Schon wieder die Braunkohle-Lobby: ein "missbrauchter" Kronzeuge

Ein fröhliches „Danke!“ an dieser Stelle an den Deutschen Braunkohle-Industrie-Verein (DEBRIV) in Köln. Seine seit vier Wochen laufende Werbekampagne „Braunkohle. Was liegt näher?“ liefert uns zuverlässig Material – wir hoffen nur, dass es die Leser (noch) nicht langweilt.

Die Kampagne wirbt mit langen Expertentexten und propagiert neue Kohlekraftwerke. Mal lässt sie einen Professor sagen: „Die Abschaffung von Kohlekraftwerken zu fordern, ist nicht sinnvoll.“ Ein anderes Mal heißt es: „Ein Ausstieg aus der Braunkohle wäre ein Weg in eine klimapolitische Sackgasse.“ Die Anzeigen kommen seriös daher, jonglieren aber sehr freihändig mit Zitaten und Fakten. Im neuen SPIEGEL nun lässt der DEBRIV einen überraschenden Kronzeugen auftreten: Professor Robert Socolow von der US-Universität Princeton.

socolow_sh.jpg

Socolow ist – im Unterschied zu den vorherigen Kronzeugen des DEBRIV übrigens – ein weltweit renommierter Klimaexperte. Sein Artikel im Magazin Science aus dem Jahr 2004, in dem er die schier übermächtig erscheinende Aufgabe der drastischen Reduzierung des CO2-Ausstoßes in kleine Stückchen („wedges“, zu Deutsch: „Keile“) zerteilte und so ein Szenario für konkrete Klimaschutzmaßnahmen entwarf, ist mittlerweile ein Klassiker der Klima-Literatur.

Deshalb verwundert es, dass Socolow nun ausgerechnet bei der deutschen Kohle-Lobby auftritt. Unten rechts in der Annonce heißt es:

socolow_kl_sh.jpg

Eine Nachfrage bei Socolow aber ergibt: „Ich wurde nicht von der deutschen Kohle-Industrie interviewt.“ Er habe nur mit einem Schweizer Journalisten gesprochen, der für die Neue Zürcher Zeitung arbeitet. Über weite Strecken ist der Text eine Wiedergabe von Socolows auch schon auf Deutsch veröffentlichten Thesen: „Schnellstens“ fordert er Maßnahmen zur Senkung des weltweiten CO2-Ausstoßes, zum Beispiel durch Energiesparen oder die Einführung von Vier-Liter-Autos. Ein Teil der Emissionssenkungen, die in den nächsten 50 Jahren geschehen müssten, so Socolow, könne „die Installation von Systemen zur CO2-Abtrennung und -Speicherung (Carbon Capture and Storage, CCS) bei 800 großen Kohlekraftwerken“ erbringen.

Auf dieser CCS-Technologie ruht alle Hoffnung der Kohle-Industrie, trotz Klimawandel noch Kraftwerke betreiben zu können. Der Haken: CCS wird frühestens im Jahr 2020 großtechnisch einsatzfähig (und möglicherweise niemals rentabel) sein. Schaut man deshalb auf den Stand neuer Kohlekraftwerks-Projekte in Deutschland, ergibt sich dieses Bild:

derzeit in Bau befindliche Kraftwerke: 5

davon werden mit CCS in Betrieb gehen: 0

weitere Kraftwerke in konkreter Planung: 22

davon werden mit CCS in Betrieb gehen: 0

Auf Nachfrage sagt Robert Socolow denn auch explizit: „Nein, ich unterstütze den Bau neuer Kohlekraftwerke nicht, wenn sie keine CO2-Abscheidetechnik besitzen und es keinen verlässlichen Plan zur Lagerung des Kohlendioxids gibt.“ Die jetzt gebauten Anlagen ohne CCS nämlich haben eine Laufzeit von vier Jahrzehnten – ihr Beitrag zur von Socolow geforderten „schnellstmöglichen“ Emissionsminderung: ebenfalls Null.

Das Klimaproblem lasse sich „nur in Etappen bezwingen“, lässt die Kohle-Lobby ihren unfreiwilligen Kronzeugen in großen Lettern im SPIEGEL sagen. Das Zitat ist zwar korrekt, aber Socolow meint mit seiner Metapher, dass man große Aufgaben in kleine Stücke zerlegen und jeder Bereich einen Beitrag erbringen müsse. In der DEBRIV-Anzeige aber klingt die Aussage, als könne man bestimmte Sachen auch später noch angehen. Das Gespräch, das er mit dem Schweizer Journalisten geführt hat, so Socolow, werde hier „offenbar missbraucht“.

Der Braunkohle-Verband war am Wochenende für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.