Monatsarchiv für Oktober 2010

Chemieindustrie: Klimaschutz gewünscht

Sonntag, den 31. Oktober 2010

Gleich mehrere Missverständnisse räumt die Chemieindustrie in ihrer neuen Werbekampagne aus. Bislang dachte man ja, Unternehmen gehörten ihren Anteilseignern, Aktiengesellschaften beispielsweise den jeweiligen Aktionären. Aber nein, die deutschen Chemiefirmen gehören uns allen! „Ihre Chemie“, heißt jedenfalls die großangelegte Kampagne. Und wer bisher meinte, Wirtschaftsunternehmen hätten das Ziel, Gewinne zu erwirtschaften, wird ebenfalls eines Besseren belehrt: Das Ziel der deutschen Chemieindustrie ist nämlich, „die 10 wichtigsten Wünsche der Deutschen“ zu erfüllen.

In der Annonce treten zehn Menschen auf, in den zugehörigen Textchen geht es um „Wünsche“ wie soziale Gerechtigkeit, Gesundheit oder Wohlstand.

Und Wunsch Nr. 6 ist dieser:

Emissionsminderung um mehr als Drittel klingt prima, oder? Doch ein Großteil dieser Senkung hat weniger mit der Sorge der Chemiebranche ums weltweite Klima zu tun als mit dem  Zusammenbruch der DDR-Industrie nach der Wiedervereinigung.

Wir fragten die Pressestelle des Verbandes der Chemischen Industrie, um welche absoluten Mengen an Treibhausgasen es in der Annonce eigentlich geht und wie sich die gefeierte Emissionsminderung im Detail zusammensetzt. Als Antwort bekamen wir ein buntes Faltblatt und eine hübsche Broschüre, die aber zu unseren Fragen wenig aussagen. Deshalb müssen wir uns hier auf andere Quellen stützen: Laut einem Bericht des Bundesumweltministeriums hat die Chemiebranche zugesagt, ihre Klimagas-Emissionen zwischen 1990 und 2012 von gut 91 Millionen Tonnen auf höchstens 50 Millionen Tonnen zu reduzieren, um gut 40 Millionen Tonnen also. Und in einer Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) über die Umweltfortschritte in der Ex-DDR aus dem Jahr 2000 findet sich dieser Satz:

Um rund 30 Millionen Tonnen sank demnach der jährliche Kohlendioxid-Ausstoß der ostdeutschen Chemiebranche, vor allem durch Werksschließungen und die Abschaltung alter Braunkohlekraftwerke – was allein bereits knapp drei Viertel der von der gesamten Chemieindustrie zugesagten Emissionsenkungen entspricht!

Überhaupt tritt die Branche jenseits bunter Annoncen wenig vorbildlich auf: Als vor rund zehn Jahren der EU-Emissionshandel eingeführt werden sollte, wehrte sich der Verband der Chemischen Industrie (VCI) mit Händen und Füßen. Wann immer es seitdem um Details des Emissionshandels geht, fordert die Chemie großzügige Sonderregelungen – und malt dabei schonmal das Schreckgespenst einer „Deindustrialisierung unseres Landes“ an die Wand.

Auch die Klimabilanz der einzelnen Unternehmen ist weniger rosig: BASF wurde vom Umweltverband Germanwatch vor einigen Jahren zum „Klimasünder des Monats“ gewählt. Und Bayer hat nach Angaben der Coordination gegen Bayer-Gefahren bei seinen Klimaaussagen phantasievoll getrickst; vermeintliche Senkungen des CO2-Ausstoßes gingen „größtenteils auf den Verkauf einer Unternehmensbeteiligung und den gestiegenen Fremd-Bezug von Energie“ zurück.

Nunja, zu unseren 10 Wünschen an die Chemieindustrie gehören mehr Wahrhaftigkeit in Sachen Klimaschutz – und mehr (echte) Erfolge.

P.S.: Nach Erscheinen unseres Textes erhielten wir vom Verband der Chemieindustrie (VCI) noch weitere Zahlen. Demnach sanken die energiebedingten Emissionen deutschlandweit zwischen 1990 und 2008 von 65,4 auf 46,6 Millionen Tonnen (daneben wurden auch Emissionen von Lachgas deutlich gemindert). In der Tat, so der Verband, habe man einen Großteil der Senkung durch die Abschaltung alter Braun-, aber auch Steinkohle-Kraftwerke erreicht. Zur ostdeutschen Chemie nennt der VCI weiterhin keine Emissionsdaten – es heißt lediglich, man habe „15,4 Mrd. Euro auf dem Gebiet der ehemaligen DDR“ investiert; die „Energieeffizienz bei bestehenden Anlagen wurde so verbessert, und effiziente neue Anlagen ersetzten veraltete Produktionsstätten“. Und der VCI betont: „Die Minderung in Ostdeutschland wurde aber nicht wie in vielen Regionen Osteuropas dadurch erreicht, dass die Produktion einfach stillgelegt wurde: Teilweise übernahmen die effizienten westdeutschen Betriebe Kapazitäten. Zudem wurde die ostdeutsche Chemie auf dem neuesten Stand der Technik wieder auf- und sogar ausgebaut: Heute produziert die Chemie insgesamt und auch die ostdeutsche Chemieindustrie wieder deutlich mehr als 1990.“


In eigener Sache: Für Klimaretter.info stimmen!!

Freitag, den 22. Oktober 2010

Ausnahmsweise machen wir hier einmal selbst Werbung: Eine unserer „Mutterseiten“, das Online-Magazin Klimaretter.info, ist im Finale der diesjährigen .info-Awards. Dieser Preis zeichnet die weltweit besten Websites mit der Endung “.info“ aus, und Klimaretter.info wurde von der Fachjury bereits unter die Top-10 gewählt.

Nun ist die Netzöffentlichkeit gefragt – also SIE! Noch bis 2. November kann jede und jeder für einen der Finalisten stimmen. „Wir wollen es aufs Siegertreppchen schaffen“, schreibt die Klimaretter.info-Redaktion in einem Unterstützeraufruf, denn „es winken bis zu 7.500 US-Dollar, die wir für unser prekäres Redaktionsbudget dringend brauchen können“.

Das Ganze dauert höchstens eine Minute:

1. Hier klicken zum Registrieren: http://www.info-award.info/user/register (leider muss man eine Mailadresse hinterlassen,  immerhin wird unter allen Abstimmenden aber ein iPad verlost)

2. Nach einigen Sekunden kommt ein Passwort ins angegebene Postfach

3. Erneut auf die Website gehen:  http://www.info-award.info/vote

4. Runterscrollen: An 8. Stelle steht Klimaretter.info, dort auf den kleinen Pfeil über der Zahl klicken

Unterstützen auch Sie die Redaktion!! Wir drücken ihr die Daumen!


Ökostromförderung: Einseitige Zahlen

Samstag, den 16. Oktober 2010

Es ist Jahr für Jahr dasselbe: Mitte Oktober legen die Betreiber der Strom-Übertragungsnetze die sogenannte EEG-Umlage fest – also den Betrag, mit dem Stromkunden im Folgejahr den Ausbau der Erneuerbaren Energien fördern. Laut Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erhalten ja Wind-, Solar- oder Biogas-Anlagen von den Netzbetreibern feste Abnahmetarife für ihren Strom, die Kosten werden dann auf (die meisten) Stromkunden umgelegt. Diese Woche war es wieder soweit, und so sahen die Schlagzeilen (Financial Times Deutschland, Süddeutsche Zeitung, Hamburger Abendblatt, n-tv) aus:

Was war passiert? Die EEG-Umlage soll von aktuell 2,047 Cent pro Kilowattstunde auf 3,53 Cent im kommenden Jahr steigen. Das ist tatsächlich ein Plus von rund 70 Prozent – doch weil die Umlage nur einen kleinen Teil des Strompreises ausmacht, steigt dieser durch die höhere EEG-Umlage nur um ein paar Prozentpunkte. Naja, unter „explodieren“ oder „drastisch“ verstehen wir eigentlich etwas anderes.

Aber gut, der Strom wird 2011 teurer – für einen durchschnittlichen Haushalt mit 4.000 kWh Verbrauch um etwa fünf Euro im Monat bzw. 60 Euro im Jahr. Doch verglichen mit den allgemeinen Preiserhöhungen der vergangenen Jahre, so der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE), ist das ziemlich moderat. Zudem unterschlägt der Blick ausschließlich auf die EEG-Umlage, dass im Gegenzug Wind- und Sonnenkraft den Börsenpreis für Strom drücken. Experten nennen dies den „Merit-Order-Effekt“: An der Börse nämlich wird der Strompreis durch das teuerste Kraftwerk bestimmt, das gerade noch zur Deckung der Gesamtnachfrage benötigt wird. An windreichen Tagen oder im Sommer zur Mittagszeit, wenn Windräder oder Solaranlagen viel Strom liefern, verdrängen sie auch viele teure Kraftwerke. Eon hat dazu schon vor Jahren Gutachten erstellen lassen, und Vattenfall ärgerte sich vor ein paar Wochen öffentlich, dass Windkraft die Profite schmälert. Laut einer Studie der Forschungsstelle für Energiewirtschaft in München sorgten die Erneuerbaren Energien beispielsweise 2008 für Preisdämpfungen von bis zu 5,4 Milliarden Euro. Der gemeine Stromkunde aber merkt davon wenig, weil die Konzerne niedrigere Börsenpreise nur selten an private Endverbraucher weitergeben.

„Zu einer sachlichen Debatte gehört auch, den Nutzen der Erneuerbaren Energien transparent zu machen“, fordert Jörg Mayer, Geschäftsführer der halbstaatlichen Agentur für Erneuerbare Energien. Der EEG-Umlage stünden nämlich (siehe Grafik) viel größere Vorteile gegen- über, etwa die rund 340.000 Jobs in der Ökostrom-Branche oder vermiedene Umweltschäden etwa durch das Abschalten von Kohlekraftwerken.

Ohnehin würden Stromkunden sich die Augen reiben, wenn die gesamten Kosten von Atom- und Kohlekraftwerken auf der Energierechnung auftauchten. Um rund vier Cent pro Kilowattstunde, hat Greenpeace Energy ausrechnen lassen, müssten die Tarife steigen, wenn alle offenen und verdeckten Subventionen der konventionellen Energien auf den Strompreis umgelegt würden.

Und außerdem, betont das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie in einer Studie, sei die EEG-Umlage nur vorübergehend so hoch. Der starke Anstieg in diesem Jahr lasse sich „im Wesentlichen auf mehrere einmalige oder zumindest außergewöhnliche Effekte zurückführen“, etwa einen Extra-Boom bei Solaranlagen, den Schwarz-Gelb durch ein langes Hin und Her um die Kürzung der Einspeisevergütung noch angeheizt hatte. Auf etwa drei Cent pro Kilowattstunde, so das Institut, dürfte die Umlage künftig noch steigen – dann aber zwischen 2016 und 2020 wieder zu sinken beginnen.

Aber erstmal, in den kommenden Wochen, werden die Stromversorger die EEG-Umlage für saftige Preiserhöhungen nutzen – und damit nebenbei versuchen, die Verbraucher gegen die Ökostrom-Förderung aufzubringen. Vorsorglich meldete sich bereits Matthias Kurth zu Wort, der Chef der Bundesnetzagentur: Die Endkunden dürften „nicht in vollem Umfang mit der erhöhten EEG-Umlage belastet werden“, forderte er – auch Kostensenkungen, etwa durch die geringeren Börsenpreise, müssten an die Verbraucher weitergegeben werden. Malsehen, wie viele Stromversorger dieser Forderung nachkommen.


Michelin: Große Werbung, kleine Wirkung

Montag, den 11. Oktober 2010

Das Michelin-Männchen ist eine Ikone der Werbegeschichte: Vor mehr als hundert Jahren, auf der Weltausstellung 1894 in Lyon, soll ein Stapel Reifen in Menschenform den Firmengründer Edouard Michelin auf die Idee für sein Firmenmaskottchen gebracht haben. Seitdem steht ein reifenwülstiges Männchen namens „Bibendum“ für Michelin. Im Laufe der Jahrzehnte wurde es schlanker, und als Rauchen nicht mehr en vogue war, büßte es irgendwann seine Zigarre ein. „Bib“, so sein Kosename, strahle eine „klare, offene und herzliche Persönlichkeit aus“, heißt es auf der Firmenwebsite. Ganz dem Zeitgeist folgend, kämpft das Michelin-Männchen heutzutage gegen Spritverschwendung und fürs Klima: Großformatige Anzeigen im Comic-Stil zeigen einen freundlich lächelnden Bib, der eine grimmig-rote Zapfsäule so richtig vermöbelt.

Mit dem Motiv, erschienen beispielsweise in der ZEIT, wirbt der Reifenhersteller für sein Modell „Energy Saver“. Durch ein geringeres Gewicht und ausgeklügelte Gummi-Mischungen hat dieser Pneu einen geringeren Rollwiderstand – Autos mit solchen Reifen verbrauchen deshalb weniger Antriebsenergie. Im Anzeigentext heißt es vollmundig:

Achtzig Liter, das macht was her! Doch hinter der Zahl steht ein Sternchen. Und ein Blick in die zugehörige Fußnote im Klitzekleingedruckten der Annonce sorgt dann für ziemliche Ernüchterung. Die achtzig Liter sind nämlich über die durchschnittliche Lebensdauer solcher Reifen kalkuliert, also über

Rechnet man davon ausgehend zurück, ergibt sich: Der Michelin Energy Saver sorgt für eine Verbrauchsminderung von bestenfalls 0,17 Liter pro hundert Kilometer. Und setzt man dies in Relation zum durchschnittlichen Spritverbrauch deutscher Autos von 7,6 Litern, dann sorgt der „echte Kraftstoffsparer“ für eine Ersparnis von höchstens 2,2 Prozent. Michelin schaltet also ziemlich große Anzeigen für einen ziemlich begrenzten Effekt.

Natürlich sind jeder unverbrannte Liter Mineralöl und jedes vermiedene Gramm Kohlendioxid eine feine Sache. Doch andere Dinge bringen viel mehr fürs Klima als Michelins Spritsparreifen: Nach Angaben des ADAC kann etwa eine kluge Fahrweise den Kraftstoffverbrauch um zehn bis 20 Prozent drücken, das Abschalten der Autoklimaanlage spart zwischen 0,1 und 2,1 Liter auf hundert Kilometer. Noch mehr brächte es, auf ein kleineres Fahrzeug umzusteigen oder das Auto öfter ganz stehenzulassen. Werbung wie die von Michelin birgt hingegen die Gefahr, dass sich Autofahrer einen Satz „Ökoreifen“ kaufen – und dann mit gutem Gewissen umso mehr rasen.


Atomlobby: Der Mythos vom globalen Akw-Boom

Freitag, den 1. Oktober 2010

Immer wieder beschäftigen uns hier diverse Behauptungen der Atomlobby, zuletzt in der vergangenen Woche. Heute schauen wir mal dreizehn Jahre zurück, genauer in die Ausgabe 32/1997 des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Denn im Rückblick lässt sich vielleicht am überzeugendsten beurteilen, wie verlässlich Aussagen der Akw-Lobby sind.

Atomkraft sei „im Vormarsch“, hieß es damals in einer Annonce des „Informationskreises Kernenergie“ (und allein diese Formulierung wäre bereits einen Grammatik-Sonderpreis wert gewesen). Die Atomstromproduktion in den Mitgliedsstaaten der OECD, so ging es vollmundig weiter, werde „bis zum Jahr 2010 voraussichtlich weiter um rund 13 Prozent zunehmen“. Kernenergie sei also voll der Trend, wollte man damit suggerieren.

Und, stimmte das? Die Zahlenangaben der Spiegel-Annonce aus dem Jahr 1997 lassen sich ja inzwischen an harten OECD-Daten überprüfen. Die Atomagentur der Organisation, die Nuclear Energy Agency (NEA) in Paris, veröffentlichte kürzlich ihre 2010-er Statistik zu Nuklearkapazitäten der 28 Mitgliedsstaaten. Und dort hieß es:

Zu Jahresbeginn 2010 waren also in den OECD/NEA-Mitgliedsstaaten 340 Reaktoren mit einer Kapazität von genau 308.800 Megawatt am Netz – mithin 17 Meiler weniger als 1997! Und der Leistungszuwachs betrug nicht 13 Prozent, sondern lediglich knapp drei Prozent. Selbst wenn man die Kraftwerke mitbetrachtet, die in Bau oder Planung sind, ändert sich nichts an diesem Bild: Ende 2009 waren laut NEA 14 Akw in Bau (exakt so viele wie 1997), 24 Reaktoren (und damit sogar weniger als vor 13 Jahren) werden in den Statistiken als „fest vereinbart“ geführt. Diese Bilanz wäre übrigens noch peinlicher ausgefallen, hätten nicht osteuropäische Atomstromländer wie die Slowakei durch ihre OECD-Beitritte zusätzliche Reaktoren in die Statistik eingebracht.

Und heute? Schwadronieren Atomfans wieder (oder immer noch) von einer Renaissance dieser hochriskanten Technologie. Die Kernenergie sei „international im Aufwind“, behauptet Ralf Güldner, der neue Präsident des Deutschen Atomforums und verweist dabei auf Länder wie Schweden, Großbritannien, die USA oder China. „Weltweit wird es ein Comeback der Atomkraft geben“, prophezeit Welt-Redakteur Ulli Kulke. Bundeskanzlerin Angela Merkel formuliert es so: „Wenn ich sehe, wie viele Kernkraftwerke weltweit gebaut werden, wäre es jammerschade, wenn Deutschland aussteigen würde.“

In einem Jahrzehnt wird man auf diese Worte vermutlich mit demselben Ergebnis zurückblicken wie auf die Spiegel-Annonce von 1997. Bereits heute liegt eine detaillierte Studie des Prognos-Instituts vor, das im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz den Mythos vom globalen Akw-Boom untersucht hat. Ergebnis:

Prognos war übrigens eines der Institute, von dem sich Merkel die umstrittenen Szenarien für ihr Energiekonzept hat rechnen lassen. Umso bemerkenswerter ist der lapidare Satz der Gutachter, sie sähen keine Zunahme von Kernkraftwerken, sondern bloß