Eon: „Lügen, bis das Image stimmt“

Sie haben den Fernsehspot vielleicht auch schon gesehen: Ein sympathischer junger Mann stapft über einen Sandstrand, tritt an einen Schaukasten und erklärt das Prinzip eines Gezeitenkraftwerks: „Am Meeresboden befinden sich Turbinen. Die Strömung, die zwischen Ebbe und Flut entsteht, treibt diese Turbinen an, und es wird saubere Energie erzeugt. Das Ganze müssen Sie sich wie Windräder unter Wasser vorstellen, nur dass hiermit wetterunabhängig und daher zuverlässig Strom produziert wird.“ Das Reklamefilmchen des E.on-Konzerns läuft seit November im Fernsehen, auch auf der Homepage des Unternehmens kann man ihn ansehen.

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Die ZEIT durchleuchtete kürzlich – wie wir es auch hier im Klima-Lügendetektor tun – den Wahrheitsgehalt des Spots und überschrieb den Text: „Lügen, bis das Image stimmt“.

Zwar wird seit Jahren mit solchen Gezeitenkraftwerken experimentiert, in der Bucht von Bristol vor der britischen Küste läuft seit 2003 eine Pilotanlage namens „Seaflow“ – aber Strom erzeugt sie nicht, weil aus Kostengründen keine Netzanbindung installiert wurde. Sechs Turbinen, die Ende 2006 vor Manhattan im East River installiert wurden, musste die Betreiberfirma wieder an Land zurück holen, weil die Strömung stärker war als erwartet und die Rotorblätter verbog. Und das Projekt, mit dem E.on sich in dem Spot schmückt,“existiert sogar nur auf dem Papier“, stellt die ZEIT fest. „Es fehlt eine Baugenehmigung, der Testlauf einer Turbine ist erst in diesem Jahr geplant. Dass E.on tatsächlich bereits 2010 sauberen Strom aus dem Meer schöpfen wird, halten Fachleute für ausgeschlossen.“ Die Behauptung, die geplante Anlagen seien“weltweit einzigartig“ ist schlicht falsch.

Ohnehin wird Gezeitenstrom noch auf lange Sicht weitaus teurer sein als Energie aus Offshore-Windparks auf hoher See. Ausreichend starke Gezeitenströmung gibt es auch nur an wenigen Küstenabschnitten. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung zu globalen Umweltveränderungen schätzt das weltweit nutzbare Potenzial auf nur etwa ein Zehntel der Offshore-Windenergie. Und gründliche Kritiker rechnen vor, dass der Stromriese wesentlich mehr Geld in die Werbekampagne als in die Entwicklung seines Unterwasserkraftwerks gesteckt hat.

(Danke an den ZEIT-Kollegen Dirk Asendorpf für die Erlaubnis zum Nachdruck von Textauszügen.)