Die Bahn & Audi: CO2-Verschiebebahnhof

audi_bahn1Großer Bahnhof gestern in Berlin: Der Autohersteller Audi stellte gemeinsam mit der Bahn-Tochter Schenker Rail den „CO2-freien Schienengüterverkehr“ vor. Künftig sollen die jährlich 625 Züge, die Neuwagen aus dem Audi-Werk Ingolstadt zum internationalen Verladeterminal nach Emden bringen, mit Ökostrom fahren. Als „europaweite“ Pionierleistung lobte dies Schenker Rail. Man setze „neue Maßstäbe“, feierte sich Audi. Von einem „weiteren bedeutenden Meilenstein in unserer Umweltstrategie“, sprach Ernst-Hermann Krog, Leiter Markenlogistik der Autofirma. „Wir können dadurch Emissionen von Anfang an vermeiden.“ Um 5.250 Tonnen pro Jahr werde der CO2-Ausstoß des Konzerns sinken. Das Ergebnis waren denn auch sehr wohlwollende Schlagzeilen, etwa bei Welt oder Süddeutscher Zeitung – die kann Audi, seit Jahren für seine klimaschädliche Neuwagenflotte bekannt, gut gebrauchen.

audi_bahn2Doch der direkte Klimanutzen des „Eco Plus“-Cargoangebots der Bahn ist nahezu Null. Denn es basiert auch nur auf dem Prinzip des Personen-“Öko-Tickets“, über das wir vor knapp einem Jahr berichteten: Die Bahn kauft für die gebuchten „CO2-freien“ Fahrten Strom aus alten Eon-Wasserkraftwerken ein, die allesamt seit den sechziger oder siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts laufen. Bisher floss diese saubere Elektrizität in den normalen, deutschen Strommix ein – künftig wird sie ausgegliedert und der Klimavorteil separat an den Autohersteller verkauft, der die rechnerische CO2-Einsparung in seine Umweltbilanz einbuchen kann. Real aber ändert sich nichts, denn der allgemeine, deutsche Strommix wird im Gegenzug um 5.250 Tonnen Kohlendioxid schmutziger. Das von Audi und Bahn gefeierte Projekt ist also erstmal nur ein Verschiebebahnhof.

Um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, verspricht Karl-Friedrich Rausch, der Chef der Logistiksparte der Bahn, immerhin zehn Prozent der Mehreinnahmen für das „grüne“ Beförderungsangebot in einen Fonds zu stecken, aus dem wirklich neue Anlagen zur Erzeugung von Ökostrom finanziert werden sollen. Welche das sein werden, kann die Bahn aber noch nicht sagen. Und eine kleine Überschlagsrechnung ergibt, dass das groß gefeierte Audi-Engagement eine ziemlich mickrige Summe erbringt: Etwa zehn Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom pro Jahr werden laut Bahn für Audis Öko-Autozüge eingekauft – bei Großhandelspreisen von rund 5 Cent pro kWh ergeben sich Stromkosten von rund 500.000 Euro. Wenn man nun einen zwanzigprozentigen Preisaufschlag für den alten Eon-Wasserstrom annimmt und davon die zehn Prozent kalkuliert, die die Bahn in neue Anlagen stecken will, ergeben sich sagenhafte 10.000 Euro pro Jahr. Das reicht für die Anschaffung von etwa 15 Solarmodulen.

Noch eine andere, schnelle Rechnung: Wieviel sind – für einen Autobauer wie Audi – eigentlich 5.250 Tonnen Kohlendioxid? Laut jüngsten Prognosen will der Konzern 2010 rund 1,08 Millionen Fahrzeuge verkaufen. Angesichts einer durchschnittlichen Fahrleistung von rund 12.000 Kilometern pro Jahr bräuchte Audi den CO2-Ausstoß seiner Autos um lediglich 0,4 Gramm pro Kilometer senken, um der Atmosphäre dieselbe Menge des Treibhausgases zu ersparen. Und zwar tatsächlich, nicht nur im Rahmen eines phantasievollen Strom-Verschiebebahnhofs.

Bei rund 161 g/km lag im vergangenen Jahr der CO2-Ausstoß der Audi-Neuwagenflotte (deutlich über dem deutschen Durchschnitt von 154,2 g/km und meilenweit entfernt von den 140 g/km, zu denen sich die Konzerne eigentlich für 2008 verpflichtet hatten). Die Ingolstädter haben also noch viel Einsparpotenzial, Konkurrent BMW etwa ist beim CO2-Flottenwert deutlich weiter. Doch statt seine Klima-Hausaufgaben zu machen, schmückt sich Audi lieber mit fast wirkungslosen  Symbolprojekten.

Danke an Jörg Z. und Stephan P. für die Hinweise