Stromlücke (3): Zappenduster in der ARD

Diese Woche war es soweit: Das Schreckgespenst namens „Stromlücke“, das die Energiewirtschaft seit einiger Zeit beschwört, kam im öffentlich-rechtlichen Fernsehen an. Zur besten Sendezeit widmete sich das ARD-Magazin Plusminus am Dienstagabend dem Thema Energiekosten. „Warum die Preise explodieren werden“ lautete der Titel des Beitrages.

Wer bisher dachte, die Antwort habe – zumindest ein kleines bisschen – mit der weltweit steigenden Energienachfrage zu tun oder mit Erdöl-Ressourcen, die sich unweigerlich dem Ende zuneigen, den wird der Beitrag überrascht haben. Plusminus nämlich präsentierte drei andere Schuldige: den Erdgas-Riesen Gazprom bzw. die russische Regierung, dazu den rot-grünen Atomausstieg sowie Umweltschützer, die „mit großangelegten Aktionen“ den Neubau von Kohlekraftwerken verhindern. Der deutsche Verbraucher – in dem Filmchen von einem jungen Mann gespielt – bekommt beim Blick auf seine Stromrechnung jedenfalls angstgeweitete Augen.

ard_stromluecke1.jpg

Der immerhin fünfeinhalb Minuten lange Beitrag (hier im Internet) ist voller Halbwahrheiten und Suggestionen, von denen hier nur einige erwähnt werden sollen: Deutschlands Energieversorgung sei abhängig von Importen, hieß es. Das stimmt zwar, aber im Folgenden ist fast nur noch von Erdgas die Rede. Es sei „in Deutschland für die Stromproduktion wichtig“, heißt es, aber das stimmt schon weniger. Denn Erdgas wird hierzulande vor allem für Heizzwecke verwendet, weniger zur Stromerzeugung. Lediglich 11,7 Prozent der in Deutschland erzeugten Elektrizität stammte 2007 aus Gaskraftwerken. Zugegeben, in sämtlichen Klimaschutzkonzepten ist eine Steigerung dieses Anteils vorgesehen. Aber wenn gleichzeitig (wie geplant und von der Bundesregierung mit Milliardensummen gefördert) die Wärmedämmung im Gebäudebestand verbessert und in großem Umfang Heizungsanlagen modernisiert werden, wird dies die insgesamt zu importierende Erdgasmenge kaum erhöhen.

Plusminus aber braucht die zweifelhafte Behauptung einer zunehmenden Erdgas-Abhängigkeit, um dem deutschen Stromkunden Angst zu machen vor dem wenig demokratischen Russland. Mehr Angst haben sollten die Autofahrer, denn beim Mineralöl ist Deutschland zu praktisch hundert Prozent von Ölimporten abhängig – aus Russland, aber auch aus noch undemokratischeren Ländern in Afrika und dem Nahen Osten. Doch das ignorieren die ARD-Kollegen komplett.

ard_stromluecke2_sh.jpgDieser grundsätzliche Argumentationsfehler durchzieht den gesamten Beitrag: So präsentiert Plusminus eine Tortengrafik, um die große Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas zu belegen (und die geringe Bedeutung von erneuerbaren Energien). Dargestellt ist darin aber der deutsche Verbrauch an PRIMÄRENERGIE, also auch an Benzin, Diesel und Heizenergie. Der von Plusminus als Lösung präsentierte Neubau von Kohlekraftwerken aber (den aber bösartige Umweltschützer behindern), ist für Tankstellen und Heizungskeller ohne Belang. (Wie gesagt: An der STROMERZEUGUNG hatte Erdgas 2007 nur einen Anteil von gut einem Zehntel – Erdöl kommt auf bloße 1,3 Prozent, die Erneuerbaren Energien aber bringen schon 14 Prozent.)

So geht es weiter und weiter: Ein Wissenschaftler warnt vor einer „Vervielfachung der Strompreise“ – was eine drastische Übertreibung ist. Sicherlich wird es auch künftig eine Verteuerung geben, die aber auch dazu führen wird, dass regenerativer Strom schon bald nicht mehr teurer ist als solcher aus Kohlekraftwerken. Plusminus behauptet, die „Stromlücke“ sei nicht durch Erneuerbare zu decken – und liefert dafür nicht einen einzigen Beleg. Plusminus nennt eine Summe von 23 Milliarden Euro, die für die Förderung von Solarstrom anfallen – diese riesige Zahl aber kommt nur zustande, weil sie die Subventionssummen über Jahrzehnte addiert. Und dass die deutsche Kohleförderung oder auch die Subventionen für Atomkraft in der Vergangenheit ein Vielfaches der Zuschüsse für Erneuerbare Energien betrugen, lässt Plusminus unter den Tisch fallen.

Am Ende des Beitrages macht der junge Mann, der den deutschen Verbraucher symbolisieren soll, in seiner Küche das Licht aus. Zappenduster – soll das wohl suggerieren – könnte es bald in Deutschland werden. Die Kohlelobby wird sich über den Film des BR-Journalisten Sebastian Hanisch gefreut haben. Und Kritiker des Bayerischen Rundfunks, die den Sender schon lange für stockkonservativ und wirtschaftsnah halten, sehen sich bestätigt.

(Danke an Fabian R. aus Hamburg für den Hinweis)

P.S.: In der ersten Fassung des Textes schrieben wir am Ende des dritten Absatzes, dass sich der Gesamtbedarf an Erdgas für die deutsche Energieversorgung „nicht“ erhöhen werde, wenn zeitgleich mit der Ausweitung der Stromerzeugung in gasbetrieben Kraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung in die Gebäudesanierung investiert werde – denn dort sänke dann der Gasbedarf zu Heizzwecken. Das war ein wenig zu optimistisch. Das Greenpeace-Energiekonzept für Deutschland „Plan B“ prognostiziert für 2020 einen gegenüber 2004 geringfügig um 7,5 Prozent höheren Erdgasbedarf (hier zum Herunterladen, siehe Seite 13). – Danke an Florian P. aus Aachen für die Korrektur.