“.

Weiter im FAZ-Text: Ausriss mit Zitat: "Die Mittelwerte der Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) zeigen sogar einen Rückgang der Temperaturen, und das, obwohl die Kohlendioxidwerte (CO2) weiterhin von Jahr zu Jahr gleichmäßig steigen."

Der Satz mag, bei wohlwollender Auslegung, stimmen – aber er geht am Thema vorbei. Man weiß nicht recht, was Ameling mit „Mittelwerten der Daten des Deutschen Wetterdienstes“ meint, vermutlich die Temperaturdaten der letzten 15 Jahre (sie sind zum Beispiel hier dargestellt, siehe Seite 12). Aber erstens gilt auch hier, dass die letzten 15 Jahre wenig aussagen über langfristige Klimatrends. Und zweitens sagen Temperaturdaten nur für Deutschland noch weniger über die Entwicklung des Weltklimas. Wir nehmen an, dass der Deutsche Wetterdienst (DWD) die Daten besser deuten kann als der Ex-Stahlmanager Ameling. Und der DWD betonte erst im Mai: „Auch in Deutschland lag die Mitteltemperatur im Jahr 2012 mit 9,1 Grad Celsius (°C) erneut deutlich über dem vieljährigen Mittel von 8,2 °C. Das Jahr 2012 war damit kein Rekordjahr, aber das 16.-wärmste seit 1881. Nach Auswertungen des DWD waren 24 der vergangenen 30 Jahre in Deutschland zu warm. In diese drei Jahrzehnte fielen zugleich 9 der 10 wärmsten Jahre der inzwischen 132-jährigen Zeitreihe des nationalen Wetterdienstes.“ Am Klimawandel bestehe jedenfalls kein Zweifel:

Was aber schließt Ameling aus seinen ersten beiden Sätzen?Ausriss mit Zitat: "Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen steigenden CO2-Gehalten der Luft und dem dadurch bedingten Temperaturanstieg existiert also nicht."

Der Satz ist streng genommen korrekt. Aber in diesem Zusammenhang trotzdem völlig irreführend. Denn niemand, jedenfalls kein Klimawissenschaftler, hat jemals behauptet, dass es einen „unmittelbaren Zusammenhang zwischen steigenden CO2-Gehalten der Luft und dem dadurch bedingten Temperaturanstieg“ gebe. Vielleicht glaubt Klein-DieterFritzchen, dass es einen linearen und direkten Zusammenhang gibt. Aber jeder Klimatologe weiß, dass das Klimasystem der Erde kompliziert ist: Dass es neben Kohlendioxid natürlich weitere Klimafaktoren gibt, etwa Methan, die Sonne oder Aerosole in der Atmosphäre, die das CO2 überlagern können. Dass Temperaturanstiege zeitlich versetzt stattfinden können. Dass die Energie im Klimasystem beständig umgewälzt wird und gigantische Wärmemengen in der Tiefsee „verschwinden“ können (dies ist eine mögliche Erklärung, warum an der Erdoberfläche der Temperaturanstieg momentan eher schwach ausfällt). Und so weiter. Dass 15 Jahre CO2-Anstieg in 15 Jahren linearem Temperaturanstieg münden, erwartet jedenfalls niemand. Außer vielleicht Dieter Ameling. Der weiter schreibt:Ausriss mit Zitat: "Von Storch vermutet, dass in den Klimamodellen der Klimaforscher ein fundamentaler Fehler steckt und die Vorhersagen korrigiert werden müssen."

Autsch, wieder eine Verfälschung des Spiegel-Interviews. Hans von Storch kritisiert darin zwar eine Reihe von Fachkollegen (wie er es übrigens oft und gern tut). Von Storch sagt auch, dass etwas mit den bisherigen Klimamodellen nicht stimmen könne (genau deshalb forscht die weltweite Wissenschaftscommunity ja weiter dran). Von Storch sagt wörtlich: „Wenn das so weitergehen sollte [mit der Stagnation des Lufttemperaturanstiegs], müssten wir uns spätestens in fünf Jahren eingestehen, dass mit den Klimamodellen etwas fundamental nicht stimmt.“ Haben Sie es gemerkt? Er sagt „in spätestens fünf Jahren“. Und selbst das würde, so von Storch, nicht bedeuten, dass es keinen Klimawandel gibt, sondern lediglich, dass er langsamer verläuft oder natürliche Klimaschwankungen stärker sind als gedacht. Auf die Interviewfrage, ob „die Theorie der globalen Erwärmung insgesamt auf dem Spiel“ stehe, antwortet von Storch: „Das glaube ich nicht. Wir haben weiterhin überzeugende Hinweise auf einen menschengemachten Treibhauseffekt.“

Da wirkt der weitere – tja, soll man dazu Argumentationsstrang sagen? – mehr als lächerlich: Ausriss mit Zitat: "Es ist höchste Zeit für einen Freispruch des CO2 mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen: Revision der CO2-Einsparziele. Klimaschutz durch CO2-Reduktion ist nicht möglich. Das Klima kann man nicht schützen. Klimawandel gibt es, solange die Erde sich dreht. Revision der Energiewende mit dem Schwerpunkt "Totaler Stopp für den Ausbau der erneuerbaren Energien". Der Ausstieg aus der Kernenergie soll dabei nicht revidiert werden. Revision der überzogenen CO2-Grenzwerte für die Automobilindustrie."

Für einen „Freispruch des CO2″ gibt es nicht den geringsten Grund, jedenfalls keinen wissenschaftlichen. Alles, was auf den folgenden gut drei Zeitungsspalten noch folgt, kann Herr Ameling ja gern glauben. Er kann auch gern eine „Revision der Energiewende“ fordern. Und weiter auf die fossilen Dinosauriertechnologien setzen, mit denen er groß geworden ist. Aber er kann seine Meinungen nicht aus dem Stand der Klimaforschung ableiten.

P.S.: Hans von Storch hat sich nun auf seinem eigenen Blog „Die Klimazwiebel“ zu Wort gemeldet und Ameling „Frechheit“ vorgeworfen.