Bild & RWI: Windige Zahlen für die Atomkraft

7 Wahrheiten

Man sollte grundsätzlich misstrauisch sein, wenn die Bild-Zeitung „Wahrheiten“ ankündigt. Aber was sich heute auf Seite 2 von Deutschlands größter Boulevard-Zeitung fand, war schon ein besonderes Werk: „Kernkraft ist sicher“, lautete Wahrheit Nummer 1, sie befinde sich weltweit „im Aufschwung“, hieß es unter Punkt 2. Ersteres wird regelmäßig durch kleine oder größere Störfälle widerlegt. Zu Zweitem bräuchte man eigentlich nur zu sagen, dass die derzeit in Bau befindlichen Neu-AKW die altersbedingt in den nächsten Jahren nötigen Abschaltungen nicht ausgleichendie Zahl der Atomkraftwerke weltweit also eher im Abschwung ist.

Bild-Wahrheit Nummer 3 war zumindest neu – und wurde deshalb auch von der Deutschen Presseagentur und, nochmals zugespitzt, von focus.de weiterverbreitet.

Doch wahr ist diese „Wahrheit“ deshalb noch lange nicht. Denn die Erzeugungskosten einer Kilowattstunde Strom haben nur mittelbar etwas damit zu tun, wie viel der Endkunde dafür zahlen muss. Dessen Preis orientiert sich viel stärker an den Kursen der Strombörse in Leipzig. Die Differenz zwischen dem dort erzielbaren Preis und den Erzeugungskosten fließt als Gewinn in die Kassen der Energiekonzerne.

Der von Bild zitierte Experte Dr. Manuel Frondel vom RWI, dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, tritt in den Medien regelmäßig als Kritiker auf, wenn es beispielsweise gegen das Erneuerbare-Energien-Gesetz und dessen Förderung für Solarstrom geht. Wir haben Manuel Frondel angerufen und nach den Details seiner Rechnung gefragt. Leider hat er uns die im Gespräch gefallenen Zitate nicht autorisiert, weshalb wir sie hier nur indirekt wiedergeben dürfen. Klar, er habe die Zahl nur sehr überschlägig ermittelt, so Frondel, nämlich indem er die Differenz der Erzeugungskosten von Atom- und Kohlestrom – ca. zwei Cent pro Kilowattstunde – mit der Menge des im vergangenen Jahr hierzulande erzeugten Atomstroms (140 Mrd. kWh) multiplizierte und über 20 Jahre aufaddierte.

In der Tat, räumt Frondel ein, haben die Erzeugungskosten erst mal nichts mit dem Endpreis des Stroms zu tun. Die errechnete Ersparnis fällt also bei den Stromkonzernen an, und natürlich müssten die ihre Ersparnisse nicht an die Verbraucher weitergeben. Dies habe er so auch nie gesagt.

Die Bild-Zeitung allerdings zitierte ihn mit der Aussage, durch die Verschiebung des Atomausstiegs blieben „uns“ Kosten von 50 Milliarden Euro erspart. Wieso sagt Frondel „wir“, wenn es um Einsparungen auf Seiten der Energieerzeuger geht? Vielleicht, weil sein Institut mit der Energiewirtschaft verbändelt ist? Weil der langjährige Präsident der Gesellschaft der Freunde und Förderer des RWI Dietmar Kuhnt heißt? Der Dietmar Kuhnt, der vorher Vorstandschef des AKW-Betreibers RWE AG war?

P.S.: Für BILDblog ist einer der Autoren der Bild-“Wahrheiten“, Oliver Santen, übrigens kein unbekannter, schön öfter ist er durch ungemein wohlwollende Texte aufgefallen.