RWE: Hinterherhinken statt vorweggehen

Jetzt im Sommer kommen wir endlich dazu, mal den Schreibtisch aufzuräumen. Und da fällt uns doch diese hübsche RWE-Annonce in die Hand:

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Erschienen ist sie bereits im März in der ZEIT. Ein smarter Anzugträger steht da auf einer Windkraftanlage – so weit, so klar die beabsichtigte Botschaft: RWE = Windkraft. Der Mann hält ein Schild mit der Aufschrift: „Auf Augenhöhe statt von oben herab!“ Dessen Sinn ist schon weniger klar: Soll das ein Versprechen an die Stromkunden sein, wie RWE sie künftig behandeln will? Würde „auf Augenhöhe“ bedeuten, dass der stetig sinkende Börsenstrompreis irgendwann auch mal beim Kleinverbraucher ankommt?

Nee, nee, wär‘ ja auch zu schön gewesen. Das Motiv erschien im ZEIT-Ressort Chancen, wo es um Beruf und Karriere und so geht. Statt an RWE-Kunden richtete sich die Anzeige an Jobsuchende. Aber nicht nur der Augenhöhe-Spruch, auch das Kleingedruckte klingt rätselhaft:

Werden Sie Top-Consultant im Zukunftsmarkt Energie. Sie sind ein schlauer Kopf und möchten Ihre internationale Erfahrung in spannenden Projekten einsetzen? Werden Sie Inhouse-Consultant bei RWE und schauen Sie hinter die Kulissen eines Großkonzerns. Wir suchen motivierte Mitarbeiter, die hohe Ansprüche an sich selbst stellen und den Dingen auf den Grund gehen. Die Energieversorgung von morgen beginnt schon heute!

Irgendwie sollen da „schlaue Köpfe“ zu „Top-Consultants“ werden, die dann irgendwas an der „Energieversorgung von morgen“ mitgestalten. Und irgendwer bei RWE meinte wohl, dass man solche Leute am besten mit dem Bild eines Windrads anlockt. Hm.

Tatsächlich kann der Konzern mit der Windkraftanlage nur seine Zukunft meinen. Würde RWE seinen Kraftwerkspark von heute wahrheitsgemäß abbilden, müsste der Mann in der Annonce auf einem rauchenden Braunkohleblock stehen – statt aus klimaschonender Windkraft gewinnt nämlich RWE nach wie vor den Löwenanteil seines Stroms aus dreckiger Kohle. Den ganzen Jammer der Energieversorgung von heute zeigt ein Blick auf die Firmenwebsite:

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Die Angaben beziehen sich auf die Jahre 2012, 2011, 2010, 2009 und 2008 – zwar steigen die Zahlen, aber auch fünfeinhalb Jahre nach vollmundigem Start einer „Öko-Offensive“ kommen bei RWE gerade einmal fünfeinhalb Prozent des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Energien! Hierzulande ist die Lage noch lausiger, denn die Firmenangaben beziehen sich auf das Gesamtunternehmen. Bei den 5,5 Prozent für 2012 sind also auch die Offshore-Windparks mitgezählt, die RWE seit langem vorzugsweise im Ausland errichtet hat, oder die Erneuerbaren-Kapazitäten der 2009 übernommenen niederländischen Essent. Aktuelle Detailzahlen für den deutschen Kraftwerkspark liegen uns nicht vor, aber hier dürfte der Anteil noch deutlich unter 5,5 Prozent liegen. (Für 2009 hatte eine Studie im Auftrag von Greenpeace (siehe S. 45f.) bei konzernweit 3,5 Prozent Ökostromanteil im Inland bloße 2,6 Prozent ermittelt.) Zur Erinnerung: Im deutschen Durchschnitt lag der Öko-Anteil beim Strommix 2012 bereits bei 22 Prozent, also bereits viermal so hoch wie bei RWE.

Aus Mitleid (und weil das Wetter grad so schön ist) schauen wir diesmal gnädig drüber hinweg, dass der Kohlekoloss RWE sich in der Annonce (nicht zum ersten Male) als Windkraftriese geriert. Und wünschen stattdessen dem vorweggehenden hinterherhinkenden Unternehmen, dass die Anzeige erfolgreich ist und RWE ganz viele schlaue Köpfe für eine wirklich saubere Energiezukunft findet!