Monatsarchiv für Oktober 2009

Braunkohleverband: Über das Wunschdenken

Freitag, den 23. Oktober 2009

Im Zuge der großen Imagekampagne des Deutschen Braunkohlen-Industrie-Vereins (Debriv) erscheinen derzeit wieder Woche für Woche sogenannte Expertenbeiträge in Spiegel, ZEIT und vielen anderen Medien. Seriös wirkende Wissenschaftler in Schlips und Kragen lächeln den Betrachter freundlich an. Das Niveau der Beiträge allerdings – vor allem das der senfgelb hervorgehobenen Kernaussagen – sinkt stetig. So erklärte kürzlich Professor Reinhard Leithner, Experte für Kraftwerksbau an der TU Braunschweig:
Leithner
In der folgenden Woche polterte Professor Herrman-Josef Wagner vom Institut für Energietechnik der Ruhr-Universität Bochum:
Wagner
Und anschließend verkündete Professor Joachim Weimann, Wirtschaftswissenschaftler und „Umweltexperte“ an der Universität Magdeburg:
Weimann
Schwarzweiß-Denken, Wunschdenken, Ideologien? Klingt irgendwie alles ähnlich – und nicht gerade sachlich. Die Braunkohlelobby hält offenbar die Strategie für besonders vielversprechend, ihre Kritiker als unrealistische Öko-Spinner hinzustellen. Und aus Professorenmund erscheinen solche Attacken nach dem Kalkül der Werber besonders glaubwürdig.

Aber schauen wir uns doch den aktuellen Beitrag einmal näher an. Autor ist diese Woche Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Er lässt sich mit diesen Worten zitieren:
Blum
Das klingt erstmal nach mehr Seriosität als in den Vorwochen, offenbar geht es ums Thema CO2-Abtrennung und -Endlagerung (CCS). Im Kleingedruckten philosophiert Blum allerdings erstmal darüber, wie die ostdeutschen Länder ihren wirtschaftlichen Rückstand am besten aufholen könnten. Er erklärt, dass die Region in den „boomenden Bereichen Windenergie, Solartechnik und Biomasse“ aussichtsreich aufgestellt sei, um dann überraschenderweise den Begriff Nachhaltigkeit umzudeuten: Der darf seiner Meinung nach nicht auf „die sogenannten erneuerbaren Energien“ eingeschränkt werden.

Zur Sache kommt er erst im letzten Absatz. Nehme man die Klimaproblematik ernst, müsse „zwingend“ auch CCS „entwickelt und eingeführt“ werden. Er schließt mit den Sätzen: „Nicht die Beseitigung des industriellen Kerns Braunkohleindustrie wäre ein Beitrag zur Wirtschaftsstruktur in den neuen Ländern, sondern deren Pflege. Wissenschaft und Unternehmen müssen der Bevölkerung die Gewissheit vermitteln, dass die sichere CO2-Lagerung möglich ist.“

Was Professor Blum nicht sagt ist, dass es diese Gewissheit gar nicht gibt. Erst kürzlich stellte das Umweltbundesamt in einem Hintergrundpapier zusammenfassend fest, es sei „derzeit unklar, ob CCS eine Option zur großtechnischen CO2-Emissionsminderung und damit eine bedeutende Maßnahme des Klimaschutzes werden kann“. Außerdem heißt es dort: „Der Einsatz fossiler Brennstoffe würde auch mit dem Einsatz der CCS-Technik nicht nachhaltig.“ Und: „Die möglichen Schäden sind vielfältig und noch nicht ausreichend erforscht.“ Ganz offensichtlich handelt es sich beim Optimismus des Wirtschaftswissenschaftlers Blum in der technischen Frage der CO2-Endlagerung um „Wunschdenken“.

Apropos Wunschdenken: In Deutschland hat der Ausbau der erneuerbaren Energien in den letzten Jahren die Prognosen immer wieder übertroffen.

Danke an Marie R. für den Hinweis


Audi & VW: Grüner wird’s nicht?

Mittwoch, den 14. Oktober 2009

In der Werbung wie in der Politik gibt es eine Devise: Aussagen müssen nicht unbedingt richtig sein; wenn man sie nur oft und laut genug wiederholt, dann wird schon etwas hängenbleiben davon.

Üppige 32 Seiten haben die Werbeabteilungen von Volkswagen und Audi in der aktuellen auto, motor und sport gekauft (Listenpreis pro Seite: 37.500 Euro zzgl. MwSt). In geballter Form versuchen die beiden Konzerne da, ihr Image grünzufärben. audivw_amspoloIn malerischer Landschaft, zwischen Wiesen und Wäldern, zeigt VW seine angeblich sauberen und sparsamen Modelle – die wir alle auch schon genauer betrachtet haben: Den Polo BlueMotion etwa, den es ausschließlich mit der finanziell besonders unattraktiven Trendline-Ausstattung zu kaufen gibt – und in der besonders sparsamen (3,3 l/100 km) noch gar nicht. audivw_amsgolfDen Golf BlueMotion, den Sie in keinem Autohaus zur Probe fahren können. Die Passat-Versionen BlueTDI und BlueMotion, bei denen niemand versteht, warum man in Wolfsburg den besonders sauberen Diesel, der bereits die Abgasnorm Euro 6 erfüllt, und den besonders sparsamen Diesel, der immerhin auf 114 Gramm Kohlendioxid-Ausstoß kommen soll, in zwei unterschiedlichen Modellen anbietet statt sinnvoll in einem. audivw_amspassat2Warum sind die CO2-Emissionen der VW-Neuwagenflotte so mies, wenn es – wie die Werbung suggeriert – nur Sparwunder gibt? Weil es bei der Masse der Standardmodelle so gut wie keine Bewegung gibt und die Wolfsburger für ihre BlueMotion-Pakete Aufpreis verlangen. Das ist prima für die Rendite, aber nicht fürs Klima.

In kühlem Silbergrau und unter dem Slogan „100 Jahre Vorsprung durch Technik“ präsentiert sich 20 Seiten später Audi. audivw_ams_q7Dort wird der Monster-Geländewagen Audi Q7 als Ökoauto beworben – dabei ist der „TDI clean diesel“ nicht Ausdruck von besonderer Innovationskraft, sondern notgedrungene Folge strenger US-Abgasnormen. Bei dem Modell funktioniert zwar die Reduzierung der Stickoxide, aber beim CO2-Ausstoß liegt der Q7 weiter jenseits von Gut und Böse. audivw_ams_etronDer gegenwärtigen Mode folgend präsentieren die Ingolstädter auch ein Elektroauto („Bei diesem Wagen müssen Sie auf nichts verzichten – außer auf Kraftstoff“), das es längst noch nicht gibt.

Vollends grotesk wird es, wo Audi sein Streben nach Effizienz durch energiesparende Fahrzeuglampen (!) zu untermauern versucht:

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Bei solcherlei  Kosmetik ist es eigentlich kein Wunder, dass Audis CO2-Flottenwert zu den schlechtesten der deutschen Automarken gehört: 176 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer stießen die im Jahr 2008 neu zugelassenen Audi-Fahrzeuge im Durchschnitt aus. Das ist „Rückstand durch Technik“.


SpiegelOnline: Platte Polemik gegen Solarstrom

Sonntag, den 11. Oktober 2009

Donnerwetter, SpiegelOnline-Redakteur Anselm Waldermann hat wieder einmal einen Skandal enthüllt!
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In seinem Text zu dieser Überschrift rechnet der Kollege vor, dass die in den vergangenen vier Jahren (also während der Amtszeit von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel) hierzulande installierten Photovoltaik-Anlagen gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) „langfristig Kosten von 27 Milliarden Euro“ verursachen würden.

Ist das nicht eine Sauerei?

Nun steht außer Frage, dass die Kosten für die Herstellung von Solarzellen in den vergangenen Jahren stark gefallen sind (auch dank der Massenproduktion, die das EEG ermöglicht hat) – schneller jedenfalls, als die meisten Experten angenommen hatten. Es spricht deshalb einiges dafür, die Einspeisevergütung für Solarstrom ebenfalls etwas schneller abzusenken als bislang geplant. Das könnte den Rationalisierungsdruck auf die Branche erhöhen – die „grid parity“ (der Zeitpunkt, zu dem Strom vom eigenen Solardach so teuer ist wie jener aus der Steckdose, was einen selbsttragenden Boom auslösen könnte) wäre dann wohl noch schneller erreicht.

Über all dies ließe sich relativ nüchtern schreiben, wie es vor ein paar Wochen Fritz Vorholz in der ZEIT tat. Anselm Waldermann aber greift die Monate alte Studie des RWE-nahen Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) mit dramatischen Worten auf – zufällig mitten in den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen.

27 Milliarden Euro – das klingt nach einer riesigen Summe. Doch neben den Steinkohlesubventionen der vergangenen Jahrzehnte sind das Peanuts, und auch in den kommenden Jahren noch wird der Staat für die Förderung der klimaschädlichen Kohle knapp 20 Milliarden Euro ausschütten. Die Atomkraft wurde und wird laut einer Greenpeace-Studie hierzulande mit knapp 260 Milliarden Euro subventioniert. Beides erwähnt Anselm Waldermann nicht. Stattdessen schreibt er, die Solarförderung entspreche

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Diese hohe Zahl ergibt sich nur, wenn man die zu zahlenden Einspeisevergütungen über den Gesamtzeitraum von 20 Jahren aufaddiert. Auf den Monat gerechnet ergäbe sich pro Kopf ein Betrag von etwa zwei Euro. Das klänge ganz anders, oder?

Eine Solaranlage, die heute installiert werde, verursache noch in 20 Jahren Kosten, kritisiert SpiegelOnline und verwendet dafür unter Berufung auf „Experten“ den Begriff „Solarschulden“. Doch eine kleine Google-Recherche ergibt, dass das Wort offenbar auf Manuel Frondel zurückgeht, ebenjenen Wissenschaftler beim RWI, von dem die erwähnte Studie stammt und der schon öfter mit stromkonzernfreundlichen Rechnungen auf sich aufmerksam machte.

Auf 2.000 Megawatt beziffert Waldermann die in diesem Jahr zu erwartende Kapazität an neuen Solarstrom-Anlagen – und im Tenor des Textes klingt das wie eine Zahl, vor der man sich fürchten muss. Im ersten Halbjahr 2009 allerdings gingen laut Bundesnetzagentur gerade einmal 518 Megawatt ans Netz – der Zubau müsste sich zum Eintreffen der Prognose also noch deutlich beschleunigen.

SpiegelOnline polemisiert lieber mit Bildunterzeilen wie dieser:

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Dabei wird unterschlagen, dass Solarzellen in 20 Jahren wenigstens noch Strom liefern – und zwar ausschließlich Strom. Bei der Atomkraft hingegen fallen „dank“ des radioaktiv strahlenden Abfalls noch unkalkulierbare Kosten an, wenn alle Akw längst abgeschaltet sind.

Danke an Sandra W., Stephan E. und Edgar für die Hinweise


Puma: Ein bisschen Ökostrom

Mittwoch, den 7. Oktober 2009

„Gerecht, ehrlich, positiv, kreativ“ – das ist die Vision des Sportmode-Konzerns Puma, oder auf Englisch:

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Ökostrom passt da prima. Und deshalb bezieht das Weltunternehmen aus dem bayerischen Herzogenaurach nun saubere Energie von Lichtblick. Zweifellos ist das eine gute Sache, denn der Treibhausgas-Ausstoß der Firma wird dadurch – heißt es in einer Pressemitteilung – um „jährlich mehrere Tausend Tonnen CO2″ gemindert. Man habe sich bewusst für Lichtblick entschieden, erklärt auf Anfrage eine Puma-Sprecherin, weil dieser ein reiner Ökostrom-Lieferant sei und die Glaubwürdigkeit deshalb besonders hoch.

Grün sind die Turnschuhe, Trikots oder Fußbälle von Puma deshalb aber noch lange nicht. Denn den korrekten Lichtblick-Strom gibt es nur für die Puma-Hauptverwaltung in Herzogenaurach, die Versandzentrale und drei deutsche Puma-Läden. Für die Fabriken aber, in denen der Konzern weltweit seine Produkte fertigen lässt, ändert sich durch den Schritt erst mal nichts. puma_sustainreportZwar kümmert sich Puma durchaus um Arbeits- und Umweltbedingungen in den Produktionsländern (und berichtet auf 122 Hochglanzseiten in seinem Nachhaltigkeitsbericht davon). Zwar habe, betont die Firmensprecherin, ein Lieferant in Indien eine eigene Windkraftanlage, ein anderer in Südafrika arbeite „klimaneutral“. Doch ein Großteil der Fabriken steht in China, und, ja, die produzieren wie dort üblich mit dreckigem Kohlestrom.

Deshalb bleibt ein Beigeschmack: In den Puma-Stores ist die Leuchtreklame künftig ökologisch korrekter als die eigentlichen Produkte.