Stromlücke (2): Wie Bild und RWE Ängste schüren

„Au weia“, werden heute früh viele Bild-Leser gedacht haben. Nein, nicht weil das Springer-Blatt schon zum zweiten Mal den „Wortbruch“ von SPD-Chef Kurt Beck anprangerte. Sondern wegen dieser Schlagzeile:

Vor ein paar Monaten durfte schon E.on-Chef Wulf Bernotat in Deutschlands größter Boulevardzeitung die steile These verbreiten, Strom sei eigentlich zu billig (ja, genau: wenn er nicht so verdammt billig wäre, hätte E.on in den ersten drei Quartalen 2007 nicht bloß 4,2 Milliarden Euro Gewinn gemacht). Nun also warnt Jürgen Großmann, Vorstandsvorsitzender des Konkurrenten RWE, vor künftigen Engpässen in der Stromversorgung. Die würden, darf Großmannin einem großen Interview auf Seite 13 bild_rwe_gross_sh.jpgausführen, in heißen Sommern drohen. Das PR-Märchen von der Stromlücke ist nun also in Bild angekommen.

Das halbseitige Interview mit dem RWE-Chef enthält nicht eine einzige Zahl oder irgendeinen Beleg für das Gruselszenario. Trotzdem verbreiteten Nachrichtenagenturen die Angstmacherei prompt. Und die Bild-Redaktion malte in einem separaten Text eilfertig aus, welche Folgen ein sommerlicher Stromausfall für die armen Bild-Leser haben könnte (Handy-Netze tot, kein Fernsehen, Verkehrschaos wegen ausgefallener Ampeln, und auch an Tankstellen gehe dann „gar nichts mehr“).

Ein Blick auf die Fakten – das stellten dann mittags in Berlin auch die Regierungssprecher klar – zeigt alles andere als eine Stromlücke: Derzeit ist Deutschland ein Stromexporteur – obwohl etliche Atomkraftwerke aus Sicherheitsgründen stillstehen. Auch gingen in den vergangenen Jahren erheblich mehr Erzeugungskapazitäten ans Netz als zeitgleich stillgelegt wurden. Aber natürlich können Energiekonzerne wie RWE dafür sorgen, dass es in wenigen Jahren hierzulande wirklich eine Stromlücke gibt: Indem sie nämlich weiterhin nur einen Bruchteil ihrer Milliardeninvestitionen in zukunftssichere Erneuerbare Energien leiten. Oder, in den Worten von Andreas Troge (CDU), Präsident des Umweltbundesamtes: „Es wird keine Probleme geben, wenn sich alle an das Klima- und Energieprogramm der Bundesregierung halten, das eine starke Steigerung der Energieeffizienz vorsieht“, so Troge kürzlich in der Financial Times Deutschland. „Falls allerdings die Erzeuger die Verbesserung der Effizienz und den Transport des Stroms aus erneuerbaren Energien bewusst verzögerten, können sie Probleme provozieren.“

RWE-Chef Großmann klagt in der Bild, dass hierzulande der Widerstand gegen neue Kohlekraftwerke immer größer werde. Natürlich ärgert ihn das, wo doch ein großer Teil der Gewinne seines Unternehmens auf der klimaschädlichen Kohleverstromung basiert. Man brauche auch künftig Braunkohle- und Atomkraftwerke, betont Großmann. Und verschweigt, dass gerade solche Großkraftwerke wegen ihres immensen Bedarfs an Kühlwasser die ersten sind, die in trockenen Sommern abgeschaltet werden müssen. Mal ganz davon abgesehen, dass die Riesenmengen Kohlendioxid aus Kohleanlagen den Klimawandel verstärken und damit direkt dazu beitragen, dass es in Deutschland häufiger zu Dürrephasen kommen wird.

Darauf hätten die Bild-Interviewer Oliver Santen und Jan W. Schäfer den Herrn Großmann ja mal ansprechen können…