Steinkohleverband: Tricksen ist nachhaltig

Mit diesen Worten hat der Gesamtverband Steinkohle (GVSt) die neueste Ausgabe seiner Info-, äh, Faltblatt-Reihe „Fakten – Analysen – Argumente“ überschrieben:

Donnerwetter!! Das ist ja ’ne dolle Nachricht!

So werden die Kohlelobbyisten auch gedacht haben, weshalb sie den gesamten Text gleich noch als bezahlte PR-Meldung von der Nachrichtenagentur dpa verschicken ließen. Kohlestrom, stand da weiter, habe „nachhaltig und langfristig geringere soziale Kosten“ als „viele erneuerbare Energien“. Zu diesem Ergebnis sei ein breites, EU-gefördertes und von 66 Universitäten, Instituten und Organisationen getragenes Forschungsprojekt namens NEEDS gekommen.

Das hat uns natürlich neugierig gemacht. Also suchten wir auf der Internetseite des Forschungsverbundes nach den Details zur Meldung. Details fanden wir tatsächlich zuhauf – NEEDS scheint ein wahres Mammutprojekt gewesen zu sein, mehr als vier Jahre wurde geforscht, mehr als zwei Dutzend, oft Hunderte Seiten dicke Berichte gibt es auf der Website – aber keine einzige Studie, die die spektakuläre Aussage der Kohlelobby unterfüttert.

Also, Anruf beim Verband in Essen. Der Sprecher bestätigt denn auch gleich: „Nein, Sie haben nichts übersehen.“ Es gebe keine Studie, die der Meldung zugrunde liegt. Man habe die Ergebnisse selbst „ausgewertet“, die auf dem Schlussworkshop von NEEDS in Brüssel vorgestellt wurden, vor allem einen Vortrag von Professors Rainer Friedrich von der Universität Stuttgart.

Ein weiterer Anruf, diesmal in Stuttgart, lässt dann die Propagandablase des GVSt platzen. Ja, ja, heißt es beim dortigen Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung, es hätten schon einige verwunderte Journalisten nachgefragt. Aber dass Kohle „nachhaltig“ sei, das „hat nie jemand gesagt“.

In der Tat handelte der Vortrag, den Professor Friedrich in Brüssel hielt, von den Kosten verschiedener Energieträger, da wurden Investitions- und Betriebs- und andere Ausgaben für Wind-, Atom-, Solar-, Kohle- und anderen Kraftwerken verglichen, und es wurden auch die sogenannten externen Kosten betrachtet – also Umwelt- oder andere Schäden, die bei der Stromerzeugung angerichtet werden, für die aber außer der Natur bisher niemand zahlt. Mit nebenstehenden Worten fasst der Steinkohleverband den ganzen Vortrag zusammen.

Und diese Formulierung deutet dann schon auf den wesentlichen Haken an der ganzen Sache: Die Kohlekraftwerke, die angeblich so supergut abschneiden, die gibt’s noch gar nicht – denn die Technologie zur Abscheidung und unterirdischen Lagerung von Kohlendioxid (CCS) ist noch längst nicht einsatzreif. Alle heutigen Kohlekraftwerke (und auch die gegenwärtig neu in Bau befindlichen) gehen bekanntlich ohne CCS ans Netz. Deshalb schneiden real existierende Kohlekraftwerke alles andere als „überdurchschnittlich gut“ ab.

Aus dem zwanzigminütigen Vortrag von Professor Friedrich hat sich der Steinkohleverband eine Grafik herausgepickt und auf seinem Faltblatt nachgedruckt (links). Beim Blick in das Originalmanuskript aber wird schnell klar, dass es das (für die Kohle) vorteilhafteste Häppchen aus der gesamten Arbeit ist. In einer anderen Grafik über externe Kosten beispielsweise schneidet die Kohle von allen Energieträgern am schlechtesten ab:

Und blickt man nicht auf das Jahr 2025, sondern auf 2050, dann sieht die Kohle miserabel aus. Selbst mit der hochgepriesenen CCS-Technologie liegt Kohlestrom auf dieser Grafik nur noch im Mittelfeld – und Braun- bzw. Steinkohlekraftwerke ohne CO2-Abscheidung landen ganz am linken Rand, also an vorletzter und letzter Stelle:

„Die Umweltschäden bei Kohlekraftwerken sind hoch“, sagte uns Professor Friedrich noch, und zwar „höher als bei allen anderen untersuchten Energieträgern.“ Außerdem werden Kohlekraftwerke selbst mit CCS noch größere Mengen an gesundheitsschädlichen Stoffen wie Feinstaub ausstoßen.

Aber wieso schneiden sie dann bei den „sozialen Kosten“, wie der Kohleverband schreibt, „überdurchschnittlich“ ab? Weil unter diesen wissenschaftlichen Begriff auch Betriebs- und Investitionskosten fallen – und da sind Kohlekraftwerke nunmal erheblich billiger als beispielsweise Solarzellen. Wenn die Kohlelobby das nachhaltig nennt, so Rainer Friedrich, dann „ist das natürlich problematisch“. Tatsächlich findet sich nirgends in Friedrichs Vortrag und auch nicht (wie der Gesamtverband Steinkohle in seiner Mitteilung suggeriert) im Namen des NEEDS-Projekts das Wort „nachhaltig“ (englisch: sustainable) – der Lobbyverband hat sich also offenbar einfach einen eigenen Nachhaltigkeitsbegriff kreiert. Das sollen dann wohl die Anführungszeichen in der Überschrift bedeuten – und nicht, wie man denken soll, äh, könnte, ein Zitat aus dem Forschungsprojekt kennzeichnen.

Letzter Anruf beim Gesamtverband Steinkohle: Ist denn der verbreitete Text oder die Überschrift mit Herrn Friedrich abgesprochen? Der Sprecher schweigt, atmet tief, sagt dann „Nein“. Aber für den Nachdruck von Friedrichs Grafik, betont er, dafür habe man selbstverständlich die Genehmigung eingeholt.

Danke an Hanjörg P. aus Leipzig für den Hinweis